Das Motiv der Großstadt. Literatur in der Weimarer Republik


Ausarbeitung, 2015
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergrundinformationen

3. GroBstadt in der Lyrik

4. GroBstadt in der Epik
4.1 Der GroBstadtroman
4.2 Wichtige Themenfelder
4.3 Erzahltechnische Besonderheiten
4.4 Beispiel: „Manhattan Transfer“ (Dos Passos, 1925)

5. GroBstadt im Drama

6. Resumee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soil mittels einer literatursoziologischen und textanalytischen Herangehensweise untersucht werden, welche Kennzeichen und Themen der GroBstadtliteratur angehoren und wie GroBstadt in den drei literarischen Gattungen, insbesondere zur Zeit der Weimarer Republik, dargestellt wurde.

Zunachst mochte ich durch einen historischen Ruckblick die Grunde fur das Interesse von Autoren und Publikum am Thema GroBstadt erarbeiten, um dann im Folgenden genauer auf das Motiv in den unterschiedlichen Gattungen und eventuelle Unterschiede in seiner Verwendung einzugehen. Mein Fokus wird dabei auf der Epik liegen, da diese die verbreitetste Gattung der GroBstadtliteratur war.

2. Hintergrundinformationen

Die GroBstadtliteratur im eigentlichen Sinne ist im Zeitraum von ungefahr 1890 bis 1930 angesiedelt und betrifft alle drei groBen literarischen Gattungen Epik, Lyrik und Drama.1 Sie meint jene literarischen Werke, in der die Stadt nicht nur Ort des Geschehens ist, sondern in der sie selbst zum Thema beziehungsweise zur Handlungstragerin wird. Doch warum wurde das Motiv GroBstadt uberhaupt fur Autoren interessant? Stadte wie Babylon uben schon seit der Antike eine Faszination auf die Menschen aus, sei es durch ihre schiere GroBe oder durch die Moglichkeiten, die sich aus dem Leben in einer Stadt ergeben. In Deutschland taucht die GroBstadt jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts in der Literatur auf2. Die spate, aber dafur sehr schnelle Industrialisierung fuhrte in Deutschland, insbesondere zwischen 1870 und 19103, zu einer starken Urbanisierung, da die Menschen in groBer Zahl in die Nahe ihres Arbeitsplatzes zogen.4 Dadurch entstanden rasch wachsende Metropolen. Mit der Reichsgrundung 1871 wurde Berlin sowohl zum politischen als auch zum kulturellen Zentrum5, das durch seinen Ruf als liberaler und freigeistiger Lebensraum zahlreiche Kunstler und Schriftsteller anzog6. Diese verarbeiteten

ihre Erfahrungen mit dem Leben in der GroBstadt und den dadurch resultierenden gesellschaftlichen Veranderungen in ihren Werken.7 Hinzu kam ab 1900 die Veranderung des Stadtbildes aufgrund der neuen Technologien wie StraBenbeleuchtung, Autos und Leuchtreklamen sowie die Einfuhrung der neuen Massenmedien Rundfunk und Presse, die den Informationsfluss erheblich beschleunigten. Diese Neuerungen und das damit verbundene schnelle Lebenstempo wurden von vielen Kunstlern und Literaten kritisch gesehen.8 Schriftsteller, die sich mit der GroBstadtthematik positiv befassten, wurden auch „Asphaltliteraten“ genannt und nicht selten von anderen Schriftstellern kritisiert, die mit der Stadt in erster Linie Abwendung von Traditionen und Entwurzelung verbanden.9 Die Auseinandersetzung mit dem Motiv der GroBstadt beschaftigte eine Reihe von Schriftstellern verschiedener literarischer Stromungen: Realismus, Naturalismus, Expressionismus und Neue Sachlichkeit.

3. GroBstadt in der Lyrik

Das Thema Stadt hatte seinen ersten Hohepunkt nach der Reichsgrundung zunachst in der Lyrik, wobei die schlechten Lebensbedingungen im Vordergrund standen (erst einige Jahre spater wurde es noch starker in der Epik und auch im Drama aufgegriffen). Hierbei traf das Interesse an einer leicht rezipierbaren, offentlichkeitskompatiblen Lyrik, der Gebrauchslyrik, mit der aufkommenden Urbanisierung und dem Wunsch, sich damit auseinanderzusetzen, zusammen.10 Dichter brachen mit traditionellen Formen der Lyrik11 und versuchten, ihre Erfahrungen auf eine experimentelle Weise darzustellen.12 Typisch fur diese Art von Gedichten waren Wortspiele, Alliterationen, sinnlose Reime13 und auch der Syntaxzerfall, wie er aus dem Dadaismus und der Konkreten Poesie bekannt ist.14 Lyriker spielten mit der Sprache und nutzen unter anderem auch die Montagetechnik, indem sie Fragmente aus Satzen oder Wortern neu zusammensetzten oder Ellipsen gebrauchten, um das Leben in der Stadt literarisch darzustellen. Eines der bekanntesten GroBstadtgedichte ist Kurt Tucholskys „Augen der GroBstadt“ aus dem Jahr 1930:

„Wenn du zur Arbeit gehst am fruhen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? vielleicht dein Lebensgluck... vorbei, verweht, nie wieder. [...]“15

Dieses Gedicht zeigt nicht nur die eben genannten sprachlichen Besonderheiten der GroBstadtlyrik, sondern auch ihre Themen: den Umgang mit der Anonymitat in der Menschenmasse und die damit verbundene Frage nach der eigenen Identitat sowie das Leben in der GroBstadt, welches gepragt ist vom Rhythmus und der Schnelligkeit des Alltags.16 17

Zu den bekanntesten GroBstadtgedichten gehoren des Weiteren Gottfried Benns fruhexpressionistische Werke, in denen er das GroBstadtleben auf abstoBende Weise darstellt, beispielsweise durch die genaue Beschreibung einer Leichensezierung. In diesem Zusammenhang ist auBerdem Bertolt Brechts Gedichtband „Aus dem Lesebuch fur Stadtebewohner“ aus dem Jahr 1930 zu nennen, welches fur die GroBstadtlyrik zur Zeit der Weimarer Republik eine zentrale Rolle spielt. Sie zeigen mittels freier Verse und einer sehr einfachen Sprache die sachliche Beobachtung wie auch das zynische Verhalten eines Bewohners der modernen GroBstadt.18 In der expressionistischen GroBstadtlyrik fallt allerdings auch die haufige Nutzung der Sonettform auf, bei der nicht selten ein starker

[...]


1 Perels, Christoph: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Stadte. In: Die Stadt in der Literatur. Hrsg. von Cord Meckseper und Elisabeth Schraut. Gottingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1983. S. 59.

2 Bucher-Wiki: Berlin. www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Berlin (29.10.2014).

3 Krause, Frank: Literarischer Expressionismus. Paderborn: Fink 2008. S. 107.

4 Stuhler, Friedbert: Totale Welten. Der moderne deutsche GroBstadtroman. Regensburg: Roderer 1989. S. 29.

5 Bucher-Wiki. (29.10.2014).

6 Beutin, Wolfgang: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfangen bis zur Gegenwart. 6. Verb. Und Erw. Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 2001. S. 418.

7 Jahner, Harald: Stadtraum - Textraum. In: In der groBen Stadt. Die Metropole als kulturtheoretische Kategorie. Hrsg. von Thomas Steinfeld und Heidrun Suhr. Frankfurt/Main: Hain 1990. S. 98.

8 Krause, F.: Literarischer Expressionismus. S. 108.

9 Beutin, W.: Deutsche Literaturgeschichte. S. 418.

10 Streim, G.: Einfuhrung in die Literatur der Weimarer Republik. S. 52.

11 Traditionelle Lyrik meint hier Gedichte mit einem klarem Reimschema und Metrum sowie einer vollstandigen Syntax.

12 Streim, G.: Einfuhrung in die Literatur der Weimarer Republik. S. 52.

13 Jahner, H.: Stadtraum - Textraum. S. 105.

14 Perels, Ch.: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Stadte. S. 74.

15 Elit, Stefan: Lyrik. Formen, Analysetechniken, Gattungsgeschichte. Paderborn: Fink 2008. S. 171.

16 Laufer, Bernd: Jakob von Hoddis. Der Variete-Zyklus. Hrsg. von Theo Buck. Frankfurt/Main: Lang 1992. S. 18f.

17 Streim, G.: Einfuhrung in die Literatur der Weimarer Republik. S. 54.

18 Ebd. S. 53.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Großstadt. Literatur in der Weimarer Republik
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Die 'goldenen 20er'. Literatur der Weimarer Republik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V451370
ISBN (eBook)
9783668842212
ISBN (Buch)
9783668842229
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Großstadt, Literatur, Motiv, Großstadtmotiv, Stadt, Stadt in der Literatur, Weimarer Republik, Goldene Zwanziger, 1920, Lyrik, Epik, Drama, Großstadtroman, Manhattan Transfer, Dos Passos
Arbeit zitieren
Sophia Pistorius (Autor), 2015, Das Motiv der Großstadt. Literatur in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451370

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