Der Aufbau dieser Arbeit gliedert sich in vier Hauptteile. In Kapitel I wird die radikal- konstruktivistische Anthropologie anhand von Systemtheorie, kybernetischer Epistemologie, Beobachtertheorie, radikal- konstruktivistischem Wissenschaftsverständnis in Abgrenzung zu einem naiven Realismus und dem Begriff der Viabilität entfaltet.
Die Ergebnisse werden in Kapitel II erweitert, indem der Einfluss der Gesellschaft bei der individuellen Konstruktion von Wirklichkeit hervorgehoben wird (Radikal- konstruktivistische Sozialtheorie).
Kapitel III widmet sich der Kritik des naturwissenschaftlichen Paradigmas in der Psychologie und Pädagogik. Es zeigt sich, dass empirische wie rationale Definitionen des menschlichen Wesens gänzlich zurückfallen auf die relative Ebene einer historisch- konkreten Sprachgemeinschaft, innerhalb derer sie hervorgebracht und akzeptiert werden.
In Kapitel IV werden die Konsequenzen bezüglich verantwortlichem Handeln (Praxis) in der Pädagogik herausgearbeitet: Die Klärung des philosophischen Begriffs „Verantwortung“, die Frage nach der Willensfreiheit und der Umgang mit „prinzipiell unentscheidbaren Fragen“ (Von Foerster) bilden die Grundlage für die Einsicht, dass die Normativität päd. Ziele nur als geschichtlich- konkrete Normativität einen Sinn haben kann: sie ist nicht objektiv und daher auch nicht unabhängig von in Gemeinschaft existierenden Menschen denkbar. Dieser sprachlich erzeugte Sinnhorizont einer Gesellschaft wird auch für den Pädagogen zur verbindlichen Vorgabe, insofern seine Existenz von ihr abhängt. Er muss sich immer wieder neu auf den Dialog und die Vermittlung von Sache und Kind, von Gegenwart und Zukunft, von Individuum und Gesellschaft als seine erzieherische Aufgabe einlassen. Die wissenschaftliche Orientierungshilfe für erzieherisches Handeln (päd. Theorie) kann aufgrund der Unvorhersehbarkeit von Entscheidungssituationen nur eine allgemeine Ethik und genauer eine Verantwortungsethik als handlungsleitendes Prinzip (Ethos) sein, deren Normativität nicht inhaltlich, sondern rein formal bestimmt ist.
Der traditionelle Anspruch der Pädagogik, Praxis im Dienst an der PERSON des Menschen zu sein, wird durch den rad. Konstruktivismus, entgegen vieler anderer Behauptungen, erneuert. Er erweist sich als ein personalistischer Ansatz, der die konstruktive Freiheit des lebenden Systems Mensch beim Aufbau seiner Wirklichkeit gegenüber ihrer Bedrohungen durch zeitgenössisches, deterministisches Denken verteidigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Konstruktivistische Anthropologie
1 Systemtheorie
1.1 Allgemeine Systemtheorie
1.2 Prozess und Muster
1.3 Autopoietische Systeme
1.4 Struktur und struktureller Wandel
1.5 Selbstreferenz und Kontingenz
2 Kybernetische Epistemologie – Theorie des Wissenserwerbs
2.1 Was ist Kybernetik?
2.2 Die Erfindung der Wirklichkeit
2.3 Die Konstruktion von Ordnung
2.4 Rekursives Errechnen der Wirklichkeit
3 Der Beobachter
4 Radikaler Konstruktivismus vs. Naiver Realismus
5 Objektivität und Wissenschaft
6 Viabilität und Verantwortung
II Soziale Konstruktionen
1 Das Problem des Solipsismus
2 Radikal- konstruktivistische Sozialtheorie
2.1 Das Verhältnis von Biologie und Sozialität
2.2 Interaktionsprozesse lebender Systeme
2.3 Soziale Systeme, Kultur und Sprache
3 Zusammenfassung
III Linear- Kausales Denken als Grundlage der Wissenschaft
1 Zum Begriff der Trivialisierung
1.1 Prämissen der Naturwissenschaft 1
1.2 Prämissen der Naturwissenschaft 2
1.3 Triviale und Nicht- triviale Maschinen
2 Das Paradigma der Psychologie
2.1 Der Begriff des Paradigmas
2.2 Das Postulat der Zweckfreiheit
2.3 Methodischer Monismus
3 Die empirischen Methoden
3.1 Das Induktionsverfahren
3.2 Das Deduktionsverfahren
3.3 Zum Problem der Kausalität
4 Pädagogik und Psychologie
5 Konstruktivismus und personale Erziehung
IV Theorie und Praxis pädagogischer Verantwortung
1 Theorie der Verantwortung
1.1 Der Begriff Verantwortung
1.2 Die Frage nach der Freiheit des Willens
1.3 Die existenzielle Dimension (pädagogischer) Verantwortung
1.4 Die soziale Dimension (pädagogischer) Verantwortung
2 Praxis pädagogischer Verantwortung
2.1 Dimensionen pädagogischer Verantwortung
2.2 Diskursive Verantwortungsethik als pädagogisches Ethos
2.3 Diagnostische Verantwortung
2.4 Systemtheorie und Erziehung
V Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht das Menschenbild des radikalen Konstruktivismus und analysiert, inwiefern sich dieses in die anthropologischen Grundströmungen (naturalistisch, soziologisch, personalistisch) einordnen lässt. Ziel ist es zu erörtern, ob der pädagogische Bildungsbegriff, der den Menschen als selbstbestimmtes und verantwortliches Wesen auffasst, innerhalb eines konstruktivistischen Rahmens neu begründet werden kann.
- Radikal-konstruktivistische Anthropologie und Erkenntnistheorie
- Kritik am naiven Realismus und an deterministischen Wissenschaftsmodellen
- Systemtheoretische und kybernetische Grundlagen menschlichen Wissenserwerbs
- Soziale Konstruktionen von Wirklichkeit, Sprache und Kultur
- Theorie und Praxis pädagogischer Verantwortung unter konstruktivistischer Perspektive
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Erfindung der Wirklichkeit
Der nun folgenden Erörterung der kybernetischen Epistemologie möchte ich ein Postulat Heinz VON FOERSTERS vorausschicken:
„Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (VON FOERSTER 1993, 26)
Entgegen der alltäglichen Vorstellung, die Umwelt sei etwas, das wir entdecken, dass z.B. Kinder „die Welt entdecken“, vertritt der radikale Konstruktivismus den Standpunkt, dass wir die Welt, in der wir leben, selbst erfunden haben.
Um dies zu veranschaulichen möchte ich mit einem kleinen Experiment beginnen: Der Leser soll das Kreuz in der Abbildung unten mit dem rechten Auge fixieren, sein linkes Auge schließen und das Blatt in einem Abstand von ca. 40cm vor den Augen vor und zurückbewegen. Dabei wird er an einem bestimmten Punkt bemerken, wie der schwarze Kreis auf der Abbildung plötzlich verschwindet. Dies geschieht, weil in dieser Position die Abbildung des Kreises auf den Bereich der Netzhaut fällt, der für das Licht unempfindlich ist, da dort der Sehnerv (= Verbindung der Netzhaut mit dem Gehirn) austritt. Man nennt diesen Bereich blinder Fleck (vgl. VON FOERSTER 1985, 26).
Das Interessante an diesem Experiment ist, dass wir nicht den Eindruck haben, den Kreis nicht zu sehen, sondern glauben, dass er verschwunden sei. Natürlich ist er nach wie vor an derselben Stelle, aber wir sehen nicht, dass wir ihn nicht sehen. Darüber hinaus haben wir keine Erklärung parat, warum wir nicht bemerken, dass unsere visuelle Wahrnehmung auch im Alltag permanent ein Loch hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Systemtheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen systemischen Denkens, bei dem nicht isolierte Objekte, sondern Wechselwirkungen und Muster im Vordergrund stehen, um komplexe menschliche Beziehungen zu verstehen.
2 Kybernetische Epistemologie – Theorie des Wissenserwerbs: Hier wird dargelegt, wie der Mensch als Beobachter durch interne Referenzwerte und kognitive Schemata eine für ihn stimmige Wirklichkeit konstruiert.
3 Der Beobachter: Dieses Kapitel thematisiert die Subjektivität jeder Erkenntnis, bei der der Beobachter als aktiver Teil des Systems selbst an der Konstruktion seiner Welt beteiligt ist.
4 Radikaler Konstruktivismus vs. Naiver Realismus: Es erfolgt eine Abgrenzung zum naiven Realismus, indem aufgezeigt wird, dass eine objektive Abbildung der Welt nicht möglich ist.
5 Objektivität und Wissenschaft: Wissenschaft wird als eine Form kognitiver Handlungskoordinierung zwischen Menschen begriffen, statt als ein Mittel zur Erreichung absoluter Wahrheit.
6 Viabilität und Verantwortung: Die zentrale These, dass anthropologische Ansätze nur relative Gültigkeit besitzen und ihre Angemessenheit an ihrer "Viabilität", also ihrer Nützlichkeit für die Lösung von Problemen, gemessen wird.
Schlüsselwörter
Radikaler Konstruktivismus, Systemtheorie, Kybernetik, Pädagogische Anthropologie, Verantwortung, Bildung, Wirklichkeit 2. Ordnung, Beobachter, Autopoiesis, Strukturdeterminiertheit, Viabilität, Person, Pädagogischer Dialog, Subjektivität, Diskursive Verantwortungsethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit den anthropologischen Grundlagen des radikalen Konstruktivismus und untersucht, welche Konsequenzen dieser Ansatz für das Verständnis von Verantwortung in der Erziehung und Pädagogik hat.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Systemtheorie, die kybernetische Erkenntnistheorie, das Konzept des Beobachters, soziale Wirklichkeitskonstruktionen sowie die Theorie und Praxis pädagogischer Verantwortung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung, inwieweit der klassische Bildungsbegriff – der das Individuum als selbstbestimmte "PERSON" betrachtet – innerhalb eines konstruktivistischen Menschenbildes neu interpretiert und legitimiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten theoretischen Analyse der konstruktivistischen Schriften (u.a. von Maturana, Varela, von Foerster, von Glasersfeld) und einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Theorien im Hinblick auf ihre pädagogische Anwendbarkeit.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Teile, die von der anthropologischen Fundierung über soziale Konstruktionen und die Kritik am naturwissenschaftlich-kausalen Paradigma bis hin zur konkreten Entwicklung einer diskursiven Verantwortungsethik für Pädagogen reichen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Viabilität" (anstatt Wahrheit), "Autopoiesis", "Strukturdeterminiertheit", "Person" als formale Relation und "dialogische Erziehung" als ethisches Prinzip.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Wirklichkeit 1. und 2. Ordnung?
Wirklichkeit 1. Ordnung umfasst die physikalischen Eigenschaften einer Sache, während Wirklichkeit 2. Ordnung die Bedeutungen, Werte und sozialen Konstruktionen beschreibt, die Menschen diesen Dingen zuschreiben und durch die sie ihr Zusammenleben strukturieren.
Warum lehnt der Konstruktivismus laut dieser Arbeit absolute "Wahrheit" ab?
Weil der Mensch als kognitiv geschlossenes System keine objektive, vom Beobachter unabhängige Realität "erkennen" kann. Erkenntnis ist immer eine individuelle oder konsensuelle Konstruktion, die an der Lebenspraxis ausgerichtet ist.
Welche Konsequenz hat dieser Ansatz für Pädagogen?
Pädagogen können nicht mehr als "Wahrheitsvermittler" auftreten. Sie müssen sich ihrer eigenen Konstruktionstätigkeit bewusst werden und Erziehung als einen dialogischen Prozess gestalten, der die Selbstverantwortung des Kindes als Person fördert.
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- Leonhard Laur (Author), 2005, Konstruktivistische Anthropologie und das pädagogische Problem der Verantwortung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45046