Wer sich ehrenamtlich in Vereinen engagiert, dort sogar Aufgaben im geschäftsführenden Vorstand übernimmt oder den Vorstandssitzungen beisitzen soll, der hat mitunter einmal erfahren, wie in Vereinen Entscheidungen anhand von ausgehandelten Machtverhältnissen getroffen werden. Vereine übernehmen teils gesellschaftlich-soziale Aufgaben, die oft ein hohes Maß an interner Organisation und damit Entscheidungsfindung erfordern und sich auch in externe Organisationssysteme wie Brauchtümer, Sozialsysteme, Kirchensystem oder Ähnliche einfügen müssen. Daher sind Vereine als Organisationen aus mikropolitischer Perspektive genau so interessant wie Parteien, Unternehmen oder die öffentliche Verwaltung, weil sie oft ähnliche Strukturen und Konstellationen im Vergleich zu großen Organisationen aufweisen. Nach diesen können sie somit auch untersucht werden. Dies wird in dieser Arbeit anhand eines anonymisierten, real vorgekommenen Beispiels illustriert.
Der Autor dieser Arbeit ist Vizepräsident eines Vereins, welcher in der Brauchtumspflege zu verorten ist. Der Verein zählt in der Stadt, in der er im Vereinsregister vermerkt ist, zu einem der größten der lokalen Brauchtumspflege. Interessant aus mikropolitischer Sicht ist der Vorfall des Kassiererwechsels, welcher in dieser Arbeit unter Anwendung der Theorie der Zwänge kollektiven Handelns von Michel Crozier und Erhard Friedberg und den damit verbundenen drei Kernbegriffen Macht, Spiel und Strategie untersucht wird. Mittels der theoretischen Grundbegriffe Crozier und Friedbergs soll demonstriert werden, wie simpel erscheinende Alltagsphänomene mikropolitisch analysiert und erklärt werden können."
Kapitel eins leitet in die Thematik ein und stellt zunächst grundlegende Annahmen der Organisationstheorie und der strategischen Organisationsanalyse dar. Dies dient zur allgemeinen Einordnung des Forschungsgegenstandes in den wissenschaftlichen Diskurs. Im zweiten Kapitel wird das Praxisbeispiel anonymisiert nachgezeichnet, um den Leser auf die in Kapitel drei anschließende Analyse vorzubereiten. Kapitel drei analysiert das Praxisbeispiel mit Hilfe von Crozier und Friedbergs Begriffen Macht, Spiel, Strategie und Akteurskonstellationen. Abschließend werden die Analyseergebnisse in Kapitel vier zusammengefasst und die Arbeit mit einem persönlichen Fazit beendet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Theoretische Grundlagen
1.1 Organisationstheorie allgemein
1.2 Crozier & Friedberg - strategische Organisationsanalyse
2. Praxisbeispiel zusammengefasst
2.1 Die Organisation im Überblick
2.2 Das Fallbeispiel zusammengefasst
3. Analyse
3.1 Akteurskonstellationen
3.2 Machtquellen
3.3 Spiele und Strategien
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand eines anonymisierten Praxisbeispiels aus der Brauchtumspflege mikropolitische Prozesse innerhalb eines Vereins, um mittels der Theorie der „Zwänge kollektiven Handelns“ von Michel Crozier und Erhard Friedberg zu demonstrieren, wie alltägliche Machtkonstellationen und strategisches Handeln in Organisationen analytisch erfasst und erklärt werden können.
- Mikropolitische Analyse von Vereinsstrukturen
- Anwendung der Konzepte Macht, Spiel und Strategie nach Crozier & Friedberg
- Untersuchung von Akteurskonstellationen und Machtquellen
- Bewertung der Handlungsspielräume von Vorstandsmitgliedern
- Analyse von Konfliktmanagement und strategischem Wandel
Auszug aus dem Buch
1.2 Crozier & Friedberg - strategische Organisationsanalyse
Mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand „Organisation“ entwickelten Michel Crozier und Erhard Friedberg die strategische Organisationsanalyse unter dem Titel „Die Zwänge kollektiven Handelns – Über Macht und Organisation“ (Crozier/Friedberg, 1993). Den Autoren zufolge basiert die Theorie auf Erkenntnissen aus über zwanzig Jahren soziologischer Analyse von Verwaltungs- und Industrieorganisationen. Sie heben aber deutlich hervor, dass sie keineswegs eine in sich kohärente und geschlossene Theorie zur substantiellen Analyse von Organisationen aufstellen wollten. Vielmehr ist ihr Werk eine Sammlung einfacher Beschreibungen der Probleme von Organisationen sowie der Mittel der Organisationsmitglieder, diese Hindernisse zu überwinden, um gemeinsame Ziele zu erreichen und durch Zusammenarbeit für die Zukunft zu gewährleisten (vgl. ebd. S.1-2).
Crozier und Friedberg stellen in ihrem Denkansatz Organisationen nicht als primäre soziale Objekte in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung, sondern richten ihren Blick auf das organisatorische Handeln der Akteure innerhalb der Organisation (vgl. ebd. S. 2). Die zentrale Fragestellung lautet daher: „Unter welchen Bedingungen und verbunden mit welchen Zwängen ist kollektives, d.h. organisiertes Handeln der Menschen möglich“ (ebd. S.7)? Die Autoren nehmen an, dass kollektive Handlungen und Handlungsweisen keine natürlichen Gegebenheiten sind, die zufällig auftreten und selbstverständlich sind, sondern dass diese ein von den Akteuren im zeitlichen Verlauf ein selbst entwickeltes Ergebnis ihrer Interaktionen ist, das es ihnen möglich macht, sich zu organisieren (vgl. ebd. S.7).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die mikropolitische Relevanz von Vereinen ein und erläutert die Forschungsfrage sowie den methodischen Rahmen der Arbeit unter Rückgriff auf Crozier und Friedberg.
1. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel stellt grundlegende organisationstheoretische Ansätze vor und detailliert die Konzepte der strategischen Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg.
2. Praxisbeispiel zusammengefasst: Hier wird die Struktur des untersuchten Vereins sowie der konkrete Vorfall des Kassiererwechsels als Basis für die folgende Analyse geschildert.
3. Analyse: Die Analyse untersucht die Akteure, Machtquellen und strategischen Spiele im Verein, um das Verhalten der Beteiligten im Kontext der Theorie zu erklären.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert kritisch die Aussagekraft der angewandten Theorie für die Untersuchung von Machtstrukturen.
Schlüsselwörter
Mikropolitik, Organisation, Macht, Strategie, Spiel, Crozier, Friedberg, Verein, Akteurskonstellation, Machtquellen, Organisationsanalyse, kollektives Handeln, Ungewissheitszonen, Vorstandsführung, Vereinsmanagement
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse mikropolitischer Machtbeziehungen und strategischer Spiele innerhalb eines realen Vereins, um interne Entscheidungsprozesse zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Machtverhältnisse in ehrenamtlichen Organisationen, der Einfluss individueller Akteure auf Vereinsentscheidungen und die Dynamik zwischen verschiedenen Abteilungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, mittels der strategischen Organisationsanalyse nach Crozier und Friedberg ein alltägliches, aber komplexes organisatorisches Problem (den Kassiererwechsel) zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methode der strategischen Organisationsanalyse eingesetzt, wobei der Autor seine eigene Innenperspektive als Mitglied der Organisation nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Organisation, die Schilderung des Fallbeispiels sowie eine tiefgehende Analyse der Machtquellen und der von den Akteuren gewählten Strategien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den prägenden Begriffen gehören Mikropolitik, Machtquellen, Ungewissheitszonen, strategisches Handeln und kollektive Entscheidungsfindungen.
Warum war der Wechsel des Kassierers aus mikropolitischer Sicht so bedeutend?
Der Vorfall verdeutlichte, wie die Kontrolle über Informationen und Finanzprozesse als Machtmittel genutzt wurde und wie die Vereinsführung darauf mit einer Reorganisation der Zuständigkeiten reagieren musste.
Welche Rolle spielten die Sponsoren im Gefüge des Vereins?
Die Sponsoren fungierten als externe Machtquelle, die durch ihre Unzufriedenheit über administrative Fehler den Druck auf den Geschäftsführer erhöhten und somit den notwendigen Wandel beschleunigten.
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- Matthias Rutkowski (Author), 2018, Strategische Organisationsanalyse. Machtquellen und Strategiespiele in Vereinspositionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452874