Welchen Einfluss hat die Bildung auf soziale Ungleichheit? Untersuchung der Zulassungskriterien von amerikanischen Eliteuniversitäten


Seminar Paper, 2018
11 Pages, Grade: 1,0
Pia Dong (Author)

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Soziale Ungleichheit

Das Zulassungsverfahren zu den „Großen Drei“

Soziologische Bewertung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Laut einer aktuellen Studie der OECD, ist die Ungleichheit in den Industrienationen weiterhin ansteigend (OECD 2015: online). Neben Dimensionen wie etwa Einkommen, Vermögen oder Macht zählt Bildung zu den Ausprägungen, die soziale Ungleichheit hervorrufen können (Abels 2009: 320), nicht zuletzt, weil diese Dimensionen nicht zwangsweise voneinander trennbar sind. So schlägt sich höhere Bildung in höherem Einkommen nieder und kann soziale Ungleichheit reduzieren (OECD 2017: online). Die Vereinigten Staaten stellen hier keine Ausnahme dar, besonders der Hochschulausbildung kommt eine tragende Rolle zu, u.a. weil in den USA kein anderes Modell der Berufsausbildung, wie zB. die duale Ausbildung in Österreich, existiert. Eliteuniversitäten haben eigene Zulassungsverfahren, auch wird ihnen ein gewisser Spielraum bei der Festlegung der Aufnahmebedingungen gewährt, wie etwa Persönlichkeit als ein Aufnahmekriterium. Durch die hohe Reputation ist auch die Bewerberanzahl um ein vielfaches höher, als Plätze zur Verfügung stehen. So erhielten in diesem Jahr nur 6,3 Prozent der BewerberInnen (2229 aus ca. 35.300 Bewerbungen) einen Platz an der Yale University für den kommenden Lehrgang (Yale University 2018: online). Die Universitäten können ausselektieren und gewisse StudentInnen bevorzugen oder eben ausschließen und somit über sozialen Auf- oder Abstieg mitentscheiden. Deshalb erscheint es relevant die Auswahlmechanismen der großen Universitäten aus soziologischer Sicht zu betrachten und wie sie sich im Wandel der Zeit verändert haben. Da besonders die jüdischen StudentInnen in früher Zeit von den Selektionsverfahren betroffen waren, soll diese Gruppe genauer betrachtet werden. Die Forschungsfrage der zu Grunde liegenden Arbeit lautet somit: „ Wie haben sich die Zulassungsverfahren von Yale, Harvard und Princeton im Laufe der Zeit verändert und welche Auswirkungen hatte dies für die jüdischen StudentInnen?“

Als Grundlage dieser Analyse dient ein Auszug des Buches „The Chosen. The Hidden History of Admission and Exclusion“ vom amerikanischen Soziologen Jerome Karabel, aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Stichweh. In diesem Beitrag werden vor allem die Zulassungskriterien der Eliteuniversitäten Harvard, Yale und Princeton, auch die „Großen Drei“ genannt, beleuchtet.

Soziale Ungleichheit

Laut dem Lexikon der Soziologie bedeutet soziale Ungleichheit die unterschiedliche Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe durch eine ungleiche Verteilung von Ressourcen (Krause 2008: 686). Hradil definiert soziale Ungleichheit als die Begehrung von Lebensumständen, die die Möglichkeit auf ein „gutes“ Leben erhöhen. Nur schlechter Gestellte in einer Gesellschaft streben nach diesen Lebensumständen und die Verteilung dieser erfolgt innerhalb des menschlichen Zusammenleben und unterliegt gesellschaftlichen Regelungen (Hradil 1987: 15). Soziale Ungleichheit ist also ein gesellschaftliches Konstrukt und entsteht nie objektiv, da sie abhängig von der Sichtweise (Was sind materiell/immateriell erstrebenswerte Güter?) ist. Diese Sichtweise ist nicht nur abhängig vom gesellschaftlichen, sondern isst auch an den zeitlichen Kontext gebunden. So befand Aristoteles, dass die unausgewogene Beziehung bzw. Machtverhältnisse von Herren und Sklaven oder von Männern und Frauen notwendig sei, da sich nur dadurch die Natur des Menschen verwirklichen kann und soziale Ungleichheit auf Grund dessen legitim ist. In der heutigen Zeit werden soziale Ungleichheiten nicht mehr durch natürliche oder angeborene Faktoren legitimiert, wenn auch diese dennoch eine Rolle spielen könnten in der sozialen Stellung innerhalb einer Gesellschaft (zB. Geschlecht oder Hautfarbe) (Burzan 2011: 7).

Erst durch das Gleichheitspostulat in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und als Schlagworte in der französischen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Denkweise von naturgegeben Ungleichheiten hin zu von Menschen formbar und veränderbaren Ursachen der Ungleichheit. Bereits Rousseau versuchte sich im 17. Jahrhundert an einer Begründung von Ungleichheit, für ihn lagen diese in der unterschiedlichen Ausprägung von Eigentum. Auch andere Ansätze verfolgten diese Richtung in einer weiteren Auseinandersetzung, dennoch bestanden weiterhin unterschiedliche Ansichten fort. So wird Eigentum im Liberalismus ab dem 18. Jahrhundert nicht als etwas Negatives angesehen und nimmt soziale Ungleichheit unter der Voraussetzung von Chancengleichheit [wer mehr leistet besitzt auch mehr] unhinterfragt hin. Dieser Konflikt blieb auch in der weiteren Forschung bestehen, so wurde die Frage nach der „Notwendigkeit“ von sozialer Ungleichheit für das gesellschaftliche Zusammenleben in den Raum geworfen (ebd. 2011: 7-9). Die funktionalistische Ungleichheitstheorie (zB. funktionalistische Schichtungstheorie nach Davis/Moore) widmete sich dieser Fragestellung und geht nicht nur davon aus, dass soziale Ungleichheit in einer fortgeschrittenen Gesellschaft nicht beseitigt werden kann, sondern dass sie sogar „nützliche“ Funktionen inne hat. Unterschiedlich hohe Löhne und die unterschiedliche Verfügung über Ressourcen seien der Anreiz in eine höhere soziale Position aufsteigen zu wollen. Würde es keine soziale Ungleichheit mehr geben, würden auch die Anreize für Anstrengungen wegfallen (Mergel 2013: 309).

Das Zulassungsverfahren zu den „Großen Drei“

Absolventen der „Großen Drei“ (Harvard, Yale und Princeton) sind in der amerikanischen Elite hochgradig überrepräsentiert. So haben einige spätere US-Präsidenten (zB. George W. Bush, John F. Kennedy oder Bill Clinton) ihren Abschluss an einer der drei großen Eliteuniversitäten gemacht, was u.a. auch die große Attraktivität dieser Universitäten ausmacht (Stichwohl 2009: 47, z.N. Karabel 2006).

Anfang der 1900er basierte die Auswahl der StudentInnen an den meisten angesehensten Universitäten in Amerika fast gänzlich auf den akademischen Leistungen der BewerberInnen. Dies änderte sich in den 1920er Jahren, als ersichtlich wurde, dass ein Auswahlverfahren welches sich auf akademische Kriterien festlegte, zu einer steigenden Zahl des Eintritts von „sozial unerwünschten Gruppen“, damals die Juden, führen wird. Zu dieser Zeit gewann die landesweite Bewegung der Beschränkung von Zuwanderung an Stärke und diese Veränderung war für die Präsidenten der „Großen Drei“ deswegen inakzeptabel. Dies war der Anstoß für die Neumodellierung des bestehenden Zulassungssystems. Um weiterhin die Kontrolle über die akademische Zusammensetzung der Lernenden behalten und ihre institutionellen Interessen wahren zu können, musste das bestehende Zulassungssystem der Noten, die messbar sind, ersetzt werden. Die Eckpfeiler des neuen Systems waren Ermessungsentscheidungen der „gatekeepers“ [„Pförtner“, jene die über Aufnahme oder Nichtaufnahme entscheiden], die ihnen größere Freiheit bei der Entscheidung ließ und Undurchsichtigkeit hervorrief, das heißt dass die Ermessungsentscheidungen keiner öffentlichen Prüfung unterworfen werden. Das neue System erlaubte den Entscheidungsträgern die Anpassung an Veränderungen, es kann auch vom „eisernen Gesetz der Zulassung“ gesprochen werden: Universitäten halten an Zulassungsbestimmungen fest, solange diese Ergebnisse liefert, die den institutionellen Interessen entsprechen. Im Mittelpunkt der neuen Zulassungspolitik stand der „Charakter“, eine Eigenschaft die man bei den Juden nicht vermutete zu finden, sondern nur statushohen Protestanten zuschrieb. Der nicht messbare „Charakter“ konnte der Auffassung der „Großen Drei“ nur von jenen ausgemacht werden, welche diese Eigenschaft ebenfalls besaßen. Neben Charakter wurden noch weitere subjektive Merkmale wie „Persönlichkeit“ oder „Führerschaft“ herangezogen um BewerberInnen auf Grund persönlicher Urteile aufzunehmen oder abzulehnen. Die Verschiebung von objektiv akademischen Kriterien zu subjektiven nicht-akademischen erfolgte mit der Absicht und hatte die Folge der Bevorzugung einer Bevölkerungsgruppe gegenüber einer anderen (ebd. 2009: 45-47, z.N. Karabel 2006).

In den späten 1950er Jahren trat die Sorge um den Verlust von Talenten, ausgelöst durch den Kalten Krieg, auf, und jenen BewerberInnen, die exzellente Schulnoten aufweisen konnten, wurde wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Kriterien „Charakter“ oder „Führerschaft“. Die politischen und sozialen Umwälzungen jener Zeit führten dazu, dass Diversität und Inklusion einen wichtigen Platz in der Zulassungspolitik einnahmen. In den 1960er Jahren wurde eine Politik der „affirmative action“ eingeführt (ebd. 2009: 50, z.N. Karabel 2006). („Affirmative action“ bezeichnet die „positive Diskriminierung“ und soll ethnische Minderheiten fördern, am Arbeitsmarkt etwa oder beim Zugang zu Bildung. So können zB. Universitäten die Hautfarbe oder Herkunft der BewerberInnen in ihre Entscheidung mitfließen lassen. Die „affirmative action“ geht auf Bürgerrechtsbewegungen und Proteste afroamerikanischer BürgerInnen gegen Ungleichbehandlung im gesellschaftlichen Leben zurück – Der Spiegel 2017: online).

Soziologische Bewertung

Die Zulassungsverfahren werden zwar von Pädagogen durchgeführt, so sind sie dennoch politisch motiviert. Zum einen wird die Macht, die auf Grund der Stellung der jeweiligen Präsidenten gegeben ist, versucht aufrecht zu erhalten. Wer zu den „richtigen Kreisen“ zählt, kann auch darüber entscheiden, wer in diesen eintreten darf und wer nicht. Diese Macht entsteht aus sozialen Verhältnissen und kann als strukturelle Macht bezeichnet werden. Sie gibt der einen Seite Chancen und entzieht sie der anderen (Abels 2009: 249).

Auf der anderen Seite werden über individuelle Interessen hinaus institutionelle Interessen verfolgt. Die Transformationen der „Großen Drei“ im Laufe der Jahre hatte zweifelsfrei den vorrangigen Zweck, ihre Position zu erhalten bzw. verbessern, die sie innerhalb der amerikanischen Universitätsriege innehatten. So sieht Karabel in seinem Buch die Maßnahmen der „affirmative action“ und die Zulassung von Frauen an den Eliteuniversitäten in den 1960er Jahren nicht als Bemühungen zur Förderung von Chancengleichheiten, sondern vermutet die Angst vor sozialer Desintegration und die Furcht der Abwanderung von „klugen weiblichen Köpfen“ zu anderen Universitäten als Motiv für die Öffnung der Universitäten für diese Gruppen (Stichwohl 2009: 53, z.N. Karabel 2006). Hier kann auch der von Bourdieu geprägte Begriff des „Feldes“ zum Einsatz kommen. In dieser Metapher betont er Machtdimensionen der Interaktionen zwischen Institutionen und Individuen in einem Bereich (zB. Religion oder Hochschulerziehung), die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Innerhalb der Felder konkurrieren die Akteure um die soziale Position, sodass sich soziale Strukturen etablieren. Die Zulassungspraktiken der „Großen Drei“ sind nicht ohne die intensive, kompetitive Haltung des größeren Feldes, der anderen Universitäten (nicht nur unter Princeton, Haravard und Yale aber auch gegenüber anderen großen Universitäten) entstanden (ebd. 2009: 52, z.N. Karabel 2006).

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Details

Title
Welchen Einfluss hat die Bildung auf soziale Ungleichheit? Untersuchung der Zulassungskriterien von amerikanischen Eliteuniversitäten
College
University of Linz
Grade
1,0
Author
Year
2018
Pages
11
Catalog Number
V452736
ISBN (eBook)
9783668863583
ISBN (Book)
9783668863590
Language
German
Tags
Soziologie und Bildung, Ungleichheit
Quote paper
Pia Dong (Author), 2018, Welchen Einfluss hat die Bildung auf soziale Ungleichheit? Untersuchung der Zulassungskriterien von amerikanischen Eliteuniversitäten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452736

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