Von einer Interdependenz zwischen der politischen Kultur eines Landes und der politischen Bildung ist auszugehen. Neuere politikwissenschaftliche Untersuchungen versuchen zu klären, inwiefern die politische Bildung Ausdruck einer politischen Kultur ist und inwiefern auch die politische Kultur durch den Politikunterricht beeinflusst wird. Da politische Kultur das Ergebnis von Deutungs- und Überlieferungsprozessen ist, wird die Rolle politischer Bildungsprozesse als wesentliche Komponente der politischen Sozialisation deutlich. Politische Bildungsarbeit wird für die Ausbildung und Verbreitung einer demokratischen politischen Kultur genutzt, ein Prozess, bei dem insbesondere der junge Bürger mit den Deutungen der gesellschaftlichen Eliten in Verbindung gebracht wird.
Im Bezug auf die demokratische Legitimität eines politischen Systems weist Lipset in seinen Ausführungen zur politischen Unterstützung auf zwei zentrale Bedingungsfaktoren hin: diese sind eine längerfristig nachweisbare ökonomische Prosperität und die Steigerung des Bildungsniveaus eines Landes. Das bedeutet, dass auch die Ziele und Inhalte der politischen Bildung und deren Vermittlung einen Einfluss darauf haben, ob und wie eine Gesellschaft ein Regierungssystem unterstützt.
Unter dem Einfluss globaler wirtschafts- und sozialpolitischer Fehlentwicklungen haben sich in den letzten Jahren die Schwerpunkte der politischen Diskussion zu ökonomischen Themen hin verschoben; mit Verzögerung folgt dem auch die politische Bildung. Es drängt sich die Frage auf, wie ökonomische und politische Bildung an allgemein bildenden Schulen miteinander verknüpft werden sollen. In dieser Arbeit als Forschungsfrage formuliert, lässt sich deren Relevanz daran ermessen, dass Politik- und Wirtschaftsdidaktiker seit Jahren kontrovers die angemessene Berücksichtigung ökonomischer Inhalte diskutieren. Im Kern geht es in diesem curricularen Streit darum, ob die Einführung eines eigenständigen Faches Wirtschaft notwendig ist, oder ob die neuen Lerninhalte in das vorhandene Fach Politik, in Fächerkombinationen oder in ein neues Fach integriert werden sollen.
Im Rahmen dieser Hausarbeit wird zunächst die Ausweitung ökonomischer Bildung an allgemein bildenden Schulen vor dem Hintergrund dargestellt, dass ökonomisches Lernen heute deutlich mehr Raum in den Bildungsplänen einnimmt als zum Ende des 20. Jahrhunderts.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ausweitung ökonomischer Bildung
3 Bildungsziele und -prinzipien
4 Inhaltsfelder ökonomischer und politischer Bildung
5 Lehr- und Lernmethoden
6 Konzepte ökonomischen Lernens
6.1 Wirtschaftswissenschaftliche Leitkategorien
6.2 Ökonomisch geprägte Lebenssituationen
6.3 Perspektive der Ökonomen
6.4 Sozialwissenschaftlicher Pluralismus einer sozioökonomischen Bildung
7 Das Für und Wider von Separation und Integration
7.1 Ökonomische Bildung als eigenständiges Fach
7.2 Ökonomische Bildung als Teil von Kombinationsfächern
7.3 Ökonomische Bildung als integrierter Teil der politischen Bildung
7.4 Ökonomische Bildung als Teil eines Integrationsfaches Sozialwissenschaften
8 Fazit einer Analyse der Verknüpfung von ökonomischer und politischer Bildung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen ökonomischer und politischer Bildung an allgemein bildenden Schulen. Ziel ist es, auf Basis einer Analyse bestehender fachdidaktischer Konzepte die Forschungsfrage zu beantworten, wie ökonomische und politische Inhalte sinnvoll miteinander verknüpft oder integriert werden können, um junge Menschen auf ihre Rolle als mündige Bürger in einer komplexen Gesellschaft vorzubereiten.
- Wechselseitige Abhängigkeit von Politik und Ökonomie
- Curriculare Debatte: Fachfremde Integration vs. eigenständiges Schulfach
- Vergleich fachdidaktischer Konzeptionen des ökonomischen Lernens
- Kritische Analyse von Separations- und Integrationsmodellen
- Mündigkeit und Urteilsfähigkeit als gemeinsame Bildungsziele
Auszug aus dem Buch
1 Ausweitung ökonomischer Bildung
Ökonomische Themen und Kompetenzen gehören zum Kern des sozialwissenschaftlichen Lernbereichs, sie genießen heute deutlich mehr Raum in den Curricula, was z.B. auch in Fachbezeichnungen wie Politik/Wirtschaft zum Ausdruck kommt. Bei aller Kritik an der fortschreitenden Ökonomisierung unserer Lebenswelten ist der von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden, Kirchen und Kreditinstituten sowie politischen Parteien und Wirtschaftsdidaktikern formulierte Appell nachvollziehbar, Wissen über ökonomische Sachverhalte, Prozesse und Zusammenhänge stärker als bislang zu vermitteln (Engartner et al. 2017, S. 7).
Begründet wird dieser Appell mit „der Optimierung privater ökonomischer Entscheidungen, der Einzigartigkeit der wirtschaftswissenschaftlichen Denkweise, der Akzeptanzförderung für Markt und soziale Marktwirtschaft, der Förderung des Unternehmergeistes sowie neuerdings mit der Bewältigung von Wirtschafts- und Finanzkrisen“ (Hedtke 2014, S. 312).
Die existentielle Bedeutung der Wirtschaft für den Einzelnen und die Gesellschaft lässt es folgerichtig erscheinen, jedem Bürger im Rahmen der Schulpflicht das nötige Rüstzeug an Kenntnissen und Fähigkeiten auf dem Gebiet der Wirtschaft zu vermitteln. Deshalb ist eine ökonomische Grundbildung als wesentlicher Teil der allgemeinen Persönlichkeitsbildung anzusehen. Der Begriff Wirtschaft ist verknüpft mit menschlichem Handeln und dem Verhalten von Individuen. Dies schließt Konfliktfelder, die beispielsweise durch unterschiedliche Machtbefugnisse und Interessen aufgrund unterschiedlicher Stellungen in der betrieblichen Hierarchie oder durch die ungleiche Verteilung von Eigentum und Vermögen entstehen, nicht aus (Kaminski 2007b, S. 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zur Fragestellung der Verknüpfung von politischer und ökonomischer Bildung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen.
2 Ausweitung ökonomischer Bildung: Darstellung der wachsenden Bedeutung ökonomischer Kompetenzen in Curricula und der Begründung dieser Entwicklung.
3 Bildungsziele und -prinzipien: Analyse gemeinsamer Bildungsprinzipien und der Zielsetzung der Mündigkeit in beiden Disziplinen.
4 Inhaltsfelder ökonomischer und politischer Bildung: Untersuchung der Interdependenz und Differenz zwischen Politik und Ökonomie sowie der gemeinsamen Inhaltssegmente.
5 Lehr- und Lernmethoden: Vergleich der methodischen Ansätze, wobei festgestellt wird, dass beide Fachbereiche auf ein weitgehend gemeinsames Repertoire zurückgreifen.
6 Konzepte ökonomischen Lernens: Vorstellung von vier theoretischen Ansätzen zur ökonomischen Bildung, von kategorial bis sozioökonomisch.
7 Das Für und Wider von Separation und Integration: Diskussion der kontroversen Standpunkte zur Organisation ökonomischer Bildung in Schulfächern.
8 Fazit einer Analyse der Verknüpfung von ökonomischer und politischer Bildung: Zusammenfassende Bewertung der Debatte und Plädoyer für eine verstärkte Kooperation unter Beibehaltung einer sozialwissenschaftlichen Perspektive.
Schlüsselwörter
Ökonomische Bildung, Politische Bildung, Schulcurriculum, Integrationsfach, Fachdidaktik, Wirtschaftskompetenz, Allgemeinbildung, Mündigkeit, Sozioökonomische Bildung, Sozialwissenschaften, Politik, Wirtschaftsordnung, Lernkonzepte, Interdependenz, Schulpraxis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verhältnis zwischen ökonomischer und politischer Bildung und hinterfragt, wie beide Bereiche an allgemein bildenden Schulen sinnvoll zueinander in Beziehung gesetzt werden können.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Im Zentrum stehen die Begründung ökonomischer Bildung, die Vergleichbarkeit von Bildungszielen und Methoden, die Vorstellung verschiedener Fachkonzepte sowie die Debatte über eine Integration in ein gemeinsames Schulfach.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie ökonomische und politische Bildung so verknüpft werden können, dass sie dem Anspruch der Allgemeinbildung gerecht werden und Schüler zu mündigen Bürgern erziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine fachdidaktische Literaturanalyse, die einschlägige theoretische Positionen und Debatten zur fachlichen Verortung von Wirtschaft und Politik aufarbeitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Ausweitung ökonomischer Bildung, den Vergleich von Zielen und Methoden, die Analyse vier unterschiedlicher Lernkonzepte sowie die Untersuchung von Modellen für eigenständige Fächer versus Integrationsfächer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind ökonomische Bildung, politische Bildung, Integration, Fachdidaktik, Mündigkeit und das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Welche Argumente sprechen laut Arbeit gegen ein reines Schulfach Wirtschaft?
Die Arbeit führt kritische Stimmen an, die davor warnen, dass ein rein wirtschaftswissenschaftlicher Fokus die komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit verzerren könnte und dass eine Abspaltung die politische Urteilsfähigkeit behindert.
Was versteht man unter dem in Kapitel 7.4 diskutierten integrativen Ansatz?
Dieser Ansatz schlägt vor, Politik, Wirtschaft und Soziologie in einem gemeinsamen sozialwissenschaftlichen Lernfeld zu bündeln, um inhaltliche Dopplungen zu vermeiden und eine ganzheitliche Betrachtung gesellschaftlicher Probleme zu ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- Markus Lüske (Autor:in), 2018, Ökonomische Bildung im Rahmen der politischen Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452999