Geschwisterbeziehungen: Nichtbehinderte mit behinderten Geschwistern - Schicksal und Chancen der Geschwister behinderter Menschen


Diplomarbeit, 2005

76 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung
1.I Ein Blick auf die Familie heute
1.II Begriffsdefinitionen

2. Geschwisterbeziehung im Allgemeinen
2.I Die längste Beziehung des Lebens
2.II Geschwisterreihe
2.III Rivalität

3. Menschen mit behinderten Geschwistern
3.I Erwartungen, die an die Geschwister behinderter Menschen gestellt werden - aus Sicht der Kinder
3.II Risikofaktoren und was heißt eigentlich "gut entwickelt"?
3.II.a Die Geschwisterreihe: Alter, Geschlecht und Position in der Geschwisterfolge
3.II.b Familiengröße, Familienumfeld und sozioökonomischer Status
3.II.c Art und Schwere der Behinderung
3.II.d Einstellung der Eltern
3.II.e Betreuung, Pflege und Hausarbeit - Eine Übersicht über die Studien
3.II.f Elterliche Aufmerksamkeit - Bekommen Kinder mit behinderten Geschwistern tatsächlich weniger Aufmerksamkeit?
3.III Qualität der Beziehung von behinderten und nichtbehinderten Geschwistern: Rollenbeziehung und Spielverhalten
3.IV Behinderte Geschwister: Auch eine Bereicherung?
3.V Verantwortung versus Selbstkonzept

4. Aussichten
4.I Zukünftige Forschung
4.II Praxiskonzepte und die Aufgabe der Heilpädagogik

Anhang

Literaturliste

Vorwort

In der vorliegenden Diplomarbeit habe ich ein Thema gewählt, mit dem sich in Deutschland noch nicht viele Autoren beschäftigt haben. Ich selber habe keine Geschwister, die eine Behinderung haben, jedoch einen Bruder, der zehn Jahre jünger ist als ich und eine jüngere Schwester mit einem Altersabstand von zweieinhalb Jahren. Die auftretenden Phänomene innerhalb unserer Geschwisterbeziehung sind auch heute noch interessant zu beobachten. Sie decken sich teilweise mit dem klassischen Konkurrenzverhalten, den elterlichen Erziehungsunterschieden zwischen Mädchen und Jungen, der unterschiedlichen Behandlung des erst-, zweit- und drittgeborenen Kindes und der dennoch stark ausgeprägten Solidarität untereinander. Je tiefer ich theoretisch in diese Materie eingedrungen bin, umso interessanter wurde es, die auftretenden Auseinandersetzungen objektiv wiederzuspiegeln.

Schwieriger ist die Situation sicherlich, wenn man einen Bruder oder eine Schwester hat, die eine körperliche und/oder geistige Behinderung haben. Dies konnte ich bereites den Erfahrungsberichten meiner Mutter entnehmen, die selber einen älteren Bruder hat, der unter einer Hörbehinderung leidet.

Beeinflusst durch verschiedene Begleitfaktoren stellten sich hier auch besondere Begebenheiten und Problematiken dar, die für mich dennoch hier nur objektiv nachvollziehbar sind. Um mich jedoch möglichst tief in die Situation der Geschwister behinderter Kinder einzufühlen, habe ich versucht, möglichst viele Erfahrungsberichte zu lesen und mich mit den Geschwistern aus meinem Umkreis zu unterhalten. Dabei fällt schnell auf, dass es wohl nicht pauschalisierbar ist, ob die Behinderung eines Geschwisters Belastung oder Bereicherung ist. Aus den einzelnen Fällen ergeben sich beide Tendenzen. Dennoch sind in der Literatur meist die schädlichen Faktoren erläutert und die positiven Einflüsse eines behinderten Geschwisterkindes sind dort nur schwer zu finden.

Trotzdem habe ich versucht, möglichst nahe herauszustellen, welche besondere Bedeutung das Aufwachsen mit einem behinderten Geschwisterkind für die nichtbehinderten Kinder hat und wie diese auf ihre Beziehung einwirkt. Dies bedurfte einer sehr behutsamen Annäherung und einer Gradwanderung zwischen den Vorurteilen, den Belastungen und förderlichen Einflüssen, die individuell mehr oder weniger vorhanden sind.

1. Einleitung

1 I. Ein Blick auf die Familie

In den letzten Jahrzehnten hat ein unübersehbarer Wandel innerhalb der Familien in Deutschland stattgefunden. Während es einerseits eine größere Vielfalt an Familienbildungsprozessen gibt, das heißt, Stieffamilien, ehelose Paare mit Kindern, allein erziehende Elternteile, Patchworkfamilien, Pflegefamilien, und viele mehr, wird die Familiengröße andererseits immer homogener. Das bedeutet die Anzahl der Familienmitglieder, insbesondere der Kinder findet zunehmend einen Trend: Anfang des 20. Jahrhunderts bestand der Familiendurchschnitt aus 5-6 Kindern, bei Beginn des ersten Weltkrieges waren es nur noch 3-4 Kinder, Mitte des letzten Jahrhunderts nur noch 2 und 1980 gerade mal 1,5 Kinder. (vgl.

Quelle 9, S.13) Die meisten Kinder wachsen demnach heute in Ein- oder Zweikinder-Familien auf. Die Anzahl von Familien mit mehreren Kindern ist dementsprechend stark gesunken.

Durch den hohen Geburtenrückgang, haben wir in der Zukunft mit einigen Problemen und Veränderungen zu rechnen. Dabei sind Gedanken über Rentenversicherung oder Altenpflege nahe liegend und wichtig. Aber das sind nicht die einzigen Konsequenzen die sich ergeben. Es finden auch qualitative Veränderungen innerhalb der Familien statt. Zum Beispiel werden Gruppenprozesse von der Gruppengröße bestimmt und bei gleichen Familiengrößen finden ähnliche Gruppendynamiken und Interaktionsstiele unter den Familienmitgliedern statt. Es ändern sich auch die Sozialisationsbedingungen der Kinder durch zunehmend weniger oder fehlende Geschwister. Die Erwartungshaltungen der Eltern an ihre Kinder sind auch andere geworden. Diese konstituieren sich nicht zuletzt aus den Ergebnissen verschiedener Untersuchungen über die Nutzungserwartungen an die Kinder, welche maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung haben Kinder in die Welt zu setzen.

Es differenzieren sich drei Dimensionen:

Der sozial-normative Nutzen, bei dem es um sozialen Statusgewinn oder das Produzieren von Namens-Stammhalter geht, sowie der materielle Nutzen, wie Familieneinkommen, Weitergabe von Familienvermögen, Schaffen von Altersversicherung, Mithilfe im Haushalt oder Geschwisterbetreuung.

Diese Werte finden in Gesellschaften mit niedriger technischer Industrialisierung schichtabhängig eine größere Bedeutung als in Ländern, die industriell besser gestellt sind. Bei uns und in anderen Industrienationen werden Kinder vermehrt mit emotionaler Bedürfnisbefriedigung verbunden und haben somit einen höheren psychologischen Nutzen. (vgl. Quelle 12)

Diese Befunde können somit auch den Wandel der Geburtenrate seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestätigen. Der emotionale Nutzen ist oft bereits schon mit ein oder zwei Kindern befriedigt. Zudem kommt auch noch, dass Kinder in unserer Gesellschaft mit hohen finanziellen Kosten verbunden sind. Durch die häufige Berufstätigkeit beider Elternteile bleibt außerdem weniger Zeit sich um seine Kinder zu kümmern. Aufgrund dieser Doppelbelastung muss häufig auf Fremdbetreuung zurückgegriffen werden, welche meist sehr kostenintensiv ist. Ein weiterer Punkt ist, dass Kindheit und pädagogisch qualifizierte Betreuung in unserer Gesellschaft groß geschrieben wird. Somit werden Kinder ihrer Selbst willen gezeugt und man muss viel Arbeit in sie investieren ohne das Bestreben zu haben, einen sozialen oder materiellen Nutzen von ihnen zu haben.

Aber nun zurück zu der Geschwisterproblematik, bedingt durch zunehmend fehlende Geschwister. Die Einzelkinder, deren Anzahl stetig zunimmt, sind sicherlich interessant zu betrachten, insbesondere da sie unter vielen Vorurteilen und Klischees, wie sie seien egoistisch, altklug, verzogen, verwöhnt, frühreif, kontaktarm, uvm., zu leiden haben. (Quelle 9) Dennoch möchte ich mich hier mit dem Thema der Geschwister auseinandersetzen, insbesondere der Geschwister von behinderten Kindern, denen man auch bestimmte Eigenschaften zuweist. Denn trotz des Geburtenrückganges gibt es nach wie vor Familien mit zwei oder mehr Kindern und unter ihnen auch solche, die behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam in einem Haushalt leben haben. Sie sollten nicht vergessen werden, auch wenn diese Dynamik zunehmend tendenziell aus einem behinderten Kind mit nur einem Bruder oder einer Schwester besteht. Diese nichtbehinderten Geschwister von behinderten Menschen wachsen unter besonderen Umständen auf, die sich meist sehr von den Strukturen von Familien mit nichtbehinderten Kindern unterscheiden. Mit diesen Besonderheiten möchte ich mich beschäftigen.

Bevor ich mich den Menschen widme, die behinderte Geschwister haben und dadurch mehr oder weniger durch besondere Umstände geprägt werden, möchte ich im nächsten Kapitel einen Überblick über die ebenfalls interessanten allgemeinen Geschwisterbeziehungen geben, damit die Besonderheiten und Unterschiede zwischen nichtbehinderten Geschwistern und Kindern mit behinderten Geschwistern deutlich werden.

Zunächst folgen jedoch ein paar grundlegende Definitionen.

1.II Begriffsdefinitionen

Um sich mit dem Thema "Geschwister behinderter Kinder" zu beschäftigen gilt es erst einmal, die Begriffe zu definieren, um Missverständnissen vorzubeugen. Die wichtigsten Begriffe dieses Themas sind zum ersten 'Behinderung' und zum zweiten 'Geschwister'.

Behinderung:

Der Begriff "Behinderung" wird von verschiedenen Institutionen und Organisationen ähnlich definiert:

1. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) unterscheidet drei Begriffe:

Aufgrund einer Erkrankung, eines Unfalls oder einer angeborenen Schädigung entsteht ein dauerhafter Schaden.

Dieser Schaden führt zu einer funktionellen Einschränkung der Fähigkeiten und Aktivitäten des Betroffenen.

Als Folge des Schadens äußert sich die soziale Beeinträchtigung (= Behinderung) in persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Konsequenzen.

(vgl. Quelle 3, S.10; Quelle 24)

2. Behinderung nach § 2 I SGB IX:

Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre gesellschaftliche Teilhabe beeinträchtigt ist.

(vgl. Quelle 24)

3. Behinderung nach BSHG § 124 Abs.4:

- Eine nicht nur vorübergehende, erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit, die auf dem Fehlen oder auf Funktionsstörungen von Gliedmaßen oder auch auf anderen Ursachen beruht
- Missbildungen, Entstellungen und Rückgratverkrümmungen, wenn die Behinderung erblich ist
- Eine nicht nur vorübergehende, erhebliche Beeinträchtigung der Seh-, Hör- und Sprachfähigkeit
- Eine erhebliche Beeinträchtigung der geistigen oder seelischen Kräfte oder drohende Behinderungen dieser Art

(vgl. Quelle 3, S.11)

Demnach definiert sich eine Behinderung immer in einer Beeinträchtigung in verschiedenen körperlichen, seelischen oder geistigen Bereichen. Diese geht mit einer Einschränkung der Handlungsfähigkeit in lebenspraktischen und gesellschaftlichen Situationen einher.

Ob und wie diese Einschränkungen der Menschen mit Behinderung ihre Geschwister beeinflussen, möchte ich im weiteren Verlauf versuchen zu klären, auch wenn die Ergebnisse nicht immer eindeutig sein werden.

Geschwister

'Geschwister' leitet sich aus dem Wort 'Schwestern' ab, übernommen aus dem Althochdeutschen. Geschwister sind in den meisten Kulturen, wie auch bei uns, männliche und weibliche Individuen, die dieselbe Mutter, denselben Vater oder dieselben Eltern haben. Sie definieren also eine Verwandtschaftsbeziehung. Aber nicht nur gleiche genetische Grundvoraussetzungen konstituieren Geschwister. Auch soziale und rechtliche Zusammenschließungen, wie Adoptionen und Stieffamilien, sind an Familienbildungsprozessen, und somit auch an Geschwisterbildungen, beteiligt.

Zudem haben Geschwisterbeziehungen etwas Schicksalhaftes, da man sich seine Geschwister (in der Regel) nicht aussuchen kann. Man kann sie auch nicht einfach beenden, sie bleiben bestehen, auch wenn der Kontakt abbricht. Keine gesellschaftlichen oder religiösen Rituale oder Ereignisse (Heirat, Taufe, Scheidung,…) können auf die Tatsache ein Geschwister zu sein oder zu haben Einfluss nehmen.

2. Geschwisterbeziehungen im Allgemeinen

2.I Die längste Beziehung des Lebens

Unter Geschwistern besteht oft eine ganz besondere Beziehung, deren Anfänge schon bereits im Mutterleib liegen oder bei manchen sogar schon in dem Wunsch ein Geschwisterchen zu bekommen. (vgl. Quelle 14, S.15) Das erstgeborene Kind fühlt das Wachsen des Fötus mit, ähnlich wie der Vater. Es wird daran beteiligt, die Familie bereitet sich auf das bevorstehende Naturereignis vor. Das Strampeln im Bauch der Mutter, welches das Kind fühlen kann, baut eine Objektbeziehung zum Ungeborenen auf. Diese Beziehung ist bereits ein Vorläufer der Geschwisterliebe. Das Kind identifiziert sich zudem mit der Liebe der Mutter zu dem ungeborenen Kind und empfindet ähnlich.

Ist das Baby da, beobachtet man häufig ein regressives Verhalten bei dem Erstgeborenen, wie einnässen, Flasche nehmen u.a., welches meist als pathologischer Rückfall in eine frühere Entwicklungsphase gesehen wird, bei dem es um die Zuneigung der Eltern geht. Laut Horst Petri (1994) könnte dieses Rückversetzen in eine frühere Lebensphase aber auch das Einzige sein, was die Kinder in der Nachgeburtsphase des jüngeren Kindes verbindet: die Primäre Naturverbundenheit. Sozusagen eine erste Kommunikation zwischen den Kindern.

Es stellt sich nach und nach eine "Liebe im Sinne nazistischer Verschmelzungswünsche" (Quelle 14, S.19) ein, aus der, gekoppelt mit dem Vorläufer der Objektliebe, sich die spätere, reifere und ausdifferenzierte Geschwisterliebe entwickelt.

Dies passiert dann, wenn die Kinder sich Stück für Stück aus der Verschmelzung lösen, sich zunehmend vom Anderen abgrenzen und ihr eigenes Ich differenzieren. Somit wird der Andere immer stärker als Gegenüber wahrgenommen. Die Kinder unternehmen dann viel miteinander und die Eltern kommen nur schwer zwischen diese Gemeinschaft.

Bank und Kahn (1994) sind auf drei Bedingungen gestoßen, unter denen sich eine starke Geschwisterbindung entwickeln kann:

Zum Ersten, wenn ein hoher Zugang zwischen den Geschwistern besteht. Das heißt ein guter Kontakt muss vorhanden sein.

Zum Zweiten das Bedürfnis nach persönlicher Identität, welches Kinder natürlicherweise besitzen und zum Dritten bei unzureichendem Einfluss der Eltern (Quelle 2, S.24).

Es entwickelt sich eine lebenslange Bindung aufgrund der gemeinsam verbrachten Kindheit, gleicher Erziehung und ähnlichen Wertvorstellungen. So kommt es nicht selten vor, dass Geschwister, auch wenn sie sich Jahrzehnte lang nicht gesehen haben, immer noch das unsichtbare Band spüren, was sie verbindet und bei einem Wiedertreffen sich schnell die alte Vertrautheit einstellt. Die oben benannte längste Beziehung unseres Lebens ergibt sich einerseits durch dieses Band und andererseits dadurch, dass Geschwister der gleichen Generation angehören und sich von der Geburt bis in den Tod erleben. Eltern sterben eine Generation vorher und Lebenspartner und eigene Kinder spielen erst ab etwa dem zweiten Drittel des Lebens eine Rolle.

2 II. Geschwisterreihe

Man sagt die Position in der Geschwisterfolge, oder ob man Geschwister hat, sei mitunter entscheidend über den Charakter eines Menschen. Alfred Adler, Individualpsychologe, denkt diesbezüglich auch sehr klassisch über die einzelnen Rollen in der Geschwisterfolge.

So ist bei ihm der erstgeborene Sohn ein sehr konservativer Mensch, der nicht an Veränderung interessiert ist, da er ja schon mit der Situation des Geschwisterlosseins zufrieden war. Er hat schon früh Verantwortung übernommen, weiß alles besser und wurde darin ständig bestätigt.

Der zweite Sohn ist typischer "Gegen-die-Wand-Mensch". Er ist stets unzufrieden mit der Situation, da er schon früh erfahren musste immer jemanden vor sich zu haben der in allem besser und stärker war. Er ist ein absoluter Neider.

Der jüngste Sohn hat die Nesthäkchenrolle. Er kann überhaupt nichts und ist immer zu klein obwohl er stets versucht besser zu sein.

Einzelkinder sind nach Adler typische Problemkinder, die sich in die Gesellschaft nicht einordnen können. Sie sind unsozial und wollen immer Aufmerksamkeit bekommen.

Adler bezieht sich auf Söhne, da er sagt, Mädchen seien nicht so anerkannt wie Jungen. So könne auch bei einem erstgeborenen Mädchen das zweitgeborene Kind, wenn es ein Sohn ist, die Rolle des Erstgeborenen übernehmen. Wenn nur Mädchen da sind, übernehme eines von ihnen die Rolle des Sohnes. (vgl. Quelle 23; Quelle 8, S.19) Heute ist es in unserer Kultur nicht mehr so stark ausgeprägt, dass Mädchen weniger anerkannt sind, da der ökonomische Nutzen von Kindern dem emotionalen Nutzen gewichen ist. Zu Adlers Zeiten (um 1900) waren Jungen jedoch noch mehr gewünscht. Demnach lassen sich seine Theorien auch nicht auf heute übertragen.

Auch mit der Geschwisterfolge wird das heute nicht mehr so einfach und allgemein gesehen.

Ilse Achilles (2002) bezieht sich auf Francine Klagsburn, die aus einer Studie von Cécile Ernst und Jules Angst zitiert, dass sie festgestellt haben, dass es keinerlei Beweise für solche groben Verallgemeinerungen gibt. Es müssten nach Hartmut Kasten auch andere Faktoren, wie zum Beispiel soziale Stellung der Eltern, Anzahl der Kinder und Altersabstand, mit einbezogen werden, da sich nach neuen Beobachtungsstudien die Geschwisterbeziehung als Prozess entwickelt und nicht, wie aus A. Adlers Sicht, ein Produkt durch Geburtenfolge ist. (Quelle 8, S.19; Quelle 1, S.23)

"Fest steht (aber), dass jüngere Geschwister von älteren stärker beeinflusst werden als umgekehrt". (Quelle 1, S.23) Das ältere Kind lehrt dem jüngeren oft schon Dinge, die es selber in dem Alter noch nicht konnte und das jüngere Kind orientiert sich an dem älteren. Demnach sind die Machtkämpfe und Streitigkeiten zwischen den beiden Erstgeborenen auch meist die größten.

Das mittlere Kind nimmt eine besondere Position, einerseits ist es älteres Geschwister und andererseits gleichzeitig jüngeres. Die Position als "Sandwich-Kind" wird von manchen Fachleuten gar nicht als so nachteilig gesehen, wie dessen Ruf oft ist, da es die Vorzüge des Älteren und die des Jüngeren genießt. Sie können den Druck von oben an die Jüngeren weitergeben, sind aber sensibler, denn sie wissen ja, wie man sich als jüngstes Kind fühlt. Sie erfahren sicherlich aber auch alle Nachteile, wie auch eine Art Enttrohnung bei der Geburt des dritten Kindes, da es seine Nesthäkchenrolle aufgeben muss und Verantwortung gegenüber dem Jüngsten zu tragen hat. Dieses jüngste Kind ist das Einzige, dessen Position sich nicht verändert. Es erfährt aber auch nur selten klüger oder besser zu sein als andere. Das jüngste Kind hat den Ruf verwöhnt zu sein, was diese Kinder meist aber rigoros abstreiten. Es gab für sie ja nie etwas Neues, sie haben immer nur das bekommen, was von den älteren Geschwistern übrig blieb, wie Kleidung und Spielzeug. Zudem beschreibt ein Mann in dem Buch von Francine Klagsburn:

"Ich hatte andauernd dass Gefühl, ich würde mit meinen Brüdern und Schwestern verglichen und so meiner eigenen Identität beraubt.

Ich vergleiche mich immer noch mit anderen Leuten und versuche, herauszufinden, wer ich eigentlich bin." (Quelle 1, S.25)

Jüngste Kinder stecken häufig in der Zwickmühle einerseits das ältere Kind einholen zu wollen aber sollte dies gelingen, ist es auch ein großer Herd für Schuldgefühle, wie wir später noch bei den Geschwistern von behinderten Kindern feststellen werden.

2 III. Rivalität

Rivalität unter Geschwistern ist ein nicht unbekanntes Thema. Jeder, der Geschwister hat, hat diese erfahren und oft wird sie für einen wichtigen Bestandteil in der kindlichen Entwicklung gehalten. Meist geht es dabei um die Zuneigung der Eltern. Jeder will der Stärkere sein. Sie existiert gleichzeitig neben der Geschwisterliebe und dem Zusammenhalt zwischen den Geschwistern, wenn sich Dritte zwischen sie drängen wollen. Aber wie entsteht diese Rivalität? Während Psychoanalytiker meinen, ihre Wurzeln liegen im "Enttrohnungstrauma" bei der Geburt des zweiten Kindes, führen empirisch orientierte Psychologen die Anfänge der Rivalität auf von den Kindern selbst angestrebte Vergleichsprozesse zurück. Das entscheidende daran ist, dass solche Vergleiche in unserer Leistungsgesellschaft allgegenwärtig sind und deshalb auch von den Eltern oft aufgegriffen oder sogar angezettelt werden. Diese rivalisierenden Vergleiche sind umso stärker ausgeprägt, je geringer der Altersabstand ist und wenn die Geschwister gleichgeschlechtlich sind. (vgl. Quelle 20)

Ein bekanntes Beispiel für Geschwisterrivalität ist das Petzen bei den Eltern. Dies kann einerseits ein Hinweis auf tatsächliche Regelverstöße sein, aber auch ein Kampf um die Zuneigung der Eltern und die Bestätigung der Bessere zu sein. Die Rivalität kann sich bis ins hohe Erwachsenenalter ziehen: Bei Kleinkindern geht es noch um das Spielzeug, dass der eine zuerst hatte, im Jugendalter um die Anerkennung in der Clique, besonders wenn die Geschwister einen geringen Altersabstand haben und gleichen Geschlechts sind. Oder auch darum, dass das jüngere Kind offensiv versucht mit dem älteren mitzuhalten, dieses aber genießt es einen Vorsprung zu haben und sorgt dafür, dass dies auch so bleibt.

Es finden dann weiterhin Vergleiche bis ins Erwachsenenalter statt. Wer hat die bessere Beziehung, den besseren Job, mehr Geld, eine eigene Familie? Schließlich noch, im hohen Erwachsenenalter, der Streit um das Erbe der Eltern.

Wie stark Rivalität und Geschwisterliebe ausgeprägt sind, hängt von den äußeren Umständen ab, in denen die Kinder aufgewachsen sind. Neben dem Altersabstand und dem Geschlecht spielen die sozioökonomische Situation der Ursprungsfamilie, die Erziehung durch die Eltern und die Gruppierungen, die sich bei einer hohen Geschwisterzahl unter den Kindern bilden, eine wichtige Rolle. (Quelle 1, S.28f) Zum Bespiel schweißen problematische Familiensituationen paradoxerweise die Geschwister zusammen und das älteste Kind übernimmt manchmal die Elternrolle.

Die benannten Gruppierungen zeigen sich meist zwischen dem ersten, dritten und fünften Kind, sowie zwischen dem zweiten und dem vierten. Diese Koalitionen sind bis ins Erwachsenenalter sichtbar. Dies erklärt auch die schwierige Position von dem Mittleren von drei Kindern, da ihm oft ein Koalitionspartner fehlt. (vgl. Quelle 1, S.29f)

3. Menschen mit behinderten Geschwistern

In unserer Gesellschaft wird viel über Behinderung diskutiert. Es geht um neue Entwicklungen in der Forschung, neue Heil- und Therapieansätze oder Barrierefreiheit. Auch über Eltern von behinderten Kindern, besonders über Mütter, gibt es viel in der Literatur zu finden. Wenn man aber bedenkt, dass die Geschwister eines Menschen diejenigen sind, die einen den größten Lebensabschnitt über begleiten und somit durch gleiche Generation und genetische Verwandtschaft die längste Beziehung unseres Lebens darstellen, wurde ihnen in der Psychologie und der Behindertenpädagogik bisher noch wenig Beachtung geschenkt. Dieses Thema rückt aber zunehmend in den Mittelpunkt von Fachleuten. Einige mögen die Problematik der Geschwister von behinderten Menschen für weniger wichtig halten. Aber aus Erfahrungsberichten von Betroffenen lassen sich häufig Belastungen, die im direkten Zusammenhang zu der Geschwisterbeziehung oder der Beziehung zu den Eltern stehen, erkennen.

3.I Erwartungen, die an die Geschwister behinderten Menschen gestellt werden - aus Sicht der Kinder

Häufig hört man über Geschwister von behinderten Menschen, dass ihnen bestimmte Eigenschaften obliegen, wie Überangepasstheit, Verantwortungsbewusstsein und hohes soziales Engagement. So wird nicht selten erwartet, dass diese Kinder im Alltag oder in der Schule Verantwortung für andere übernehmen oder hilfsbereit sind. Wie empfinden die Kinder diese Erwartungen? Sind sie tatsächlich vorhanden?

Marlies Winkelheide und Charlotte Knees (2003) haben mit Geschwistern von behinderten Kindern gearbeitet und herausgestellt welche Erwartungen an diese Kinder, aus ihrer eigenen Sicht, gestellt werden. Von ihnen wurden folgende „Disziplinen“ benannt:

- Rücksicht nehmen
- Geduld haben
- vernünftig sein
- auf das Geschwisterkind aufpassen
- erfinderisch sein
- Verständnis haben
- Durchsetzungsvermögen haben
- Ausdauer haben
- nachgeben können
- sich nicht wehren können
- Vorbild sein
- richtige Zeitpunkte für eigene Fragen finden
- sich dem Rhythmus anderer anpassen können
- aufmerksam sein
- Sprachen lernen, für die es kein Wörterbuch gibt

Diese Auflistung gibt einen kleinen Überblick darüber, welche Erwartungen an Geschwister von behinderten Kindern gestellt werden, oder zumindest einen Eindruck, welche Punkte als Erwartungen empfunden werden. Kinder versuchen meist möglichst die "gestellten“ Erwartungen zu erfüllen um nicht auch den Eltern zur Last zu fallen.

Die Kinder wurden in dem zweiten Teil beauftragt, sich selbst in diesen "Disziplinen" mit Schulnoten zu beurteilen. Somit bemerkt ein 12-jähriger Junge: "(…) wenn ich ein Zeugnis für diese `Fächer` bekommen würde, müsste meine Mutter wegen mir nicht so oft in der Schule erscheinen." (Quelle 19, S.31). Aber auch die anderen Kinder schätzten sich in diesen Eigenschaften größtenteils mit "sehr gut" ein.

Aber nicht nur mit Erwartungen habe diese Kinder zu kämpfen. Ilse Achilles (2002) erzählt von einer jetzt 33-jährigen Tochter, der man als Kind erzählt hat, dass der liebe Gott für jede Familie ein bestimmtes Quantum an Intelligenz zur Verfügung hat. Da sie eine Menge davon abbekommen hat, blieb für ihren kleinen Bruder, der geistig behindert ist, nicht mehr viel übrig. Somit brachte sie als Kind gute Noten mit nach Hause und hatte gleichzeitig ständig ein schlechtes Gewissen, da diese, ihrer Vorstellung nach, zu Lasten ihres Bruders gingen. (vgl. Quelle 1, S.32)

So ein Glaube kann bei den Kindern zu großen Schuldgefühlen führen und zu dem Gefühl, diese schwere Schuld wieder ausgleichen zu müssen. Zum Beispiel glauben die Kinder nicht selten, den Eltern möglichst wenige Probleme bereiten zu dürfen, da diese ja schon genug belastet und bestraft mit dem behinderten Geschwister sind. Somit könnten die oben aufgezählten vermeintlichen Erwartungen der Eltern und anderer Bezugspersonen an die Geschwister behinderter Kinder teilweise auch die Erwartungen der Kinder an sich selber sein, entstanden aus ihren eigenen Schuldgefühlen.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Eltern von behinderten Kindern an deren nichtbehinderte Geschwister meist höhere Erwartungen haben. Der zehnjährige Alexander sagte im Interview: "Ich würde mir in 'Rücksicht nehmen' auch eine 1 geben. Sie ermahnt mich immer, mehr Rücksicht zu nehmen. Sie sagt: 'Du bist zwar der Jüngere, aber Petra kann das nicht verstehen'. Meine Mutter ahnt gar nicht, wie anstrengend das ist, denn meine behinderte Schwester weiß, wie sie das ausnutzen kann". (Quelle 19, S.31)

3.II Risikofaktoren und was heißt eigentlich "gut entwickelt"?

Nicht immer müssen die besonderen Umstände denen Geschwister behinderter Menschen unterliegen zwangsläufig als belastend empfunden werden. Diese Herausforderungen können die Kinder sicherlich zu besonderen Reifungsprozessen anregen, sie können aber leider auch zu Entwicklungsstörungen durch Überforderung in vielen Bereichen führen. Deshalb gelten die Geschwister behinderter Kinder als Risikogruppe für psychische Auffälligkeiten. Dieser viel komplexeren Seite möchte ich mich zuerst widmen, um eine Übersicht über die Problematiken zu geben.

Wie ausgeprägt die Belastungen für ein Geschwisterkind sind hängt von verschiedenen Faktoren ab, die Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben. Zu denen gehören die Familienkonstellationen, das Alter der Kinder, die Stellung in der Geschwisterreihe, das soziale Umfeld, die Schulsituation, biografische Hintergründe, Schichtzugehörigkeit, Bildung, Kultur und Geschlechter der Kinder.

Entscheidend ist auch, wie die Eltern die Behinderung ihres Kindes verarbeitet haben und damit umgehen, denn dies trägt in großem Maße zum Familienklima in dem das behinderte Kind und seine Geschwister aufwachsen, bei.

Um aber die Risiken, die eine gute Entwicklung gefährden, herauszustellen, muss erst geklärt werden, was eigentlich "gut entwickelt" bei Geschwistern von behinderten Kindern heißt?

Nach den Kriterien von Ilse Achilles (2002) und den Kriterien der "Coping-effectiveness" nach Gossman (1972) lassen sich 10 Kriterien, die für eine gelungene Bewältigung von Menschen mit behinderten Geschwistern stehen, herausstellen:

1) Das nichtbehinderte Kind sollte eine überwiegend gute Beziehung zu dem behinderten Kind haben
2) Es sollte auch möglichst sicher und kompetent mit dem behinderten Kind umgehen
3) Es muss sich gegenüber dem behinderten Geschwister abgrenzen können (nicht glauben, ständig in Bereitschaft sein zu müssen)
4) Es muss auch negative Gefühle gegenüber dem behinderten Kind empfinden und zugeben können
5) Das nichtbehinderte Kind sollte sich größtenteils nicht (mehr) mit dem behinderten Geschwister in der Öffentlichkeit schämen
6) Das Kind sollte ein überwiegend positives Bild von sich selber haben, welches weitgehend unabhängig von dem Bild des behinderten Kindes ist
7) Es sollte die eigene Zukunft unabhängig von dem behinderten Geschwister planen
8) Das Kind sollte ein gewisses, aber nicht übermäßiges Interesse an den Aktivitäten des behinderten Geschwisters haben
9) Das Kind sollte auch öffentlich mit Freunden über die Behinderung reden können
10) Und es sollte Erfolg im Leistungs- und im sozialen Bereich haben

(vgl. Quelle 6, S.76f; Quelle 7, S.21; Quelle 1, S.90)

Es gibt eine große Anzahl an Risikofaktoren die diese positive Entwicklung ins schwanken bringen könnten. Im Folgenden werde ich die wichtigsten dieser Abhängigkeitsfaktoren, die einerseits schädliche oder andererseits aber auch unterstützende Faktoren sein können, näher erläutern.

3.II.a Die Geschwisterreihe: Alter, Geschlecht und Position in der Geschwisterfolge

Alter

Das Alter der Kinder innerhalb einer Familie hat sicherlich auch Einfluss auf die aktuellen Probleme die sich ergeben. Sowohl die einzelnen Geschwister, wie auch deren Beziehungen untereinander machen eine Entwicklung durch, die von den verschiedenen Entwicklungsphasen geprägt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Geschwisterbeziehungen: Nichtbehinderte mit behinderten Geschwistern - Schicksal und Chancen der Geschwister behinderter Menschen
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
76
Katalognummer
V45235
ISBN (eBook)
9783638426701
Dateigröße
927 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit beschäftige ich mich, nach einem Blick auf allgemeine Geschwisterbeziehungen, mit den Problematiken die sich für nichtbehinderte Kinder ergeben können, wenn sie ein behindertes Geschwisterkind haben. Aufgrund bisheriger Studien, befasse ich mich überwiegend mit den potenziellen Risikofaktoren indem ich diese zusammenstelle und anhand einer umfangreichen Literatur überprüfe. Die Frage nach der Bereicherung eines behinderten Geschwisters wird auch angesprochen ...
Schlagworte
Geschwisterbeziehungen, Nichtbehinderte, Geschwistern, Schicksal, Chancen, Geschwister, Menschen
Arbeit zitieren
Stefanie Katzera (Autor), 2005, Geschwisterbeziehungen: Nichtbehinderte mit behinderten Geschwistern - Schicksal und Chancen der Geschwister behinderter Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45235

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