Im Fokus meiner Arbeit soll der Erhalt und Entzug der Freiheit des Selbst und seiner Identität stehen. Die Grundlage hierfür bildet die Philosophie Jean-Paul Sartres und weiterführend eine Theorie Søren Kierkegaards. Zunächst möchte ich den Begriff der Freiheit bei Sartre unter die Lupe nehmen und insbesondere auf den empfundenen Freiheitsverlust durch den Anderen eingehen, der in Der Blick in Das Sein und das Nichts beschrieben wird. Hierzu markiere ich den Unterschied des Seins in der Einsamkeit und in der Sozialität und die damit einhergehende Zerrissenheit. Dabei geht es um die Frage, was Sartres Seins-Dimensionen des Für-sich, An-Sich und Für-Andere-Sein bedeuten und welche Rolle die Scham in Sartres Phänomenologie spielt.
Der zu beobachtenden Auslieferung an den Anderen und dem Verlust der Freiheit möchte ich daraufhin eine phänomenologische Betrachtung entgegensetzen, in der sich ein Erhalt der Freiheit aufzeigt. Im abschließenden Teil setze ich mich mit der aus der Freiheit entstehenden Verantwortung auseinander, die Sartre formuliert. Dabei stelle ich die Frage, welche ethischen Ansprüche gestellt werden können, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Hierzu ziehe ich die Philosophie des Existenzialisten Søren Kierkegaards heran, der dem Selbst die Möglichkeit zur „Selbstwahl“ zuspricht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Freiheitsbegriff bei Sartre
3. Die Seins-Dimensionen: Für-Sich, An-sich und Für-Andere-Sein
4. Die Zerrissenheit des Seins und seiner Freiheit
5. Die Scham und der Sein-Sollen-Konflikt
6. Eine phänomenologische Betrachtung des liebenden Blicks
7. Eine ethische Herausforderung an die Freiheit des Selbst
8. Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die durch Jean-Paul Sartre beschriebene Zerrissenheit des Seins und den damit verbundenen Verlust der Freiheit in sozialen Kontexten zu analysieren sowie einen möglichen, ethisch fundierten Ausweg durch das Konzept der Selbstwahl bei Søren Kierkegaard aufzuzeigen.
- Die Analyse der Seins-Dimensionen nach Sartre (Für-Sich, An-sich, Für-Andere-Sein).
- Die Untersuchung der Scham als Folge des Blicks durch den Anderen.
- Eine phänomenologische Betrachtung von Freiheit im Kontext der zwischenmenschlichen Liebe.
- Die Anwendung von Kierkegaards Konzept der Selbstwahl als ethischer Rahmen für persönliche Verantwortung.
Auszug aus dem Buch
Die Zerrissenheit des Seins und seiner Freiheit
Es lassen sich bei Sartre zwei „Verluste“ verzeichnen: Zum einen der Verlust von der bereits erwähnten Steuerbarkeit der eigenen Identität und seiner Bestimmungsmerkmale (er spricht von einer „Entfremdung seiner [meiner] Person“11) und zum anderen der Verlust von der „ekstatischen Einheit des Für-Sich“12, sobald das Sein in die Dimension des Für-Andere-Sein verfällt. Beide Verluste sind nach Sartres Definitionen Beweise für eine Zerrissenheit des Seins und scheinbar unveränderlich.
Sartre schreibt: „Die Tatsache, dass es den Anderen gibt, ist unbestreitbar und trifft mich mitten ins Herz“13. Ein schmerzlicher Verlust wird deutlich und unmissverständlich aufgezeigt, dass das Für-sich flüchtig und für das Selbst ungreifbar ist; eben das Nichts. Da jedoch sein Verlust schmerzt, lässt sich vermuten, dass Sartre damit einen Zustand meint, der sich der Beziehung und somit auch Verantwortung zur und mit der Welt entzieht. Mit der Tatsache, dass der Andere existiert, sieht sich Sartre „ständig in Gefahr in einer Welt, die diese Welt ist und die er [ich] dennoch nur erahnen kann“14. Eventuell ist das Für-Sich die einzige Möglichkeit eines Zustands, der das Subjekt von der Welt, wenn auch nur für kurze Zeit, „verschwinden“ lässt. Gleichzeitig hat das Für-Sich das Streben, identisch mit dem An-sich zu werden und somit „selbstdurchsichtig“ 15 und völlig gegenwärtig zu werden. Eine Vereinigung oder die einzelne Existenz der jeweiligen Form des Seins wird niemals möglich sein, denn das „Bewusstsein muss immer Bewusstsein-von-etwas“ sein.16 Gäbe es eine Vereinigung der beiden Formen dann hieße sie womöglich Gott.17
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Freiheit des Selbst bei Sartre und Kierkegaard ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Zerrissenheit des Seins.
2. Der Freiheitsbegriff bei Sartre: Dieses Kapitel erläutert Sartres Verständnis des Menschen als ein zur Freiheit verurteiltes Wesen, dessen Handlungsspielraum durch äußere Lebensbedingungen begrenzt ist.
3. Die Seins-Dimensionen: Für-Sich, An-sich und Für-Andere-Sein: Hier werden die ontologischen Konzepte Sartres dargelegt, insbesondere wie das Individuum durch den Blick des Anderen zum Objekt wird.
4. Die Zerrissenheit des Seins und seiner Freiheit: Das Kapitel analysiert die zwei zentralen Verluste des Selbst durch Fremdbestimmung und die Unmöglichkeit der Einheit des Für-sich.
5. Die Scham und der Sein-Sollen-Konflikt: Basierend auf der „Schlüsselloch-Szene“ wird untersucht, warum der Blick des Anderen Beschämung auslöst und ethische Ansprüche an das Subjekt stellt.
6. Eine phänomenologische Betrachtung des liebenden Blicks: Dieses Kapitel erarbeitet einen Gegenentwurf zur Objektivierung durch den Anderen, indem die Liebe als Dimension der Freiheit und Anerkennung hervorgehoben wird.
7. Eine ethische Herausforderung an die Freiheit des Selbst: Anhand Kierkegaards Konzept der Selbstwahl wird erörtert, wie der Mensch trotz der vorgegebenen Bedingungen Verantwortung für seine Bestimmung übernehmen kann.
8. Schluss: Die Arbeit fasst zusammen, dass die Freiheit des Individuums stets in einem Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und den Grenzen durch das Sein des Anderen existiert.
Schlüsselwörter
Jean-Paul Sartre, Søren Kierkegaard, Freiheit, Existenzialismus, Selbstwahl, Für-sich, An-sich, Für-andere-sein, Phänomenologie, Identität, Verantwortung, Blick, Scham, Liebe, Selbstwerdung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Ansätze von Jean-Paul Sartre und Søren Kierkegaard, um das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit, Identitätsverlust durch soziale Interaktion und der ethischen Verantwortung des Selbst zu ergründen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die ontologischen Seins-Dimensionen bei Sartre, die Auswirkungen des „Blicks“ des Anderen auf das Individuum sowie die Möglichkeiten der Selbstwahl als ethische Lebensgestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die von Sartre diagnostizierte „Zerrissenheit“ des Seins und den drohenden Freiheitsverlust in einer Welt mit Anderen aufzuzeigen und durch eine phänomenologische Betrachtung der Liebe sowie Kierkegaards Ethik Lösungsansätze zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und phänomenologische Betrachtung, die durch eigene Beobachtungen der Autorin ergänzt wird, um die abstrakten Theorien in konkreten Situationen zu prüfen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Sartres Freiheitsbegriff und Seins-Dimensionen, eine Analyse der Rolle von Scham und Blick sowie einen ethischen Teil, der das Konzept der Selbstwahl nach Kierkegaard thematisiert.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Zerrissenheit“, „Für-sich“, „An-sich“, „Selbstwahl“, „Existenzialismus“ und „Verantwortung“ geprägt.
Wie unterscheidet sich die Scham bei Sartre von alltäglichen Erfahrungen?
Sartre interpretiert Scham nicht bloß als moralisches Gefühl, sondern als ontologische Reaktion auf das Erblicktwerden, wodurch das Subjekt seine Freiheit verliert und zum betrachteten Objekt für den Anderen wird.
Inwiefern kann der Blick eines anderen Menschen auch befreiend wirken?
Die Autorin argumentiert in Kapitel 6, dass in einer liebenden Beziehung der Blick des Anderen das Selbst nicht als Objekt entfremdet, sondern als Subjekt anerkennt, wodurch Freiheit innerhalb der Zweisamkeit ermöglicht wird.
- Citation du texte
- Anna Lenz (Auteur), 2017, Die Zerrissenheit des Seins. Über den Erhalt und Verlust der Freiheit des Seins und dessen Identität bei Sartre und Kierkegaard, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452593