Die Arbeit liefert ein Stundenprotokll, das sich mit der Aufklärung im Sinne des "Zeitalters der Kritik" auseinandersetzt. Zudem wird Lessings Nachlassschrift "Der Recensent darf nicht besser wissen, was er tadelt" analysiert.
Gegenstand der Sitzung war die Auseinandersetzung mit dem Textfragment "Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt" aus dem Nachlass Gotthold Ephraim Lessings, welches vermutlich um 1767/68 im Zuge eines seiner dramentheoretischen Hauptwerke, der Hamburgischen Dramaturgie (1767-1769) , jener theaterkritischen Schrift, die in Auseinandersetzung mit dem französischen Klassizismus ein wirkungsästhetisches Tragödien- und Komödienmodell entwickelt, entstanden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. GOTTHOLD EPHRAIM LESSING: Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt
2. Zur Literaturkritik im Zeitalter der Aufklärung
3. Klassizistische Regelpoetik vs. sensualistische Wirkungsästhetik
4. Zum Text
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Ergebnisprotokoll analysiert Lessings Verständnis von Literaturkritik, wie es in seinem Fragment „Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt“ sowie in der „Hamburgischen Dramaturgie“ dargelegt wird. Ziel der Arbeit ist es, Lessings Abkehr von einer normativen, regelpoetischen Kritik hin zu einer wirkungsästhetischen und induktiven Urteilsbildung zu explizieren und in den Kontext der aufklärerischen Debattenkultur des 18. Jahrhunderts einzuordnen.
- Die Entwicklung der modernen Literaturkritik in der Aufklärung.
- Gegensatz zwischen klassizistischer Regelpoetik und sensualistischer Wirkungsästhetik.
- Lessings methodischer Ansatz der induktiven und dialogischen Kritik.
- Die Rolle der Polemik als produktives Instrument der Wahrheitsfindung.
- Die Abgrenzung des Rezensenten vom „Bessermacher“.
Auszug aus dem Buch
Klassizistische Regelpoetik vs. sensualistische Wirkungsästhetik
Aus heutiger Perspektive gilt L als „wichtigste[r] Autor der Aufklärung“ sowie als „zentrale[] Kritikerfigur“ derselben; ihm kam und kommt für die Praxis der Literaturkritik die Bedeutung zu, die Immanuel Kant für die Theorie hatte: „Alles, was Lessing getan, gebildet, versucht und gewollt hat, läßt sich am füglichsten unter dem Begriff der Kritik zusammenfassen.“ Denn in der Retrospektive auf die Entwicklungsgeschichte der Literaturkritik ist er es, der ihre Innovation um 1750 am konsequentesten forciert: Nach seiner Redaktionstätigkeit für die Berlinerische Privilegierte Zeitung (die spätere Vossische Zeitung) sind dessen Rezensionen nicht zuletzt ihres subjektiven Stils in Ich-Form, sondern vielmehr der darin innewohnenden Polemik wegen als provokativ, gar aggressiv, weithin berüchtigt, worauf unten noch eingegangen wird.
Richtungsweisend für eine zukünftige K in Deutschland ist die von Friedrich Nicolai verlegte und zusammen mit Moses Mendelssohn begründete Zeitschrift Briefe die neueste Literatur betreffend (1759-1765) [= Briefe]; mit seinem Beitrag zu jenem genuin literaturkritischen Gemeinschaftsprojekt markiert L einen erheblichen Qualitätssprung in der zeitgenössischen Literaturkritik: Eingedenk seiner wirkungsästhetischen Auffassung von K im Hinblick ihrer möglichen Diskursivität kann diese sich nunmehr fernab theoretischer Poetik oder praktischer Rezensionen in ihren neu arrangierten Formen, wie hier in Gestalt sachlicher bis höchst persönlich entworfener fiktionaler Freundesbriefe, entfalten. In dem berühmten 17. seiner Briefe vom 16. Februar 1759 rechnet L hinsichtlich der aktuellen Theaterdiskussion radikal mit G‘s Postulaten ab: „Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten, oder sind wahre Verschlimmerung-en.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. GOTTHOLD EPHRAIM LESSING: Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt: Einleitung in den Gegenstand der Sitzung, das gleichnamige Fragment Lessings aus dem Kontext seiner Hamburgischen Dramaturgie.
2. Zur Literaturkritik im Zeitalter der Aufklärung: Kontextualisierung der Literaturkritik als Instrument der bürgerlichen Öffentlichkeit und Aufkommen des literarischen Journalismus.
3. Klassizistische Regelpoetik vs. sensualistische Wirkungsästhetik: Analyse der methodischen Innovation Lessings, der sich von einer starren Regelpoetik löst und die emotionale Wirkung des Dramas ins Zentrum rückt.
4. Zum Text: Reflexion über Lessings Verteidigung des Kritikers gegenüber dem Vorwurf der Unfähigkeit zum künstlerischen Schaffen und Einordnung der Polemik als produktives Element der Kontroverse.
Schlüsselwörter
Gotthold Ephraim Lessing, Literaturkritik, Aufklärung, Hamburgische Dramaturgie, Regelpoetik, Wirkungsästhetik, bürgerliche Öffentlichkeit, Rezensent, Polemik, Sensualismus, Rationalismus, Streitkultur, Induktion, Kunstrichter, Dialogisches Prinzip.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Grundlegung und der praktischen Anwendung von Literaturkritik im 18. Jahrhundert am Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die Schwerpunkte liegen auf der Genese der modernen Literaturkritik, dem Wandel von der Regelpoetik zur Wirkungsästhetik sowie der Rolle der Debattenkultur in der Aufklärung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Lessings spezifische Position als Kritiker herauszuarbeiten, der das Handwerk der Rezension von dem Zwang befreite, selbst als schöpferischer Künstler überlegen sein zu müssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die auf Basis von Lessings Primärtexten und einschlägiger literaturwissenschaftlicher Fachliteratur geführt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den methodischen Ansatz Lessings: die Abkehr vom deduktiven Regelkanon Gottscheds hin zu einem induktiven, wirkungsästhetischen Urteil, das den Rezipienten mit einbezieht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen unter anderem Literaturkritik, Wirkungsästhetik, Regelpoetik, Aufklärung, Polemik und das Konzept der „bürgerlichen Öffentlichkeit“.
Warum lehnt Lessing die Forderung ab, der Kritiker müsse es besser machen können als der Künstler?
Lessing argumentiert, dass die Analyse eines Fehlers nicht die Fähigkeit erfordert, das Kunstwerk selbst zu korrigieren; der Kritiker fungiert als analytischer Beobachter und nicht als konkurrierender Schöpfer.
Welche Rolle spielt die Polemik bei Lessing?
Die Polemik wird nicht als destruktives Mittel, sondern als notwendiges Werkzeug zur Erschütterung von Vorurteilen und zur Förderung einer produktiven, geistigen Streitkultur begriffen.
- Citation du texte
- Jane Hübinger (Auteur), 2016, Die Aufklärung im Sinne des Zeitalters der Kritik. "Der Recensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt" von Gotthold Ephraim Lessing, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450753