Kinder- und Jugendsportschulen der DDR im neuen Kleid?


Élaboration, 2018
42 Pages, Note: 2,0

Extrait

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Menschen der Wende

2. „Roter Faden“ – Veränderungen an der KJS?

3. Methodik – alternativlose Interviews

4. Ausgangslage – Umbruch, Recht und Realität

5. Ergebnisse und Befunde – Beharrung und vertane Chancen?

6. Von der KJS zur EdS – Renaissance in „Geist und Seele“?

7. Eliteschule der Zukunft – Seriöse Bildungsanstalt und Garant für sportliche Erfolge?

8. Leistungssport, Schule, Geld – Wechselwirkungen!

9. Fazit – Weiter Anstöße

Abkürzungsverzeichnis

Literatur

Rüdiger Barney

Kinder- und Jugendsportschulen der DDR im neuen Kleid?

[„GDR Child and Youth Sports Schools under a new guise?“]

Der nachfolgende Aufsatz rezipiert zusammenfassend grundlegende Erkenntnisse einer 2018 beendeten Dissertation mit dem Thema „Innere und äußere Einflussgrößen auf die Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen des DDR während und nach der Wende von 1989/1990“[1]. Darüber hinaus wurden Themenbereiche fokussiert, die durch aktuelle Entwicklungen für die bildungs- und sportinteressierte Öffentlichkeit von Bedeutung sind.

Abstract

Das Ziel der Studie war es, die Reaktionen der Protagonisten an den Kinder-und Jugendsportschulen der DDR auf die gesellschaftlichen Veränderungen der Wendejahre zu eruieren. Es sollte herausgefunden werden, inwieweit diese Ereignisse die Bildungsmerkmale beeinflussten. Dazu wurden historische Archivdokumente analysiert und in 28 qualitativen Interviews 33 Zeitzeugen befragt. Eine wesentliche Erkenntnis war, dass die Arbeit an den KJS bis in das Jahr 1991 hinein nahezu unverändert fortgeführt wurde. Durch eine partielle Ausdehnung der Thematik auf die heutigen Eliteschulen des Sports leistet der Text einen Beitrag zur Diskussion über den Leistungssport in Deutschland und dessen Spezialschulen.

Die Arbeit richtet sich neben Wissenschaftlern an leistungssportlich und bildungspolitisch interessierte Eltern, Pädagogen, Trainer und Verantwortungsträger.

The goal of this study is to investigate how the leaders of the GDR Child and Youth Sports Schools reacted to the social changes that accompanied Die Wende, and thereby determine to what extent these events influenced their educational characteristics. Historical archive documents were analysed and 33 contemporary witnesses were consulted in the course of 28 qualitative interviews. One of our key findings was that there was virtually no change in how the Child and Youth Sports Schools operated until 1991. By applying some of our findings to Germany’s current elite sports schools, this study also aims to contribute to the debate on competitive sports and specialist sports schools in Germany today.

The intended audience of this study includes not only academics but also parents with an interest in competitive sports and education policy, teachers, trainers and therelevant authorities.

1 Einleitung – Menschen der Wende

Der Prozess der Vereinigung Deutschlands bewirkte in der ehemaligen DDR eine fundamentale Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dies stellte für die Menschen eine große Herausforderung dar.

Es muss anerkannt werden, dass sehr viele ehemalige DDR-Bürger[2] mit Elan und Mut, mit Schaffenskraft und erstaunlicher Frustrationstoleranz ihre individuellen Lebenssituationen bewältigt haben. Einige von ihnen bekleiden bis heute hohe politische Ämter.

Als Schulleiter hatte der Verfasser der Dissertation von 1996 bis 2013 die Möglichkeit, das Wirken ehemaliger DDR-Lehrer an einer Eliteschule des Sports (EdS) zu beobachten. Dabei verfestigte sich der subjektive Eindruck, dass sich die große Zahl dieser Kollegen im neuen System gut zurechtgefunden hatten. Allerdings muss bei dieser Einschätzung relativierend bedacht werden, dass sich an der EdS die besonders am Sport interessierten Lehrer sammelten. Der Einsatz an dieser Spezialschule bedeutete auch im neuen System ein besonderes Privileg. Durch das gemeinsame Interesse an der „Sache Leistungssport“ ließ sich ein Zusammenwachsen der Kollegen aus „Ost und West“ leichter verwirklichen.

Für die im DDR-Leistungssport tätigen Protagonisten waren die Umstellungsschwierigkeiten besonders einschneidend. Sie mussten sich aus einer privilegierten, oft abgeschotteten, aber gleichwohl hoch anerkannten Stellung heraus in ihren Lebensweisen und -ansprüchen erheblich umstellen und beschränken.

Während sie sich in der DDR als „Botschafter des Staates im Trainingsanzug“ verstanden, mussten sie sich nach der Wende diszipliniert in die Reihe der neuen Bundesbürger einfügen. Das konnte vielfach zu Reibungsverlusten, zu Frustrationen und zu Unzufriedenheit führen. Es ist zu vermuten, dass die abnehmende Leistungsfähigkeit des deutschen Spitzensports auch damit in einem kausalen Zusammenhang steht.

2 „Roter Faden“ – Veränderungen an der KJS?

Die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR unterlagen wegen ihrer Bedeutung für den Hochleistungssport der DDR einer besonderen Beobachtung und erfreuten sich einer zuverlässigen Alimentation durch Partei und Staat. Mehr als auf viele andere Schulen wirkten neben dem Ministerium für Volksbildung weitere äußere Einflüsse aus diversen politischen und gesellschaftlichen Bereichen wie dem Deutscher Turn- und Sportbund der DDR, dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, dem Ministerium für Nationale Verteidigung und dem Ministerium für Staatssicherheit auf ihre Bildungsmerkmale ein und bestimmten die Arbeit dieser Spezialschulen.

Dem standen, wie in der folgenden Abbildung dargestellt, permanent innere, schulinterne Einflussgrößen, bestimmt u.a. durch beteiligte Menschen, Unterricht und Training, Sozialbetreuung und Infrastruktur gegenüber, unter Umständen auch entgegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Bildungsmerkmale mit Einflussgrößen an Sportschulen.

Um die Funktionstüchtigkeit des Systems und die Leistungsfähigkeit der Athleten der KJS zu gewährleisten, musste das Leitungspersonal durch Austarieren und geschicktes Taktieren versuchen, den Kampf um Einflusssphären von Personen und Personengruppen auf ein verträgliches Maß zu begrenzen.

Im Zusammentreffen äußerer und schulinterner Einflussgrößen war beim Auftreten konvergenter Ziele zu vermuten, dass die Situationen konfliktfrei bewältigt werden konnten. Dies dürfte zum Beispiel beim gemeinsamen Ziel des Erreichens sportlicher Höchstleistungen der Fall gewesen sein.

Schwieriger war es, ein Einvernehmen herzustellen, wenn die Ziele miteinander in Konkurrenz zu treten drohten. So konnte eine Auseinandersetzung, in der schulischer Unterricht und sportliches Training um die so entscheidende „Ressource Zeit“ stritten, leicht im Zwist der Beteiligten enden – eine Problematik, die sich auch aktuell immer wieder auftat.

Es galt auch herauszufinden, wie sich diese inneren und äußeren Einflussgrößen im Laufe der 1980er Jahre wechselseitig und in Abhängigkeit voneinander entwickelten. Alle Beteiligten an der KJS mussten sich letztlich mit den politischen Veränderungen der Jahre 1988 bis 1991 einer sich zunächst rapide verändernden, später überwiegend unbekannten Gesellschaft und Schullandschaft stellen.

Die Kinder- und Jugendsportschulen der DDR hatten sich in die Schul- und Sportstrukturen der neuen Bundesrepublik einzufügen, ohne ihren Auftrag, die Förderung des Leistungssports bei hoher schulischer Kompetenzbildung, aus den Augen zu verlieren. Dies sollte zudem mit geringeren Ressourcen, vor allem auf dem Personalsektor, bewältigt werden.

Und trotz allem! Wie ein „roter Faden“ zieht sich eine Frage, oft auch unterschwellig, durch die aufgeworfenen Problemstellungen: Welche potenziellen und realistischen Chancen ergaben sich für die Kinder- und Jugendsportschule der DDR, sich durch frühzeitiges Handeln in der Wendezeit zu einer „reformierten KJS“ und vielleicht einer innovativen Eliteschule des Sports (EdS) zu entwickeln?

Es galt,

- Erkenntnisse zu gewinnen, wie innere und äußere Einflüsse die Bildungsmerkmale der Kinder- und Jugendsportschule der DDR während und nach der Wende beeinflussten und
- zu zeigen, ob und gegebenenfalls wie sich das KJS-Modell, vor allem bezogen auf die Interaktionen von Schule und Sportorganisationen, aufgrund der politischen Umwälzungen der Jahre 1988 bis 1991 veränderte.

Da der Leistungssport und das Bildungswesen der DDR nur im Zusammenhang mit der Vorherrschaft der SED als Staatspartei zu verstehen waren, bedurfte es einer in wesentlichen Teilen historisch-politischen Betrachtung.

Überdies erschien eine ausführliche Befassung mit den Lebensumständen in der ehemaligen DDR das geeignete Mittel, um der Situation der Beteiligten empathisch gerecht zu werden und ihre Handlungsweisen gegebenenfalls nachvollziehen zu können.

3 Methodik – alternativlose Interviews

Wie erwartet gestaltete sich die Akquise von Dokumentationsmaterial an den Schulen vor Ort teilweise problematisch. Bei der Beschaffung war der Verfasser auf das Wohlwollen der heutigen „Informationsverwalter“ angewiesen. Wenn der Schulleiter einer Sportschule sein Schularchiv nicht öffnen wollte, war das zwar sein gutes Recht, dem Forschungsvorhaben jedoch wurde damit unter Umständen eine wichtige und aufschlussreiche Quelle entzogen.

Insoweit ist nicht auszuschließen, dass die Nutzung weiterer Schularchive detailliertere, vielleicht auch partiell andere Erkenntnisse erbracht hätte. Auch ergaben sich bei der Auswertung der genutzten Dokumente an einigen Stellen Nachfragen, die nicht beantwortet werden konnten, weil die passenden Ansprechpartner entweder verstorben, nicht mehr auffindbar oder nicht willens waren, weitere Auskünfte zu erteilen.

Trotzdem kann davon ausgegangen werden, dass die Auswertung des vorhandenen Quellenmaterials belastbare Aussagen zum aufgeworfenen Themenkomplex der Arbeit geliefert hat. Das war nicht zuletzt auch den gut zugänglichen Quellen des Bundesarchivs zu verdanken.

Die genutzte Literatur umfasste eine große Zahl von Schriften, deren Verfasser aus der ehemaligen DDR stammten. Das verwunderte nicht, da die KJS-Forschung in den behandelten Epochenabschnitten schwerpunktmäßig auch dort stattfand. Dabei war in Betracht zu ziehen, dass die Autoren überwiegend in der DDR-Gesellschaft fest verhaftet und etabliert waren und man von daher nicht erwarten durfte, dass allzu gesellschaftskritische Töne angeschlagen wurden. Allerdings konnte festgestellt werden, dass im Laufe der 1980er Jahre zunehmend auch kritische Beiträge in die Fachzeitschriften der DDR Einzug hielten. Die genutzten Fachaufsätze stammten sowohl aus west- als auch aus ostdeutschen Zeitschriftenreihen.

Durch die intensive Nutzung der beiden Standardwerke von Wiese (2012) und Helfritsch & Becker (1993) war eine gewisse Ausgewogenheit des Meinungsspektrums gewährleistet: Wiese als Vertreter der westlichen Sportwissenschaft, Helfritsch als Protagonist der östlichen Sportpädagogik und Becker als Praktiker aus einem der alten Bundesländer.

Als dominierende Erkenntnisquelle der Untersuchung diente allerdings das narrative Leitfadeninterview mit Zeitzeugen und weiteren Sachverständigen. Mit der Entscheidung für diese qualitative Interviewmethode stand eine offene Interviewform zur Verfügung, die dem Interviewpartner ein hohes Maß an Eigeninitiative lässt, weil der Interviewer wenige Vorgaben macht und eher als Moderator agiert (Richartz, 2008). Ein erarbeiteter Leitfaden half, die Interviewaussagen valide und objektiv zu gestalten. Die gewählte Methode hat es sich, mit kleinen Einschränkungen, als gut handhabbar und informativ bewährt. Gerade der direkte Kontakt und das Gespräch mit den Entscheidungsträgern und Betroffenen der damaligen Zeit eröffnete, neben den rein sachlichen Informationen, auch im emotionalen Bereich viel Erkenntnispotential. In allen Interviews war es gelungen, eine entspannte Atmosphäre bis hin zu einem Vertrauensverhältnis aufzubauen, aus dem heraus auch Informationen preisgegeben wurden, die in einer schriftlichen Befragung vermutlich so nicht zum Tragen gekommen wären.

Als nachteilig erwies sich, dass die Interviewpartner zwar dem Prinzip des narrativen Interviews durch Erzählungen folgten, sich dies aber wegen der von ihnen gewählten Ausführlichkeit meist sehr langwierig, manchmal auch langatmig gestaltete. Dann half der erstellte Leitfaden, die Interviews wieder in eine am Ziel orientierte Richtung zu navigieren.

Die Gesamtzeit aller 28 Interviews mit 33 Personen betrug nahezu 60 Stunden. Das längste Interview wurde mit 270 Minuten, das kürzeste mit 30 Minuten geführt.

Die Interviewdauer des Einzelinterviews von durchschnittlich mehr als zwei Stunden wurde im Nachhinein eher als zu lang empfunden, da gegen Ende mancher Interviews verstärkt Konzentrationsmängel auftraten. Die Interviewpartner stammten zum überwiegenden Teil aus der ehemaligen DDR und waren oft älter als 70 Lebensjahre. Erstaunlich war, wie diszipliniert sich gerade diese Altersgruppe der Aufgabe stellte – auch unter dem Aspekt betrachtet, dass die Thematik für alle einen autobiografischen Akzent und damit eine emotionale Bedeutung hatte. Vereinzelt wurde beobachtet, wie sich Fakten mit Einschätzungen, auch mit Verklärungen vermischten. Diese Schwäche konnte im Nachhinein durch eine Zusammenschau themengleicher Beiträge unterschiedlicher Interviewpartner subsumiert und relativiert werden. Bei der Auswertung der Interviews bewährte sich eine dazu entwickelte Durchlaufmatrix.

Die geschilderten Gesichtspunkte sprechen in ihrer Gesamtheit dafür, dass die aus den Interviews rezipierten Erkenntnisse die Wirklichkeit der damaligen Zeit valide widerspiegelten, eine zuverlässige, verwertbare und eindeutige Auswertung ermöglichten und somit in Reliabilität, Validität und Objektivität einer wissenschaftlichen Betrachtung standhalten.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass durch die Strategie der Triangulation, die die Analyse und den Abgleich von Interviews, Quellen und Literatur bedeutete und durch eine begleitende Datenanalyse nach Mayring belastbare Ergebnisse generiert werden konnten.

Die vorliegende Untersuchung nutzte zur Aufbereitung der Thematik zusätzlich die besondere Konstellation, dass der Verfasser als teilnehmender Beobachter den Vereinigungsprozess und das Zusammenwachsen des west- und ostberliner Schulwesens „vor Ort“ verfolgen konnte. Seit 1975 in Berlin (West) lebend wurde auch durch regelmäßige Besuche im Ostteil der Stadt die Ost-West-Thematik über viele Jahre beobachtet und miterlebt. Das Zusammentreffen mit dort lebenden Menschen und sich ergebenden Verbindungen im zwischenmenschlichen Bereich trugen dazu bei, dem Verfasser ein differenzierteres Bild über die DDR und deren Schulwesen zu vermitteln. Später konnte dies durch die Übernahme von Schulleitungsverantwortung an einer Eliteschule des Sports weiter ausgebaut werden.

4 Ausgangslage – Umbruch, Recht und Realität

Die DDR-Gesellschaft erlebte mit Beginn der 1980er Jahre ein Veränderungsgeschehen, dessen Ende und Ergebnis zunächst nicht abzusehen waren. Wie gestaltete sich der Alltag in der Übergangszeit, wie verhielt sich die Institution Schule, inwieweit war der vom Staat stark präferierte Leistungssport mit seinen Kinder- und Jugendsportschulen in den „Umbruch“ involviert oder zumindest mit ihm befasst?

Unter diesen Fragestellungen wurden die Ereignisse im zeit- und im gesellschaftshistorischen Blick rezipiert.

Folgende Forschungsaspekte waren maßgebend:

- Zunächst war der „Untersuchungsgegenstand Kinder- und Jugendsportschule der DDR“ in seiner Entstehung und Entwicklung bis zum Übergang in die Folgeschulen nach der Wende von Bedeutung.
- Alle eventuellen Veränderungen an dieser Institution konnten im direkten Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Transformation stehen, so dass es sinnvoll erschien, die politisch-ökonomischen Entwicklung retrospektiv zu beschreiben und in ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft der DDR zu analysieren.
- Dabei nahmen die Schule der DDR im Allgemeinen, die KJS im Speziellen sowie die „Institution Sport“ eine herausgehobene Rolle ein. Besonders die Zuspitzung der politischen Situation in den Jahren 1989/1990 erforderte eine genauere Sicht auf die Ereignisse und deren Ergebnisse in diesem engen Zeitraum.

Von Lernzielen bestimmte und durch didaktisch-methodische, aber auch bildungspolitische Entscheidungen beeinflusste Bildungsmerkmale standen im Zentrum der weiteren Überlegungen. Diese Einlassungen führten konkreter zur Frage des Umgangs der Protagonisten mit den juristischen und pädagogischen Vorgaben vor Ort. Welche Intentionen wurden verfolgt und welche Ziele wurden umgesetzt? Inwieweit wurden gesetzliche Vorgaben eingehalten?

Das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR v. 25. Februar 1965“ verlangte im - 1, dass jedes Element im Erziehungssystem der DDR der „Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten“ dienen sollte.

Dieses über allem stehende Ziel war zu verwirklicht unter anderem

- durch eine kollektive frühkindliche Erziehung in Kinderkrippen, in Pionierorganisationen und der FDJ im Jugendlichenalter,
- durch ein polytechnisch durchstrukturiertes Einheitsschulsystem, in dem sich die Jugendlichen auf das Leben als Werktätige im Sozialismus vorbereiten sollten,
- durch die Einführung spezifischer Fächer wie Staatsbürgerkunde und Wehrkundeunterricht, in denen die sozialistische Weltanschauung gelehrt und geübt wurde, den „Klassenfeind“[3] mit vormilitärischen Methoden zu bekämpfen,
- durch ein System der Jugendhilfe, das Jugendliche, die im Sinne des Sozialismus als schwer erziehbar galten, in Jugendwerkhöfen zusammenfasste und dort mit drastischen Methoden und drakonischen Maßnahmen einer Umerziehung unterzog.

Grundsätzlich kann bei Abwägung aller, auch in Gesprächen gewonnenen Informationen gesichert davon ausgegangen werden, dass die DDR-Schule, trotz aller dogmatischen und ideologischen Vorgaben,

- ein hohes Maß an durchstrukturierten Regelungen, an festgelegten Ritualen und verlässlichen Abläufen generierte, was eine große Verlässlichkeit im Handeln zur Folge hatte,
- den Schülern ein umfassendes Bildungsangebot machte und damit ihre pädagogische Verantwortung begründete,
- den Lehrern und sonstigen Mitarbeitern ein kollegiales Miteinander bot,
- gemeinsame Werte postulierte, die sich allerdings einseitig auf die Werte des Sozialismus beschränkten und Intoleranz anderen Wertesystemen gegenüber zeigte.

Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass die DDR-Schule

- Intransparenz bezüglich pädagogischer und verwaltungstechnischer Entscheidungen zeigte und
- ein Kontrollsystem aufbaute, das geeignet war, Misstrauen und Ängste zu schüren.

Die Arbeit der Kinder- und Jugendsportschule der DDR war entscheidend an den Bedürfnissen des Leistungssports ausgerichtet. Da der Leistungssport ohne die Tugenden Disziplin, Stringenz und Ehrgeiz nicht erfolgreich zu beherrschen ist, gehörten diese Eigenschaften zweifellos zu den Bildungsmerkmalen und Spezifika der KJS. Untersucht wurde auch, ob sich ggf. darüber hinaus eine weitergehende Schulkultur entwickeln konnte.

An den Kinder- und Jugendsportschulen der DDR wurden keine Schulprogramme aufgestellt, denn die Schulen sollten möglichst gleichartig strukturiert sein (Buss, 2004). Die Bildungsziele wurden zentral vorgegeben. Da es sich bei der KJS um eine Spezialschule handelte, war sie gegenüber den staatlichen Organen verpflichtet, das Spezielle – hier den Leistungssport – nachweisbar zu Erfolgen zu führen.

Um dies zu gewährleisten, bedurfte es ausgeprägter Loyalitäten und einer großen Hartnäckigkeit aller Beteiligten. Dazu zählten bei Trainer- und Lehrerschaft auch ein begründetes und authentisches Führungsvermögen und eine hohe Verantwortungsbereitschaft. Man verstand sich an der KJS als eine Wertegemeinschaft, die allseits sichtbar erfolgreich arbeitete. Man war stolz auf das Erreichte und erfuhr viel Anerkennung. Die privilegierte Situation erforderte von allen Beteiligten ein hohes Engagement, aber im moralischen Sinne auch eine gewisse Bescheidenheit.

Die Vielschichtigkeit des Untersuchungsgegenstandes wird deutlich, wenn man die in der folgenden Tabelle aufgeführten Bildungsmerkmale nach weiteren Ordnungsaspekten differenziert. Schulische Bildung, sportlicher Erfolg, allgemeine Erziehung und gesellschaftliche Verantwortung markieren die Aufgabe von Sportschulen, unabhängig von System und Zeit. Allerdings sind auch wenige Bildungsmerkmale aufgenommen worden, die nur als KJS-spezifisch eingeordnet werden müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2. Aspekte von Bildungsmerkmalen an Sportschulen.

Die genannten Aspekte wurden im Laufe der Zeit unterschiedlich gewichtet. Lag der Blickwinkel der KJS sicher auf sportlichem Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung, so widmeten sich die Sportbetonten Schulen der 1990er Jahre verstärkt auch der schulischen Bildung und der allgemeinen Erziehung. Die heutige Eliteschule des Sports sollte eindeutig und kompromisslos auf eine Gleichgewichtung aller vier Aspekte achten.

[...]


[1] Die Promotion wurde an der TU Kaiserslautern mit „magna cum laude“ abgeschlossen.

[2] Aus Gründen der Lesbarkeit wird in diesem Aufsatz bei der Verwendung von Gattungsbegriffen auf eine durchgängige Differenzierung zwischen den Geschlechtern verzichtet.

[3] Der Begriff „Klassenfeind“ leitete sich aus der Klassentheorie des Marxismus ab, wonach Klassen Gruppen von Menschen sind, die sich in ihren ökonomischen und politischen Zielen bekämpfen.

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Résumé des informations

Titre
Kinder- und Jugendsportschulen der DDR im neuen Kleid?
Université
University of Kaiserslautern  (Sozialwissenschaften/Sportwissenschaften)
Note
2,0
Auteur
Année
2018
Pages
42
N° de catalogue
V450769
ISBN (ebook)
9783668857742
ISBN (Livre)
9783668857759
Langue
Allemand
Annotations
Es handelt sich um die Zusammenfassung der grundlegenden Erkenntnisse der o.a. Dissertation.
mots-clé
kinder-, jugendsportschulen, kleid
Citation du texte
Rüdiger Barney (Auteur), 2018, Kinder- und Jugendsportschulen der DDR im neuen Kleid?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/450769

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