„Exkremente sind nicht allzu sehr beliebt, doch geben sie ne prima Mahlzeit ab, wenn man ihnen eine Chance gibt“, singen die Ärzte in dem Lied „Richtig schön evil“. Wir wollen ihrem Beispiel folgen und ein Fastnachtspiel untersuchen, in dem die Masken einiger Bauern einem gewaltigen Exkrement, das vor dem Nürnberger Rathaus gefunden wird, eben diese Chance einräumen. Es wird erläutert, welche Rolle Fäkalien um das 15. Jahrhundert, in dem das zu untersuchende „vasnachtspil vom dreck“ aufgeschrieben wurde, zukommt und welches Körperkonzept dem Defäkieren in Fastnachtspielen und anderen Festlichkeiten zugrunde liegen mag. Da diese Körperpraxis natürlich schwerlich dokumentarisch erhalten sein kann, werden Bilder klerikaler Handschriften, Gemälde und Plastiken in Dorfkirchen oder an anderen Gebäuden, überlieferte Rituale verschiedener Kulturkreise und theoretische Körperkonzeptionen zu Hilfe gezogen. Vor dem Hintergrund dieser theoretischen Ansätze soll zuletzt das „vasnachtspil vom dreck“ untersucht werden.
Im 15. Jahrhundert, als das „vasnachtspil vom dreck“ in Nürnberg niedergeschrieben wurde, entstand dort gerade ein Überwachungssystem durch den Stadtrat. Handwerkszünfte und Geheimbühne wurden verboten und man versuchte, Feste zu kontrollieren und Tänze zu unterbinden. Es entwickelte sich ein neues Ethos von Arbeitsfleiß und Disziplin. Dabei wurden Handwerker mehr und mehr herabgewürdigt, ihre Selbstständigkeit als Meister schwand. Somit rückt das Auffinden des Haufens in der Tuchscherergasse, also vor dem Nürnberger Rathaus, in ein anderes Licht. Im Fastnachtspiel konnte man sich derartige Kritik am System in Form solch spielerisch-scherzhafter Gestikulationen erlauben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kontext
3. Unterschied: Theorie und Praxis
4. Bedeutung von Fäkalien in verschiedenen Kulturen
5. Bachtins materiell-leibliches Körperkonzept
5.1. Relative Unsterblichkeit durch den Zyklus des Lebens
5.2. Der offene Leib
5.3. Degradierung
5.4. Festmahlmotiv
5.5. Andere Körperkonzepte
5.6. Kosmische Angst überwinden
5.7. Bedeutung der Elemente
6. Motive im „vasnachtspil vom dreck“
6.1. Bedeutung des „Kunters“
6.2. Verwendung des „kunters“ im „vasnachtspil vom dreck“
6.2.1. Als Mahlzeit
6.2.1.1. Das Ei
6.2.1.2. Cucagne und Cocuce
6.2.2. Handwerksgegenstände
6.2.3. Spiel
6.2.4. Heilung in Form von Körperpflege
6.2.5. Nachtruhe und „S“-Symbolik
6.3. Namen der Bauern und Ärzte
6.4. Heilung mit Hilfe von Kot
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das „vasnachtspil vom dreck“ aus dem 15. Jahrhundert und analysiert, welche Rolle Fäkalien in diesem Kontext spielten und welches Körperkonzept dem Defäkieren in mittelalterlichen Fastnachtspielen zugrunde lag. Dabei wird das Ziel verfolgt, durch die Verknüpfung von theoretischen Ansätzen (insbesondere Michail Bachtins Konzept des grotesken Realismus) und historischen Bildbelegen die Bedeutung der Fäkalmotivik als Ausdruck eines materiell-leiblichen Lebensprinzips zu entschlüsseln.
- Analyse der Rolle von Fäkalien im historischen Kontext des 15. Jahrhunderts
- Anwendung des Konzepts des „grotesken Realismus“ auf das Fastnachtspiel
- Untersuchung der Verbindung von Ausscheidung, Lebenszyklus und Fruchtbarkeit
- Deutung der symbolischen Verwendung des Kothaufens als „Kunter“
- Vergleich der mittelalterlichen Körperkonzeptionen mit der Theorie der christlichen Kirche
Auszug aus dem Buch
6.2.1.1. Das Ei
Das Ei hat einen weiten Kreis symbolischer Bedeutungen. Es spielte in der Theologie und Philosophie der Ägypter, Perser, Gallier, Griechen und Römer eine bedeutende Rolle als Sinnbild des Weltganzen. Zum Osterfest färbt man auch heute noch Ostereier, die also eine Beziehung zur Auferstehung Christi bekommen haben. Man könnte das so verstehen, dass die Hühnchen in dem Ei begraben liegen und daraus zum Leben auferstehen, wenn sie schlüpfen. Im indogermanischen Heidenkult kommt dem Ei eine ähnlich wichtige Bedeutung zu. Es ist Symbol des im Schlaf gefesselten Lebenskeims, der auf die Auferweckung wartet. Es wurde zugleich als eine Art Mikrokosmos betrachtet, in dem die vier Elemente vereinigt sind: das Feuer im Dotter, das Wasser im Eiweiß, die Luft im Inneren der Schale und die Erde in der Schale. Auf altägyptischen Baudenkmälern ist häufig der Feuer- und Lichtgott Ptah abgebildet, der als Former der Welt ein Ei auf einer Töpferscheibe hin und her wälzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Fäkalien im Fastnachtspiel und Vorstellung der Forschungsabsicht, die Körperpraxis des 15. Jahrhunderts zu verstehen.
2. Kontext: Darstellung der gesellschaftlichen Bedingungen in Nürnberg im 15. Jahrhundert, geprägt durch Stadtrat-Überwachung und ein neues Ethos von Disziplin.
3. Unterschied: Theorie und Praxis: Analyse der Divergenz zwischen dem klerikalen Anspruch auf Körperdisziplin und der tatsächlich gelebten, „heidnisch“ geprägten Festpraxis.
4. Bedeutung von Fäkalien in verschiedenen Kulturen: Untersuchung der kulturspezifischen Wahrnehmung von Ausscheidungen als mit Göttern verbunden oder fruchtbarkeitsfördernd.
5. Bachtins materiell-leibliches Körperkonzept: Theoretische Grundlegung des grotesken Realismus, bei dem der Körper als Teil eines zyklischen Werdens und Vergehens verstanden wird.
6. Motive im „vasnachtspil vom dreck“: Detaillierte Analyse des Fastnachtspiels, in dem der Kothaufen („Kunter“) als zentrales, produktiv genutztes Objekt fungiert.
7. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Einordnung der Fäkalmotivik als Ausdruck einer Leibphilosophie des zyklischen Werdens.
Schlüsselwörter
Fäkalien, vasnachtspil vom dreck, Bachtin, grotesker Realismus, Fastnachtspiel, Körperkonzept, Defäkation, Symbolik, Mittelalter, Festkultur, Leiblichkeit, Zyklus, Kulturgeschichte, Kot, Volkskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Fäkalien und das damit verbundene Körperkonzept im „vasnachtspil vom dreck“, einem Fastnachtspiel des 15. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Zentrale Felder sind die mittelalterliche Festkultur, das Konzept des grotesken Realismus nach Bachtin sowie die symbolische Bedeutung von Ausscheidungen in verschiedenen Kulturen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach der Rolle von Fäkalien im 15. Jahrhundert und danach, welches Körperkonzept hinter der Darstellung der Defäkation in zeitgenössischen Festlichkeiten stand.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Autorin kombiniert die Analyse historischer Texte (Fastnachtspiele) mit der Auswertung von klerikalen Handschriften, kirchlichen Wandmalereien und theoretischen Körperkonzeptionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung durch Bachtin sowie die spezifische Untersuchung der Motive im „vasnachtspil vom dreck“, wie die Nutzung des „Kunters“ als Mahlzeit, Spielobjekt oder Heilmittel.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind grotesker Realismus, Fäkalmotivik, Körperlichkeit, Zyklus des Lebens und die ambivalente Rolle des „Kunters“.
Warum spielt der „Kunter“ eine so zentrale Rolle im Fastnachtspiel?
Der Kothaufen („Kunter“) wird im Spiel nicht negativ konnotiert, sondern als ein gewaltiges Objekt dargestellt, das die Akteure kreativ nutzen, um Nahrung zu erzeugen, zu heilen oder den Kreislauf des Lebens darzustellen.
Welchen Bezug stellen die Ärzte im Spiel zur Defäkation her?
Für die Ärzte im Spiel ist ein regelmäßiger und voluminöser Stuhlgang ein Zeichen von Vitalität und guter Gesundheit, weshalb sie den Haufen des Bauern diagnostisch und symbolisch als „Ei“ einer besonderen Geburt bewerten.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Kohl (Autor:in), 2013, Fäkalien als Ausdruck des materiell-leiblichen Lebensprinzips, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/451863