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Paul Cézanne - Zeit und Zeitgeschehen in "La femme à la cafetière"

Title: Paul Cézanne - Zeit und Zeitgeschehen in "La femme à la cafetière"

Research Paper (postgraduate) , 2002 , 25 Pages

Autor:in: Dr. Sabrina Cercelovic (Author)

Art - Painting
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Summary Excerpt Details

Das Motiv
Vor einer kassettierten Flügeltür erhebt sich der massive Körper einer sitzenden Frau in einem blauen Kleid. Das Haar streng zurückgekämmt und offensichtlich zu einem Knoten zusammengefasstund die großen Hände in den Schoß gelegt, sitzt sie dem Betrachter gegenüber, jedoch ohne den Blickkontakt zu ihm zu suchen. Zu ihrer Linken befindet sich am rechten Bildrand das angeschnittene Motiv eines Tisches, dessen rotes Tuch zusammen mit dem Blau des Kleides die ansonsten recht neutral gehaltene Farbgebung dieses Bildes durchbricht. Auf dem Tisch stehen eine Kaffeetasse mit einem senkrecht aufgerichteten Löffel und eine zylindrische Kaffeekanne. Sowohl die Tasse als auch die Kanne heben sich mit ihrer weiß-silbrigen Farbgebung prägnant von dem roten Tischtuch ab. Am linken Bildrand sieht man das Fragment einer geblümten Tapete, deren weiß-rosé gehaltene Blumenornamentik das helle Kolorit des Kaffeegeschirrs wiederholt.

Auffällig an der Bildkomposition ist der angeschnittene bzw. kaum akzentuierte Vordergrund. Die untere Begrenzung des Bildraumes befindet sich in Kniehöhe der Frau; der Blick des Betrachters wird somit sofort in die Bildmitte gelenkt, wo er auf die im Schoß ruhenden Hände der abgebildeten Frau trifft, bei der es sich um Cézannes Haushälterin handelt.

Dass das Motiv wahrscheinlich eine nachmittägliche Kaffeepause und nicht um den Morgenkaffee meint, leitet sich zum einen aus den fehlenden Esswaren ab, zum anderen aus der Lichtführung: Da sowohl die Landarbeit als auch eine hauswirtschaftliche Tätigkeit in der Regel körperlich anstrengende Betätigungen sind, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass derartige Arbeiten nicht ohne ein Frühstück begonnen werden. Doch die nötigen Zutaten hierfür sind nicht abgebildet. Die Arbeit auf dem Lande beginnt gewohnheitsmäßig sehr früh am Morgen, das heißt zu Zeiten, an denen man ohne Kunstlicht noch nicht auskommt. Kunstlicht, insbesondere das zu Cézannes Zeit benutzte Kerzenlicht, ist meist gelbstichig, was von seiner niedrigen Lux-Zahl zeugt. Doch das Licht, das offensichtlich von einem Fenster auf der linken Seite kommt und sich in der Kaffeekanne spiegelt, ist helles Tageslicht.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Das Motiv

2. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung)

3. Die Raumkomposition als Ort verborgener Zeitaspekte

4. Abstraktion versus Natur: die geometrische Struktur als ein Element des Zeitlosen

6. Gleichmaß und Indifferenz: was haben die Erfindung der Eisenbahn, die Modernisierung von Paris und die industrielle Revolution mit Cézanne zu tun?

7. Zeitlichkeit versus Dauer: die Akzentuierung des Wesentlichen

8. Resümee

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht das Gemälde "La femme à la cafetière" von Paul Cézanne im Hinblick auf die Darstellung von Zeit und Zeitbezügen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Im Zentrum steht die Frage, wie Cézanne durch formale Kompositionsmittel und die Reduktion auf geometrische Grundformen eine zeitlose "Dauer" erschafft, die in einem spannungsreichen Kontrast zur modernen, durch Beschleunigung und industrielle Veränderungen geprägten Epoche steht.

  • Die Analyse der Bildkomposition und ihre Wirkung auf die zeitliche Wahrnehmung
  • Die Bedeutung der geometrischen Abstraktion als Mittel zur Entzeitlichung
  • Der Einfluss der industriellen Revolution, der Eisenbahn und der städtebaulichen Modernisierung auf das Zeitverständnis
  • Die Analogie zwischen Cézannes künstlerischem Ansatz und den neuen Medien, insbesondere der Fotografie
  • Das Spannungsfeld zwischen Vergänglichkeit und dem Streben nach dauerhaften Strukturen

Auszug aus dem Buch

3. Die Raumkomposition als Ort verborgener Zeitaspekte

Die bildende Kunst scheint nach Boehm Zeit und Zeitlichkeit per se auszuschließen: Die Leinwand, der Sockel und der Boden sind „die stabilen Orte der, so scheint es, wesensgemäß bewegungsfremden Bildnerei.“ Diese Annahme geht wesentlich auf Lessing (1729-1781) zurück, der 1766 in „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ einen Vergleich der Darstellungsträger und nicht der Medien vorgenommen hatte:

„Leinwand, Bronze oder Stein, die materiellen Substrate der bildenden Kunst, sind räumlich und von sich her unbewegt, Sprache und Ton dagegen zeitlich und bewegt...Der Klang des Wortes will zeitlich realisiert werden: gesprochen, gespielt, dargestellt; auch bei der Musik gehen wir hörend mit, während Bilder ohne eine solche offene zeitliche Perspektive eine lediglich indirekte temporale Realisierung erlauben.“

In der Bild-Zeit gerinnt der flüchtige Moment zur Ewigkeit; im Bild-Raum manifestiert sich die Idee der Unendlichkeit. Einer Unendlichkeit, interpretierbar im Sinne eines immerwährenden, unveränderlichen Seins: Der Bild-Raum war nicht und wird auch nicht sein; er ist. Er dehnt sich nicht aus und zieht sich nicht zusammen. Er ist ein vollendetes, perfektes Gebilde. Abgeschlossen in seinem Entstehungsprozeß, trotzt er jeder weiteren Veränderung; er ist und bleibt. In diesem Sinne sind gemalte Bilder nach Berger statisch:

„Die einzigartige Erfahrung beim Betrachten eines Bildes - über mehrere Tage oder Jahre hin - ist, daß inmitten des ständigen Wechsels das Bild unveränderlich bleibt. Natürlich kann sich die Bedeutung eines Bildes aufgrund historischer oder persönlicher Entwicklungen ändern, aber das Gemalte verändert sich nicht: die gleiche Milch fließt aus dem gleichen Krug, die Meereswellen haben unterbrochen genau die gleiche Gestalt, das Gesicht und das Lächeln haben sich nicht verändert.“

Zusammenfassung der Kapitel

1. Das Motiv: Beschreibung des Bildes, der Dargestellten und der spezifischen Anordnung der Gegenstände sowie der Farbgebung.

2. Erzählte Zeit (Die Zeit der Handlung): Analyse der zeitlosen Ruhe im Bild und der Erstarrung der dargestellten Figur und ihrer Umgebung.

3. Die Raumkomposition als Ort verborgener Zeitaspekte: Untersuchung des Bildraums als statisches Gebilde im Gegensatz zur bewegten Zeit des modernen Lebens.

4. Abstraktion versus Natur: die geometrische Struktur als ein Element des Zeitlosen: Erörterung der geometrischen Reduktion als Mittel, das Motiv in eine Sphäre zeitlosen Seins zu überführen.

6. Gleichmaß und Indifferenz: was haben die Erfindung der Eisenbahn, die Modernisierung von Paris und die industrielle Revolution mit Cézanne zu tun?: Darstellung des Einflusses technischer Entwicklungen auf die menschliche Wahrnehmung und deren Parallelen zu Cézannes Werk.

7. Zeitlichkeit versus Dauer: die Akzentuierung des Wesentlichen: Diskussion über Cézannes Bestreben, das "Wesentliche" und "Dauerhafte" gegenüber der flüchtigen Moderne zu bewahren.

8. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung, dass Cézannes Gemälde zeitlos und zeitgemäß zugleich wirken, da sie eine Konjunktion verschiedener Zeitebenen schaffen.

Schlüsselwörter

Paul Cézanne, La femme à la cafetière, Kunstgeschichte, Raumkomposition, Zeitlosigkeit, Dauer, Geometrische Abstraktion, Industrialisierung, Moderne, Wahrnehmungsgeschichte, Fotografie, Vergänglichkeit, Bildanalyse, Haussmann, Zeitbewusstsein

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das Gemälde "La femme à la cafetière" von Paul Cézanne unter dem besonderen Fokus der Darstellung von Zeit, Dauer und Zeitlosigkeit im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die zentralen Felder umfassen die Bildkomposition bei Cézanne, den Einfluss von technischen Neuerungen wie der Eisenbahn und der Fotografie auf die zeitliche Wahrnehmung sowie das philosophische Spannungsfeld zwischen flüchtigem Moment und dauerhaftem Sein.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Cézanne durch formale Mittel wie geometrische Strenge dem Wandel seiner Zeit trotzt und eine "zeitlose Dauer" in der Kunst etabliert, die dennoch in engem Austausch mit der Moderne steht.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die formale Bilduntersuchungen mit historischen und philosophiegeschichtlichen Kontexten (z. B. Lessings Ästhetik oder die Relativitätstheorie) verknüpft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Raumkomposition, die Wirkung der Geometrie auf die Zeitwahrnehmung und setzt diese in Beziehung zu den Umbrüchen der Industriegesellschaft, wie etwa dem Haussmannschen Umbau von Paris.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Wichtige Begriffe sind Zeitlosigkeit, Dauer, geometrische Struktur, industrielle Moderne, Wahrnehmungsgeschichte und Cézannes künstlerische Intention der Bewahrung.

Wie spielt die Fotografie eine Rolle für Cézannes Werk in dieser Analyse?

Die Autorin zieht Analogien zwischen Cézannes stilisierter, "zeitenthobener" Darstellung und der Fotografie, da beide Medien eine Art "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" erzeugen und Momente aus der Zeit herauslösen.

Warum wird die Eisenbahn als Vergleichspunkt für das Gemälde herangezogen?

Die Eisenbahn symbolisiert den neuen, beschleunigten Rhythmus des 19. Jahrhunderts. Dieser dient als Kontrastfolie zu Cézannes statischer und dauerhafter Bildkomposition, um den zeitkritischen Gehalt seiner Kunst zu unterstreichen.

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Details

Title
Paul Cézanne - Zeit und Zeitgeschehen in "La femme à la cafetière"
Author
Dr. Sabrina Cercelovic (Author)
Publication Year
2002
Pages
25
Catalog Number
V4509
ISBN (eBook)
9783638127790
Language
German
Tags
Paul Cézanne Zeit Zeitgeschehen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. Sabrina Cercelovic (Author), 2002, Paul Cézanne - Zeit und Zeitgeschehen in "La femme à la cafetière", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4509
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