Martial gilt als einer der bedeutendsten Epigrammatiker seiner Zeit, wenn nicht sogar als der Vertreter dieses Genres. Vielerorts hat man sich mit seinen ioci und ludi, wie er sie selbst nannte, beschäftigt, geben sie doch nicht zuletzt ein äußerst lebendiges Bild des damaligen Rom, seiner Gesellschaft, seiner Sitten und – auf keinen Fall zu vergessen – des Kaisers wider. Aber ist es ein realitätsnahes Bild, welches Martial in seinen Epigrammen zeichnet? Oder waren seine Gedichte, vor allem die panegyrischen unter ihnen, allein zum Selbstzweck gedacht?
Die meisten Epigramme sind in der Regierungszeit Domitians entstanden und der in diesen Werken enthaltene Servilismus hat Martial in frühen Interpretationen schnell zum sogenannten ‚Speichellecker‘ werden lassen. In jüngster Zeit wurden die entdeckten Anspielungen und Zweideutigkeiten dann immer mehr als Kritik am Kaiser identifiziert. Doch konnte ein Dichter aus dem Stande Martials wirklich so unverfroren über seine Poesie Kritik am gottgesandten Herrscher und seinen Amtshandlungen üben? Wie war die Beziehung zwischen Martial, dem schmeichelnden Dichter und Domitian, dem Tyrannenherrscher? Welche Absichten hegte Martial mit seinen panegyrischen Epigrammen? Und inwieweit hilft eine eingehende Untersuchung der Epigramme diese Fragen zu beantworten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Übersetzung und textnahe Interpretation von spec. 2
3. Übersetzung und textnahe Interpretation von ep. VI,4
4. Übersetzung und textnahe Interpretation von ep. IX,91
5. Das Verhältnis zwischen Martial und den flavischen Kaisern
5.1 Kaiserhuldigung
5. 2 Kaiserkritik
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem Dichter Martial und den flavischen Kaisern, insbesondere Domitian, anhand ausgewählter Epigramme. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die panegyrischen Dichtungen als aufrichtige Huldigung oder als kalkulierte Schmeichelei zu deuten sind und ob sich innerhalb der Texte Anzeichen für versteckte Kritik finden lassen.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Kaiserhuldigung und politischer Realität
- Untersuchung der rhetorischen Mittel und poetischen Strategien in Martials Werk
- Interpretation der Entwicklung des Verhältnisses zum Kaiser im Laufe der Schaffensphasen
- Bewertung von Martials Rolle als Dichter im flavischen Rom
- Diskussion des Begriffs der "blanditia" im Kontext antiker Gelegenheitsdichtung
Auszug aus dem Buch
3. Übersetzung und Interpretation von ep. VI,4
Das vierte Epigramm im sechsten Buch Martials gehört zum Lex Iulia Zyklus und behandelt die Ehegesetzgebung Domitians im Jahre 89 n. Chr., die an Augustus´ Zivilgesetzgebung von 18 v. Chr. anknüpft. Dies diente zum Einen zur Wiederherstellung der Moral, zum Anderen aber vor allem zur Durchsetzung der politischen Ziele des Kaisers, denn Rom befand sich zu diesem Zeitpunkt schon näher an der Krise des Römischen Reiches als zu Zeiten Augustus und Domitian erstrebte eine „Festigung und Erweiterung der äußeren Grenzen“15, sowie „innenpolitisch auf der Grundlage der Militärdiktatur […] die Zurückdrängung des Senatseinflusses“16. Martial nutzt diesen Moment für eine Reihe Epigramme, unter denen folgendes aufgrund seines stark panegyrischen Charakters auffällt:
Höchster Richter und Fürst der Fürsten, obwohl Rom dir schon so viele Triumphe verdankt, so viele entstehende Tempel, so viele wieder aufgebaute, so viele Schauspiele, so viele Götter, so viele Städte: verdankt es dir mehr noch: Dass es gesittet ist.17
Das Epigramm ist, wie Grewing richtig herausstellt, „eine einzige hymnische adlocutio principis“18, die in der griechischen Epigrammatik meist Göttern zuteilwird und das „Prinzip der wachsenden Glieder“19 aufweist, bei dem die sich steigernde Aufzählung den Anschein erweckt „ins Unendliche fortgesetzt werden“20 zu können. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die Akkumulation und Alliteration von tot (V. 2, 3, 4) während des gesamten Gedichts, durch die die mittleren drei Verse sehr parallel aufgebaut sind. Der Superlativ maxime (V. 1) stellt mit dem „inhaltlichen Superlativ“21 principum (V. 1) Domitian als besonders herausragend in seiner Funktion als Sittenrichter und Reichsoberhaupt dar. Durch censor (V. 1) und princeps (V. 1), welche Domitians wichtigste Funktionen bezeichnen und einen Rahmen um den Vers bilden, entsteht damit ein chiastischer Aufbau für den ersten Vers.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik und die wissenschaftliche Fragestellung bezüglich Martials Verhältnis zu den flavischen Kaisern.
2. Übersetzung und textnahe Interpretation von spec. 2: Analyse des Epigramms bezüglich der architektonischen Neugestaltung Roms unter den Flaviern im Kontrast zur Ära Neros.
3. Übersetzung und textnahe Interpretation von ep. VI,4: Untersuchung der hymnischen Anrede Domitians im Kontext seiner Ehegesetzgebung und moralischen Reformen.
4. Übersetzung und textnahe Interpretation von ep. IX,91: Analyse eines Beispiels extremer Adulation, in dem Domitian auf eine göttliche Stufe mit Jupiter gehoben wird.
5. Das Verhältnis zwischen Martial und den flavischen Kaisern: Synthese der Beobachtungen zur Kaiserhuldigung und den subtilen Formen der Kaiserkritik.
5.1 Kaiserhuldigung: Diskussion über die Notwendigkeit der panegyrischen Dichtung und die Rolle des Dichters in der sozialen Hierarchie.
5. 2 Kaiserkritik: Differenzierte Betrachtung der Intentionen hinter versteckten kritischen Anspielungen in Martials Epigrammen.
6. Schlusswort: Zusammenfassendes Urteil über die inszenierte Nähe zwischen Dichter und Kaiser sowie die Relevanz der literarischen Gestaltung.
Schlüsselwörter
Martial, Domitian, Epigramme, flavische Kaiser, Panegyrik, Adulation, Kaiserhuldigung, Kaiserkritik, antike Dichtung, römische Geschichte, Lex Iulia, Literaturwissenschaft, blanditia, Hofpoesie, Machtverhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis des Dichters Martial zum flavischen Kaiserhaus, insbesondere zu Domitian, anhand von drei ausgewählten Epigrammen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Spannungsfelder zwischen aufrichtiger Begeisterung und politischer Anpassung, die Rolle von "blanditia" (Schmeichelei) in der antiken Dichtung sowie die Topik der Kaiserverehrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Martials Lobgedichte als bloße Propaganda zu werten sind oder ob der Dichter innerhalb des panegyrischen Rahmens geschickt eigene Kritik oder Zweifel platzieren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Interpretation der ausgewählten Epigramme unter Berücksichtigung historischer Kontexte und literaturwissenschaftlicher Kommentare.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine detaillierte Analyse der Epigramme spec. 2, ep. VI,4 und ep. IX,91 sowie eine systematische Einordnung von Martials Verhalten in verschiedene Phasen seines Schaffens.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist charakterisiert durch Begriffe wie Panegyrik, Kaiserhuldigung, soziale Stellung des Dichters, rhetorische Stilmittel und die Rezeption des Kaisertums im 1. Jahrhundert n. Chr.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Neros Ära zu der der Flavier in den Epigrammen?
Martial nutzt eine antithetische Struktur, um die neronische Zeit als destruktiv und maßlos zu diskreditieren, während er die flavische Baupolitik als dem Wohl des römischen Volkes dienlich darstellt.
Warum wird das Epigramm IX, 91 als Höhepunkt der Adulation bezeichnet?
Weil Martial in diesem Gedicht Domitian auf eine Ebene mit dem Göttervater Jupiter stellt und sogar die Einladung des Kaisers der des Gottes vorzieht, was eine radikale Form der Vergöttlichung darstellt.
- Citation du texte
- Marie Theres Wittmann (Auteur), 2017, Das Verhältnis zwischen Martial und den flavischen Kaisern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450249