Es handelt sich um eine korpuslinguistische Untersuchung von reellen Sprachdaten aus der Fußballberichterstattung, bei der das Konstrukt von Indefinitartikel+Eigennamen (Ein Mario Gomez hätte den reingemacht) untersucht wird.
Sobald ein Journalist, bzw. ein sog. TV-Experte, der zuvor oft selbst aktiver Sportler war, über einen Sportler spricht, so ist zu beobachten, dass ein unbestimmter Artikel mit direktem Bezug auf die referierte Person vor deren Eigennamen eingesetzt wird. Die nähere Bestimmung der referierten Person wirkt aufgrund der Verwendung des Eigennamens zunächst widersprüchlich, jedoch ist davon auszugehen, dass der Sprecher mit dieser Erweiterung der Syntax nicht mehr lediglich auf die respektive Person, sondern auch ihre sportlichen Fähigkeiten bzw. besondere Rolle im Sportkontext referiert. Dies wird deutlich, da insbesondere prominente Sportler den indefiniten Artikel anzuziehen scheinen.
Da diesen Phänomen im Gegensatz zur allgemeinen Tendenz der Reduktion eine Erweiterung darstellt, erscheint eine wissenschaftliche Betrachtung angebracht. Zunächst erfolgt eine Untersuchung hinsichtlich des Primärgebrauchs des indefiniten Artikels. Weiterhin werde ich den Gebrauch des indefiniten Artikels vor EN innerhalb der Fußballberichterstattung in den Forschungsstand der Onomastik einordnen. Innerhalb dieser Disziplin sehe ich den besten Zugang zum Phänomen. Anhand der dort vorgeschlagenen Modelle, werde ich darlegen, weshalb es sich bei dem Gebrauch des indefiniten Artikels vor EN um eine der Sportberichterstattung eigene Variation handelt, in der herausragende Eigenschaften oder auch Leistungen eines (Mannschschafts)-Sportlers durch Journalisten, Funktionäre und auch durch Sportler sprachlich realisiert werden. Danach soll das Phänomen mit dem Forschungsstand zur Sportberichterstattung abgeglichen werden, um festzustellen, welchen Trends es in welchem Maße folgt.
Inhaltsverzeichnis
2. Einleitung
3. Primärgegebrauch des indefiniten Artikels
4. Artikelbrauch in der Onomastik
4.1 Eigennamenbegriff
4.2 Generischer Artikelbrauch
4.2.1 Exemplarischer Artikelgebrauch vor Eigennamen
4.2.2 Metaphorischer Artikelgebrauch vor Eigennamen
4.2.3 Modalisierender und benennender Artikelgebrauch vor Eigennamen
4.2.4 Reflexiver Gebrauch innerhalb der Berichterstattung
5. Forschungsstand Sportberichterstattung
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das linguistische Phänomen des indefiniten Artikels vor Eigennamen in der deutschen Fußballberichterstattung. Ziel ist es, zu analysieren, in welchen Kontexten und mit welcher Intention Journalisten und Experten diese eigentlich redundante Syntax verwenden, um Athleten spezifische Eigenschaften oder eine herausgehobene Rolle zuzuschreiben.
- Syntaktische und rhetorische Analyse der Wortfigur "ein ENSportler"
- Einordnung des Phänomens in den Forschungsstand der Onomastik
- Untersuchung der motivierenden Faktoren: Dominanz, Exzellenz und Heldentum
- Abgleich mit der spezifischen Stilistik und Dramatisierung der Sportberichterstattung
- Reflexion über Sprachökonomie und Vereinfachungstendenzen im Sportjournalismus
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Exemplarischer Artikelgebrauch vor Eigennamen
Die erste der vier Gebrauchsarten wird von KOLDE (1995:405) als “exemplarischer Gebrauch“ bezeichnet. Hierbei dienen die einem EN-Träger zugesprochenen Merkmale und Eigenschaften innerhalb einer „kontrafaktischen Prädikation“ als Beispiel für eine andere Person. Die Person, deren Merkmale und Eigenschaften als Vergleichsfläche dienen, muss aus dem Kontext bekannt sein, damit ein derartiger Gebrauch erfolgreich sein kann. Ein Beispiel für diese Gebrauchsform innerhalb der Sportberichterstattung ist:
(4) Ein einziger Thorben Marx rechtfertige schon die 2,5 Millionen Euro, die der Verein für die Nachwuchsausbildung ausgibt (#158).
Hier wird der Spieler Thorben Marx als Beispiel für die erfolgreiche Jugendarbeit eines Fußballvereines herangezogen und soll als Rechtfertigung für die ausgegebenen Gelder dienen. Offenkundig ist hier der Aspekt, dass zunächst auf der Hörerseite eine Identifiktation der Person stattfinden muss. Man kann hier davon ausgehen, dass der Namensträger dem Hörer bekannt ist und dem Athleten einige Merkmale und Eigenschaften zugeordnet werden können, die ihn als taugliches Exempel erscheinen lassen. Die exemplarische Gebrauchsweise kommt also durchaus vor. Ich nehme an, dass insbesondere die Führungsstärke eines Spielers als Eigenschaft exemplarisch verwendet wird. Belege hierfür sind zahlreich.
(5) Führungsqualitäten. Und deshalb werden sich die Leute in 15, 20 Jahren eher an einen Effenberg erinnern als an einen Scholl. (#49)
Hier erfolgt sogar ein Vergleich von zwei verschiedenen Vertretern ihrer jeweiligen Gattung. Sowohl für Effenberg, als auch für Scholl wird der Eigenname durch Gebrauch des indefiniten Artikels exemplarisch verwendet. Gerade im Falle von Stefan Effenberg, der inner-
Zusammenfassung der Kapitel
2. Einleitung: Einführung in die Rhetorik der Sportberichterstattung und Vorstellung der Forschungsfrage zum Gebrauch des indefiniten Artikels vor Eigennamen.
3. Primärgegebrauch des indefiniten Artikels: Analyse der grundlegenden syntaktischen Struktur von Nominalphrasen mit indefiniten Artikeln und Abgrenzung zum Sportkontext.
4. Artikelbrauch in der Onomastik: Theoretische Fundierung des Phänomens unter Einbezug onomastischer Modelle, insbesondere der exemplarischen und metaphorischen Verwendungsweisen.
5. Forschungsstand Sportberichterstattung: Untersuchung der medialen Stilistik, die durch Überdramatisierung und die Verwendung martialischer Sprachbilder geprägt ist.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, die das Phänomen als zielgerichtetes, ökonomisches Stilmittel zur Aufwertung von Athleten identifiziert.
Schlüsselwörter
Fußballberichterstattung, Indefiniter Artikel, Eigenname, Onomastik, Sprachökonomie, Sportjournalismus, Sprachstilistik, Rhetorik, Nominalphrase, Athleten, Medienlinguistik, Exemplarischer Gebrauch, Metaphorik, Sportberichterstattung, Sprachliche Aufwertung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ungewöhnlichen syntaktischen Struktur, bei der in der deutschen Fußballberichterstattung ein unbestimmter Artikel vor den Eigennamen eines Sportlers gesetzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung verknüpft linguistische Konzepte aus der Onomastik mit der spezifischen Rhetorik und Dramatisierung der modernen Sportberichterstattung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Funktionen und Kontexte zu klären, in denen Sportjournalisten den indefiniten Artikel vor Eigennamen verwenden, um Spieler als Sinnbilder für bestimmte Eigenschaften wie Führungsstärke oder Exzellenz zu stilisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Korpusrecherche journalistischer Texte aus dem DWDS, gefolgt von einer manuellen Datenbereinigung und einer linguistischen Analyse der syntaktischen und rhetorischen Verwendungsmuster.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische onomastische Einordnung, die Analyse konkreter Gebrauchsformen (exemplarisch, metaphorisch, reflexiv) und die Einbettung in den Forschungsstand der Sportberichterstattung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fußballberichterstattung, Indefiniter Artikel, Onomastik, Sprachökonomie und die rhetorische Aufwertung von Athleten.
Warum wirkt die Verwendung des Artikels vor Eigennamen aus grammatikalischer Sicht paradox?
Grammatikalisch betrachtet widerspricht dies dem "klassischen" Prinzip des Eigennamens als Identifikator, da der unbestimmte Artikel normalerweise zur Klassifizierung von Gattungen dient, nicht zur Spezifizierung eines eindeutigen Individuums.
Welche Rolle spielt der Begriff "Prominenz" für das untersuchte Phänomen?
Prominenz ist ein entscheidendes Kriterium; nur herausragende Athleten, die durch Merkmale wie Führungsstärke oder spielerische Exzellenz über das Mannschaftsgefüge hinaus ragen, erfahren diese spezifische sprachliche Behandlung.
Wie reagieren Journalisten auf diese rhetorische Figur?
Wie das Beispiel eines reflexiven Gebrauchs zeigt, ist sich die Presse der logischen Widersprüchlichkeit bewusst; sie nutzt diese Figur gezielt als Stilmittel, teils sogar mit einer gewissen humoristischen Distanz.
- Citar trabajo
- Kevin Fischer-Blumenthal (Autor), 2014, "Gibt es vielleicht mehr als einen Matthäus?“ Der indefinite Artikel vor Eigennamen in der Fußballberichterstattung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450757