In dieser Arbeit soll untersucht werden, mit welchen Mitteln welche Versionen von "Männlichkeit" von Jelinek in ihrem Roman "wir sind lockvögel baby!" dargestellt werden. Hierbei wird zunächst der Trivialmythos "Mann" inhaltlich gefüllt und auf die ästhetischen Besonderheiten von Jelineks Romanexperiment eingegangen. Ausgehend davon wird der Roman im Hinblick auf die Darstellung von "Männlichkeiten" analysiert.
Mit dieser Arbeit wird ein Forschungsdesiderat ansatzweise erschlossen - bisherige Publikationen beschränkten sich entweder auf andere Aspekte aus den "lockvögeln", z. B. Medienkritik oder Trivialmythologie, oder das Konzept "Männlichkeit" wurde nur in anderen Romanen und dramatischen Werken, nicht aber in den "lockvögeln" untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wann ist ein Mann ein Mann? – Annäherung an die Beschaffenheit des Klischees „Mann“
3. Ästhetische Besonderheiten von wir sind lockvögel baby!
4. Darstellung der Männlichkeiten
4.1 Infantilisierung als Darstellungsprinzip – die Superhelden, heintje und die Soldaten
4.2 manuel cortez maria y mendoza – eine Anleihe aus dem Arztroman/Abenteuerroman
4.3 Der Mann als Opfer seines Sexualtriebes
4.4 otto: Mann = Gewalt?
4.5 Vaterfiguren, Nationalsozialismus, „Muff“ und Männlichkeit
4.5.1 marias vater vs. otto - Vätergeneration gegen Söhnegeneration (Kapitel 15)
4.5.2 Vermengungen von Männlichkeit und „Alt-Militarismus“
4.5.3 Vater und Heimat
4.5.4 Der osterhase
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Männlichkeiten in Elfriede Jelineks Roman "wir sind lockvögel baby!". Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Jelinek verschiedene Männlichkeitskonzepte und -stereotype in ihrem Werk dekonstruiert, indem sie diese durch eine ästhetische Verfremdung und die Überlagerung mit triviale Literaturgenres entlarvt und kritisiert.
- Analyse patriarchaler Rollenbilder und Klischees vom "Mann".
- Untersuchung von Infantilisierung und Sexualisierung als Dekonstruktionsmechanismen.
- Deutung der Verknüpfung von Männlichkeit, Gewalt und Nationalsozialismus.
- Interpretation von Vaterfiguren und deren Rolle im Generationenkonflikt.
- Untersuchung der ästhetischen Besonderheiten des Romans im Kontext der Romanparodie.
Auszug aus dem Buch
4.1 Infantilisierung als Darstellungsprinzip – die Superhelden, heintje und die Soldaten
Als erstes Stilprinzip in Jelineks Darstellung von Männerfiguren lässt sich in den lockvögeln die Infantilisierung feststellen. Dies bedeutet, dass im Roman Figuren, die durch ihre Namen und dessen Anspielungen eigentlich dazu prädestiniert sind, eine erwachsene, starke, vitale Männlichkeit zu vertreten, verkindlicht werden. Dies ist insbesondere auf die Superheldenfiguren batman, superman und robin anwendbar. So scheint in was bisher geschah (LO 7-8) batman in einer väterlichen (oder zumindest elterlichen) Beziehung zu robin zu stehen (LO 7). Die anschließende sexuelle Interaktion zwischen batman und robin (LO 7), die von batman beendet wird (LO 8), lässt sich darüber hinaus als Methode der Dekonstruktion des in Batman-artigen Comics vermittelten Männerbildes verstehen. Dass die Dekonstruktion dieser Comicfiguren mit einer sexuellen Interaktion getätigt wird, die Elemente aus Homosexualität, Pädophilie, Masturbation und Oralverkehr miteinander vereint, führt zu einer sehr abstoßenden Ästhetik, mit der Comicfiguren als Vertreter männlicher Stereotype dekonstruiert werden.
Eine ähnliche Strategie der Vermischung von Sexualität und Infantilisierung zur Dekonstruktion von Männlichkeit findet sich auch in Kapitel 65: Erneut findet dort zunächst eine sexuelle Interaktion von superman, robin und batman statt (LO 234 oben), anschließend wird, was vor dem Hintergrund der aus ausgerechnet Comics entlehnten Charakteren auch als Kritik oder Satire des Konzepts „Familie“ gesehen werden kann, von batman und robin gebetet (LO 235).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Zielsetzung der Arbeit ein, die Darstellung von Männlichkeitskonzepten in Jelineks Roman zu untersuchen und deren Dekonstruktion methodisch zu verorten.
2. Wann ist ein Mann ein Mann? – Annäherung an die Beschaffenheit des Klischees „Mann“: Dieses Kapitel umreißt die theoretischen Grundlagen patriarchaler Männlichkeitsvorstellungen wie Erwerbsarbeit, Unabhängigkeit und Gewalt als Mittel der Durchsetzung.
3. Ästhetische Besonderheiten von wir sind lockvögel baby!: Hier wird das Werk als "cut-up-artige Vermengung" beschrieben, die traditionelle Erzählstrukturen aufbricht und triviale Genres dekonstruiert.
4. Darstellung der Männlichkeiten: In diesem Hauptkapitel werden spezifische Männlichkeitsfiguren und deren Inszenierung in verschiedenen Kontexten des Romans analysiert.
4.1 Infantilisierung als Darstellungsprinzip – die Superhelden, heintje und die Soldaten: Die Untersuchung zeigt auf, wie durch die Verknüpfung von Kindlichkeit und sexueller Aggression das Konzept des starken Helden dekonstruiert wird.
4.2 manuel cortez maria y mendoza – eine Anleihe aus dem Arztroman/Abenteuerroman: Analyse einer Figur, die durch die Verbindung von beruflichem Erfolg als Arzt und dem Klischee des triebgesteuerten Dämons entlarvt wird.
4.3 Der Mann als Opfer seines Sexualtriebes: Dieses Kapitel widmet sich der Triebhaftigkeit der Männerfiguren, die sie als unfreie "Subjekte" ihrer eigenen Sexualität erscheinen lässt.
4.4 otto: Mann = Gewalt?: Es wird untersucht, wie die Figur Otto als widersprüchlicher Träger patriarchaler Gewalt und nationalsozialistischer Ideologie instrumentalisiert wird.
4.5 Vaterfiguren, Nationalsozialismus, „Muff“ und Männlichkeit: Dieses Unterkapitel beleuchtet die Rolle der Vätergeneration und deren Verknüpfung mit militaristischem Gedankengut.
4.5.1 marias vater vs. otto - Vätergeneration gegen Söhnegeneration (Kapitel 15): Analyse des Konflikts zwischen der alten, konservativen Ordnung und der jungen, gewaltorientierten Generation.
4.5.2 Vermengungen von Männlichkeit und „Alt-Militarismus“: Das Kapitel verknüpft Voyeurismus und Militärnostalgie als Ausdruck destruktiver Männlichkeitsbilder.
4.5.3 Vater und Heimat: Untersuchung der kitschigen Aufladung von Vaterfiguren und Heimatbegriffen in deren Dekonstruktion.
4.5.4 Der osterhase: Die Figur des Osterhasen wird als satirische Darstellung eines wohlhabenden Patriarchen der Nachkriegsgeneration analysiert.
5. Fazit: Die abschließende Zusammenfassung betont Jelineks Erfolg in der Karikierung von Männlichkeitsmythen und der Aufdeckung patriarchaler Strukturen durch ästhetische Dekonstruktion.
Schlüsselwörter
Elfriede Jelinek, wir sind lockvögel baby!, Männlichkeit, Dekonstruktion, Patriarchat, Infantilisierung, Gewalt, Trivialmythen, Geschlechterrollen, Romanparodie, Sexualität, Vaterfiguren, Nationalsozialismus, Comic-Mythen, feministische Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Elfriede Jelinek in ihrem Roman "wir sind lockvögel baby!" männliche Identitäten und patriarchale Rollenbilder darstellt und diese durch eine bewusste Überzeichnung und Dekonstruktion kritisch hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Zusammenspiel von Männlichkeit und Gewalt, die Infantilisierung von Männerfiguren, der Einfluss von trivialen Genres wie Arztromanen oder Comics auf die Rollenbilder sowie die Verbindung von Männlichkeit mit dem Nationalsozialismus.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Jelinek traditionelle Männlichkeitsentwürfe als destruktiv entlarvt und durch eine ästhetische Auseinandersetzung im Roman als "Karikatur" oder "Romanparodie" dekonstruiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analysemethoden, um die ästhetischen Mittel des Romans (wie die cut-up-Technik und die Collage) zu untersuchen und diese in Bezug zu soziokulturellen Männlichkeitsklischees zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert verschiedene Figurenkonstellationen, etwa Superhelden oder Vaterfiguren, und zeigt auf, wie diese durch Stilmittel wie Infantilisierung oder die Verknüpfung mit sexuellen Trieben in ihrer Autorität untergraben werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Dekonstruktion, Infantilisierung, Patriarchat, Männlichkeitsmythen und Romanparodie charakterisieren.
Wie wird die Figur "otto" in der Arbeit eingeordnet?
Die Arbeit beschreibt "otto" als eine nicht konsistente Platzhalterfigur, die stellvertretend für das Patriarchat, die Gewaltbereitschaft und die nationalsozialistische Tradition steht, wobei Jelinek diese Figur durch ständige Widersprüche lächerlich macht.
Welche Rolle spielt die "Infantilisierung" laut der Arbeit?
Die Infantilisierung dient als zentraler Mechanismus, um vermeintlich starke, männliche Helden wie Batman oder Soldaten als triebgesteuerte "Kinder" darzustellen, wodurch deren Machtanspruch und Virilität systematisch demontiert werden.
- Arbeit zitieren
- Sven Kreienhoop (Autor:in), 2018, Die Darstellung von Männlichkeiten in "wir sind lockvögel baby!" von Elfriede Jelinek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448659