Der Einfluss soziodemografischer Variablen auf die Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken


Bachelorarbeit, 2018

44 Seiten, Note: 3,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definition und Abgrenzung der Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken
2.2 Definition und Abgrenzung von soziodemografischen Variablen
2.3 Übersicht der soziodemografischen Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung der Gesundheitsrisiken
2.3.1 Geschlecht
2.3.2 Alter
2.3.3 Bildung
2.3.4 Familiensituation
2.3.5 Einkommen

3. Empirische Ergebnisse
3.1 Studienübersicht Abbildung 2: Studienübersicht
3.2 Der Einfluss von biologischen und psychologischen Aspekten des Geschlechts auf die Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken
3.2.1 Methodik und zentrale Ergebnisse
3.2.2 Kritische Auseinandersetzung
3.3 Variablen mit Einfluss auf die Wahrnehmung von berufsbedingten Gesundheitsrisiken
3.3.1 Methodik und zentrale Ergebnisse
3.3.2 Kritische Auseinandersetzung
3.4 Wahrnehmung bestimmter Risiken und der diesbezügliche Informationsstand der Bevölkerung
3.4.1 Methodik und zentrale Ergebnisse
3.4.2 Kritische Auseinandersetzung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Übersicht der soziodemografischen Variablen

Abbildung 2: Studienübersicht

Abbildung 3: Unterschiede in der Berufsrisikowahmehmung von Arbeitern (1)

Abbildung 4: Unterschiede in der Berufsrisikowahmehmung von Arbeitern (2)

1. Einleitung

Adipositas, Herzkrankheiten und Bluthochdruck sind Gesundheitsprobleme, die vor allem in den Industriestaaten auftauchen. In Entwicklungsländern sind es hingegen oft Hungersnöte oder Seuchen. Diesen Gefahren für die Gesund­heit sind Menschen in den jeweiligen Ländern Tag für Tag ausgesetzt. Aber weshalb sind Gesundheitsrisiken von Land zu Land so verschieden? In den Industrieländern haben die meisten Menschen genügend zu essen, teilweise sogar zu viel. Sie essen nicht, um zu leben, sondern aus Genuss. Eine gesunde Ernährung spielt da häufig eine eher untergeordnete Rolle, weswegen diese Essgewohnheiten vermehrt zu Arterienverkalkungen führen und somit einen Schlaganfall oder Herzinfarkt verursachen können. Dafür sind in Industrielän- dem Seuchen kein großes Problem, da man in fast allen dieser Staaten bereits als Kind geimpft wird, wodurch viele Krankheiten, wie zum Beispiel Polio oder Diphtérie, ausgemerzt werden. In Entwicklungsländern fehlt allerdings das Geld für derartige Maßnahmen und ebenso kann die Behandlung vieler Krankheiten nicht auf einem solch hohen Niveau durchgeführt werden, wie in reicheren Ländern. Diese unterschiedliche Risikoaussetzung spiegelt sich na­türlich auch in einer unterschiedlichen Risikowahrnehmung wider. Da manche Menschen einfach weniger mit bestimmten Risiken konfrontiert werden als andere, sehen sie auch oft diesbezüglich ein niedrigeres, beziehungsweise gar kein, Risiko für sich selbst. Dass diese Unterschiede geografisch bedingt sein können, konnte man anhand des Beispiels gerade sehen. Allerdings gibt es noch viele andere Faktoren, die die Risikowahrnehmung beeinflussen können. Diese herauszuflnden und deren tatsächlichen Einfluss zu erforschen, wird immer relevanter in der Gesellschaft. Es liegt im Interesse vieler Akteure - wie zum Beispiel Staat, Verbraucher, Versichemngen und Ärzte -, die Bevölke­rung dahingehend aufzuklären, ihre Risiken weitestgehend optimal einzuschät­zen. Hierfür ist die Forschung nach den Einflussfaktoren der Gesundheitsrisi­ken und deren Wahrnehmung sehr entscheidend und wird auch immer häufiger von verschiedenen Wirtschaftsforschem und Soziologen aufgenommen.

Auch die vorliegende Arbeit befasst sich mit der soeben dargestellten Proble­matik. Ziel ist es, die Einflussfaktoren auf die Gesundheitsrisikowahrnehmung aufzuzeigen und deutlich zu machen, welche Risikogruppen bei welchen Be- völkerungsgruppen unterschätzt werden und wo man ansetzen sollte, um diese Situation zu verbessern. Hierfür wird zuerst allgemein auf die Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken und deren Einflussfaktoren eingegangen, indem die beiden Begrifflichkeiten definiert und anhand von Beispielen veranschaulicht werden. Danach soll ein Überblick über die einzelnen Soziodemografika gege­ben werden, in dem deutlich wird, inwiefern jede einzelne Variable die Wahr­nehmung von Individuen beeinflusst. Im dritten Teil der Arbeit werden dann einzelne Studien ausgewählt, die bezüglich ihrer Methodik und ihren Ergebnis­sen analysiert und kritisch betrachtet werden, bevor zuletzt noch ein Blick in die Zukunft geworfen wird und Handlungsempfehlungen für die Forschung und die betroffenen Akteure abgeleitet werden.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definition und Abgrenzung der Wahrnehmung von Gesundheitsri­siken

Zuallererst steht natürlich die Frage im Raum: was sind überhaupt Gesund­heitsrisiken und wie nimmt man sie wahr?

Gesundheitsrisiken sind im Endeffekt, grob ausgedrückt, sämtliche Risiken, die im Alltag oder auch in ganz speziellen Situationen vorhanden sind und durch die es zu einer Erkrankung oder einem Einfall kommen kann. Die Liste dieser ist unausführbar lang und reicht von einer Grippeinfektion, über das simple Stolpern und Stürzen, bis hin zu gefährlichen Unfällen und emstzunehmenden Erkrankungen. Vorkommen können diese verschiedenen Gesundheitsrisiken genauso häufig und überraschend wie ihr Spektrum vielleicht vermuten lässt. Ob nun bei Tag oder bei Nacht, im Alltag oder im Beruf, in den eigenen vier Wänden, beim Autofahren oder sogar einfach nur beim Sonntagsspaziergang, es ist zu jedem Lebenszeitpunkt und bei jeder Lebenshandlung ein gewisses Risiko vorhanden. Man sieht also, die Gesundheit ist permanent durch ver­schiedenste Einflüsse gefährdet, wenn auch in manchen Situationen mehr und in anderen weniger stark. Einige dieser Situationen sind natürlich für ihr Risiko bekannt und nahezu jeder Mensch weiß, worauf er/sie sich einlässt. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn ein Individuum das Hobby des Bergsteigens aus­übt und sich der Gefahr dessen durchaus bewusst ist. Allerdings gibt es genau­so wie die offensichtlichen, auch die weniger offensichtlichen, teilweise sogar unbemerkten Risiken. Genau diese speziellen Risikogruppen sind aber die, von denen die meiste Gefahr ausgeht, auch wenn sie zuerst nicht einmal sonderlich schwerwiegend klingen. Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben wären hierfür Nahrungsmittelrisiken, mit denen jeder Mensch täglich konfrontiert wird. In diesem Bereich gibt es mehrere Komponenten, nämlich Fett, Zucker, Pestizide und bestimmte Zusatzstoffe, die dem Körper schaden können, um nur einmal einige zu nennen. Manche hiervon sind zusammen mit ihren Auswirkungen, wie in etwa fettige Ernährung, die beispielsweise zu Adipositas oder Schlagan­fällen führen kann, fast allen Menschen bekannt. Ob man sich davon nun zu einer Verhaltensbesserung animieren lässt oder nicht, sei dahingestellt. Genau­so gibt es aber auch teilweise Risiken, die vielen Leuten selbst, oder zumindest im Hinblick auf ihre Folgen, nicht bekannt sind. An dieser Stelle kommt nun die Wahrnehmung jener Gesundheitsrisiken ins Spiel.

Die Risikowahmehmung ist, wie es für eine Wahrnehmung typisch ist, zuerst einmal abhängig von der Erkennung eines Risikos durch aufmerksame Analyse einer Situation. Dieser Vorgang kann sowohl bewusst, als auch unterbewusst ablaufen. Hierbei wird festgestellt, ob eine mögliche Gefährdung überhaupt als solche wahrgenommen wird. Dann gibt es aber noch einen weiteren Aspekt in der Beeinflussung der Risikowahmehmung, nämlich die subjektive Einschät­zung der wahrgenommen Gefährdungen. Ist eine Gefahrensituation erst einmal als solche wahrgenommen worden, so heißt das nicht automatisch, dass die Gefahr auch richtig eingeschätzt, beziehungsweise nicht über- oder unter­schätzt wird. In diesem Bereich liegt die Entscheidung bei jedem Individuum allein. Jeder Mensch schätzt daher dieselben Situationen als unterschiedlich gefährlich ein. Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass es trotz richtiger Einordnung immer noch möglich ist, ein Risiko einzugehen. Erklärbar ist die­ses Verhalten mit der subjektiven Abwägung von Kosten und Nutzen einer Handlung. Sehr gut beschrieben wird dieser Umstand von Sjöberg, Moen & Rundmo (2004, s.8):

״Risk perception is the subjective assessment of the probability of a specified type of accident happening and how concerned we are with the consequences. To perceive risk includes evaluations of the probabil­ity as well as the consequences of a negative outcome.“

Mit anderen Worten wird Risikowahrnehmung von den Autoren sozusagen als eine subjektive Bewertung von Unfallfolgen und deren Eintrittswahrschein­lichkeit beschrieben. Jedes Individuum wird eine Situation dementsprechend nach den wahrgenommenen Gewinnmöglichkeiten und dem möglichen Scha­den bewerten. Dieser Vorgang hängt oft von der subjektiven Wichtigkeit des möglichen Gewinns ab und ist daher auch bei jedem Menschen anders. Nun wird die Problematik der unterschiedlichen und durchaus unkalkulierbaren Risikowahmehmung immer deutlicher. Deswegen wurde und wird noch immer in zahlreichen Studien untersucht, wie man die Einschätzung nachvollziehbarer darstellen kann und welche Größen sie überhaupt beeinflussen, was in dieser Arbeit erörtert werden soll.

2.2 Definition und Abgrenzung von soziodemografischen Variablen

Man sieht an den obigen Ausführungen, wie Gesundheitsrisiken auf Menschen einwirken und wie unterschiedlich die Wahrnehmung dieser von Mensch zu Mensch ausfallen kann. Ob es nun zu einer richtigen, zu niedrigen bezie­hungsweise überhöhten Einschätzung, oder gar zu einer Ignoranz eines Risikos kommt, hat oft verschiedene Gründe und Einflussfaktoren. In dieser Arbeit werden einige Variablen mit signifikantem Einfluss auf die abweichende Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken der Individuen ausgewählt und vorge­stellt.

Nun ist prinzipiell zu klären, was soziodemograflsche Variablen überhaupt sind und welche besonders aussagekräftig sind. Grundsätzlich werden sie dazu ge­nutzt, um in einer durch große Heterogenität geprägten Gesellschaft eine ge­wisse Zuordnung einzelner Individuen zu einer Gruppe zu erreichen. Innerhalb dieser verschiedenen Gruppen sind alle Individuen in mindestens einem Merkmal gleich. Da diese Variablen soziodemograflscher Art sein sollen, sind die Merkmale, nach denen sortiert wird, sozioökonomischer und demografı- scher Art. Wie Kiechle (2003, S.31) schon schrieb, können soziodemograflsche Variablen ״als unabhängige Variablen, die nicht nur den sozialen und sozial­räumlichen Kontext, sondern auch das Alter als aussagekräftigen Indikator mit einschließen, die subjektive Wahrnehmung strukturieren“. Auf diesem Weg kristallisieren sich auch schon die ersten offensichtlichen, die sogenannten ״harten Demografika“ heraus. Denn Charakteristika wie das Geschlecht oder das Alter sind die vermutlich einflussreichsten und wohl auch die am einfachs­ten zu ermittelnden Faktoren. Aufgrund dessen werden diese beiden Eigen­schäften in dieser Arbeit auch als Erstes behandelt. Allerdings gibt es noch viele weitere Faktoren, anhand derer man eine Gesellschaft strukturieren kann. Leicht herauszuflnden sind neben Geschlecht und Alter außerdem noch Her­kunft, Wohnort, Familienstand und Haushaltsgröße. Eher schwierig zu ermit- tein sind die restlichen bedeutsamen Charakteristika von Menschen. Hierzu zählen Größen wie das Einkommen, der Bildungsstand eines Individuums, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht und das Wahlverhalten (s. Abbildung 1). Einkommen und Bildung bilden zusammen mit dem sozialen Milieu den

Begriff des sozioökonomischen Status, der gegen Ende dieser Arbeit öfter verwendet wird.

Abbildung 1: Übersicht der sozio demo grafischen Variablen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Abbildung

Welche dieser Faktoren aber letztendlich tatsächlich einen nennenswerten Ein­fluss auf die untersuchte Wahrnehmung haben, ist erst durch die Vielzahl bis­heriger Studien erkennbar. Einen kurzen Überblick über die wichtigsten Er­gebnisse gibt das nächste Kapitel. In dieser Arbeit werden von den offensicht­liehen Variablen, neben den zuvor schon genannten Geschlecht und Alter, auch die aktuelle Familiensituation miteinbezogen, da die Familie im Leben den größten Anteil ausmacht und eine Person auf vielen Wegen stark beeinflussen kann. Von den restlichen Variablen wurden außerdem das Einkommen und die Bildung ausgewählt, weil diese beiden Faktoren grundlegend Einfluss auf die Lebensweise eines Individuums haben. Daher werden vom Autor bei all diesen Variablen deutlich erkennbare Unterschiede erwartet.

2.3 Übersicht der soziodemografischen Einflussfaktoren auf die Wahrnehmung der Gesundheitsrisiken

2.3.1 Geschlecht

Als ersten Einflussfaktor wird hier das Geschlecht genannt. Das geschlechter­spezifische Gesundheitsverhalten unterscheidet sich in vielen Punkten so signi- flkant, dass man dieses Merkmal durchaus als das Dominanteste bezeichnen kann. Einen Hinweis hierfür liefert die in mehreren Studien belegte Tatsache, dass die Lebenserwartung von Männern in unseren westlichen Industrieländern um sieben Jahre unter der von Frauen liegt (Courtenay, 2000b, S.1385; Ehrlich, 2006, S.378). Hierbei darf man nicht außer Acht lassen, dass gesundheitsrele­vante Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen nicht nur ausschließlich durch das biologische Geschlecht und die damit verbundene Krankheitsanfäl­ligkeit begründet sind, sondern ebenso durch den Aspekt des ״Gender“ (See­baß, 2016, s.11-12). Dieser Begriff beinhaltet die soziale Zuschreibung von Geschlechtern und die dadurch entwickelten psychologischen Eigenschaften, die beide unterscheiden.

Laut einer Studie von Hurrelmann (1995, s. 194-196) wurde in den Bereichen aggressiv-ausagierendes Verhalten und allgemein gesundheitsschädigendem Verhalten im Vergleich zwischen Mann und Frau eine deutliche Mehrheit an Männern mit genannten Verhaltensweisen festgestellt. Auch in den Bereichen mangelnde sportliche Betätigung, Rauchen und Alkoholkonsum sind Männer in der Regel eher anzutreffen (Filippidis, Agaku & Vardavas, 2016, S.15). Dass diese Anhäufung von gefährlichem Verhalten sich auch auf die Gesundheit der Betroffenen auswirkt, ist anhand einer Statistik, die die Anzahl aller möglichen Todesursachen untersucht, ersichtlich: von plötzlichem Kindstod, über tödliche Unfälle und gewalttätige Auseinandersetzungen bis hin zu Substanzmissbräu­chen, ist das Mortalitätsrisiko für Männer in fast allen Bereichen höher als für Frauen (Schneider, 2002, s.58-59).

Einerseits rührt diese Mortalitätsquote von der biologischen Veranlagung her, die Männer anfälliger für gefährliche Erkrankungen macht. Häufigstes Beispiel hierfür sind kardio-vaskuläre Krankheiten. Noch problematischer wird dieser Aspekt allerdings durch die Ergebnisse von Ehrlich (2006, s.383-384), Lemy- re, Lee, Mercier, Bouchard & Krewski (2006, s. 190) und auch von Courtenay (2000b, S.1386), nach denen Männer eine schlechtere Symptomwahrnehmung haben und zudem auch noch eher dazu neigen gesundheitliche Probleme zu verdrängen. Dieses Phänomen spiegelt sich außerdem in der unterschiedlichen Häufigkeit der Arztbesuche wider. Während Frauen schon bei leichten Be­schwerden medizinischen Beistand suchen, zögern Männer, statistisch gesehen, die Konsultation eines Arztes eher hinaus, in der Hoffnung einer Genesung ohne Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe (Ehrlich, 2006, s.383-384; Gil-Lacruz & Gil-Lacruz, 2010, S.786). Diese Diskrepanz könnte einerseits daher kom­men, dass für das starke Geschlecht später und seltener Vorsorgeuntersuchun­gen angeboten werden, was bei dem weiblichen Teil der Bevölkerung schon in frühen Jahren bei der gynäkologischen Früherkennungsmaßnahme der Fall ist. Als alternativen Erklärungsversuch, kann man auch die für Männer ungünstig gelegenen Sprechzeiten aufführen. Gemeint ist damit die Tatsache, dass Ärzte ihre Sprechzeiten typischerweise vormittags und/oder am frühen Nachmittag angesetzt haben, was für den arbeitenden Bevölkerungsteil ungünstig ist und die Möglichkeit eines Arztbesuchs verkompliziert (Ehrlich, 2006, S.381). Die­ses Argument impliziert allerdings, dass Männer öfter als Frauen einem regel­mäßigen Beruf mit festen Arbeitszeiten nachgehen, was heutzutage sicherlich nicht mehr zwingend der Realität entspricht und daher das Konsultationsver­halten beider Geschlechter gleich stark beeinflussen dürfte.

Eine solche veraltete Ansicht der Aufgabe des Mannes führt aber auch schon zum zweiten Erklärungsversuch der obigen Mortalitätsrate. Dieser zielt näm- lieh auf das traditionelle Rollenverständnis ab, welches vor allem in den Köp­fen vieler Männer noch verankert ist (Courtenay, 2000b, s. 1389; Ehrlich, 2006, S.379). Hierbei geht es primär um die Wahrnehmung eines starken und eines schwachen Geschlechts. Wichtigster Punkt bei dieser Sichtweise ist die An­nähme, der männliche Körper sei stärker und halte mehr aus als der weibliche. Durch diesen Glauben bestärkt, gefährden sich männliche Individuen - sowohl alt als auch jung - öfter auf verschiedenste Weisen: das männliche Risikover­halten ist daher in den Bereichen Rauchen, Alkoholkonsum, Fahrverhalten und der Unterschätzung vieler allgegenwärtiger Risiken, wie zum Beispiel UV- Strahlen und Fehlernährung, wesentlich ausgeprägter als das des anderen Ge- schlechts (Courtenay, 2000b, S.1389; Ehrlich, 2006, s.379-380). Viele dieser Verhaltensweisen zielen darauf ab, vor Freunden und Bekannten als ״männ- lieh“ zu gelten. Diese Menschen sind der Meinung, ein Mann muss männlich sein, und wer gefährliche Situationen meistert oder Schmerzen herunter spi eit und danach trotzdem unbeschadet bleibt, kann in ihren Augen als stark, unab­hängig und eben männlich bezeichnet werden. Viele Männer demonstrieren dies des öfteren dadurch, dass sie trotz Krankheit arbeiten, denken, mit wenig Schlaf auszukommen, angeben trotz Alkoholkonsum weiterhin fahrtüchtig zu sein, Schlägereien suchen und gefährlichen Sport treiben (Courtenay, 2000a, S.8). All die genannten Tätigkeiten - und noch viele mehr - macht sie natürlich anfälliger für gesundheitliche Probleme, denn ״diese ,Passung‘ des Verhaltens zur jeweiligen Geschlechterrolle hat größeren Einfluss auf gesundheitsbezoge­nes Verhalten als biologische Faktoren (z.B. höhere Alkoholtoleranz bei Man- nern)“ (Brinkmann, 2014, S.44). Andererseits stärken sie aber immerhin die betroffenen Männer in ihrem Selbstbewusstsein, da jegliche anderen Verhal­tensweisen demnach auf Schwäche hindeuten. Dies kann zu einer Unzufrie­denheit hinsichtlich der eigenen Männlichkeit und möglicherweise zu damit einhergehenden psychischen Problemen führen kann. Was wiederum den Ge­sundheitszuStand negativ beeinflusst (Sonntag & Blättner, 1998, S.195). Diese Art von Selbstzweifel ist zum Beispiel bei Homosexuellen und Bisexuellen besonders verbreitet. Sie hegen das traditionelle Bild des Mannes sogar öfter als heterosexuelle Männer und versuchen danach zu leben, da sie in der Gesell­schaft oft den Ruf haben, unmännlich und schwächer zu sein (Courtenay, 2000b, S.1392). Um dieses Klischee zu beseitigen, riskieren sie auffallend oft ihre Gesundheit.

Im Allgemeinen kann man sagen, die beiden Geschlechter unterscheiden sich sowohl durch eine unterschiedliche Wahrnehmung einzelner Risiken, als auch durch die Wahrnehmung unterschiedlicher Risiken (Gustafson, 1998, S.806). Frauen sehen zum Beispiel im Durchschnitt ein größeres Risiko in ungesunden Essgewohnheiten (Dosman, Adamowicz & Hrudey, 2001, S.314; Ehrlich, 2006, S.384). Sie versuchen genmanipuliertes und mit vielen Zusatzstoffen versetzte Lebensmittel möglichst zu vermeiden. Des Weiteren achten sie Stär­ker auf ausgewogene Ernährung mit wenig fetthaltigen Nahrungsmitteln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss soziodemografischer Variablen auf die Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
3,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V450208
ISBN (eBook)
9783668854161
ISBN (Buch)
9783668854178
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Versicherung, soziodemografische Variablen, Gesundheitsrisiken, Wahrnehmung, Versicherungsmarkt, Alter, Geschlecht, Familienverhältnisse, Einkommen, Bildung
Arbeit zitieren
Oliver Kamm (Autor), 2018, Der Einfluss soziodemografischer Variablen auf die Wahrnehmung von Gesundheitsrisiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450208

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