Die zielgerichtete Suche. Eine Motivanalyse des Schlosses in Kafkas Romanfragment "Das Schloß"


Bachelor Thesis, 2018
35 Pages, Grade: 1,3
Greta Kaiser (Author)

Excerpt

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Schloß – Motiv
2.1 Die Darstellung des Schloßes im Roman
2.2 Das Schloß als Metapher für Erkenntnis

3. K. ein Topograph? – Der Landvermesser in Kafkas Schloß-Roman
3.1 K.s Raumwahrnehmung
3.2 Das ‚Schloß‘ als bürokratischer Apparat
3.3 Das unerreichbare (Macht-) Zentrum

4. Das Schloß als Bild der Gnosis: Eine Deutungsmöglichkeit des Schloßes

5. Fazit: Die zielgerichtete Suche ohne Ziel

1. Einleitung

Franz Kafka ist nicht nur einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts, er hat zudem einen ganz besonderen Status als Autor in der Weltliteratur.1 Obwohl die Meinungen der Leserschaft über Kafkas literarische Hinterlassenschaft auseinandergehen - so rufen seine Texte Bewunderung, Unverständnis, Widerwillen und Ablehnung2 hervor -, ist unbestritten, dass seine Rolle als Literat und seine Bedeutung für die Literatur einzigartig ist. Diese Einzigartigkeit besteht auch darin, dass man sich einer Franz Kafka Lektüre nicht so einfach entziehen kann. Mögen seine Texte uns Leser auch zuweilen abschrecken und verwirren, sogleich können sie auch fesselnd sein. Doch worin liegt Kafkas Bann, dem man als Leser unterliegen kann? Liegt es daran, dass man die Rätsel, die Kafka einem aufgibt, zu lösen versucht oder ist es die Unbestimmtheit seiner Texte? Auch Albert Camus scheint genau in dieser konstanten Undurchsichtigkeit die allgemeine Faszination Kafkas Schriften begründet zu sehen, als er vorsichtig behauptet, „[…]es sei das Schicksal und die Größe dieses Werkes, dass es alle Möglichkeiten darbietet und keine bestätigt.“3 Kafkasche Literatur hinterlässt oftmals beim Leser „[ein] Gefühl der Absurdität […]“4. Genau dieser Eindruck des Absurden, wie auch das Gefühl der „unmöglichen Deutbarkeit“, ruft insbesondere Kafkas Romanfragment „Das Schloß“ hervor.

Der Roman „Das Schloß“ erzählt von der Ankunft und dem Aufenthalt des Helden K. in einem fremden Dorf, das als gräflicher Besitz zum Schloß gehört. Dennoch sind das Dorf und seine Dorfbewohner, sowohl räumlich als auch sozial, vom höher gelegenen Schloß abgegrenzt. Das Schloß, welches man als einen herrschaftlichen Apparat bezeichnen kann, kontrolliert und lenkt das Leben der Dorfbewohner. Obwohl diese herrschaftliche Instanz das Zentrum der Welt der Dorfbewohner darstellt, ist ein direkter Kontakt mit dem Schloß nicht möglich. K., der als Fremder in diese Welt eintaucht, hat dieses Schloß zum Ziel seiner Reise auserkoren und versucht unermüdlich – trotz aller Hindernisse, die sich im entgegenstellen – sich Zugang zu dem Schloß-Komplex zu verschaffen.

Die vorliegende Arbeit hat die Hauptintention herauszustellen, wie die Suche nach Erkenntnisgewinnung und die Erkenntnismöglichkeit als übergreifendes literarisches Motiv – anhand des Schloßes – in Kafkas Roman „Das Schloß“ problematisiert und dargestellt werden. Zudem wird aufgezeigt, inwiefern die Urteilsfähigkeit und Wahrnehmung des Protagonisten, im Zuge seiner Suche nach dem Schloß, indifferent werden.

Das erste Kapitel der Arbeit beinhaltet eine Analyse des Motivs des Schloßes, die zugleich die damit verbunden Vorstellungen des Protagonisten beleuchtet. Anschließend folgt eine ausführliche Beschreibung, wie K. die Dorf- und Schloßwelt wahrnimmt; hierbei wird insbesondere die Wahrnehmung des Schloß-Komplexes fokussiert. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die Metapher des Schloßes in einem erkenntnistheoretischen Kontext herauszuarbeiten und zu entschlüsseln.

Des Weiteren befasst sich die Arbeit mit Kafkas Raumdarstellung im Schloß. Der Raum, die nicht bestimmbaren Lokalitäten einschließend, spielt eine große Rolle. Hier wird erläutert, wie im Roman „Das Schloss“ die Räume maßgeblich durch die Wahrnehmung des Protagonisten K. präsentiert werden, der sich in der Weite und Unbestimmtheit, der von Kafka gezeichneten Räume, verliert. Es wird aufgezeigt, inwiefern der Versuch des Helden, sich einen fremden Raum durch „Vermessung“ anzueignen, die Suche nach dem Schloß beeinträchtigt. In den daran anschließenden Kapiteln wird untersucht, in welcher Form das Schloß – als Machtinstanz – bezeichnet werden kann und wie sich diese Macht, gebunden an einen Raum, darstellt und reproduziert. Die Untersuchungen bezüglich der Raum – und Machtdarstellung in Kafkas Werk dienen dem übergeordneten Ziel, die Suche K.s nach dem Schloß, als den Versuch einer Erkenntnisgewinnung, zu enthüllen.

Der Schluss der Arbeit befasst sich mit der Fragestellung, ob K.s Suche nach dem Schloß sinnbildlich für die Suche nach Erkenntnis – im Sinne der gnostischen Lehre – stehen kann. In diesem Zusammenhang wird zunächst eine kurze Zusammenfassung der Grundgedanken des Gnostizismus vorangestellt, um ferner zu prüfen, ob sich das Motiv des Schloßes in einem gnostischen Verständnis entschlüsseln lässt.

2. Das Schloß – Motiv

„Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor.“5

Franz Kafka beginnt seinen Roman mit einer Beschreibung der Ankunft seines Helden K. in einem fremden Dorf. In diesen wenigen Sätzen wird mehrfach betont, dass das Schloß6 physisch nicht wahrnehmbar ist „vom Schloßberg war nichts zu sehen […]“7. Dennoch wird das Schloß in seiner Existenz als existent dargestellt. Das Schloß und das Dorf sind in K.s Realität unbestritten vorhanden, nur ist das Schloß in einem unbestimmbaren Raum verortet, welcher für den Rezipienten nicht zu fassen ist.8 Für den Leser bleibt das Schloß genauso fern, wie auch die Figur K. bis zum Schluss der Geschichte ein Fremder bleibt, da der Text weder Informationen über seine Herkunft noch über den begehrten Gebäudekomplex verrät. Kafka schenkt seinem Helden nicht einmal einen richtigen Namen; die Figur bekommt lediglich die Initiale K. zugeschrieben; dadurch ist jegliche soziale und kulturelle Einordnung des Helden unmöglich.9 Die erzählerische Gestaltung des Textes verzichtet konsequent auf die temporale und lokale Einordnung der Geschichte; dies vereinfacht den Verstehensprozess der Handlung keineswegs, wirft aber die Frage auf, ob die Bedeutung des Schloßes nicht gerade in dessen Unerreichbarkeit liegt.

Die Sekundärliteratur ist sich einig, – ausgehend von Max Brods Deutung, das ‚Schloss‘ müsse als das, „was die Theologen als ‚Gnade‘ nennen, die göttliche Lenkung des menschlichen Schicksals“10 betrachtet werden – dass K.s Schloß tatsächlich existiert. Als Leser der Geschichte und Begleiter K.s auf seinem endlosen Weg zum Schloß und im Kampf gegen die zahlreichen Widerstände, welche sich ihm entgegenstellen, kann man sich nur schwer der Frage verwehren, worin der Sinn dieser scheinbaren inhaltslosen Suche liegt.

Philippi schreibt - im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Brods These, Kafkas Held habe faustische Züge11 -, dass die fortwährende physische Distanz zu dem Objekt der Begierde entscheidend dazu beitrüge, dass der Held sein Ziel nicht aus den Augen verlöre.12 Diese Auslegung verleiht K.s „inhaltslosem Streben“13 zwar eine gewisse Sinnhaftigkeit, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Held sein Ziel nicht erreicht.

Anders14 versucht, in der Biographie Kafkas und in den frühen Arbeiten des Autors Antworten zu finden. Dabei stellt er die Behauptung auf, Kafkas „[…] Leben [sei] ein einziger, niemals unterbrochener Beweisversuch. Und das Leben seiner Helden desgleichen.“15 Dieser Drang, sich beweisen zu müssen, findet seinen Ursprung, so Anders, im Fremdsein und im damit einhergehenden „Nichtzugehörens“. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, sich die Bedeutung des „Seins“ in Kafkas Sinne vor Augen zu führen. Seiner Definition nach, bedeutet das Wort ‚Sein‘ „im Deutschen beides: ‚Da-sein‘ und ‚ihm gehören‘.16 Diese Definition impliziert, dass ein Fremder nicht „sein“ kann, da ihm das Fremdsein dazu determiniert, nicht Teil eines Ganzen sein zu dürfen. Kafkas Held K. bleibt ein Fremder, trotz aller Bemühungen um Anerkennung und Einlass in der Schloß-Welt. „[…] Er will aufgenommen werden. Aber die ihn beriefen, wissen nichts von seiner Berufung: also wird er nicht aufgenommen […] sein ganzes weiteres Leben […] besteht nun in den tausendfachen wiederholten Versuchen und Bemühungen, doch akzeptiert zu werden […].17 Man könnte in diesem Kontext nun davon ausgehen, dass das Schloß exemplarisch für K.s verzweifelte Selbstsuche stehe. Folgt man Anders‘ These, dass K.s Verlangen, sich dem Schloß zu nähern, nur Ausdruck seines nicht zu unterdrückenden Triebes des unaufhörlichen „Beweisversuches“ ist, ist das ‚Schloß‘ ein totes Motiv. Die Anerkennung und Integration, die K.s Beweisversuch das langersehente Ende bringen können, werden ihm weder durch die Dorfbewohner noch durch das Schloß zuteil. Seine Berufung als „Landvermesser“ mutet zunächst als ein kleiner Erfolg an, bekräftigt sein Fremdsein aber umso mehr. Zwar wird er als solcher angesprochen, jedoch ist dieser Rufname inhaltslos, da die Dorfbewohner die Bestimmungen und Aufgaben eines Landvermessers aus ihrer Lebenswelt nicht kennen und keinerlei Bezug zu K. herstellen können. Die Worte der Wirtin beschreiben und erklären K.s Fremdsein ziemlich genau: „Sie sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts. Leider, aber sind Sie doch etwas, ein Fremder […]“(69f.) Bis zum Schluss ist es Kafkas Helden nicht möglich, diesen Status aufzuheben, denn die selbst auferlegte Selbstbestätigung seiner Existenz kann nur durch die von ihm gewählte Instanz: ‚Das Schloß‘ erfolgen.

Wirklich bemerkenswert dabei ist, dass K. sich zu einer Instanz hingezogen fühlt, von welcher nichts Gutes ausgeht. Dazu schreibt Anders, in Kafkas Werken lebe die „marcionistische Idee“18, womit er auf das Alte Testament referiert, in welchem der Schöpfergott Marcion Gott – als Gegenentwurf zum liebenden Gott – auch Gott des „Gesetzes“ ist. „Das Schloß“ vereint gewissermaßen diese Vorstellung einer ‚schlechten‘ göttlichen Macht, welche Gesetze erlässt, verwaltet und ausführt.19 Ebenso interessant, wie auch unverständlich ist dabei die Rolle der Bürger des Schloß-Dorfes, welche sich nicht den Gesetzen und Strukturen der Schlossinstanz entgegenstellen, sondern sich in ihrem kleinen – vom Schloß abhängigen – Kosmos wohl fühlen.

Kafka inszeniert die Bürger als unreflektierte und obrigkeitshörige Gefolgsleute, die im Gleichschritt alles, was vom Schloß kommt, als gut definieren. Noch erschreckender in diesem Szenario ist K., der, als Außenstehender, die Möglichkeit hätte, als Erkennender die Strukturen aufzubrechen, diese aber nicht wahrnimmt. Zwar kritisiert er das System, aber sein Aufbegehren schließt nicht ein, sein Ziel umzuschreiben oder gar aufzugeben. Somit erkennt auch er die vermeintlich höhere Instanz an und akzeptiert ihre Gesetze. K. stellt damit die Möglichkeit auf Erfolg über „moralische Werte“ und genau darin zeigt sich seine Schwäche: Das blinde Streben.

Philippi sieht diese Schwäche ferner als Ausdruck der Kompensation seiner „Unwissenheit“.20 Diese Unwissenheit ist auf zwei Ebenen zu verzeichnen; zum einen drückt sie sich in seinem Verhalten gegenüber seiner Umwelt aus, welches von seinem Bewusstsein, Fremder zu sein, gesteuert wird. Zum anderen bestätigt er seine Unwissenheit mit jedem Versuch mehr, nicht ein Fremder zu sein. Da die Dorfbewohner K. nicht als eine Person seiner Selbstwillen wahrnehmen, verstärkt sich ihr Eindruck, K. sei nur ein Eindringling in ihrer scharf abgegrenzten Lebenswelt und das mit jedem seiner „Beweisversuche“ umso mehr.21 Primär jedoch drückt sich diese Unwissenheit in seiner Zielgerichtetheit aus, die sich lediglich auf ein in seiner Vorstellung gewusstes Schloß bezieht.

2.1 Die Darstellung des Schloßes im Roman

„Die Straße nämlich, die Hauptstraße des Dorfes, führte nicht zum Schloßberg, sie führte nur nahe heran, dann aber, wie absichtlich, bog sie ab, und wenn sie sich auch vom Schloß nicht entfernte, so kam sie ihm doch auch nicht näher.“

Diese Beschreibung ist symptomatisch für K.s Wegbemühungen hin zum Schloß. Obwohl es sich ihm im Laufe der Geschichte immer wieder andeutet, bleibt das Ziel in der Ferne.

Als K. in dem Dorf ankommt, hat er eine genaue Vorstellung von dem Schloß. Er erwartet ein „große[s] Schloß“, auf einem „Schloßberg“ sich befindend. Tatsächlich findet K. weder einen „Prunkbau“ noch eine „Ritterburg“ vor, stattdessen ähnelte der Anblick des vermeintlichen Schlosses einem „Städtchen“, welches „aus Dorfhäusern zusammengetragen“ und dessen Fassade „längst abgefallen“ sei (S. 17). Diese Darstellung lässt sich nicht mit den herkömmlichen Vorstellungen und Assoziationen, welche man mit dem Wort Schloß verbindet, vereinen. Im Gegenteil, Kafka zeichnet das Bild eines verfallenen und trostlosen Gebäudes, welches sich als ein aus Steinen zusammengebautes Improvisorium vor dem inneren Auge des Lesers erstreckt. Charakteristisch für die Beschreibungen des Gebäudes ist die antithetische Darstellung, mit welcher der Autor spielt. Durch Beschreibungen wie „aus Dorfhäusern zusammengetragen“ entsteht der Eindruck, bei Kafkas Schloss handle es sich nicht um ein ganzes und einheitliches Gebäude. Es liegt nahe, dass diese Annahme aus K.s indifferenten Beschreibungen resultieren. Denn K. ist nicht in der Lage, dem Leser einen Gesamteindruck von dem, was er erblickt, zu schildern; aus der Ferne kann er „das Schloß“ zwar „im Ganzen“ erfassen, aber sobald er es aus der Nähe betrachtet, verliert sich der Protagonist in den Einzelheiten, auf die er sich fokussiert. Es sind lose unzusammenhängende Reihungen der verschiedenen Eindrücke K.s, die er nicht zu einem Gesamtbild zu ordnen vermag. Hiermit deutet Kafka unterschwellig auch die Problematik an, wie sich das Objekt im Raum aus verschiedenen Perspektiven anders wahrnehmen lässt.

Die Angaben zu dem Schloß spiegeln die subjektive Betrachtung Kafkas Helden wider; dies wird auch durch die Verwendung der Partikel „aber“ und „doch“ in „[…] es war doch nur ein recht elendes Städtchen, […] aber der Anstrich war längst abgefallen […]“ deutlich, die seine Enttäuschung und die nicht erfüllte Erwartung ausdrücken.22

Das Bild eines Schloßes wird nicht zuletzt durch Andeutungen wie „Dorfhaus“ getrübt, welche das allgemeine verbreitete Bildkonzept eines herrschaftlichen imposanten Schloßes ausschließen. Obwohl auch K. sich nicht sicher zu sein scheint, ob das Anwesen als Schloß bezeichnet werden kann23, versucht er sich selbst davon zu überzeugen, indem er sich auf die Dorfgemeinschaft – als bezeugende Instanz – beruft. Dass K. dem allgemeinen Konsens dieser traditionsbeherrschten Gemeinde folgt, ist schwer nachzuvollziehen; könnte gerader er als Fremder erklären, dass es sich hier nicht um ein Schloß handelt. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, sich die Bemerkung des Lehrers: „Keinem Fremden gefällt es.“ (S. 19) in Erinnerung zu rufen.

Die beschriebenen Baubestandteile der Anlage wie „Städtchen“ und „Dorfhäuser“ heben sich gegenseitig auf und das Wort Schloß bleibt in einem leeren unbestimmten Raum. Neben der atypischen Inszenierung dieses Anwesens ist ferner auffallend, dass äußerliche Merkmale nur aus der Perspektive des Protagonisten erwähnt werden. Der Rezipient bekommt die Informationen über das Aussehen des Schloßes nur durch die Wahrnehmung K.s übermittelt. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass die äußere Darstellung des Schloßes untrennbar mit dem Bewusstsein und der Wahrnehmung der Figur K. verbunden ist. So werden im Verlauf des Romans verschiedene ‚Schloßbilder‘ entworfen, welche das aktuelle Befinden des Helden widerspiegeln. Denn kurz bevor K. die „aus Dorfhäusern zusammengetragene“ Anlage erblickt, erfährt der Leser nur wenige Zeilen zuvor, dass K. „das Schloß deutlich umrissen in der klaren Luft [sah] und [...] oben auf dem Berg ragte alles frei und leicht empor“ (S. 16f.). Aus der Ferne und in der freudigen Erwartungshaltung, ein Schloß vorzufinden, schließt K. voreilig von jeder Landschaftserhebung auf sein gesuchtes Schloß, um dann enttäuscht festzustellen, dass er sich geirrt haben muss. Aufgrund der so verschiedenen entworfenen Schlossbilder, entsteht der Eindruck, dass es sich vielmehr um eigens konstruierte Entwürfe des Protagonisten handelt, welcher selbst noch keine explizite Vorstellung des einen Schloßes hat. So erfährt man zu einem Zeitpunkt, dass der Turm der Schloß-Anlage auf K. wie ein „trübseliger Hausbewohner, der […] das Dach durchbrochen und sich erhoben hätte, um sich der Welt zu zeigen […]“ (S. 18) wirke. An einer anderen Stelle wird der Leser dann mit: „Wenn K. das Schloß ansah, so war ihm manchmal, als beobachtete er jemanden, der ruhig dasitze und vor sich hinsehe, [...] frei und unbekümmert“ (S.156) konfrontiert.

K.s Wahrnehmung ist zu wechselhaft und unstet, sodass es dem Rezipienten unmöglich macht, etwas Eindeutiges über das Schloß in seiner Darstellung auszusagen. Da es keine gesonderte Erzählinstanz gibt, die als Korrektiv fungieren könnte, ist der Leser abhängig von K.s Betrachtungsweise und muss sich damit begnügen – trotz der zahlreichen und detaillierten Beschreibungen – nur über einen groben Grundriss des Gebäudes zu verfügen.

2.2 Das Schloß als Metapher für Erkenntnis

„Das Schloß ist nicht der Himmel oder das Jenseits oder Gott. Es ist alles zusammen, eine multifunktionelle Metapher, Zion, der Mittelpunkt der Welt, der Ort der Berührung und Vereinigung von empirischer Welt und transzendentem >>Außerhalb<<.“24

Mit diesem Satz fasst der Literaturwissenschaftler Greß die, in der Forschung bekanntesten und etabliertesten, Deutungsansätze bezüglich der Frage „Worin liegt die Bedeutung des Schloßes“ zahlreicher Literaturwissenschaftler zusammen und zeigt damit auf, dass es unter den vielen konträren Interpretationen – dem „Schloß“ wurden unter anderem religiöse, psychoanalytische, politisch-soziologische, biographische und philosophische Deutungen zugeschrieben – kein zufriedenstellender konsensualer Ansatz gefunden wurde, dem es gelingt, „die Rätsel der komplizierten Kafka-Welt zu lösen“25. Warum der Forschung, Kafkas Vertrauten - wie auch Max Brod - und dem individuellen Leser eine Antwort darauf so schwerfällt, liegt wohl darin begründet, dass mit dieser Überlegung unwillkürlich weitere Fragen folgen, deren Beantwortung gleichsam kompliziert ist.

In diesem Kapitel soll versucht werden, die im Roman beschriebene Erscheinung, „Das Schloß“ als Metapher für Erkenntnis zu entschlüsseln. Dabei muss betont werden, dass im Rahmen dieser Arbeit von einer allegorischen Deutung des Werkes abgesehen wird. Denn innerhalb einer allegorischen Leseart müsse man demzufolge „Das Schloß“ als einen Text wahrnehmen, welchem ein thematisch bereits behandelter Gegenstand - in Form eines Ereignisses, einer Situation oder einer Geschichte – zugrunde liegt und von Kafka nur in einer neuen Form rekonstruiert wurde. Der Literaturprofessor Gerhard Kurz beschreibt dieses Phänomen der Allegorie wie folgt: „Der Text legt den Prätext aus, er kommentiert ihn, indem er ihn indirekt darstellt und das heißt auch, indem er ihn vergegenwärtigt und wiederholt.“26

Würde Kafka in seinen Parabeln, Erzählungen und Romanen lediglich Prätexte, mit einer leichten Modifikation rezitieren, könnte das „Kafka-Rätsel“ mithilfe einer Übersetzung solcher Prätexte leicht entschlüsselt werden.27

[...]


1 Zur neueren Diskussion über den Begriff vgl. v.a. Horst Rüdiger, >Literatur< und >Weltliteratur< in der modernen Komparatistik. In: Albert Schaefer (Hrsg.), Weltliteratur und Volksliteratur. München 1972, S. 36-54.

2 MANN, K.: „Danke für die Kafka-Ausgabe.“ In: Heinz Politzer (1980), S. 162.

3 CAMUS, A.: Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka. Aus: Ders.: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. [Franz. 1942] mit einem kommentierenden Essay v. Liselotte Richter. Deutsch v. Hans Georg Brenner u. Wolfdietrich Rasch. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. S. 112.

4 CAMUS, A.: Der Mythos des Sisyphos. Deutsch und mit einem Nachwort von Vincent von Wroblewsky. Hamburg: Reinbeck, 3. Auflage. 2001. S. 14.

5 KAFKA, F.: „Das Schloß“, hrsg. v. Malcolm Pasley, Frankfurt/Main: Fischer, 1982. S.7. (Kritische Ausgabe) (Seitenzahlen und Angaben zu den Zitaten in runden Klammern). Diese Ausgabe wird im Folgenden zitiert.

6 In der vorliegenden Arbeit wird im Folgenden Kafkas Rechtschreibung „Schloß“ übernommen.

7 Ebd.

8 Vgl.: PHILIPPI, K.: Reflexion und Wirklichkeit. Untersuchungen zu Kafkas Roman ‚Das Schloß‘. In: Studien zur deutschen Literatur, hrsg. v. Richard Brinkmann, Friedrich Sengle und Klaus Ziegler, Tübingen: Max Nemeyer Verlag 1966. Band 5, S. 33.

9 Vgl.: PASLEY, M./WAGENBACH, K., 1995, Datierung sämtlicher Texte Franz Kafkas, in: J. Born u.a., Kafka-Symposium, Berlin. S. 55-82. Vgl. auch BINDER, H., 1976, Kafka-Kommentar zu den Romanen, Rezensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater, München. S. 263.

10 Vgl.: KAFKA, F.: ‚Das Schloß‘ mit einem Nachwort von Max Brod, München 1926. S. 495.

11 „[…] ‚Wer immer strebend sich bemüht, den dürfen [sic!] wir erlösen‘- [so] sollte also das Werk enden, das man wohl als Franz Kafkas Faust-Dichtung bezeichnen kann. Freilich ist es ein Faust in absichtlich bescheidenem, ja dürftigen Gewande und mit der wesentlichen Modifikation, daß diesem neuen Faust nicht die Sehnsucht nach den letzten Zielen und äußersten Erkenntnissen der Menschheit treibt, sondern das Bedürfnis nach den primitivsten Lebensvoraussetzungen, nach Entwurzelung in Beruf und Heim, nach Eingliederung in die Gemeinschaft.“ (Nachwort zu ‚Das Schloß‘, S. 482). In: PHILIPPI: Reflexion und Wirklichkeit. S. 48.

12 Ebd.

13 Philippi: Reflexion und Wirklichkeit S. 224 u. S. 50.

14 ANDERS, G.: Kafka Pro und Kontra. Die Prozeß Unterlagen. München: C. H. Beck, 1963, 2. Aufl., S. 18ff.

15 Ebd.:

16 Anders: Kafka Pro und Kontra. S. 19.

17 Anders: Kafka Pro und Kontra. S. 21.

18 Anders: Kafka Pro und Contra. S. 88.

19 Vgl.: Anders: Kafka Pro und Contra. S. 89.

20 Philippi: Reflexion und Wirklichkeit. S. 59ff.

21 Ebd.

22 Vgl.: KOBS, J.: Kafka – Untersuchungen zu Bewußtsein und Sprache seiner Gestalten, Bad Homburg v. d. h. 1970. S. 241.

23 „[...] hätte man nicht gewußt, daß es ein Schloß ist, hätte man es für ein Städtchen halten können“ (S. 17).

24 GREß, F.: Die gefährdete Freiheit. Franz Kafkas späte Texte. Franz Kafkas späte Texte, Würzburg 1994, S. 283.

25 Vgl.: SHEPPARD, R.: Das Schloß. In: BINDER, H.: Kafka Handbuch. Band 2, S. 44 ff.

26 KURZ, G.: Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 1982. S. 41.

27 Vgl.: Greß: Die gefährdete Freiheit. S. 18.

Excerpt out of 35 pages

Details

Title
Die zielgerichtete Suche. Eine Motivanalyse des Schlosses in Kafkas Romanfragment "Das Schloß"
College
Johannes Gutenberg University Mainz  (Deutsches Institut)
Grade
1,3
Author
Year
2018
Pages
35
Catalog Number
V449018
ISBN (eBook)
9783668838086
ISBN (Book)
9783668838093
Language
German
Tags
Franz Kafka
Quote paper
Greta Kaiser (Author), 2018, Die zielgerichtete Suche. Eine Motivanalyse des Schlosses in Kafkas Romanfragment "Das Schloß", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449018

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