Diese Arbeit behandelt die wissenschaftliche Kontroverse zwischen Margaret Mead und Derek Freeman, die zu einer art Krise der Ethnologie führte. Mead zeichnet in Ihrem Bestseller „Coming of Age in Samoa“ das Bild einer Südseeromantik. Sie setzt den zum Teil schweren Identitätskrisen amerikanischer Jugendlicher eine angeblich unbeschwerte Pubertät der SamoanerInnen gegenüber und trägt hiermit zur Begründung des Kulturdeterminismus durch Franz Boas bei. Vierzig Jahre später führt der Australier Derek Freeman eine „restudy“ auf Samoa durch und wirft Mead maßlose Übertreibungen und Heuchelei vor. Er revidiert nahezu alle ihrer Darstellungen und versucht so den Kulturdeterminismus zu widerlegen. Anhand dieser Debatte zeigt die Arbeit, wie wichtig es ist quellenkritisch zu arbeiten und welche Einflussfaktoren wir als Ethnologen besonders berücksichtigen müssen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Margaret Mead unter dem Einfluss von Franz Boas
3. Coming of Age in Samoa
3.1. Margaret Meads Schlussfolgerungen
3.2. Die Resonanz auf ihr Buch
4. Derek Freemans Kritik an Margaret Mead
5. Schlussbetrachtung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die wissenschaftliche Kontroverse zwischen Margaret Mead und Derek Freeman, die eine tiefgreifende Krise innerhalb der Ethnologie auslöste. Ziel der Analyse ist es, das Spannungsfeld zwischen Meads kulturell deterministischem Ansatz, der eine „Südseeidylle“ als Gegenentwurf zu westlichen Adoleszenzproblemen zeichnete, und Freemans scharfer Kritik an dieser Darstellung zu beleuchten, um die methodischen und persönlichen Hintergründe beider Positionen kritisch zu bewerten.
- Die Rolle von Franz Boas bei der Prägung von Margaret Meads Forschungsschwerpunkten
- Analyse der zentralen Thesen in "Coming of Age in Samoa" hinsichtlich Erziehung und Sexualität
- Die kritische Gegenposition Derek Freemans und sein Vorwurf der Fehlinterpretation
- Die Bedeutung von Feldforschungsbedingungen und individuellen Forscherpersönlichkeiten
- Kritische Reflexion über die Objektivität ethnologischer Daten
Auszug aus dem Buch
3. Coming of Age in Samoa
Margaret Mead war gerade 23 Jahre jung, als sie 1925 nach Amerikanisch Samoa aufbrach. Insgesamt hielt sie sich neun Monate dort auf, wobei sie sechs Monate auf der Insel Ta’u des Manu’a Archipels, ihrer eigentlichen Forschungsregion verbrachte (vgl. Mead 1970: 1, 20, 37; Freeman 1983: 2). In dieser Zeit konzentrierte sie sich hauptsächlich auf die Beobachtung und Befragung der Mädchen und Frauen der drei Dörfer Lumá, Siufaga und Faleasao, deren Leben sie in einer Querschnittstudie von der Geburt bis in Alter untersuchte.
1928 veröffentlichte sie schließlich ihre Erkenntnisse in einem Buch: „Coming of Age in Samoa“. In zwölf Kapiteln beleuchtet sie verschiedene Aspekte, die das Erwachsenwerden der Mädchen beeinflussen, von denen ich im Folgenden einige darstellen werde.
Die Erziehung der Kinder schildert sie als sehr frei: Die Kleinen würden gestillt sobald sie schrien, ihnen würde nichts vorenthalten und außer ein paar Respektregeln, die dem Kind „durch gelegentliche Klapse und viele verzweifelte Zurufe und wirkungslose Rede nahegebracht“ würden, dürften sie alles tun und lassen, was sie wollten (Mead 1970: 47, 48). Wenn ein Kind zu eigensinnig werde, werde ihm ein kleineres in die Obhut gegeben, „so dass jedes Kind durch die Verantwortung für ein Jüngeres erzogen und sozial brauchbar [gemacht] wird“ (ebd.: 49). Die Eltern eines Kindes hätten in so fern wenig Einfluss auf seine Erziehung, als dass es sobald ihm die Regeln zu streng würden in den Haushalt eines anderen Verwandten umziehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit führt in die wissenschaftliche Kontroverse zwischen Margaret Mead und Derek Freeman ein und benennt die resultierende Krise der Ethnologie als zentrales Thema.
2. Margaret Mead unter dem Einfluss von Franz Boas: Das Kapitel erläutert, wie Margaret Meads ethnologischer Ansatz und ihr Fokus auf das Forschungsthema „Jugend“ maßgeblich durch ihren Doktorvater Franz Boas und den Kulturdeterminismus geprägt wurden.
3. Coming of Age in Samoa: Hier werden Meads Feldforschungsergebnisse in Samoa sowie ihre Beobachtungen zur Erziehung und zum Sexualverhalten der Samoanerinnen detailliert dargestellt.
3.1. Margaret Meads Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel fasst Meads Fazit zusammen, in dem sie das stressfreie Heranwachsen in Samoa dem westlichen Modell gegenüberstellt, um die Bedeutung kultureller Einflüsse zu untermauern.
3.2. Die Resonanz auf ihr Buch: Es wird analysiert, wie das Buch zu einem populären Klassiker wurde, welche Rolle der Schreibstil spielte und warum dies zu frühzeitiger fachwissenschaftlicher Kritik führte.
4. Derek Freemans Kritik an Margaret Mead: Das Kapitel stellt die Position von Derek Freeman dar, der nach eigenen Feldforschungen Meads Darstellungen als fundamental falsch bezeichnet und diese mit kriminologischen sowie psychologischen Argumenten angreift.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass die Kontroverse stark durch persönliche Hintergründe, Zeitgeist und methodische Unterschiede beider Forscher geprägt war, und plädiert für einen kritischen Umgang mit ethnologischen Daten.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der in der Arbeit zitierten Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Margaret Mead, Derek Freeman, Ethnologie, Samoa, Kulturdeterminismus, Coming of Age in Samoa, Feldforschung, Adoleszenz, Franz Boas, Sexualität, Anthropologie, wissenschaftliche Kontroverse, Sozialisation, Kulturrelativismus, Kindeserziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die wissenschaftliche Debatte zwischen Margaret Mead und Derek Freeman bezüglich der samoanischen Kultur und dem Heranwachsen der Jugend.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen der Kulturdeterminismus, die Methoden der ethnologischen Feldforschung, die Sexualität in der samoanischen Gesellschaft und die Auswirkungen von Erziehung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen den Ansätzen von Mead und Freeman kritisch aufzuarbeiten und die Einflussfaktoren auf ethnologische Forschungsergebnisse zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der primäre und sekundäre Quellen zur Mead-Freeman-Kontroverse vergleichend betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Meads ursprünglichen Thesen, die spätere fundamentale Kritik durch Freeman sowie die Analyse der Rahmenbedingungen beider Forschungsprojekte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Ethnologie, Kulturdeterminismus, Feldforschung, Adoleszenz und die spezifische "Mead-Freeman-Kontroverse".
Warum stand Margaret Meads Forschung nach vierzig Jahren plötzlich unter Beschuss?
Derek Freeman unternahm eine "restudy" auf Samoa, bei der er die Realität vor Ort vollkommen anders wahrnahm und Mead vorwarf, romantische Ideale über die Fakten gestellt zu haben.
Welchen Einfluss hatte der "Zeitgeist" auf die Ergebnisse der beiden Ethnologen?
Mead war von der US-Bewegung der 1920er Jahre geprägt, die nach alternativen Gesellschaftsformen suchte, während Freeman später von einem biologisch geprägten wissenschaftlichen Kontext beeinflusst war.
Warum wird heute ein kritischerer Umgang mit ethnologischen Daten gefordert?
Die Kontroverse zeigt, dass die Sichtweise, Sprache, Geschlecht und das Alter eines Forschers die Interpretation der Daten maßgeblich beeinflussen und somit immer kritisch reflektiert werden müssen.
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- Lotte von Lignau (Author), 2005, Die Instrumentalisierung von Kindern und Jugendlichen in der Mead-Freeman Kontroverse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45058