Der Exilfilm "Aufstand der Fischer". Politisch kritisiert oder kritisch gewürdigt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Überblick

2. Handlung

3. Hintergrund
3.1 Vertragsgrundlagen
3.2 Produktionsumstände
3.3 Rezeption

4. Zeitgenössische Filmkritik

5. Analyse

6. Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

Literatur und Quellen

1. Einleitung und Überblick

„Bedeutendes Kunstwerk“ (Pudowkin, Schejderow, Barnet, Andrijewski & Mutanow 1934 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 218), „hinter dem Anspruch unseres Kinozuschauers zurückgeblieben“ (Brik 1934 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 217) und „Die ganze Schuld liegt auf der Leitung des Meshrabpomfilm-Studios“ (ebenda) sind Kritiken, die 1934 über den sowjetischen Exilfilm „Aufstand der Fischer“ verbreitet werden. Da die in Sowjetrussland angesiedelte nichtstaatliche Meshrabpomfilm als ein „dem proletarischen Geist der neuen Gesellschaft fremdes Unternehmen“ gilt (Bulgakowa 1995b: 185) und deshalb ständig „attackiert“ (ebenda) wird, lässt sich bereits schlussfolgern, dass zumindest ein Teil der Filmkritik politisch motiviert ist. Deshalb sowie aufgrund der Tatsache, dass der Film „nach seiner Uraufführung am 5. Oktober 1934 in Moskau“ (Agde 2000: 39) „bald wieder aus den Kinos verschw[indet]“ (ebenda), wird in der vorliegenden Hausarbeit die Frage diskutiert, ob der vom deutschen Theaterregisseur Erwin Piscator produzierte Film (ebenda) ein politisches Opfer Stalins ist oder ob die Kritik sachlich berechtigt ist. Dazu werden zeitgenössische Kritiken präsentiert (Kapitel 4), anhand von geschichtlichen Fakten und Filminhalten bewertet und diese anhand von wissenschaftlichen Publikationen in den Forschungsstand eingeordnet (Kapitel 5). Bevor die Kritiken zusammengetragen und analysiert werden, wird im zweiten Kapitel die Handlung des Films kurz vorgestellt. Anschließend wird im dritten Kapitel ein Überblick über den Hintergrund zum ersten – allerdings ebenso einzigen – Spielfilm (Haarmann 1991: 61) des kommunistischen für sein politisches proletarisches Theater „umjubelte[n]“ „aber nicht unumstrittene[n]“ (Haarmann 2002a: 20) Berliner Regisseurs (ebenda: 15-19) gegeben. Im abschließenden sechsten Kapitel werden resümierend die Forschungsfrage beantwortet, ein Fazit gezogen sowie ein Ausblick gegeben. Alle beschriebenen Inhalte, mittels derer die Filmhandlung skizziert und Filmkritik analysiert wird, beziehen sich auf eine aus mehreren Filmkopien neu geschnittene 85minütige Version der Sammlung des GosFilmoFonds der UdSSR, die 1935 herausgegeben worden ist und deutsche Untertitel enthält (Aufstand der Fischer: Ein episches Drama. Piscator, E., UdSSR 1935). Die Produktion ist der eine der ersten sowjetischen Tonfilme. Die Handlung basiert auf dem Roman der deutschen Schriftstellerin Anna Seghers „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (Haarmann 2002a: 22).

2. Handlung

„Aufstand der Fischer“ ist ein fünfteiliges episches Drama mit Prolog (Goergen 1993: 5). Thema ist der Arbeitskampf der Hochseefischer/ Matrosen aus St. Sebastian und von Kleinfischern benachbarter Küstenorte (ebenda: 6-10). Hauptakteure sind der Schiffsreeder Breedel, der Kommandant mit Soldaten, der Pfarrer, der Matrose der revolutionären Seemannsgewerkschaft Hull, die Kleinfischer Kedennek, Andreas und Bruyk aus St. Barbara, Kerdhuys aus Wyk, Nehr aus St. Elnor und weitere aus St. Blé, die Frauen der Küstenfischer Kedennek und Nehr, der Wirt Desak und das Fräulein aus der Kneipe Maria (ebenda: 10-11; Aufstand der Fischer: Ein episches Drama. Piscator, E., UdSSR 1935). Weitere Informationen über alle Akteure befinden sich im Anhang (Anhang 1; Anhang 2). In der in diesem Kapitel vorgestellten Version von 1935 des GosFilmoFonds (Aufstand der Fischer: Ein episches Drama. Piscator, E., UdSSR 1935) fehlt der Prolog: In diesem geht aus einer Chorszene hervor, „daß Hull ausgesandt wird, die Solidarität und die Einheitsfront des Proletariats herzustellen“ (Goergen 1993: 6). In der Anfangsszene des Films wird der Auslöser für den Streik geschildert: Nachdem der Reeder und Kapitalist Breedel das Ausnehmen der Fische an Bord der Fangschiffe nur noch von drei anstatt zuvor von vier Matrosen erledigen lässt und der Schiffskapitän die Hochseefischer zudem ständig antreibt, geschieht ein Arbeitsunfall. Ein Arbeiter verletzt sich mit einem Haumesser den Daumen. Seine Kollegen legen daraufhin spontan die Arbeit nieder und fordern vom Kapitän, dass wieder vier Leute Fische ausnehmen. Da dies sowohl vom Kapitän als auch vom Schiffsreeder abgelehnt wird, setzten die Matrosen ihren Streik fort. Breedel befürchtet deshalb seitens der Hochseefischer Unruhen in der gesamten Region und lässt diese ab sofort ständig von den Soldaten des Kommandanten bewachen. Der Matrose der revolutionären Gewerkschaft Hull will den Forderungen mehr Macht verleihen. Deshalb fragt er die ökonomisch leicht besser situierten Kleinfischer, die Hochseefischer zu unterstützen. Schiffsreeder Breedel kommt Hull jedoch zuvor und verspricht den Küstenfischern doppelt so viel Lohn, wenn diese für ihn auslaufen. Da die darauf eingehenden Kleinfischer allerdings hochseeunerfahren sind, verlieren diese ihren gesamten Fang und kehren ohne einen Fisch in den Hafen zurück. Breedel zahlt den Küstenfischern aus diesem Grund lediglich den einfachen Lohn. Kleinfischer Nehr ist der erste, der dies bemerkt und die Botschaft empört seinen Kollegen mitteilt.

Daraufhin treffen sich die Küstenfischer aus St. Barbara, St. Elnor, St. Blé und Wyk mit den Hochseefischern in Desaks Kneipe, in dem ebenso die Prostituierte Maria arbeitet. Dort vereinbaren beide Gruppen, gemeinsam zu streiken. Kedennek aus St. Barbara und Kerdhuys aus Wyk werden in den Streikvorstand gewählt. Ein vermutlich von Breedel gelegtes Feuer beendet jedoch die Versammlung vorzeitig. Um Geld zu verdienen, beschließen die Gruppen um die beiden Kleinfischer Kerdhuys und Bruyk dennoch, zum Fischfang in See zu stechen. In einer Szene vor der Schießbude auf dem Jahrmarkt zielt Kedennek deshalb auf Kerdhuys Spiegelbild. Am nächsten Morgen versucht er, die Streikbrecher von ihrem Plan abzuhalten. Dabei kommt es zu einem verbalen Streit. Kedennek verletzt Kerdhuys mit einem Messer und wird von einem Soldaten erschossen.

Die Beerdigung Kedenneks ist der Auslöser für die Schlussszene im Film. In dieser wird der finale „Aufstand der Fischer“ inszeniert: Am Rande des Grabs, an dem alle Fischer der Region St. Sebastians Abschied vom Kleinfischer nehmen, beschimpft Maria den in sie verliebten Küstenfischer Andreas als Verräter, der im Haus von Kedennek lebt. Dieser hatte sich jedoch nicht wie von ihr vermutet den Streikbrechern angeschlossen, sondern die Gelegenheit dazu genutzt, einen Sprengstoffanschlag auf eines der Schiffe der Kapitalisten-Gläubigen zu verüben. Der auf einem Schiff platzierte Sprengsatz explodiert schließlich unmittelbar nach der Szene, in der die Witwe Kedenneks in Richtung der Soldaten „Mörder“ schreit, dem Pfarrer die Bibel aus der Hand schlägt und diese danach in Stücke zerreißt. Der Pfarrer hatte sich zuvor in seiner Grabrede geweigert, auf die Forderung der Abschiednehmenden durch das Aussprechen einzugehen, dass Kedennek zu Unrecht ermordet worden ist. Diese drei Geschehnisse lösen eine kämpferische Auseinandersetzung aus, in der am Ende die gemeinsam kämpfenden Hochsee- und Kleinfischer über die Soldaten siegen. Letztere waren bereits während des Begräbnisses daran gescheitert, Streikführer Hull in der Kneipe festzunehmen. Stattdessen vergewaltigen und töten die Soldaten Maria. Todesopfer werden außerdem Andreas sowie weitere Fischer, die im Kugelhagel der Soldaten sterben. Kapitalist Breedel entkommt. In der finalen Chorszene ertönen die Textzeilen „'[...]. Die Kraft der Einheitsfront wächst. Keiner wird zum Fange auslaufen. Kämpfen und nicht versagen. […], dann werden die Feuer unter den Kesseln wieder auflodern. Auflodern der Brand in der ganzen Welt, der Brand in der ganzen Welt'“ (Goergen 1993: 10).

3. Hintergrund

3.1 Vertragsgrundlagen

Grundlage für das Engagement des deutschen Theaterregisseurs Erwin Piscator bei der Meshrabpomfilm ist, dass das Studio ab 1931 kaum noch unterhaltende, sondern vor allem politische Filme mit internationaler Thematik produziert (May 2001: 62-63). Zuvor stehen bei dem 1928 von Meshrabpom-Rus in Meshrabpomfilm umbenannten Studio (ebenda: 55) vor allem mit Stars besetzte Komödien, Melodramen oder Krimis „mit klare[n] übersichtliche[n] Handlungen“ (ebenda: 62) auf dem Produktionsplan. Hintergrund dieses Wandels ist, dass das 1924 von der deutschen Internationalen Arbeiterhilfe (IAH/ russisch kurz Meshrabpom/ „eine kommunistische, international agierende proletarische Hilfsorganisation“ (ebenda 50)) und dem privaten sowjetischen Filmstudio Rus als Filmproduktionsabteilung der IAH gegründete Unternehmen (ebenda: 52) im Jahr 1928 vollständig in IAH-Hand übergeht. So übernimmt die Organisation Anfang des Jahres alle Firmenanteile ihrer früheren Geschäftspartner (Misiano zitiert nach May 2001: 76). Damit kann sich Willi Münzenberg, der Generalsekretär der Organisation des internationalen Proletariats (May 2001: 55), auf das oberste Anliegen der IAH konzentrieren, kommunistische Ziele durch „Propaganda“ mittels Kinofilmen umzusetzen, die aufgrund seiner Erfahrungen deutlich stärker als Druckerzeugnisse wirkten (ebenda: 50; 51; 63-64). Dies erfolgt insbesondere auf Druck der Mitglieder der kommunistischen Organisation (ebenda: 59-60).

Die konkreten Gründe des inhaltlichen Wandels sind in einem „Auszug aus der Resolution des erweiterten Plenums des ZK [Zentralkomitees] der IAH über die Notwendigkeit des Ausbaus der Filmtätigkeit vom 23. und 24.3. 1929 in Berlin“ dokumentiert (Bulgakowa 1995a: 200-201): So beobachtete die IAH, dass die Bourgeoisie vieler kapitalistischer Länder den Film zunehmend als nationalistische Propaganda einsetzt. „[U]m gegen diese verleumdende Propaganda vorzugehen und das bürgerliche Filmmonopol zu brechen, dass die Hirne von Millionen von Arbeitern vergiftet“ (Auszug aus der Resolution … zitiert nach Bulgakowa 1995a: 200), sollte dem „bürgerlich-nationalistischen“ der „proletarische[...] Film“ entgegengestellt werden (ebenda: 201). Um das Ziel wirksam zu realisieren, beauftragen IAH-Mitglieder Münzenberg zudem mit der „Schaffung einer besonderen Filmpublikation [...]“ (ebenda).

Damit also die IAH in ihrer Eigenschaft als internationale Hilfsaktion das Ziel umsetzen kann, heldenhafte Arbeiter im „weltweit tobenden Klassenkampf“ länderübergreifend zu propagieren (May 2001: 61), werden ab 1930 im Studio Meshrabpomfilm zunehmend „Themen internationalen Charakters in Angriff“ genommen (ebenda: 62). Aus diesem Grund teilen am 12. Mai 1931 das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) (WKP (B)), die Kommunistische Internationale (Komintern) und das Zentralkomitee der IAH (Berlin) der Geheimpolizei OGPU (Vereinigte staatliche politische Verwaltung) mit, dass dazu „die Entsendung einiger unserer Genossen ins Ausland“ sowie „die Einladung einiger ausländischer Genossen zu uns in die UdSSR“ notwendig sei (Geheim! An die OGPU zitiert nach Bulgakowa 1995a: 201). So werde etwa „der Genosse Erwin Piscator, ein bekannter revolutionärer Regisseur“, ab Juni einen Film drehen (ebenda). Hintergrund ist die Bitte an die OGPU, den betreffenden Regisseuren Visa zu erteilen (ebenda: 202). Neben solchen administrativen Hürden stehen die Meshrabpomfilm-Verantwortlichen im Zuge des Umschwenkens auf Filmproduktionen für den internationalen Markt vor einer technischen Herausforderung. So werden bereits Ende der 1920er in den meisten europäischen sowie amerikanischen Kinos nicht mehr Stummfilme, sondern moderne Tonfilme gezeigt (Bernatchez 2006: 175). In der Sowjetunion forschen Erfinder hingegen weiter an einer eigenen Tonfilmtechnik (ebenda). Damit sollen die Patentgebühren für ausländische technische Systeme gespart werden (ebenda). Im Ergebnis können die sowjetischen Kinozuschauer die ersten Tonfilme wie etwa „Odna“ oder „Goldene Berge“ erst im Jahr 1931 sehen (ebenda: 180). Meshrapomfilm beginnt 1929 mit Tonfilmversuchen (May 2001: 56). Das Debüt „Der Weg ins Leben“ entsteht im Jahr 1931 mit der eigenen Technik Tagefon (ebenda; Bulgakowa 1995b: 191).

Theaterregisseur Erwin Piscator erscheint 1930 den Meshrabpomfilm-Verantwortlichen als der Kandidat, mit dem sich sämtliche Ziele und Herausforderungen realisieren lassen. Dies belegt das Schreiben „Streng geheim!“ vom 10. Oktober 1931 der Meshrabpomfilm an die Komintern (Streng geheim! An die Komintern zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202-205): „[N]atürlich führten wir unsere ersten Verhandlungen mit dem Genossen Erwin Piscator, der uns auf Grund seiner langjährigen Mitgliedschaft i[n] der KPD, der Leitung eines revolutionären Theaters und einer neuen Theaterbewegung für die Realisierung unserer Pläne für Tonfilme mit internationaler Thematik am geeignetsten erschien“ (ebenda: 202). Bei zahlreichen Theaterinszenierungen verwendet er bereits „neuartige bühnentechnische Hilfsmittel“ wie Laufbänder oder Etagenbühnen (Arnold 2003: 64). Außerdem dreht Piscator kurze Filmszenen, die er zeitweise als „Einlagen oder Ausweitungen“ von Theaterhandlungen im Bühnenhintergrund einblenden lässt (ebenda). Wohl aufgrund dieser Erfahrungen mit politischem Theater und dem Dreh von Filmszenen entschließt sich die Meshrabpomfilm dazu, auf Piscators Forderungen einzugehen und ihm das für das Filmstudio „ungewöhnlich[...] [hohe] Honorar“ in Höhe von 16000 Rubel zu zahlen: „[A]ndernfalls wäre es uns nicht gelungen, Piscator […] zu gewinnen“ (ebenda). Schließlich gehen die Verantwortlichen davon aus, „dass der in kommunistischen wie in bürgerlichen Kreisen als großer Künstler anerkannte Piscator in der Lage sein würde, einen wirklich starken und guten Film zu drehen“ (ebenda: 205).

Für Erwin Piscator erfüllt sich mit dem Filmengagement „ein[...] lang gehegt[er] Wunsch“ (Haarmann 1991: 61). So will er sich als Regisseur stärker künstlerisch verwirklichen: Nach der Theaterpremiere von „Des Kaiser Kulies“ am 31. August 1930 (Haarmann 2002: 20) – eine Anklage der Lebens- und Arbeitsbedingungen deutscher Matrosen – befindet er, dass das von ihm inszenierte Drama als Bühnenfassung „mißlang“ (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202). Der Grund: „[W]eil die Darstellung der Realität, die dem Buch [Theodor] Pliv[iers] zu s[einem] Erfolg verholfen hatte, auf der konstruktiven Bühne nicht zur Wirkung kam, während sie für den Film direkt geschrieben scheint“ (Erwin Piscator: Anmerkungen zu einem Bericht über Meshrabpomfilm und Piscator über seine Arbeit, 2. Oktober 1931 zitiert nach Haarmann 2002a: 20). Aufgrund seines Ansehens seitens der Verantwortlichen bei Meshrabpomfilm bot sich für Piscator neben der künstlerischen Herausforderung eine finanzielle Chance: So ist er nach der Insolvenz seiner beiden Theater am Nollendorfplatz in Berlin – die Piscator-Bühnen I und II – dazu gezwungen, „sich nach entsprechend honorierten Arbeiten umzusehen“ (Diezel 2004: 39). Nur wenn es ihm gelänge, seine Schulden vollständig abzubauen, würde ihm „von den Behörden in Deutschland ein Neueinstieg als Theaterleiter genehmigt“ (ebenda). Eine Möglichkeit dazu sieht er etwa darin, den Roman von Plivier zu verfilmen (ebenda).

3.2 Produktionsumstände

Als Inhalt für den Piscator-Film vereinbaren Meshrabpomfilm und der Regisseur im November 1930 in Moskau eine Handlung über den Aufstand der Kieler Matrosen 1918 (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202; Piscator 1934: 302). Beide schließen darüber einen Vertrag ab (ebenda). Zudem ist vorgesehen, dass Ernst Toller das Drehbuch schreibt, der das Thema in seinem Theaterstück „Feuer aus den Kesseln“ bereits bearbeitet hat (ebenda). Meshrabpomfilm nimmt Toller daraufhin unter Vertrag und plant den Beginn der Dreharbeiten im Februar 1931 (ebenda). Nach der Rückkehr Piscators von den Vertragsverhandlungen, ändert der Theatermann in Berlin seine Meinung und schlägt Meshrabpomfilm Theodor Plivier als Drehbuchautor vor (ebenda): „Plivier's Buch ist ein aussergewöhnlich gutes Material für einen Film, viel stärker als das Drama von Toller“, schreibt er in dem Dokument, dass einem Schreiben an die Agitations- und Propagandaabteilung (Agitprop) der Kommunistischen Internationale beigelegt wurde (Tatsachen zitiert nach Haarmann 2002a: 20). Zudem liege das Stück von Plivier, das Piscator an seinem Theater selbst dramatisiert hat, im Gegensatz zu Tollers Schauspiel, „das wohl einen größeren bürgerlichen Erfolg hatte“, laut der linken Wochenzeitung Rote Fahne „hundertprozentig richtig in seiner politischen Einstellung“ (ebenda). Um Piscators Wunsch zu entsprechen kauft Meshrabpomfilm die Rechte an Pliviers Roman und schließt mit ihm ebenso einen Autorenvertrag (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202). Doch der Theatermann ändert seinen Wunsch erneut, kann sich bald überhaupt nicht mehr für einen der beiden entscheiden, hat „jeden Tag eine andere Meinung“ (ebenda). Der Vertrag mit Plivier ist inzwischen geplatzt und Erwin Piscator arbeitet[...] am Drehuch mit Toller weiter (ebenda). Schließlich wird im April 1931 Georgi Grebner als Drehbuchautor beschlossen und Piscator eine Zusage gegeben, die von ihm geforderte Voraussetzung (Haarmann 2002a: 22) zu schaffen, eine Drehgenehmigung für Aufnahmen auf Kriegsschiffen der Roten Flotte zu organisieren (ebenda). Weil das sowjetische Außenministerium „deutsche Protestnoten wegen der eindeutig [im Film vorgesehenen] positiven Bewertung der [durch den Matrosenaufstand ausgelösten] gescheiterten [November-] Revolution“ befürchtet, stößt dieser Wunsch allerdings auf Ablehnung (Haarmann 1991: 95; Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202). Deshalb muss nach neuem Stoff für den Piscator-Film gesucht werden (Haarmann 2002a: 22; Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 202).

Das Stück, das letztendlich anstelle von Pliviers Schauspiel verfilmt wird, ist die Novelle von Anna Seghers „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 203). Im Gegensatz zur Geschichte in Seghers Roman nimmt der Aufstand bei Piscator einen deutlich positiveren Verlauf. Dies wird am Schluss des Films am deutlichsten: Während die Autorin das Scheitern des Aufstands mit den Worten „Der Aufstand der Fischer von St. Barbara endete mit der verspäteten Ausfahrt zu den Bedingungen der vergangenen vier Jahre“ bereits in den ersten Zeilen ihres Romans vorwegnimmt (Seghers 1966: 7), setzt Piscator auf „stete[...] dramatische [...] Zuspitzung der Konflikte“ und ein „optimistische[s] Finale“ (Haarmann 2002a: 54). Anliegen dieses positiven Endes ist es, die Einheitsfront zu propagieren, also den Zusammenschluss von KPD und SPD, womit „[a]ngesichts der zunehmende[n] Faschisierung“ eine „nationalsozialistische[...] Überrumpelung“ durch die NSDAP vereint bekämpft werden soll (ebenda: 53).

Dazu schreibt Piscator in einem undatierten vierseitigen Manuskript „Als ich den Film begann, marschierten 3 Armeen auf den Berliner Straßen: Schwarz / Rot / Gold, Rot und Rot mit Hakenkreuz. Es war keine Zeit mehr zu verlieren. Drängend wie noch nie, schien es, irgend etwas zu tun, das vorhandene Unheil abzuwenden, wohl wissend, dass kein Theater oder Film das tun könne – aber wenn man auch nur ein Geringes beitragen könnte! (Notizen zitiert nach Goergen 1993: 16). Konkret will er insbesondere den am ehesten für den Nationalsozialismus anfälligen und sich diesem ergebenen selbstständigen Kleinbauern der Mittelschicht vor Augen führen, dass sie unabhängig bleiben können, wenn sie sich organisieren (Haarmann 2002a: 54). Dazu legt Piscator besonderes Augenmerk auf die Rolle der Kleinfischer, die stellvertretend für deutsche Kleinbürger agieren, sowie implementiert – als eine die Interessen von Kleinbauern und Arbeitern vertretende Organisation – die Seemannsgewerkschaft (Haarmann 1991: 103). In der Realität diffamieren sich kommunistische und sozialdemokratische Kräfte jedoch gegenseitig und ist die Arbeiterbewegung bezüglich von Lösungen für die wirtschaftliche Krise zudem tief gespalten (Haarmann 2002a: 53; Haarmann 1991: 103). Aus diesem Grund propagiert Regisseur Erwin Piscator nicht nur die Einheitsfront, sondern argumentiert[...] bereits für die Schaffung eines breiteren antifaschistischen Bündnisses, die Volksfront (Haarmann 1991: 104).

Nachdem Anna Seghers in Spanien verorteter „Aufstand der Fischer von St. Barbara“ als neuer Filmstoff feststeht, Piscator im Juli 1931 mit seinem Tonmeister das Drehbuch erstellt und Georgi Grebner alle Akte dazu erarbeitet hat (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 203), könnten die Dreharbeiten beginnen. Vorgesehen sind eine deutsche sowie eine russische Fassung (Haarmann 1991: 100). Weil der Regisseur aber verschiedene Forderungen an die Meshrabpomfilm-Verantwortlichen richtet (Streng geheim! 1931 zitiert nach Bulgakowa 1995a: 203-204), kommt es zu Verzögerungen: So äußert Piscator wechselnde Personalwünsche bezüglich seines Drehstabs, verlangt ein höheres Honorar von inzwischen 18000 Rubel sowie beansprucht ein eigenes für ihn eingerichtetes Ton- und Filmvorführstudio am Drehort in Odessa. Für den Fall, das die Forderungen nicht erfüllt werden, drohe Piscator stets mit Abbruch der Dreharbeiten, beschreiben Meshrabpomfilm-Verantwortliche im Protokoll „Streng Geheim!“ der Komintern die tägliche Zusammenarbeit (ebenda: 203). Zudem informiere Piscator seine Mitglieder des Drehstabs nicht über Änderungen im Drehbuch, habe keine Vorstellung von Raumverhältnissen im Film sowie beleidige Mitarbeiter immer wieder, heißt es weiter (ebenda). Weil die Meshabpomfilm-Verantwortlichen jedoch befürchten, dass der Abbruch der Arbeiten einen großen politischen Skandal in Deutschland auslösen und das Ansehen des Studios leiden würde, gingen die Verantwortlichen auf sämtliche Forderungen ein (ebenda: 204-205). Zwar räumen die Verantwortlichen ein, dass der Zeitplan aufgrund eines Feuers im Studio in Moskau, in dem im August 1931 erste Filmszenen gedreht werden sollten, sowie aufgrund von Materialproblemen beim Bau des Kulissendorfs ebenso nicht eingehalten würde (ebenda: 203; 204). Da sich Piscator allerdings nicht nur launisch, sondern zudem hilflos am Drehort präsentiere, sei ein Abschluss der Filmarbeiten nicht zu erwarten sowie sei jede weitere Geldausgabe über das Normalmaß hinaus ungerechtfertigt (ebenda: 205). Aus diesem Grund bitten die Autoren des Protokolls die Verantwortlichen des internationales Bündnisses kommunistischer Parteien um eine Stellungnahme darüber, ob ein Stopp der Dreharbeiten politisch verantwortet werden könnte, wenn Piscator Anordnungen von Meshrabpomfilm künftig „nicht Folge leistet“ (ebenda: 205). Als eine Maßnahme, um dies zu verhindern, hat der erfahrene sowjetische Filmregisseur Lew Kuleschow dem Theatermann ein neues Drehbuch samt Zeitplan geschrieben und Mitarbeiter seines Drehstabs zur Verfügung gestellt (ebenda: 204).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Exilfilm "Aufstand der Fischer". Politisch kritisiert oder kritisch gewürdigt?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Exilpublizistik/ Filme
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V449923
ISBN (eBook)
9783668839892
ISBN (Buch)
9783668839908
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erwin Piscator, Aufstand der Fischer, Exilpublizistik, Meshrabpom
Arbeit zitieren
Elke Kögler (Autor), 2016, Der Exilfilm "Aufstand der Fischer". Politisch kritisiert oder kritisch gewürdigt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/449923

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Exilfilm "Aufstand der Fischer". Politisch kritisiert oder kritisch gewürdigt?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden