Jugendliche als Adressat(innen) der Sozialpädagogik. Gewaltpräventative Adressierung von Mädchen


Hausarbeit, 2018
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Geschlechtertheorien
2.1) Theorie der Geschlechterdifferenz
2.2) Theorie der Konstruktion der Geschlechter

3) Aggression und Gewalt

4) Mädchengewalt
4.1) Statistik
4.2) Empirische Untersuchungen
4.3) Erklärungszusammenhänge

5) Gewaltprävention
5.1) Begriffsbestimmung Prävention
5.2) Sozialpädagogische Gewaltprävention mit Mädchen
5.2.1) Personenbezogene und strukturbezogene Prävention
5.2.2) Primäre, sekundäre und tertiäre Gewaltprävention

6) Fazit

1) Einleitung

„Gewalt“ und „Jugend“ erscheinen in den öffentlichen Medien sowie im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder verknüpft. Dabei erweckt es den Eindruck, als sei „Jugendgewalt“ auch immer gleich „Jungengewalt“, wie auch Statistiken, Surveys und andere empirische Untersuchungen zeigen (vgl. Popp 2003: 195). Wird von den Begriffen Gewalt und Geschlecht gesprochen, so meist mit einer klaren Rollenaufteilung: das weibliche Geschlecht ist das Opfer von Gewalt, das männliche Geschlecht trägt den Täterstatus (vgl. Silkenbeumer 2007: 10). In den Medien wird jedoch unmissverständlich betont, dass zunehmend auch Mädchen gewalttätig auftreten. So beispielsweise im Jahr 2009 durch die Schlagzeile „Gewalt unter Mädchen. Lidstrich und Leberprellung“.1 Zu Beginn des Jahres 2018 berichtet Planet Wissen: „Jugendgewalt ist überwiegend Jungengewalt. Doch in Deutschland und überall in Europa tauchen immer häufiger junge Frauen in den Kriminalstatistiken auf. Sie bilden Gangs, klauen, schikanieren und schlagen zu“.2 Bereits die dramatisierende Art und Weise, wie in den Medien über das Phänomen der Mädchengewalt berichtet wird, deutet darauf hin, dass sie erschreckt und irritiert.

Das zentrale Interesse dieser Arbeit liegt darin, wie die Sozialpädagogik des deutschsprachigen Raums Mädchen gewaltpräventiv adressiert. Dazu wird ein Blick auf das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht gerichtet. Kapitel 2 beschäftigt sich mit den Theorien der Geschlechterdifferenz (2.1) und der Konstruktion der Geschlechter (2.2), die den Hintergrund für das gesellschaftliche Verständnis von Gewalt und Geschlecht bilden. Um einen Einblick in die Thematik zu erhalten, werden im 3. Kapitel die Begriffe der Aggression und der Gewalt definiert. Daraufhin widmet sich das 4. Kapitel einer Statistik (4.1), empirischen Untersuchungen (4.2) und Erklärungszusammenhängen (4.3) zur Gewalt von weiblichen Jugendlichen. Mit der Gewaltprävention beschäftigt sich das 5. Kapitel. Nach der Bestimmung des Begriffs der Prävention (5.1) wird die sozialpädagogische Gewaltprävention mit Mädchen fokussiert (5.2). Dazu werden die personenbezogene und die strukturbezogene Prävention vorgestellt (5.2.1), um dann auf die primäre, sekundäre und tertiäre Gewaltprävention mit Mädchen einzugehen (5.2.2). Die Arbeit schließt im 6. Kapitel mit einem Fazit.

2) Geschlechtertheorien

Wie bereits einleitend erwähnt scheint das Auftreten gewalttätiger Mädchen zu irritieren. Dies begründet Silkenbeumer damit, dass ein gewalttätiges Mädchen nicht mit dem kulturell vorherrschenden Bild des weiblichen Geschlechts übereinstimmt (vgl. 2002: 56 f.). Mädchengewalt widerspricht den gesellschaftlichen Normen gleich doppelt: Gewalttätige Mädchen handeln nicht nur entgegen dem allgemeinen Recht und gegen die Moral, sie stimmen auch nicht mit der Auffassung überein, dass das weibliche Geschlecht angepasst, friedfertig und empathisch ist (vgl. Näf/Kraus 2008: 61). Diese Betonung der Geschlechterunterschiede bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Differenzierungen innerhalb eines Geschlechts ist auf der Theorie der Geschlechterdifferenz begründet (3.1). Die Theorie der Konstruktion der Geschlechter hingegen versteht das soziale Geschlecht nicht als gegeben, sondern als interaktiv und situativ angeeignet (3.2).

2.1) Die Theorie der Geschlechterdifferenz

Die Theorie der Geschlechterdifferenz versucht, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern durch die Betrachtung von Geschlechtsstereotypen, -identitäten und -rollen zu erklären (vgl. Radmacher 2008: 199). Durch die Konstruktion dessen, was als „typisch weiblich“ und „typisch männlich“ gilt, wird so die Differenz verfestigt (vgl. ebd.). Die Haltung, dass durch das biologische Geschlecht eine Trennung der Geschlechter auch auf gesellschaftlicher Ebene „natürlich“ sei, stellt eine tief verankerte Tradition dar (vgl. Czollek et al. 2009: 22).

2.2) Die Theorie der Konstruktion der Geschlechter

Die in den USA aus den Women Studies entstandenen Gender Studies befassen sich mit dem Geschlechterverhältnis und untersuchen die Unterschiede und Beziehungen von biologischem und kulturellem Geschlecht (vgl. Czollek et al. 2009: 18). Als sich Gender Studies Mitte der 1980er Jahre in Deutschland etablierten, wurde der Begriff „Gender“ für das soziale, kulturell-gesellschaftlich hergestellte Geschlecht beibehalten (vgl. Czollek et al. 2009: 17 f.). Als Gegenstück zu „Gender“ wurde der Begriff „Sex“ für das biologische Geschlecht übernommen (vgl. ebd.). Weltweit lassen sich Menschen größtenteils eindeutig in eine der zwei biologischen Geschlechterkategorien, männlich oder weiblich, einteilen (vgl. Heeg 2009: 11). Was mit den beiden Geschlechtern verknüpft wird, unterscheidet sich aber von Kultur zu Kultur (vgl. ebd.). Wie Menschen handeln, resultiert demnach aus der jeweiligen Lebenslage (vgl. Heeg 2009: 12).

Die Theorie der Konstruktion der Geschlechter versteht die Rollen von Jungen und Männern sowie von Mädchen und Frauen als sozial erzeugt (vgl. Radmacher 2008: 199). Im Zusammenhang mit den Gender Studies wird dies als Genderkonstruktion bezeichnet (vgl. Czollek et al 2009: 21). Mädchen und Jungen lernen nach dieser Auffassung über die Sozialisation, wie sie sich ihrem Geschlecht entsprechend zu verhalten haben (vgl. ebd.). Laut Czollek, Perko und Weinbach lernen Jungen meist, dass ihre Gefühle zu unterdrücken und Selbstständigkeit sowie Durchsetzungsfähigkeit zu entwickeln seien (vgl. ebd.). Mädchen hingegen haben sich entgegengesetzt zu verhalten (vgl. ebd.). Die Auffassung der Genderkonstruktion besagt jedoch, „[…] dass keine „natürliche“ Ableitung des biologischen Geschlechts (Sex) auf die Rolle und die Funktion der Geschlechter Mann und Frau in der Gesellschaft angenommen werden kann“ (Czollek et al. 2009: 21). Somit sind die Funktionen und Rollen der Geschlechter veränderbar, was individuelle Selbstbestimmung und Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Geschlechts bedeutet (vgl. ebd: 22; vgl. Radmacher 2008: 199).

3) Aggression und Gewalt

Die Begriffe „Aggression“ und „Gewalt“ werden im Folgenden aufgrund ihrer für diese Arbeit zentralen Rolle dargestellt. Zu beiden Bezeichnungen existieren zwischen den einzelnen Disziplinen wie auch innerhalb des jeweiligen Diskurses verschiedene Definitionen. Angesichts der Überschneidungen innerhalb verschiedener Begriffsbestimmungen werden die beiden Begriffe in dieser Arbeit synonym verwendet.

In der wissenschaftlichen Tradition wird Aggression als ein der Gewalt übergeordneter Begriff verwendet (vgl. Simon 2009: 12). Nach diesem Verständnis ist Gewalt extreme, insbesondere körperliche Aggression (vgl. ebd.). Es fällt auf, dass die verschiedenen Definitionsversuche Aggression und Gewalt unterschiedlich eng oder weit fassen. In den folgenden Kapiteln wird eine eng gefasste Definition von Aggression verfolgt. Nach dieser sind mit Aggression physische und normabweichende Handlungen gemeint, die darauf abzielen, andere Personen zu verletzen oder Gegenstände zu beschädigen. Auch die Androhung des Herbeiführens einer Beeinträchtigung ist schon als aggressives Verhalten zu verstehen (vgl. Gollowitzer et al. 2007: 7). Wird Gewalt als extreme Form physischer Aggression aufgefasst, bezeichnet sie nur direkte und zielgerichtete Schädigungen von Menschen oder Sachen (vgl. Meier 2004: 20). Enge Definitionen wie diese ermöglichen es, Gewalt von anderen sozialen Phänomenen abzugrenzen (vgl. Meier 2004: 21). Eine Perspektive dieser Art vernachlässigt jedoch die psychische Gewalt und die Tatsache, dass verbale Angriffe, Erniedrigungen oder Nichtbeachtung sogar intensivere Auswirkungen auf ein Individuum haben können, als körperliche Verletzungen (vgl. ebd.). Weit gefasste Definitionen umfassen physische sowie psychische Gewalt. So versteht beispielsweise Ottermann darunter den Versuch, das Verhalten, Denken, Fühlen und/oder Handeln anderer zu beeinflussen, indem physischer oder psychischer Zwang angedroht oder angewendet wird (vgl. 2003: 164). Weder die Folgen, noch die Schädigungsabsicht sind bei psychischer Gewalt so offensichtlich wie bei physischer (vgl. Meier 2004: 21). Ob es sich um Gewalt handelt, hängt bei psychischer Gewalt daher stärker vom subjektiven Empfinden ab (vgl. ebd.).

In dieser Arbeit wird die personale beziehungsweise direkte Gewalt behandelt, sodass auf die Erläuterung von struktureller oder indirekter Gewalt ohne Akteur verzichtet wird. Mit dem Begriff der Gewalt sind im Folgenden sowohl physische als auch psychische Gewalthandlungen sowie deren Androhungen gemeint, die darauf abzielen, das Gegenüber zu schädigen.

4) Mädchengewalt

Dieses Kapitel beschäftigt sich zunächst mit der Polizeilichen Kriminalstatistik als Beispiel für eine offizielle Statistik, welche jugendliche Tatverdächtige nach getrennten Geschlechtern aufführt (4.1). Daraufhin werden vier empirische Untersuchungen dargestellt, die sich explizit mit dem Thema Mädchen und Gewalt befasst haben (4.2). Im Anschluss werden die Annahmen über Ursachen und Deutungsmuster unter dem Schlagwort „Erklärungszusammenhänge“ erläutert (4.3).

4.1) Statistik

Bei der Betrachtung der Kriminalstatistik aus dem Jahre 2016 zeigt sich, dass bei insgesamt 22.646 jugendlichen Tatverdächtigen nur 3.295 dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wurden (vgl. BMI: PKS 2016: 86). 2016 wurden männliche Jugendliche im Vergleich zu weiblichen also deutlich häufiger beschuldigt, Gewaltdelikte begangen zu haben. Allerdings verzeichnete die Polizeiliche Kriminalstatistik in den Jahren 2000- 2012 im bundesweiten geschlechtsbezogenen Vergleich einen prozentual höheren Zuwachs von durch Frauen verübten Gewaltdelikten (vgl. Schröder 2016, n. BMI: PKS 2000-2012). Equit verweist auf die Diskussion, ob offizielle Statistiken die Realität von Gewalt überhaupt abbilden können (vgl. 2011: 32 f.). Im Zuge dessen wird angeführt, dass sich die geschlechtliche Verteilung von Gewalt anders darstellen könnte, würde die Dunkelziffer (polizeilich nicht registrierte Gewalttaten) berücksichtigt (vgl. ebd.). Im Bereich selbstberichteter Delinquenz erscheinen die geschlechtsbezogenen Unterschiede geringer (vgl. Silkenbeumer 2011: 319). Während sich aus der Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik der Schluss ziehen lassen kann, dass die Gewaltbereitschaft von Mädchen und jungen Frauen steigt, geht aus dem Zweiten Periodischen Sicherheitsbericht des Bundeskriminalamts etwas anderes hervor. Die zuständigen Forscher_innen erklären den Anstieg mit einer erhöhten Sensibilisierung gegenüber Gewalt und einer gestiegenen Anzeigebereitschaft der Bevölkerung (vgl. BKA 2006: 354). Außerdem wird angeführt, dass eine veränderte Gesetzesgrundlage die Wahrscheinlichkeit der Registrierung von Gewalttaten bei Jugendlichen erhöht (vgl. ebd.: 355 f.). Es ist möglich, dass die steigenden Kriminalitätsraten in den amtlichen Statistiken keine Zunahme der realen Kriminalität von Mädchen abbilden, sondern lediglich eine Aufhellung des Dunkelfeldes darstellen (vgl. ebd.: 356).

Auch wenn die Darstellung hinsichtlich der realen Abbildung von Gewalt umstritten ist, so haben die Auswertungen offizieller Statistiken dazu geführt, dass Mädchen auch aus empirischer Sicht nicht mehr nur als Opfer, sondern auch als Täterinnen von Gewaltdelikten in den Blick rücken (vgl. Schröder 2016: 611).

4.2) Empirische Untersuchungen

Dieses Kapitel befasst sich mit den Forschungen zu Mädchengewalt. Es lässt sich feststellen, dass sich im deutschsprachigen Raum nur wenige Untersuchungen explizit mit dem Thema beschäftigen (vgl. Schröder 2016: 612). Im Folgenden werden die Studien von Bruhns und Wittmann (2002), Silkenbeumer (2007), Heeg (2009) und Equit (2011) vorgestellt, um darauf die Ergebnisse zusammengefasst wiederzugeben.3

2002 veröffentlichen Bruhns und Wittmann die Studie „Ich meine, mit Gewalt kannst du dir Respekt verschaffen - Mädchen und junge Frauen in gewaltbereiten Jugendgruppen“. Vier gewaltauffällige und vier nicht gewaltauffällige Jugendgruppen wurden in zwei Städten Deutschlands untersucht (vgl. Bruhns 2003: 215f.). Davon waren jeweils zwei Gruppen gemischtgeschlechtlich und jeweils zwei bestanden nur aus Mädchen (vgl. ebd.). Die Untersuchungen wurden durch Gruppendiskussionen geführt (vgl. ebd.). Dadurch sollten die Bedingungen für das Verhältnis zwischen Gewalt, Gruppen und dem weiblichen Geschlecht herausgearbeitet werden (vgl. ebd.).

[...]


1 (vgl. http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/gewalt-unter-maedchen-lidstrich-und-leberprellung-a-640020.html [12.04.2018]).

2 ( vgl. https://www.planet- wissen.de/gesellschaft/psychologie/jugendgewalt_in_deutschland/pwiegewaltbeimaedchen100.html [12.04.2018]).

3 Im Rahmen dieser Hausarbeit werden die methodologischen Grundlagen aufgrund ihrer Fülle nicht aufgeführt

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Jugendliche als Adressat(innen) der Sozialpädagogik. Gewaltpräventative Adressierung von Mädchen
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V450290
ISBN (eBook)
9783668847767
ISBN (Buch)
9783668847774
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jugendliche, adressat, sozialpädagogik, gewaltpräventative, adressierung, mädchen
Arbeit zitieren
Elisabeth Adam (Autor), 2018, Jugendliche als Adressat(innen) der Sozialpädagogik. Gewaltpräventative Adressierung von Mädchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450290

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Jugendliche als Adressat(innen) der Sozialpädagogik. Gewaltpräventative Adressierung von Mädchen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden