Außerschulische Lernorte im modernen Geschichtsunterricht. Sinnvolle didaktische Maßnahme oder Zeitverschwendung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Terminus „AuRerschulische Lernorte"

3 Probleme

4 AuRerschulische Lernorte und ihr didaktischer Wert
4.1 Sachkompetenz
4.2 Deutungs- und Reflexionskompetenz
4.3 Selbstgesteuertes Lernen
4.4 Interkulturelle Kompetenz

5 Beispiel: Besuch des KL Natzweiler und Umsetzung im Unterricht

6 Fazit

7 Literatur

1 Einleitung

Obwohl der Titel dieses Papiers bewusst provokant gehalten ist, verbirgt sich hinter ihm durchaus eine reelle Frage, die sich viele Lehrer und Lehrerinnen stellen mussen. Eine Exkursion zu einem auBerschulischen Lernort ist nicht nur verbunden mit zusatzlichen Kosten, Verantwortung und logistischen sowie organisatorischen Herausforderungen, sondern auch mit einem enormen Zeitaufwand, den es angesichts des straffen Zeitplans an deutschen Schulen durchaus zu berucksichtigen gilt. Vor allem in der Oberstufe, wo vor dem Abitur noch eine groBe Menge an Themengebieten innerhalb verhaltnismaBig kurzer Zeit bearbeitet werden soll, muss sich die Lehrkraft die Frage stellen, ob ein Besuch eines auBerschulischen Lernorts und die oben genannten Herausforderungen in einem sinnvollen Verhaltnis stehen zu dem (didaktischen) Mehrwert der dieser fur die Schulerinnen und Schuler hatte. Daruber hinaus ist anzumerken, dass der alleinige Besuch, zum Beispiel einer Gedenkstatte, wenig Sinn macht, wenn dieser anschlieBend oder wahrenddessen nicht mit den Teilnehmern bearbeitet und reflektiert wird. Im Gegenteil, ein abschlieBendes Gesprach uber eine solche Exkursion ist unabdingbar, da solche Besichtigungen die Schulerinnen und Schulern oftmals, vor allem auf emotionaler Ebene, sehr fordern, was schlussendlich aber auch zu einer erhohten Motivation fuhren kann, uber bestimmten Themen zu sprechen und zu diskutieren.

Diese Arbeit soll im Folgenden den Begriff des auBerschulischen Lernortes erklaren und Probleme darstellen, die im Zuge einer Exkursion auftreten konnen, bevor der Mehrwert analysiert wird, den Schulerinnen und Schuler mit dem Besuch eines auBerschulischen Lernorts gewinnen konnen. Hierbei liegt der Fokus vor allem auf den Kompetenzen, die die Schulerinnen und Schuler mit Hilfe von auBerschulischen Lernorten schulen konnen. Danach sollen diese theoretischen Uberlegungen an einem Beispiel konkretisiert werden, welches aufzeigt, wie mit der didaktischen Aufbereitung einer Gedenkstatte gearbeitet werden und nach einem solchen Besuch weiter verfahren werden kann. In einem abschlieBenden Fazit soll dann letztlich die eingangsgestellte Frage nach der Sinnigkeit von Besuchen auBerschulischer Lernorte beantwortet werden, indem die zuvor erarbeiteten Aspekte ausgewertet werden.

2 Zum Terminus „AufterschuNsche Lernorte"

AuGerschulische Lernorte existieren interdisziplinar fur jedes Fach und konnen mit unterschiedlichen Intentionen aufgesucht werden. Dabei beschreibt der Begriff auGerschulischer Lernort alle Aktivitaten bezuglich des Unterrichts, die auGerhalb der Schule stattfinden und bei denen es gezielt um die Anwendung schulisch erworbener Kompetenzen in lebensnahen Lernsituationen und die alltagsweltliche ErschlieGung unterschiedlicher Lernbereiche geht1. Im Zuge dieser Arbeit wird der Fokus nun auf auGerschulischen Lernorten liegen, die im Fach Geschichte Anwendung finden konnen. Konkret wird es dabei um historische Gedenkstatten, wie zum Beispiel Konzentrationslager, gehen. Pleitner2 sieht in diesem Zusammenhang die Attraktivitat auGerschulischer Lernorte darin begrundet, dass das Schulgelande verlassen wird und sich die Schulerinnen und Schuler, methodisch abgesichert und didaktisch vor- und nachbereitet, auf Spurensuche begeben konnen. In Bezug auf den Geschichtsunterricht zeichnen sich auGerschulische Lernorte laut Sauer3 vor allem aus durch ihr „umfassendes Erkenntnispotenzial, das durch genauere ortsspezifische Untersuchungen erschlossen und genutzt werden kann". Dabei unterscheidet er drei Typen auGerschulischer Lernorte: Zum Einen Institutionen, welche der Erinnerung dienen, wie etwa Museen und Archive, zum Anderen authentische historische Statten. Historische Gedenkstatten bezeichnet er dagegen als eine Mischform dazwischen4.

Die meisten Schulerinnen und Schuler werden in ihrer Schulzeit Gedenkstatten fur die Opfer des Nationalsozialismus besucht haben, denn Gedenkstattenbesuch gehort mittlerweile zu unserer Geschichtskultur. Gedenkstatten, als authentische Orte des Erinnerns, konnen bei den Schulerinnen und Schulern eine besondere Wirkung erzielen. Dies gelingt allerdings nur, wenn diese damit vertraut sind, was in der betreffenden Gedenkstatte geschehen ist. AuGerdem ist es notwendig, dass die Lernenden bereit sind, sich auf die Statte einzulassen, das heiGt, Gedenkstattenbesuche sollten keine Routinefahrten sein, im Gegenteil, solche Exkursionen sollten mit der Klasse vereinbart und nicht angeordnet sein, damit diese ihre Fragen, Angste, Erwartungen und Bedurfnisse hinsichtlich des Besuchs formulieren kann. Wichtig ist auGerdem, dass solche Besuche nicht mit aller Gewalt in einen Zeitrahmen gepresst werden sollten. Selbst wenn die Gedenkstatte in unmittelbarer Nahe zur Schule liegen wurde, sollte man schon einen ganzen Tag zur Verfugung haben, um sinnvoll mit dem Ort arbeiten zu konnen.

Die Gedenkstattenpadagogik hat in den letzten Jahren eine groGe Entwicklung durchlaufen. Einen maGgeblichen Anteil daran hatten die Holocaust-Konferenzen vom Jahr 2000 und die daraus resultierende „Stockholmer-Erklamng", mit deren Verabschiedung sich rund 40 Staaten verpflichten, die Erinnerung an die Massenvernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland wach zu halten und mit Forschung und Erziehung dafur zu sorgen, dass Staatsterrorismus im weitesten Sinne nicht mehr zugelassen wird. Die wachsende Bedeutung solcher Gedenkstatten druckt sich weiterhin im prosperierenden Interesse nach der „didaktischen Aufbereitung des problematischen Stoffes des Holocausts"5 aus, das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Israel, den USA und den europaischen Nachbarlandern Deutschlands vorliegt.

3 Probleme

Obwohl Besuche auGerschulischer Lernorte auch ohne Didaktisierung oder Formen von Leistungsnachweisen eine gewisse Wirkung erzielen konnen, mussen sie im Rahmen schulischer Veranstaltungen mit der Leistungsbewertung und den curricularen Vorgaben in Einklang gebracht werden, wobei die Frage nach der Sinnigkeit einer Benotung des Erarbeiteten an einem auGerschulischen Lernort, wie zum Beispiel einer KZ-Gedenkstatte, zu klaren bleibt. Weiterhin ist nicht abzustreiten, dass dem Besuch auGerschulischer Lernorte eine aufwendige und zeitraubende Planung vorangeht, die der Lehrperson letztlich dennoch nicht garantiert, dass die geforderten Lernerfolge erreicht werden. Die Lehrkraft muss vom regularen Unterricht befreit werden, es muss Geld zur Verfugung stehen, eine Begleitperson muss gefunden werden, etc. Die Planung betrifft jedoch nicht nur die Organisation der Anreise und des Aufenthalts, sondern auch die padagogische oder didaktische Inszenierung ohne die der Besuch auBerschulischer Lernorte wenig Sinn macht. Lernorte wie Gedenkstatten, Messen oder Firmen durfen nicht als beliebige Eventstatten angesehen werden, bei denen es genugt sich die gebotenen Inhalte oberflachig anzusehen, in der Hoffnung dadurch einen schulischen oder padagogischen Mehrwert zu erzielen6. Es muss jedem bewusst sein, dass eine solche Exkursion unterrichtliche Vor- und vor allem reflektierende Nachbereitung braucht. Ohne abschlieBende Einordnung der dort gemachten Erfahrungen in den bisherigen Unterrichtsverlauf und den Wissensstand der Schuler besteht die Gefahr, dass der Besuch des auBerschulischen Lernorts bei den Schulerinnen und Schulern maximal als interessanter Ausflug in Erinnerung bleibt, wenn uberhaupt. Es genugt also nicht sich, zum Beispiel beim Besuch einer KZ-Gedenkstatte, alleine auf die emotionale Ebene der Schulerinnen und Schuler zu verlassen, damit der Besuch von Erfolg gekront ist, die Motivation der Lernenden einen solchen Ort zu besuchen dient auch nicht als Ersatz der Didaktisierung dieses Ortes.

4 Aufterschulische Lernorte und ihr didaktischer Wert

Obwohl der dominierende Ort fur Unterricht an deutschen Schulen immer noch die Schule selbst ist, finden auBerschulische Lernorte immer mehr Zuspruch. Der groBte Konsens innerhalb der bildungswissenschaftlichen Forschung besteht darin, dass „mit dem Lernen jenseits des Schulgelandes [...] die Hoffnung verbunden ist, dass die Kinder und Jugendlichen an solchen Orten [...] Erlebnisse und Erfahrungen machen konnen, die in der Institution Schule selbst kaum moglich sind"7. Obwohl die Schule nach wie vor als zentraler Ort des Lernens gilt, lasst sich nicht abstreiten, dass Lernen auch auBerhalb von Schule stattfindet. Deshalb mussen auBerschulische Lernorte auch als Chance gesehen werden, wenn es darum geht solchen Schulerinnen und Schulern Zutritt zu spezifischen Lernorten zu verschaffen, die auBerschulisch keine Moglichkeit haben solche Orte kennenzulernen. Eine weitere Chance bietet hierbei die Tatsache, dass bei solchen Exkursionen auch Lernende integriert werden konnen, die im regularen Unterricht Anschlussschwierigkeiten haben8.

Ein auBerschulischer Lernort ist daruber hinaus als Station beziehungsweise Durchgangsstadium zu verstehen9 am dem schulisches Lernen stattfindet, der danach aber in der Regel selten wieder aufgesucht wird. Der alltagliche Ort des Lernens, die Schule, und die damit verbundene Routine wird somit durch die Verwendung auBerschulischer Lernorte unterbrochen, mit dem didaktischen Versprechen den Schulerinnen und Schulern neue Horizonte zu eroffnen, neue Erfahrungsraume zu bieten oder bereits bekannte Erfahrungsraume neu zu erschlieBen10. Weitere Vorteile sind zu finden in der Anschaulichkeit, Verbindung von Zeit und Raum und im regional- und lokalgeschichtlichen Zugang, die auBerschulische Lernorte bieten11.

Neben den allgemeinen Vorteilen bieten auBerschulische Lernorte jedoch auch die Moglichkeit konkrete Kompetenzen der Schulerinnen und Schuler zu aktivieren und zu fordern, vorausgesetzt es findet eine didaktische Inszenierung statt. Einige dieser zentralen Kompetenzen sollen im Folgenden kurz beleuchtet werden.

4.1 Sachkompetenz

Fordern von Sachkompetenz, also Vermittlung von Fachwissen, findet an auBerschulischen Lernorten einfacher statt, sprich es bleibt mehr Fachwissen bei den Schulerinnen und Schulern hangen, da das interessante Lernumfeld durch Authentizitat motiviert. Die Lernenden konnen sich in einer KZ-Gedenkstelle zum Beispiel viel eher die morderischen Umstande vorstellen, die in der NS-Zeit dort vorgeherrscht haben, als wenn die Lehrkraft versucht, dies im Klassenzimmer zu vermitteln.

[...]


1 Vgl. B.Thomas: Lernorte auGerhalb der Schule, in: Arnold, K.-H./Sandfuchs, U./Wiechmann, J. (Hrsg.); Handbuch Unterricht, Bad Heilbrunn 2009, S.284.

2 Vgl. B. Pleitner: AuGerschulische historische Lernorte. In: Barricell, M./Lucke, M. (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts, Schwalbach 2012, S. 290.

3 Vgl. M. Sauer: Geschichte unterrichten. Eine Einfuhrung in die Didaktik und Mehhodik. Seelze 2013 S. 139.

4 Vgl. ebd., S.139.

5 M. Brumlik/ W. Nickolai: Erinnern, Lernen, Gedenken. Perspektiven der Gedenkstattenpadagogik, Freiburg im Breisgau 2007, S.5.

6 Vgl. J. Erhorn: Padagogik auGerschulischer Lernorte. Eine interdisziplinare Annaherunge, Bielefeld 2016, S.8.

7 Ebd., S.7.

8 J. Budde/M. Hummrich: Die Bedeutung auGerschulischer Lernorte im Kontext der Schule - eine erziehungswissenschaftliche Perspektive , in: Erhorn, J. (Hrsg.): Padagogik auGerschulischer Lernorte. Eine interdisziplinare Annaherungen, Bielefeld 2016, S. 33.

9 Vgl. Ebd., S.37.

10 Vgl. A. Erberle (Hrsg.) (Hrsg.): Padagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung, Wurzburg 2008, S. 57.

11 Vgl. Pleitner: AuGerschulische historische Lernorte, 293ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Außerschulische Lernorte im modernen Geschichtsunterricht. Sinnvolle didaktische Maßnahme oder Zeitverschwendung?
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V452266
ISBN (eBook)
9783668859432
ISBN (Buch)
9783668859449
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Außerschulische Lernorte, Rassismuskritik, Rassismusvorbeugung, Rassismus, Judenverfolgung, KZ, Konzentrationslager, Geschichtsdidaktik, Geschichte, Didaktik
Arbeit zitieren
Julian Pilger (Autor), 2018, Außerschulische Lernorte im modernen Geschichtsunterricht. Sinnvolle didaktische Maßnahme oder Zeitverschwendung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452266

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