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"Die Wunde immer noch". Zu Heiner Müllers Theater als konstruktiv-erinnerndem Umgang mit Geschichte im mythischen Erfahrungs- und Denkmodell, in Auseinandersetzung mit der Tragödie am Beispiel von "Philoktet"

Título: "Die Wunde immer noch". Zu Heiner Müllers Theater als konstruktiv-erinnerndem Umgang mit Geschichte im mythischen Erfahrungs- und Denkmodell, in Auseinandersetzung mit der Tragödie am Beispiel von "Philoktet"

Tesis de Maestría , 2007 , 216 Páginas , Calificación: 1,5

Autor:in: Matthias Zimmermann (Autor)

Filología alemana - Literatura alemana moderna
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Die erste Frage ist die nach der richtigen Frage. Heiner Müller, „Philoktet“. Warum? An wen diese Frage: an den Leser/Zuschauer; an Heiner Müller? Die Antwort ist wohl bei beiden die gleiche: Weil man damit nicht fertig wird. Dabei ist die Antwort ebenso vielschichtig wie die Frage. Der Stoff, den Müller wählte, war nicht bewältigt, die Form nicht und die Situation, in deren Kontext „Philoktet“ entstand, ohnehin nicht. In nahezu notwendiger Konsequenz ist auch die Rezeption des Stückes – trotz einiger eindrucksvoller Versuche – bisher nicht zu einem Verständnis des Dramas gelangt, das es erlaubte, „Philoktet“ in die beruhigende Mottenkiste eines still gestellten Kanons einzulagern. Auch wenn Heiner Müller ohnehin zu den meistdiskutierten deutschsprachigen Autoren gehört, scheint man doch bezüglich der meisten seiner Stücke inzwischen zu befriedigenden Interpretationen gelangt, die sich nach und nach als literaturwissenschaftliche Gemeinplätze durchsetzen. Einzig ideologisch problematische Stücke wie „Mauser“ und „Der Horatier“ sind noch ernsthaft umstritten – und „Philoktet“. Die dringlichste von allen Fragen, die dieser Arbeit Motor und zugleich oberste Instanz sein soll lautet: Was wollen wir heute mit diesem Text? Und: was können wir mit ihm (tun/wollen)? Denn angesichts der offensichtlichen zeitlichen und ideologischen Distanz, die er mitbringt, muss er sich, gerade als Theatertext, auf seine Aktualität hin befragen lassen. Der Verfasser dieser Arbeit stellt diese Frage nicht ohne die Hoffnung, eine grundlegende Anschlussfähigkeit des Textes festzustellen.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. „Daß ich nur schreibend über die Dinge komme!“

Prozess 1 – Das Interview als Fortführung offener, prozessualer Textpraxis

Prozess 2 – Das fremde Material oder: der Dialog mit den Toten

Prozess 3 – Selbstbearbeitung

Prozess 4 – Der Widerspruch ungebrochen auf die Bühne geworfen

II. Ehrlos ehrlich – Ehrabschneider?

1. DDR als Material

2. Die „kritische Solidarität“ mit der DDR

3. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

III. Geschichte

1. Der historisch-materialistische Gemischtwarenladen: Karl Marx

2. Der eilige Kunde: Die DDR

Exkurs: Heiner Müller als Marxist wider Willen

3. Der unzufriedene Lehrling: Müller oder: Die Reklamation

(I) Geschichte als Katastrophe oder Ein Trümmerhaufen

(II) Gegen den Starrsinn

(III) Der (alternative) historische Materialismus oder Konstruktives Eingedenken

Einschub: Posthistoire und Stillstand

(IV) Der Messianismus des historischen Materialismus und die Utopie

(V) Die utopischste Kunst – das Theater

Exkurs: Gespenster

IV. Mythos

1. Mythos als diskursive gesellschaftliche Praxis

2. Zur Tradierung des Mythos in der Literatur

3. Die Mythenrezeption in der DDR im Anschluss an Karl Marx

4. Zu Heiner Müllers Mythenrezeption

V. „Philoktet“

1. Die Forschung

2. Vorgänger und Verhältnisse

3. Der lange Weg durch die Produktion

4. Figuren(potenziale)

(I) Neoptolemos

(II) Philoktet

(III) Odysseus

VI. Die Frage nach der Tragödie nach der Tragödie – Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Stück „Philoktet“ von Heiner Müller unter der Forschungsfrage, wie dieses Drama als ein konstruktiv-erinnernder Umgang mit Geschichte im mythischen Erfahrungs- und Denkmodell verstanden werden kann und welchen Stellenwert es innerhalb von Heiner Müllers Schaffen einnimmt.

  • Prozessuales Textverständnis und Theaterästhetik bei Heiner Müller
  • Das schwierige Verhältnis von Heiner Müller zur DDR
  • Der Stellenwert von Geschichte und Geschichtsphilosophie
  • Die doppelte Bedeutung des Mythos als Denkmodus und Konfliktmodell
  • Analyse des Dramas „Philoktet“ und seiner Figuren

Auszug aus dem Buch

Prozess 4 – Der Widerspruch ungebrochen auf die Bühne geworfen

Es ist nur folgerichtig, wenn Müller darauf besteht, die Konflikte, die er mit dem Material – im Dialog mit den Toten – aufgenommen und denen er vor dem Hintergrund eigener Wirklichkeitserfahrung eine aktualisierte Form gegeben hat, in ihrer Ungelöstheit an das Publikum zur Bearbeitung zu übergeben. Ungelöst bedeutet in diesem Fall: uninterpretiert: „Die Interpretation ist die Aufgabe des Zuschauers, die darf nicht auf der Bühne stattfinden. Dem Zuschauer darf diese Arbeit nicht abgenommen werden.“ (GI1, S. 153, 1985)

Die Fragen, die hier noch offen bleiben müssen, sind jene: Welche Lösung imaginiert Heiner Müller für die Konflikte? Wie verschwinden die Widersprüche, einmal auf der Bühne (in den Köpfen) präsent? Die Beschwörung der Geister im „Dialog mit den Toten“ – sind sie gerufen, um sie erneut zu begraben oder auf ewig in unserer Mitte zu behalten? Ist die Beschwörung eine Willkommensgruß oder der Auftakt eines Exorzismus?

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Rezeption von Heiner Müllers „Philoktet“ ein und formuliert die zentrale These der Arbeit, dass die Modellhaftigkeit des Stücks sowohl die inhaltliche als auch die formale Ebene betrifft.

I. „Daß ich nur schreibend über die Dinge komme!“: In diesem Kapitel wird Heiner Müllers prozessuales Textverständnis untersucht, wobei insbesondere die Bedeutung seiner Interviews als Mittel zur fortlaufenden (Weiter-)Arbeit am Textmaterial herausgestellt wird.

II. Ehrlos ehrlich – Ehrabschneider?: Der Abschnitt beleuchtet das komplexe, von „kritischer Solidarität“ geprägte Verhältnis Müllers zur DDR und verdeutlicht, wie dieses als Widerspruchslabor für sein Schaffen diente.

III. Geschichte: Hier wird Müllers tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Geschichtsphilosophie, insbesondere im Bezug auf Marx und Walter Benjamin, analysiert, um den theoretischen Rahmen für seine Dramatik zu spannen.

IV. Mythos: Das Kapitel untersucht die Bedeutung des Mythos als Denkmodus bei Heiner Müller und zeigt auf, wie er die griechische Tragödie für aktuelle gesellschaftliche Konfliktmodelle produktiv macht.

V. „Philoktet“: Dies ist das zentrale Analysedokument, in dem Entstehung, Deutungsgeschichte und die Figurenkonstellation von „Philoktet“ detailliert betrachtet werden.

VI. Die Frage nach der Tragödie nach der Tragödie – Fazit: Das Fazit führt die Fäden zusammen und resümiert, inwiefern Müllers „Philoktet“ als (unabgeschlossenes) Theatermodell die Tragödie als Paradigma der kollektiven Auseinandersetzung mit Geschichte heute noch produktiv macht.

Schlüsselwörter

Heiner Müller, Philoktet, Theaterästhetik, Geschichtsphilosophie, Mythos, Tragödie, DDR-Literatur, Walter Benjamin, Prozessualität, Erinnerung, Widerspruch, Lehrstück, Subjekt.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das Drama „Philoktet“ von Heiner Müller und untersucht, wie Müller antike Mythen und tragische Formen nutzt, um zeitgenössische geschichtliche und gesellschaftliche Widersprüche zu reflektieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den zentralen Themen zählen die Theaterästhetik Müllers, sein kritisches Verhältnis zur DDR, der Stellenwert der Geschichte und die Funktion des Mythos als Instrument zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass „Philoktet“ als Modell fungiert, das keine abgeschlossenen Antworten liefert, sondern als „Laboratorium“ dient, um gesellschaftliche Konflikte für das Publikum produktiv zu machen.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?

Die Untersuchung stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primär- und Sekundärtexten, die Müllers eigene Poetologie, seine Selbstaussagen in Interviews sowie die Rezeptionsgeschichte einbezieht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zu Geschichte, Mythos und Theaterbegriff sowie eine dezidierte Analyse des Stücks „Philoktet“, seiner Figurenkonstellation und Aufführungsgeschichte.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Heiner Müller, Philoktet, Geschichtsphilosophie, Mythos, Tragödie und prozessuale Textpraxis bestimmt.

Warum ist der Begriff des „Mythos“ für Heiner Müllers „Philoktet“ so wichtig?

Der Mythos dient Müller nicht nur als Stoffquelle, sondern als strukturelles Konfliktmodell, das die Offenheit des Dramas für heutige Diskurse ermöglicht und als Korrektiv zur verengten teleologischen Geschichtssicht wirkt.

Was bedeutet Müllers Theater als „Laboratorium sozialer Phantasie“?

Diese Vorstellung postuliert, dass Theater nicht nur Abbild der Wirklichkeit sein soll, sondern ein Raum, in dem das Publikum durch das „Aufbrechen“ gewohnter Denkweisen zur aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten angeregt wird.

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Detalles

Título
"Die Wunde immer noch". Zu Heiner Müllers Theater als konstruktiv-erinnerndem Umgang mit Geschichte im mythischen Erfahrungs- und Denkmodell, in Auseinandersetzung mit der Tragödie am Beispiel von "Philoktet"
Universidad
University of Potsdam  (Institut für Germanistik)
Calificación
1,5
Autor
Matthias Zimmermann (Autor)
Año de publicación
2007
Páginas
216
No. de catálogo
V449137
ISBN (Ebook)
9783668847545
ISBN (Libro)
9783668847552
Idioma
Alemán
Etiqueta
Heiner Müller Philoktet Theater Dramatik Tragödie
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Matthias Zimmermann (Autor), 2007, "Die Wunde immer noch". Zu Heiner Müllers Theater als konstruktiv-erinnerndem Umgang mit Geschichte im mythischen Erfahrungs- und Denkmodell, in Auseinandersetzung mit der Tragödie am Beispiel von "Philoktet", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449137
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