Bedeutung psychologischer Theorien des Vergessens für die Praxis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
32 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychologische Theorien des Vergessens
2.1 Vergessenskurve nach Ebbinghaus
2.2 Spurenzerfallstheorie bzw. Speicherzerfall
2.3 Interferenztheorie
2.3.1 Transfer of Training
2.3.2 Zwei-Faktoren-Theorie
2.3.3 Zwischenfazit
2.4 Motiviertes bzw. motivationales Vergessen durch emotionale und andere Faktoren
2.5 Kontextabhängiges Vergessen

3. Bedeutung psychologischer Theorien des Vergessens für die Praxis
3.1 Forensische Psychologie und Psychotherapie
3.2 Soziologischer Zugriff
3.2.1 Web Memorials
3.2.2 Erinnerung und Vergessen im Kontext des Sozialen Gedächtnisses

4. Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als die Polizei ihn 1975 aufsuchte, war der Gedächtnisforscher Donald Thompson schockiert. Eine Frau war vergewaltigt worden und hatte ihn eindeutig als Täter beschrieben. Doch Thompson hatte für den Vorfall ein Alibi: Zum Zeitpunkt des Verbrechens hatte er live ein Fernseh-Interview zum Thema Gedächtnisverzerrungen gegeben. Er konnte also unmöglich der Täter sein. Warum aber hatte das Opfer ihn dann so genau beschrieben? Die Antwort überrascht: Unmittelbar vor der Vergewaltigung hatte die Frau das Interview im Fernsehen gesehen. Als Folge der traumatischen Erfahrung hatte ihr Gedächtnis den Ursprung der Erinnerung an Thompson verwechselt. (Drimalla, 2011, o. S.)

Vergessen funktioniert in diesem Fall mehr wie eine Konstruktion statt eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Menschen erleben in ihrem Leben also Dinge, an die sie sich sowohl gern als auch ungern zurückerinnern oder, wie in dem eben angeführten Fall, falsch erinnern. Im besten Fall vergessen wir Alltägliches, Emotionales oder peinliche Situationen. Im schlimmsten Fall geht es um traumatische Erfahrungen, die unser Gedächtnis aus Selbstschutz abkoppelt und zu denen es uns den Zugriff verweigert (Pritzel & Markowitsch, 2017, S. 22-24). In der Wissenschaftsdisziplin der Psychologie gehört die Thematik rund um das Vergessen zum Bereich Lernen und Gedächtnis und lässt sich in der allgemeinen Psychologie verorten (Becker-Carus & Wendt, 2017, Kap. 8). Das soeben angeführte Beispiel soll andeuten, wie nah sich hier die Theorie zum Bereich des Vergessens an der Praxis bewegt.

Des Weiteren wird es in der vorliegenden Hausarbeit darum gehen, die Theorien des Vergessens kurz vorzustellen, zu vergleichen und zu bewerten sowie insbesondere deren praktischen Nutzen (zum Beispiel für die Gestaltung des Lernprozesses) darzustellen. Hierbei werden die einzelnen Abschnitte der Arbeit nicht wie isolierte Blöcke nebeneinanderstehen, sondern inhaltlich eng aufeinander bezogen sein. Die gängigen Vergessenstheorien in der Psychologie sind unter anderem der Spurenzerfall, die Interferenztheorie, der Verlust der Speicheradresse sowie das motivierte Vergessen. Interessant für diese Arbeit ist zudem die Vergessenskurve nach Ebbinghaus (1885), um ins Thema zu finden und einen ersten Überblick über die Vergessenstheorien zu gewinnen. Kapitel drei wird dezidiert auf die Bedeutung psychologischer Theorien des Vergessens für die Praxis eingehen, dabei einen soziologischen Zugriff bemühen und versuchen, einen stärkeren Bezug zum sozialen bzw. zum Jugendamtkontext herzustellen. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Hausarbeit im vierten Kapitel konkludierend präsentiert.

2. Psychologische Theorien des Vergessens

Prinzipiell ist es so, dass es zwei Arten gibt bzw. Gründe dafür, warum uns unser Gedächtnis trügen kann: Zum einen, weil wir über etwas Erlerntes nicht mehr verfügen, zum anderen, weil wir etwas Erlerntes als gesichert erachten. Anders ausgedrückt reicht ein Gedächtnisausfall vom Vergessen bis hin zum falschen Erinnern (Schermer, 2014, S. 200). In diesem Kapitel werden kurz die Theorien des Vergessens vorgestellt, verglichen sowie bewertet. Dabei wird besonders deren praktischer Nutzen darzustellen versucht.

Es soll kurz mit dem sogenannten normalen Vergessen (Slamecka & McElree, 1983) begonnen werden, welches der älteste Begriff der experimentellen Forschung ist. Dieses Vergessen tritt aufgrund einer großen Zeitspanne auf, die zwischen dem Gelernten und dem Abrufversuch liegt (Myers, 2013, S. 352).

Im Laiengebrauch wird das normale Vergessen mit dem Vergessen per se gleichgesetzt. Interessant ist, laut Samenieh (2009, S. 6), dass sich seit den Versuchen von Ebbinghaus das Wissen um das Vergessen herum kaum gemehrt habe.

2.1 Vergessenskurve nach Ebbinghaus

Hermann Ebbinghaus (1850-1909) war der erste Psychologe, welcher die Gedächtnisfunktionen wissenschaftlich untersuchte, und zwar aufgrund einer Unzufriedenheit heraus, das Gedächtnis lediglich mit philosophischen Spekulationen zu explizieren. Seine Erforschung fand dabei im Selbstversuch statt: Er begann damit, sowohl lateinische als auch griechische Verse auswendig zu lernen und dabei zu zählen, wie viele Wiederholungen er benötigte, bis er sie fehlerfrei aufsagen konnte. Dabei bemerkte er, dass inhaltliche Assoziationen, Bedeutungen oder Sinnzusammenhänge das Lernen ungemein erleichterten. Was er jedoch nun benötigte, war ein sinnfreies verbal zu memorierendes Material. Für Ebbinghaus (1885) bedeutet das ein vom Inhalt oder Sinn des Materials unabhängiges Wort, damit er die Lerngesetze besser erfassen konnte. Hierbei versuchte er, ähnlich wie Pawlow bei der klassischen Konditionierung (Lernen durch Kontiguität), sich versuchsstörender Variablen zu entledigen. Dazu verwendete er sogenannte sinnlose Silben, also zufällige Buchstabenkombinationen, die aus Konsonant-Vokal-Konsonant bestehen oder auch Trigramme genannt werden. Beispiele hierfür sind FUB, KEL, DAL, da diese nicht als sinnvolle Wörter in der Sprache vorkommen. Er nannte dieses Vorgehen die Ersparnismethode. Er lernte bei dieser Methode eine Liste an sinnlosen Silben auswendig und wiederholte diese stets in derselben Reihenfolge, bis er alle Silben in der richtigen Reihenfolge aufsagen konnte. Nach einer Pause testete er, wie viele Wiederholungen er benötigte, um die Liste fehlerfrei wiederzugeben. Da in der Regel dabei weniger Wiederholungen nötig waren als beim ersten Lernen, war für Ebbinghaus das Maß der Gedächtnisleistung in Form gesparter Wiederholungen definiert. Er prüfte somit, wie viel des gelernten Materials nach verschieden langen Intervallen des Behaltens verloren gegangen war. Ebbinghaus konstatierte, dass die Erinnerung für neue Information bereits in den ersten Stunden schnell zurückgeht und dann über längere Zeit nur noch wenig abnimmt (Becker-Carus & Wendt, 2017, S. 357; vergleiche hierzu Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Vergessenskurve nach Ebbinghaus (Quelle: Entnommen aus Myers, 2013, S. 352)

Diese ebbinghaussche Vergessenskurve gilt auch heute als typisch für Ergebnisse von Experimenten zum Auswendiglernen von bedeutungslosem Material. Darüber hinaus konnte der Befund des Vergessen, den Ebbinghaus traf, in der Folge auf unterschiedliche Art und Weise mit verschiedensten Lernmaterialien verifiziert werden (Becker-Carus & Wendt, 2017, S. 357).

2.2 Spurenzerfallstheorie bzw. Speicherzerfall

Die Spurenzerfallstheorie dient in erster Linie der Explikation kurzzeitigen Vergessens. Hierbei gilt die seit dem Lernen verstrichene Zeit als der Faktor, welcher den Vergessensumfang bestimmt. Nach dieser Theorie zerfällt die Stärke einer Gedächtnisspur kontinuierlich mit der Zeit, und zwar so lange, bis sich die Spur gänzlich aufgelöst hat. Dies erfolgt aber nur unter der Prämisse, dass in der Zwischenzeit kein Versuch unternommen wurde, den Inhalt des Lernens durch Repetieren zu festigen. Das Vergessen wird demnach als ein passiver Prozess erachtet. Wenngleich diese Theorie einleuchtend erscheint, ist sie experimentell schwierig zu überprüfen, denn sie geht davon aus, dass seit der Einprägung zwar Zeit vergeht, in dieser jedoch nichts passiert und sie somit fast leere Zeit ist. Diese Annahme entspricht aber nicht der Lebenswirklichkeit eines Menschen, der permanent Erfahrungen macht bzw. wird der Inhalt des Gedächtnisses eines Menschen permanent durch Wiederholung gefestigt. Eine gänzlich leere Zeitspanne lässt sich demnach nicht generieren, geschweige denn experimentell kontrollieren (Schermer, 2014, S. 201).

Arbinger (1984, S. 65) versuchte dieses Dilemma zu lösen, indem er diese leere Zeitspanne temporal definierte. Demgemäß ließ er einen Probanden 30 Sekunden nach der Aufnahme des Gelernten nichts tun. Der Proband durfte das Gelernte also nicht wiederholen oder sonst eine kognitive Aktivität ausüben. Hiernach sollte der Proband das Gelernte reproduzieren. Auch dieses Experiment hat eine Schwäche: Es gibt kein kognitives Nichtstun. Um diesem Problem beizukommen, wurde versucht, die Aufmerksamkeitsprozesse gezielt zu steuern. Prämisse dieser Steuerung ist die Annahme, dass der Mensch nicht beliebig viele Dinge gleichzeitig tun kann, und zwar aufgrund der Limitation menschlicher Informationsverarbeitungskapazität. Experimente in diesem Bereich nutzen das Konzept der geteilten Aufmerksamkeit, um Konditionen herzustellen, die eine empirisch fundierte Entscheidung über die Spurenzerfallstheorie erlauben sollen.

Peterson und Peterson (1959) waren die ersten, die experimentelle Studien zum Nachweis des Kurzzeitgedächtnisses durchführten. Sie zeigten, dass ihre Probanden ein Trigramm 30 Sekunden nach einmaliger Präsentation problemlos memorieren können. Erschwert wurde dieser Ablauf daraufhin durch eine Ablenkungsaufgabe (Distraktion). Diese galt es während des Behaltensintervalls zu lösen. Hierfür diente eine Subtraktionsaufgabe, bei welcher die Probanden von einer vergebenen Zahl aus in Dreierschritten laut rückwärts zählen mussten. Der Versuch baute sich also wie folgt auf (Schermer, 2014, S. 148):

1. Akustische Präsentation des Trigramms.
2. Nennen einer dreistelligen Zahl durch den Versuchsleiter,
3. woraufhin Versuchspersonen für eine bestimmte Zeit (= dem Behaltensintervall) in Dreierschritten rückwärts zählen sollten und dies laut.
4. Danach musste das Trigramm erinnert werden. Die Behaltensintervalle variierten aber stets systematisch.

Peterson und Peterson (1959) fanden unter diesen Konditionen heraus, dass sich die Wiedergabeleistung des zu Memorierenden signifikant reduziert, und zwar in Abhängigkeit der Verlängerung des Behaltensintervalls. Nach 18 Sekunden war die Wiedergabeleistung schon 90 Prozent niedriger als ohne den Einsatz der Distraktion (siehe Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Absinken der Wiedergabeleistung nach Peterson und Peterson (Quelle: Entnommen aus McLeod, 2008, o. S.)

15 Jahre später griff auch Reitmann (1974) nochmals auf die Distraktion zurück. Statt zu rechnen, sollten dessen Probanden eine nonverbale Entdeckungsaufgabe (Signalentdeckungsaufgabe) durchführen. Das bedeutet, dass sie mit einem kontinuierlichen Grundrauschen beschallt wurden und beim Auftreten von leisen Tönen eine Taste drücken mussten. Diese Distraktion führt dazu, dass dem Kurzeitspeicher keine neuen Informationen zugeführt werden, während dennoch die Aufmerksamkeit des Probanden von der Lernaufgabe weggelenkt wird. Hierdurch hat Reitmann (1974) einen eindeutigen Bezug bzw. eine eindeutigere Entscheidung über die Spurenzerfallstheorie herstellen können. Er konnte also die Spurenzerfallstheorie unter der Voraussetzung der Nutzung einer Signalentdeckungsaufgabe verifizieren.

Zu bewerten ist diese Theorie wie folgt: Sie wird in der Forschung durchaus anerkannt, findet jedoch meist verdeckt statt, wodurch ihr lediglich eine begrenzte Bedeutung zugesprochen wird (Schermer, 2014, S. 203). Ist eine Information gut encodiert, bedeutet das demnach noch nicht, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt nicht vergessen wird. En passant sei erwähnt, dass das Encodieren die Verarbeitung von Informationen zur Eingabe in das Gedächtnissystem meint. Anders ausgedrückt: Hiermit wird damit das Herstellen eines Bedeutungszusammenhangs beschrieben (Myers, 2013, S. 330).

Auch zur Dauerhaftigkeit von Erinnerungen hat Ebbinghaus (1885) Experimente durchgeführt, indem er noch weitere Listen mit sinnlosen Silben auswendig lernte. Dabei erfasste er systematisch beginnend mit 20 Minuten bis zu 30 Tagen nach dem Lernen, an was er sich noch erinnern konnte – vorausgesetzt er lernte jede Liste noch mal. Das Ergebnis hiervon ist seine Vergessenskurve (siehe Kap. 2.1 und Abbildung 1). Ein ähnliches Ergebnis fand auch Bahrick (1984) (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Vergessenskurve für in der Schule erlerntes Spanisch nach Bahrick 1984 (Quelle: Entnommen aus Myers, 2013, S. 353)

In Abbildung 3 ist zu sehen, dass Studenten, welche vor drei Jahren an einem Spanischkurs teilnahmen, sich an wesentlich weniger erinnerten als die Studenten, welche den Kurs soeben abschlossen. Bei den Studenten, bei denen der Spanischkurs noch länger zurücklag, hatten diese nur unwesentlich mehr vergessen als die, die vor drei Jahren den Spanischkurs beendeten (Myers, 2013, S. 353). Einer Explikation für dieses graduelle Verblassen nähern sich Neurowissenschaftler an, welche den Schwerpunkt Kognition haben, um ein Verständnis davon zu erhalten, wie dieser Gedächtnisspeicher zerfallen könnte (Myers, 2013, S. 353).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Bedeutung psychologischer Theorien des Vergessens für die Praxis
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Bildung und Kultur)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
32
Katalognummer
V452172
ISBN (eBook)
9783668849556
ISBN (Buch)
9783668849563
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, theorien, vergessens, praxis
Arbeit zitieren
M.A. Carolyn Sendler (Autor), 2018, Bedeutung psychologischer Theorien des Vergessens für die Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452172

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