Zwischen Funktionalität und Wahrheitsanspruch. Rousseaus Zivilreligion in Anwendung auf Tocquevilles Religionsverständnis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Idee der Zivilreligion nach Jean - Jaques Rousseau
2.1 Der Gesellschaftsvertrag
2.2 Die Zivilreligion

3 Die Kompatibilität von Tocquevilles Religionsverständnis mit Rousseaus Zivilreligion
3.1 Die religiösen Dogmen und ihre metaphysische Verankerung
3.2 Religion zwischen Wahrheitsanspruch und Funktionalität
3.3 Funktionen der Religion in demokratischen Gesellschaften
3.4 Religion zwischen Einheit und Trennung
3.5 Die Rolle des Christentums und das Toleranzgebot

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Betrachtet man die Entwicklung philosophischer Staatstheorien seit der Antike, fällt auf, dass dabei in allen Konzeptionen eine Thematisierung der Religion vorgenommen wird. Das Thema Religion und Staat spielt also sowohl für Geistliche als auch für weltlich orientierte Staatstheoretiker eine Rolle. Über alle Epochen hinweg wurde die Religion einer politischen Bearbeitung unterzogen. Selbst die Vertreter der Aufklärung wie beispielsweise Kant kamen nicht umhin, sie zu thematisieren. Obwohl die Aufklä- rung forderte, sich aus der Abhängigkeit von kirchlichen Autoritäten zu befreien, gab es auch zu dieser Zeit Analytiker, die weiterhin die Notwendigkeit der Regulierung der Vernunft durch die Religion sahen. Zu diesen zählen der Schweizer Jean-Jaques Rousseau und der Franzose Alexis de Tocqueville. Rousseau entwickelte im Rahmen seines contrat social die Idee einer Zivilreligion als bürgerliches Glaubensbekennt- nis. In dieser Konzeption versucht er, religiöse Toleranz mit der einenden Kraft einer gemeinsamen Glaubensüberzeugung zu verbinden, indem er dem Souverän das Recht zuspricht, einen ethischen Mi- nimalkonsens zu verabschieden, den alle Bürger einzuhalten verpflichtet sind. Dieser soll ein freies Zu- sammenleben in einer Gesellschaft, deren Entwicklung vom volont é general abhängt, ermöglichen. Unter der Bedingung der Annahme dieser gesellschaftlichen Regeln der Zivilreligion, proklamiert er Glaubens- und Gewissensfreiheit für alle Bürger. Tocquevilles Überlegungen hinsichtlich der Rolle der Religion ba- sieren überwiegend auf seinen Beobachtungen, die er auf einer Forschungsreise nach Amerika machen konnte. Er favorisiert eine Trennung von Religion und Politik, da sich nur dann der Widerspruch zwi- schen beiden auflösen könne. Die fehlende Trennung sei nämlich die Ursache für die zunehmende Skepsis gegenüber der Religion in Zeiten der Aufklärung. Eine Gesellschaft ohne Religion sei gerade in Zeiten der Demokratie zum Scheitern verurteilt, da ihr der nötige Rückhalt in der Bevölkerung fehle. Beide Autoren vertraten also die Meinung, dass sich die Religion auch in Zeiten der Moderne nicht durch die menschliche Vernunft ersetzen lasse. In dieser Arbeit soll die Frage beantwortet werden, ob Tocquevilles und Rousseaus Vorstellungen von der Position der Religion in einem modernen Staat auch darüber hinaus Gemeinsamkeiten aufweisen. Dabei soll explizit untersucht werden, ob man bei dem Idealbild der Religion, das Tocqueville in seinem Werk Ü ber die Demokratie in Amerika seinen Lesern vermittelt, von einer Zivilreligion nach Rousseaus Vorstellungen sprechen kann. Hierzu wird zunächst die Zivilreligion nach Jean-Jacques Rousseau vorgestellt. In einem zweiten Teil sollen die beiden Kon- zepte anhand verschiedener Faktoren miteinander verglichen werden. Dabei wird zum einen auf die in- haltlichen Dogmen des jeweiligen Religionsbildes und deren Situierung zwischen Utilitarismus und Wahrheitsanspruch eingegangen. Zum anderen werden die grundlegenden Funktionen der Religion dis- kutiert sowie das Verhältnis von Einheit und Religion genauer beleuchtet. Daraufhin soll eine Einord- nung der beiden Positionen im Verhältnis zum Christentum vorgenommen werden. Abgerundet wird die Untersuchung mit einer daraus resultierenden Bewertung der Ausgangsfrage und einer kurzen Dis- kussion der Aporie, in der Rousseaus Zivilreligion zu enden droht. Dabei lässt sich feststellen, dass die Kompatibilität an der Uneinigkeit über die Notwendigkeit des Wahrheitsanspruches scheitert.

Rousseaus Zivilreligion soll dabei auf der Grundlage seines Werkes Vom Gesellschaftsvertrag 1 herausgear- beitet werden. Ergänzend wird seine Schrift über die Erziehung verwendet.2 Zur Analyse der von ihm dargestellten religionsgeschichtlichen Entwicklungslinien ist das Werk von Iring Fetscher hilfreich.3 De- ren Einbettung in den Gesamtzusammenhang des contrat social wird von Oliver Hidalgo4 und Ahmet Ca- vuldak5 vorgenommen. Das Zusammenspiel von volont é g é n é rale und Glaube erläutert Matthias Glötzner.6 Manfred Walther erarbeitet das Konzept der Bürgerreligion in Abgrenzung zu Hobbes und Spinoza.7 Michaela Rehm setzt sich mit der Frage der religionspolitischen Funktionalität des bürgerlichen Glau- bensbekenntnisses auseinander.8 Tocquevilles religiöses Verständnis lässt sich seiner Abhandlung über die Demokratie in Amerika entnehmen.9 Deren Interpretation dienlich ist die Einführung in Tocquevil- les Staatsphilosophie von Michael Hereth10 und die Untersuchung von Karlfriedrich Herb und Oliver Hidalgo11. Letzterer lassen sich insbesondere die religionspolitischen Funktionen entnehmen. Zur Ein- ordnung in den Gesamtkontext von Tocqueville als liberalen Denker ist der Aufsatz von Sanford La- koff interessant.12 Die These von Tocquevilles Zivilreligion wird von Sanford Kessler vertreten.13 Sie be- schreibt Tocquevilles Religionsverständnis als “Christian in name but secular in orientation.“14 Oliver Hidalgo hingegen spricht sich in Unbehagliche Moderne gegen diese utilitaristische Sichtweise aus.15 Dies er- läutert er auch in seinen Studien von 200916 und 201117. Ergänzend werden weitere Aufsätze verwendet.

2 Die Idee der Zivilreligion nach Jean - Jaques Rousseau

2.1 Der Gesellschaftsvertrag

„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten. Einer hält sich für den Herrn der andern und bleibt doch mehr Sklave als sie.“18 Mit diesen Worten beginnt Rousseau seine Abhandlung über den Gesellschaftsvertrag. Seiner Ansicht nach ist der Zivilisation mit Skepsis zu begegnen, da die bisherige Entwicklung der Gesellschaft mit zunehmender Ungleichheit und Gefährdung der menschlichen Frei- heit verbunden sind.19 Allerdings ist ihm bewusst, dass diese Entwicklung nicht mehr rückgängig ge- macht werden kann. Vor diesem Hintergrund entwickelt er das Konzept des Gesellschaftsvertrages, wel- cher für ihn die einzige Möglichkeit des Menschen darstellt, ihre naturgegebene Freiheit zu sichern. Der Naturzustand ist für Rousseau ein Zustand der Gleichheit und der Freiheit.20 Die Einführung der Ar- beitsteilung führt jedoch zur Entstehung einer „Konkurrenzgesellschaft antagonistischer Kooperati- on.“21 Als Folge dieser Entwicklung haben die Menschen „jenen Punkt erreicht, (…) an dem die Hin- dernisse, die ihrem Fortbestehen im Naturzustand schaden, in ihrem Widerstand den Sieg davontragen über die Kräfte, die jedes Individuum einsetzen kann, um sich in diesem Zustand zu halten.“22 Die einzi- ge Option, diesem Dilemma zu entkommen und die naturgegebene Freiheit zu sichern, ist der Zusam- menschluss, um eine „Summe von Kräften zu bilden“23 und diese „gemeinsam wirken zu lassen“.24 Da „Kraft und Freiheit jedes Menschen die ersten Werkzeuge für seine Erhaltung sind“25, stellt sich dabei die Frage, wie er sie verpfänden kann, „ohne sich zu schaden und ohne die Pflichten gegen sich selbst zu vernachlässigen?“26 Einzige Möglichkeit, diesem Dilemma zu entkommen, ist nach Rousseau der Gesell- schaftsvertrag, dessen einzige Bedingung die „völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit all seinen Rechten an das Gemeinwesen.“27 Diese Forderung wird durch das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert:

„Schließlich gibt sich jeder, da er sich allen gibt, niemandem, und da kein Mitglied existiert, über das man nicht das gleiche Recht erwirbt, das man ihm über sich einräumt, gewinnt man den Gegenwert für alles, was man aufgibt, und mehr Kraft, um zu bewahren, was man hat.“28

Gemäß dieser Volksherrschaft besteht der Souverän in diesem Staat aus den einzelnen Bürgern.29 Frag- lich ist jedoch, wer das Recht hat, die Gesetze für diesen Staat zu schaffen. Dabei ist hervorzuheben, dass diesem l é gislateur lediglich die Rolle des „Redakteur[s]“30 zukommt. Es gibt keinerlei Garantie dafür, dass der Wille des Gesetzgebers mit dem Gemeinwillen übereinstimmt, da ihm als Wille eines Einzelnen zunächst der Status eines Sonderwillens zukommt. Deshalb werden seine Gesetzesvorschläge erst durch ihre Annahme in freier Abstimmung durch das Volk gültig.31 Rousseau beschreibt das Amt des Gesetz- gebers als ein „besonderes und höheres Amt, das nichts mit menschlicher Herrschaft gemein hat.“32 Es bedarf „einer höheren Vernunft, die alle Leidenschaften der Menschen sieht, aber selbst keine hat.“33 Rousseau kommt zu dem Schluss, „es bedürfte der Götter, um den Menschen Gesetze zu geben.“34 An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob er die Rolle des Gesetzgebers tatsächlich den Göttern zuspricht. Matthias Glötzner stellt hier fest, dass Rousseaus Beschreibung des Gesetzgebers aufgrund des theologi- schen Vokabulars an einen „messianischen Heilsbringer“ erinnert.35 Iring Fetscher bemerkt jedoch, dass der Gottesbezug vor dem Hintergrund der Aufklärung für Rousseau lediglich eine Metapher sein kön- ne.36 In der Tat ist es wahrscheinlich, dass Rousseau mit dem Gottesbezug an dieser Stelle lediglich die außerordentliche Persönlichkeit des Gesetzgebers hervorheben wollte, der bedeutende Fähigkeiten be- sitzen muss und der außerhalb der Republik steht, damit seine Sonderinteressen nicht in die Gesetze ein- fließen. Des Weiteren weisen die gottesähnlichen Qualitäten darauf hin, dass seine Kompetenzen vor al- lem moralischer Natur sind.37 Nichtsdestotrotz kommt der Religion in Zusammenhang mit dem Gesetz- geber eine weitere Rolle zu. Rousseau erkennt als Problematik bei der Gesetzgebung, dass die Menschen zu diesem Zeitpunkt den Gemeinwillen noch nicht verinnerlicht haben: „Damit ein werdendes Volk die gesunden Grundsätze der Politik schätzen und den grundlegenden Ordnungen der Staatsraison folgen kann, wäre es nötig, dass (…) der Gemeinsinn, der das Werk der Errichtung sein soll, der Errichtung selbst vorausgehe und dass die Menschen schon vor den Gesetzen wären, was sie durch sie werden sol- len.“38 Damit die Menschen die Vorteile dieses Vertrags trotzdem erkennen können, ist ein Rückbezug auf die göttliche Vernunft notwendig:

„Da der Gesetzgeber also weder Kraft noch Überlegung in Dienst nehmen kann, ist es nötig, dass er seine Zuflucht zu einer Autorität anderer Ordnung nimmt, die ohne Gewalt mitreißen und ohne zu überreden überzeugen kann. (….) Die erhabene Vernunft, die sich über das Fassungsvermögen der gewöhnlichen Menschen erhebt, ist die, die deren Entscheidungen der Gesetzgeber den Unsterblichen in den Mund legt, um durch göttlichen Machtspruch diejenigen mitzureißen, die menschliche Klugheit nicht zu bewegen vermöchte.“39

Das heißt, der Gesetzgeber hat die Möglichkeit zur Legitimation der Gesetzesentwürfe einen Rückbezug auf die Götter wagen. Rousseau betont dabei, dass diese Gabe nur wenige Menschen besitzen, und dass kein Blender ein Reich gründen könne.40 Die Religion dient folglich der Politik als ein „Werkzeug“41 beim „Ursprung der Nationen.“42 Bereits an dieser Stelle wird klar, dass der Religion bei Rousseau eine große Bedeutung für das Funktionieren und den Zusammenhalt des Staatswesens zukommt. Dieser Eindruck verstärkt sich bei der Betrachtung der religion civile, einer gemeinsamen religiösen Überzeugung, die er sich für seinen Staat wünscht.

2.2 Die Zivilreligion

Am Ende des Contrat Social begibt sich Rousseau auf die Suche nach einer Religion, die für den Erhalt des Staates geeignet ist. Dabei geht er zuerst darauf ein, dass am Anfang alle Religionen Theokratien wa- ren, sodass eine Einheit von Staat und Religion herrschte: „Da also jede Religion einzig und allein mit den Gesetzen des Staates verbunden war, in dem sie war, gab es keine andere Art, ein Volk zu bekehren, als es zu unterwerfen, und keine anderen Missionare als die Eroberer.“43 Aufgrund dieser religiösen Viel- falt entstand zwangsweise der Polytheismus. Dieser Zustand änderte sich mit der Gründung des Chris- tentums.44 Diese hatte die Entstehung einer „doppelten Gewalt“45 durch die Verpflichtung des Bürgers gegenüber einem weltlichen und einem geistigen Herrscher, zur Folge: „Nie war man endgültig sicher, ob man dem Herrn oder dem Priester zum Gehorsam verpflichtet war.“46 Diesen Zustand stuft Rousse- au als dem Gemeinwesen schädlich ein. Für ihn existieren insgesamt drei Arten von Religion, von denen allerdings nur zwei für seine Überlegungen relevant sind. Erstere ist die religion de l ’ homme als „rein inne- re[r] Kult des oberen Gottes“47 und „wahre[r] Gottesglaube.“48 An ihr kritisiert er, dass sie mit der politi- schen Körperschaft keine enge Verbindung hat und sie deshalb zur Entfernung der Herzen der Bürger vom Staat führt.49 Die Zweite, die religion du citoyen, stellt eine Art Theokratie dar, „in der man keine ande- ren Oberpriester haben darf als den Fürsten.“50 Ihr Fehler besteht darin, dass sie die Menschen aufgrund ihrer Unwahrheit täuscht. Zudem läuft sie Gefahr, in einer Art Fanatismus zu enden.51 Diesen Untersuchungen folgend entwickelt Rousseau die religion civile, in welcher er die Vorteile der Religion des Menschen mit denen der Religion des Bürgers kombiniert. Dieses rein bürgerliche Glaubensbekenntnis definiert Rousseau als „Gesinnung des Miteinander, ohne die es unmöglich ist, ein guter Bürger und ein treuer Untertan zu sein.“52 Die Inhalte dieses Glaubensbekenntnisses werden vom Souverän festgelegt, wobei Rousseau bereits vier Dogmen bestimmt, die es beinhalten muss:

„Die Existenz der allmächtigen, allwissenden, vorhersehenden und sorgenden Gottheit, das zukünftige Leben, das Glück der Gerechten und die Bestrafung der Bösen sowie die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages und der Gesetze - das sind die positiven Dogmen. Was die negativen Dogmen anbelangt, so beschränke ich sie auf ein einziges: die Intoleranz.“53

Michaela Rehm stellt fest, dass die Zivilreligion „rein innerweltlich definiert“54 ist und „keine das Dies- seits transzendierende Heillehre“ anbietet.55 Allerdings werden mit der Pflicht zum Glauben an eine Gottheit und an das Leben im Jenseits in jedem Fall religiöse Akzente gesetzt, auch wenn diese nicht das Ausmaß einer Religion mit transzendentem Heilversprechen annehmen. Fraglich ist, welche Funktionen die einzelnen Dogmen erfüllen, das heißt, wie sie dazu beitragen, dass die Bürger ihre Pflichten erkennen und wahrnehmen. Durch den Glauben an einen Gott wird die religiöse Verpflichtung gegenüber einer höheren Macht deutlich. Auch die Berufung des Gesetzgebers auf gottgewollte Gesetze spiegelt sich in diesem Dogma wieder: „Im Grunde entspringt das Gesetz der Vernunft, sie ist es, die den Weg der Transzendenz wählt, um die gewöhnlichen Menschen von der Wahrheit der Normen zu überzeugen.“56 Die Belohnung der Gerechten und die Bestrafung der Schlechten soll das republikanische Ethos verbür- gen.57 Sie soll dazu motivieren, den staatsbürgerlichen Pflichten gewissenhaft nachzukommen. Durch die Heiligkeit des Gesellschaftsvertrages soll das Bewusstsein der Bürger gestärkt werden, dass sie nur bei aktiver politischer Teilnahme ihre Freiheit verwirklichen können. Der Glaube an das Jenseits soll diese Bereitschaft verstärken. Es ist unumstritten, dass für Rousseau diese Hingabe bis zum Tod für das Va- terland reicht:

„Wenn der Fürst ihm gesagt hat: Es ist dem Staat dienlich, dass du stirbst, muss er sterben; denn einzig unter dieser Bedingung hat er bisher in Sicherheit gelebt, und sein Leben ist nicht mehr nur eine Gabe der Natur, sondern ein bedingtes Geschenk des Staates.“58

Ahmet Cavuldak sieht das Leben nach dem Tod als Versprechen, das Rousseau den Bürgern in Aussicht stellte, „um ihre letzten Bedenken und Ängste vor dem Nichts zu entkräften.“59 Im Gegensatz dazu ent- deckt Michaela Rehm in diesem Dogma eine Republikanisierung des Todes, das heißt, eine Verweltli- chung des religiösen Heilversprechens.60 Das Leben im Jenseits sollte eine Würdigung von gutem staats- bürgerlichem Verhalten darstellen. Welche der beiden Lesarten die Intention Rousseaus besser trifft, ist für das Verständnis der Funktionen dieses Dogmas irrelevant. In beiden Fällen soll die Aussicht auf ein Leben im Jenseits dazu führen, dass die Bürger ihre staatsbürgerlichen Pflichten mit möglichst großem Eifer wahrnehmen. Das negative Dogma der Intoleranz führe zu Ausgrenzung und Zersplitterung:

„Es ist unmöglich, mit Menschen in Frieden zu leben, die man für unselig hält; sie lieben hieße, Gott, der sie straft, hassen; man muss sie unbedingt bekehren oder sie bedrängen. Überall, wo die religiöse Intoleranz zugelassen wird, kann es nicht aus- bleiben, dass sie irgendeine bürgerliche Auswirkung hat, und sobald diese eintritt, ist der Souverän nicht mehr Souverän“61

Rousseau knüpft diese Toleranz jedoch an Bedingungen. Die wichtigste Voraussetzung ist die Annahme der Dogmen der Zivilreligion: „Ohne jemand dazu verpflichten zu können, sie zu glauben, kann er jeden aus dem Staat verbannen, der sie nicht glaubt“62 Über die Dogmen der Zivilreligion hinausgehend spricht Rousseau jedem Bürger Glaubens- und Gewissenfreiheit zu.

So bezeichnet Walter Rotholz die Zivilreligion als eine Mindestreligion.63 Sie stellt ein ethisches Grundgerüst dar, das von den Bürgern eingehalten werden muss, um ein friedliches Zusammenleben garantieren zu können. Im Vordergrund steht, dass sie den Bürger dazu erzieht, seine Pflichten innerhalb des Gemeinwesens wahrzunehmen.

3 Die Kompatibilität von Tocquevilles Religionsverständnis mit Rousseaus Zivilreligion

3.1 Die religiösen Dogmen und ihre metaphysische Verankerung

[...]


1 Vgl. Jean-Jaques Rousseau (2011): Vom Gesellschaftsvertrag. Vollständig überarbeitete und ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam.

2 Vgl. Jean-Jaques Rousseau (2013): Emil oder Über die Erziehung. Vollständige überarbeitete und ergänzte Ausgabe. Berlin: Holzinger.

3 Vgl. Iring Fetscher (1999): Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs. 8. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

4 Vgl. Oliver Hidalgo (2013): Rousseau, die Antinomien der Demokratie und das Scheitern ihrer Aufhebung durch die Religion. In: Oliver Hidalgo (Hrsg.) (2013): Der lange Schatten des Contrat social. Demokratie und Volkssouveränität bei JeanJaques Rousseau. Wiesbaden: Springer VS, S.121-144.

5 Vgl. Ahmet Cavuldak (2013):Ein bürgerliches Glaubensbekenntnis: Die Legitimität der religionspolitischen Ordnung in der Demokratie bei Jean-Jaques Rousseau. In: Oliver Hidalgo (Hrsg.) (2013): Der lange Schatten des Contrat social. Demokratie und Volkssouveränität bei Jean-Jaques Rousseau. Wiesbaden: Springer VS, S.145-176.

6 Vgl. Matthias Glötzner (2013): Rousseaus Begriff der volonté générale. Eine Annäherung über die Theologie. Hamburg: Verlag Dr. Kovač.

7 Vgl. Manfred Walther (1996): Die Religion des Bürgers - eine Aporie der politischen Kultur der Neuzeit? Hobbes, Spinoza und Rousseau oder Über die Folgenlast des Endes der politischen Theologie. In: Herfried Münkler (Hrsg.) (1996): Bürgerreli- gion und Bürgertugend. Debatten über die vorpolitischen Grundlagen politischer Ordnung. Baden-Baden: Nomos, S.25-61.

8 Vgl. Michaela Rehm (2000): Ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis: Zivilreligion als Vollendung des Politischen? In: Reinhard Brandt; Karlfriedrich Herb (Hrsg.) (2000): Jean Jaques Rousseau. Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Berlin: Akademie Verlag, S.213-240.

9 Vgl. Alexis de Tocqueville (1985): Über die Demokratie in Amerika. Stuttgart: Reclam.

10 Vgl. Michael Hereth (1991): Tocqueville zur Einführung. Hamburg: Junius.

11 Vgl. Karlfriedrich Herb; Oliver Hidalgo (2005): Alexis de Tocqueville. Frankfurt/ New York: Campus Verlag.

12 Vgl. Sanford Lakoff (1998): Tocqueville, Burke, and the Origins of Liberal Conservatism. In: The Review of Politics 60, 3, S.435-464.

13 Sanford Kessler (1994): Tocqueville’s Civil Religion. American Christianity and the Prospects of Freedom. Albany: State University of New York Press.

14 Kessler: Tocqeuville´s Civil Religion, S.42.

15 Vgl. Oliver Hidalgo (2005): Unbehagliche Moderne. Tocqueville und die Frage der Religion in der Politik. Frankfurt/ New York: Campus Verlag.

16 Vgl. Oliver Hidalgo (2009): Das politisch-theologische Problem der Demokratie. Alexis de Tocqueville und die Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften. Band 50, S.111-131.

17 Vgl. Oliver Hidalgo (2011): Glaube und politisches Engagement - die zivilgesellschaftliche Funktion der Religion bei Alexis de Tocqueville. In: Antonius Liedhegener; Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.) (2011): Religion zwischen Zivilgesellschaft und politischem System. Befunde - Positionen - Perspektiven. Wiesbaden: VS-Verlag.

18 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 1 S.5.

19 Vgl. Manfred Wulff (2005): Das liberaldemokratische Regierungssystem. Grundprinzipien und -positionen, Probleme und Reformansätze. Berlin: Duncker & Humblot, S.39.

20 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 2 S.7.

21 Walther: Bürgerreligion und Bürgertugend, S.48.

22 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 6 S.16.

23 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 6 S.17.

24 Ebenda.

25 Ebenda.

26 Ebenda.

27 Ebenda.

28 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 6 S.18.

29 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, I 7 S.21.

30 Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, S.148.

31 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.45.

32 CS Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.45.

33 CS Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.44.

34 Ebenda.

35 Glötzner: Rousseaus Begriff der volonté générale, S.215.

36 Vgl. Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, S.147.

37 Vgl. Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, S.151.

38 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.47.

39 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.47f.

40 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.48.

41 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 7 S.49.

42 Ebenda.

43 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.146.

44 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.147.

45 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.147.

46 Ebenda.

47 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.149f.

48 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.150.

49 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.151.

50 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.150.

51 Vgl. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.151.

52 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.155.

53 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, IV 8 S.156.

54 Rehm: Ein rein bürgerliches Glaubensbekenntnis, S.223.

55 Ebenda.

56 Andreas Nix: Zivilreligion und Aufklärung. Der zivilreligiöse Strang der Aufklärung und die Frage nach einer europäischen Zivilreligion. Münster/ Berlin/ London: LIT Verlag, S.148.

57 Vgl. Cavuldak: Ein bürgerliches Glaubensbekenntnis, S.158.

58 Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag, II 5 S.38.

59 Cavuldak: Ein bürgerliches Glaubensbekenntnis, S.160.

60 Vgl. Michaela Rehm (2006): Bürgerliches Glaubensbekenntnis: Moral und Religion in Rousseaus politischer Philosophie. Paderborn: Fink, S.166.

61 Rousseau: vom Gesellschaftsvertrag. IV 8 S.156f.

62 Rousseau: vom Gesellschaftsvertrag. IV 8 S.155.

63 Vgl. Walther Rothholz (1996): Jean-Jaques Rousseaus bürgerliche Religion. In: Herfried Münkler (Hrsg.) (1996): Bürgerreli- gion und Bürgertugend. Debatten über die vorpolitischen Grundlagen politischer Ordnung. Baden-Baden: Nomos, S.128.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Zwischen Funktionalität und Wahrheitsanspruch. Rousseaus Zivilreligion in Anwendung auf Tocquevilles Religionsverständnis
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
29
Katalognummer
V448476
ISBN (eBook)
9783668833135
ISBN (Buch)
9783668833142
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, funktionalität, wahrheitsanspruch, rousseaus, zivilreligion, anwendung, tocquevilles, religionsverständnis
Arbeit zitieren
Elisabeth Obermeyer (Autor), 2015, Zwischen Funktionalität und Wahrheitsanspruch. Rousseaus Zivilreligion in Anwendung auf Tocquevilles Religionsverständnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448476

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