Eine Rezension über Philipp Thers "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent"


Hausarbeit, 2018

9 Seiten, Note: 2,0

Emilie Rechberger (Autor)


Leseprobe

Philipp Ther wurde am 16. Mai 1967 geboren und studierte Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaften und International Relations an den Universitäten Regensburg und München. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte der Transformation seit den 1980er Jahren, die Sozial- und Kulturgeschichte Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert, vergleichende Nationalismusstudien und ethnische Säuberungen. Von 2007-2010 war Ther als Professor für vergleichende Geschichte Europas am European University Institute in Florenz beschäftigt, seit 2010 lehrt er die Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien und ist seit 2014 zudem Vorstand des dortigen Instituts für Osteuropäische Geschichte. Als Autor konnte er u.a. mit seinen Schriften wie „1989 – eine verhandelte Revolution“ (erschienen 2010) oder „Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen“ im modernen Europa“ (2011), auf sich aufmerksam machen. Das 2014 publizierte Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ wurde mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet und ist in sieben Sprachen erhältlich (Universität Wien: online).

In „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ versucht Ther die Geschehnisse rund um die Zeit des Berliner Mauerfalls und dem Zerfall der Sowjetunion zu rekonstruieren und die darauf folgenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen nach dem Einzug des Neoliberalismus in den einzelnen Ländern Europas (mit verstärktem Fokus auf die osteuropäischen Staaten), aufzuzeigen. Die Lektüre ist in zehn Kapiteln unterteilt, welche einleitend den Niedergang des Staatssozialismus in den achtziger Jahren behandelt und übergeht in die Beschreibung der Revolutionen in den 1989er bis 1991er Jahre. Im Hauptteil widmet sich der Autor den Erscheinungsformen und Umsetzung des Neoliberalismus in den einzelnen Ländern des ehemaligen Ostblocks. Zentral ist hier der Begriff der Transformation. Vergleichend stellt er die jeweiligen Entwicklungen gegenüber und liefert Erklärungsansätze dafür, warum etwa Berlin wirtschaftlich von Städten wie Warschau oder Prag überholt worden sei. Abschließend nimmt er auch Bezug auf neuere Entwicklungen (Finanzkrise 2008, Ukraine-Konflikt).

Ther bezeichnet den Neoliberalismus als „moving target“. Darunter versteht er die Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des Neoliberalismus und sieht darin dessen Wirkmächtigkeit, wenngleich er auch betont, dass der Neoliberalismus alles andere als ein homogenes, also von allen Vertretern gleichermaßen verstandenes Konzept, darstelle. Den Einzug des Neoliberalismus in die ehemaligen Länder der UdSSR bezeichnet Ther als Transformation. Die Transformation ist in den jeweiligen Ländern mit unterschiedlichen Reformen einhergegangen. Während Länder wie Bulgarien, Rumänien oder die Ukraine zuerst auf Deregulierung verzichteten und dann Reformmaßnahmen staatlich nicht abgefedert wurden, wurden in Polen und Tschechien radikalere Reformen vorgenommen. Als Schlagwort für die Maßnahmen in Polen dient hier jenes der „Schocktherapie“. Das, wie auch die anderen Länder des ehemaligen Ostblocks, stark verschuldete Polen versuchte finanzielle Mittel zu lukrieren indem die erstmals nichtkommunistische Regierung der Bevölkerung Lebensmittelsubventionen strich, Großbetriebe schloss – die Arbeitslosigkeit stieg massiv an ,- die Preise für alle Produkte freigab, was einen enormen Anstieg bzw. Unbezahlbarkeit von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Lebens verursachte. Die Reform wurde in der Dauer und Tiefe von den Reformern unterschätzt, was den Postkommunisten zum Sieg bei den Parlamentswahlen 1993 verhalf.

Abgesehen von konzeptuellen Ungereimtheiten des Neoliberalismus, wenn bsp. staatliche Interventionen abgelehnt werden, den Zentralbanken jedoch eine wichtige Rolle zukommt, sieht Ther die praktischen Abweichungen bei der Umsetzung der neoliberalen Ideologie als folgenreicher, er spricht hier von den nicht-intendierten Effekten, oder „Transformationskrisen“.

In Russland, um ein weiteres Beispiel anzuführen wurden Oligarchen unter dem Deckmantel des Neoliberalismus und im Zuge von Privatisierungen noch reicher und mächtiger. Ther begründet dies damit, dass russische Banken im Auftrag der Regierung staatliche Unternehmen versteigern sollten, da die Banken meistens jedoch im Besitz der Oligarchen waren, konnten diese Preisabsprachen mit ihren Banken tätigen was für den Staat massive finanzielle Einbußen bedeutete.

Der Autor begründet die Durchsetzung der radikalen Reformen, trotz der allgemeinen Ablehnung in den meisten ostmitteleuropäischen Ländern, durch ein Demokratiedefizit der WählerInnen. So schreibt er:

Die Radikalität der Reformen waren nur möglich, weil die davon betroffenen Gesellschaften wegen des noch laufenden Aufbaus demokratischer Strukturen geringen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der jeweiligen Länder nehmen konnten. In Polen waren sich die führenden Vertreter des Regierungslagers ihres Demokratieproblems durchaus bewusst. Adam Michnik schrieb in seinen Leitartikeln […] Anfang der neunziger Jahre unverblümt, dass die breiten Massen von Wirtschaftspolitik wenig verstünden und daher rasche und nicht rückgängig zu machende Reformen das beste Rezept seien.“ (S. 93)

In Anlehnung an ein amerikanisches Autorenduo zieht er weiter den Schluss:

„So paradox es klingen mag: Der Neoliberalismus ist auf einen starken Staat angewiesen.“ (S. 344).

Er betont hier die Stärkung staatlicher Strukturen durch zügige Verwaltungsreformen, was etwa die Rechtsprechung betrifft, aber auch Investitionen in Bildung (Humankapital) und benachteiligte Regionen eines Landes.

So unterschiedlich sich die transformierenden Ländern auch entwickelt haben, hatten sie doch eine Gemeinsamkeit: die wachsende Ungleichheit innerhalb des Landes.

„Und doch gibt es spezifische Faktoren für die ungleiche Entwicklung, die in der neoliberalen Ordnung der Transformationszeit liegen.“ (S. 151).

Im Unterkapitel „Reiche Städte, armes Land“ untersucht Ther die auseinanderklaffende Entwicklung der städtischen und ländlichen Regionen. Hauptstädte wie Prag, Warschau und Bratislava konnten einige Jahre nach dem EU-Beitritt bereits die durchschnittliche Wirtschaftskraft der Union erreichen und auch die westlichen Landesteile dieser Staaten konnten einen massiven wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnen. In den östlichen, meist ländlichen Gebieten, zeigt Ther die Kluft anhand des Vergleichs des Bruttoinlandsprodukts in den jeweiligen Regionen, räumt aber gleichzeitig dessen beschränkte Aussagekraft auf die tatsächliche Situation ein. Er stützt sich daraufhin auf eine Statistik der OECD, in welcher die Arbeitslosenquote in den ländlichen Regionen Ungarns oder der Slowakei doppelt so hoch ausfällt, als in den Hauptstädten. In Polen existieren bereits eigene Synonyme für den weniger entwickelten, östlichen Teil des Landes („Polska B“). Über die selbstverständliche Hinnahme der Ungleichheit kann der Autor ebenfalls nur spekulieren: so könne dies etwa durch das von Generation zu Generation übertragene Wissen um die Kompensation der Armut, durch Subsistenzwirtschaft und Arbeitsmigration, entstanden sein. Auch das System der häuslichen Pflege in Österreich wäre auf die slowakischen Pflegerinnen angewiesen, die, wie Ther betont, nicht aus der nahen Westslowakei stammen, sondern vom entlegenen Osten des Landes kommen.

Der Autor kritisiert die Vernachlässigung der Landwirtschaft seitens der Politik, welche Landbetriebe privatisierte, dies aber staatlicher Lenkung und Investition bedürfte, welche nicht erfolgt sind, und gleichzeitig den Markt für Importe öffnete. Dies trieb die Landwirte letztlich in den Ruin. Den entscheidenden Faktor im Stadt – Land – Vergleich stellen für Ther die ausländischen Investitionen (Foreign Direct Investments) und die bevorzugte Niederlassung internationaler Firmen in den Ballungszentren dar.

Auf den innerstaatlichen Vergleich der Regionen, stellt Ther anschließend die einzelnen Hauptstädte, stellvertretend für die Entwicklungen im gesamten Land, gegenüber. Dabei rückt die wirtschaftliche Transformation nach dem Ende des Kommunismus und der Öffnung Europas in den Vordergrund. Wien wird überraschenderweise (nachdem Österreich bisher kaum Beachtung geschenkt wurde) in den Vergleich miteinbezogen. Es wird bei der Betrachtung der „Transformation von unten“ jedoch bald wieder deutlich, dass die Ostblockstaaten, allen voran Polen, in den Interessensmittelpunkt rücken. Der Begriff der Transformation kommt auch hier nochmals zum Einsatz jedoch nun als „Transformation von unten“. Damit meint der Autor die wirtschaftliche Besserstellung ausgelöst oder verstärkt durch deren Bevölkerung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Eine Rezension über Philipp Thers "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent"
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V452767
ISBN (eBook)
9783668852785
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philipp Ther, Neoliberalismus, Neue Ordnung auf dem alten Kontinent
Arbeit zitieren
Emilie Rechberger (Autor), 2018, Eine Rezension über Philipp Thers "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452767

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine Rezension über Philipp Thers "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden