Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, ob im Hinblick auf die historischen Gegebenheiten, der Übermacht des französischen und der linguistischen Probleme eine Orthographie für die Haitianer eine Verbesserung ihrer Lage darstellt und ob sie in Zukunft weitere Erfolge versprechen kann.
Eine große Rolle bei der Etablierung einer Kreolsprache als eigenständige Sprache gegenüber der vorherrschenden europäischen Sprache spielt dabei ihr schriftlicher Gebrauch und damit die Entwicklung einer Orthographie. Dass dieser Vorgang nicht vergleichbar ist mit der französischen Sprache, dabei jedoch von ungleich großer Bedeutung für Haiti, soll Thema der vorliegenden Arbeit sein.
Zunächst wird ein Überblick über die Geschichte Haitis gegeben, die in engem Zusammenhang mit der Entstehung und Entwicklung des haitianischen Kreols und somit auch der Orthographie steht. Es folgt ein kurzer Abriss der Entstehung des haitianischen Kreols. Anschließend wird die haitianische Sprachpolitik, insbesondere das Verhältnis zwischen dem haitianischen Kreol und dem Französischen und dessen wechselseitige Beziehung mit der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation im Land seit der Unabhängigkeit Haitis näher beleuchtet.
Im Hinblick auf all diese Aspekte wird sodann auf die historische Entwicklung einer Orthographie des haitianischen Kreols mit einem Vergleich zwischen dem Standardisierungsprozess des Französischen und dem bislang vorrangig mündlich verwendeten haitianischen Kreol sowie die Diskussion verschiedener Methoden zur Entwicklung einer Orthographie eingegangen, wobei zwei frühe Orthographiesysteme mit Hinblick auf die aktuelle Orthographie miteinander verglichen werden. Dabei illustriert die Analyse von vier historischen und literarischen Texten verschiedene Versuche einer Verschriftlichung. Zuletzt werden mit einem Blick auf die Gegenwart die Bereiche Schule, Medien und Politik auf den Erfolg der aktuellen Orthographie des haitianischen Kreols untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung des haitianischen Kreols
2.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.2 Theorien zur Entstehung des haitianischen Kreols
3. Sprachliche Situation in Haiti
3.1 Diglossie und Bilingualismus
3.2 Wahrnehmung des haitianischen Kreols
4. Verschriftlichung und Orthographie
4.1 Orthographie und Standardisierungsprozess des haitianischen Kreols im Vergleich zum Französischen
4.2 Entwicklung der Orthographie: Etymologische und phonologische Orthographien
4.3 Vergleich zweier Orthographien: McConnell-Laubach und Faublas-Pressoir
4.4 IPN-Orthographie
4.5 Analyse von Beispieltexten für organische und formale Orthographien für das haitianische Kreol
4.5.1 Proclamation au nom de la République von Léger-Félicité Sonthonax
4.5.2 Choucoune von Oswald Durand
4.5.3 Cric? Crac! von Georges Sylvain
4.5.4 Dezafi von Frankétienne und Tonton Liben von Carrié Paultre
5. Orthographie und Sprachpolitik
5.1 Schule
5.2 Medien und Politik
6. Schlussbetrachtung
7. Anhang
8. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Orthographie des haitianischen Kreols und analysiert, inwieweit die Einführung standardisierter Schreibsysteme zur Überwindung sozio-ökonomischer Barrieren und zur Stärkung der kulturellen Identität beigetragen hat.
- Historische Genese des haitianischen Kreols im Kontext von Kolonialismus und Sklaverei
- Vergleich der Standardisierungsprozesse von Französisch und haitianischem Kreol
- Analyse von Verschriftlichungsversuchen anhand historischer und literarischer Texte
- Evaluation der Rolle von Sprachpolitik, Bildungssystem und Medien bei der Etablierung des Kreols
Auszug aus dem Buch
4.2 Entwicklung der Orthographie: Etymologische und phonologische Orthographien
Zu dem Zeitpunkt, da die ersten Versuche unternommen wurden, eine systematische Orthographie für das haitianische Kreol zu entwickeln, waren Jahrhunderte vergangen, seitdem das Kreol selbst aus dem Kontakt westafrikanischer Sklaven mit den französischen Kolonisten entstanden war. Die französische Sprache hatte sich in dieser Zeit weiterentwickelt, die bereits erwähnten Einflüsse der langue d'oïl waren weiterhin prägend für das Kreol. Dieser Umstand verursacht eine Divergenz zwischen dem haitianischen Kreol und dem modernen Standardfranzösisch, die bei der Entwicklung einer Orthographie berücksichtigt werden muss.
Wie die französischen scriptae zeigen einige Dokumente in haitianischem Kreol frühe Versuche von Individuen, die sich in ihrer Sprache ausdrücken wollten, ohne auf ein bereits existierendes orthographisches System zurückgreifen zu können. Eine solch unsystematische, personalisierte Orthographie wird als organische Orthographie bezeichnet. Im Falle des Französischen war damals die lateinische, im Falle des haitianischen Kreols die französische Schreibweise die Grundlage einer organischen Orthographie (2010 Spears: 89). Wie zuvor angedeutet, dienten diese ersten Schriftstücke in haitianischem Kreol nicht als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung einer Orthographie. Eine formale Orthographie wird hingegen von Linguisten oder ähnlichen Experten entwickelt, um einer breiten Masse an Sprechern der jeweiligen Sprache das Lesen und Schreiben möglich zu machen.
Die Konzeption einer formalen Orthographie für eine Kreolsprache ermöglicht zwei gegensätzliche Herangehensweisen: Eine phonologische Herangehensweise, die das Kreol basierend auf seiner Aussprache als unabhängige und isolierte Sprache behandelt, und eine etymologische Herangehensweise, die die Verbindung zwischen dem Kreol und seiner lexifier language, in diesem Falle dem Französischen, dass dem haitianischen Kreol den Großteil seines Wortschatzes verliehen hat (vgl. Romaine 2000: 177), berücksichtigt. Ausgehend vom bislang rein mündlich verwendeten Kreol konnten sowohl etymologische als auch phonologische Aspekte bei der Wahl einer Orthographie berücksichtigt werden. Durch die Notwendigkeit, das haitianische Kreol für seine Sprecher möglichst schnell und effektiv les- und schreibbar zu machen, wird jedoch schnell deutlich, dass allein eine phonologische und damit stark vom französischen abweichende Orthographie diese Kriterien erfüllen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verknüpft die Geschichte Haitis mit der Entwicklung der Sprache und formuliert das Ziel, die historische Orthographie-Entwicklung des Kreols im Vergleich zum Französischen zu analysieren.
2. Entstehung des haitianischen Kreols: Dieses Kapitel skizziert den geschichtlichen Hintergrund von der Entdeckung Haitis bis zur Unabhängigkeit und erörtert theoretische Ansätze zur Entstehung von Kreolsprachen.
3. Sprachliche Situation in Haiti: Das Kapitel behandelt die diglossische Sprachsituation zwischen Französisch und Kreol sowie deren soziale Wahrnehmung in der haitianischen Gesellschaft.
4. Verschriftlichung und Orthographie: Dieser Hauptteil vergleicht Standardisierungsprozesse, erläutert die phonologische gegenüber der etymologischen Methode und analysiert diverse historische Textbeispiele.
5. Orthographie und Sprachpolitik: Das Kapitel untersucht den Einfluss von Schule, Medien und Politik auf den Erfolg der aktuellen Orthographie und die damit verbundenen Herausforderungen.
6. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass der Weg zur Etablierung des Kreols nicht in weiteren Reformen liegt, sondern in der selbstbewussten Verwendung der eigenen Sprache durch die Haitianer.
7. Anhang: Der Anhang enthält die im Hauptteil analysierten Quellentexte und Gedichte.
8. Bibliographie: Dieses Kapitel listet alle verwendeten wissenschaftlichen Monographien und Aufsätze auf.
Schlüsselwörter
Haitianisches Kreol, Orthographie, Sprachkontakt, Sprachpolitik, Diglossie, Standardisierung, Phonologie, Etymologie, Alphabetisierung, Bernard-Reform, IPN-Orthographie, Bildungsdefizit, Sprachidentität, Verschriftlichung, Sprachwahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung und den Erfolg des orthographischen Systems des haitianischen Kreols im historischen und soziolinguistischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Genese der Kreolsprache, dem Vergleich mit dem Französischen, der wissenschaftlichen Debatte um Orthographie-Methoden und der Anwendung in Bildung und Medien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Untersuchung, ob die Einführung einer formalen Orthographie für die Haitianer eine tatsächliche Verbesserung ihrer sozio-ökonomischen Lage darstellt und welche Erfolgschancen sie besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine diachrone und sprachvergleichende Analyse sowie die Untersuchung historischer und literarischer Beispieltexte, um verschiedene Verschriftlichungsversuche zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Unterscheidung zwischen organischer und formaler Orthographie sowie mit dem konkreten Vergleich verschiedener Systeme (McConnell-Laubach, Faublas-Pressoir, IPN).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Haitianisches Kreol, Orthographie, Diglossie, Sprachpolitik, Standardisierung, Alphabetisierung und Sprachidentität.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „organischer“ und „formaler“ Orthographie eine Rolle?
Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, warum frühe individuelle Versuche der Verschriftlichung (organisch) an der Komplexität scheiterten und warum eine durch Experten entwickelte, phonologische Norm (formal) für die Alphabetisierung notwendig wurde.
Inwiefern hat die französische Vergangenheit Haitis die Orthographie-Debatte beeinflusst?
Die koloniale Hegemonie schuf ein Prestige-Gefälle, das lange Zeit zu einer Orientierung an der etymologischen französischen Schreibung führte, was jedoch aufgrund der massiven Unterschiede zwischen beiden Sprachen und der notwendigen Etablierung des Kreols kontraproduktiv war.
Was schlussfolgert die Arbeit bezüglich des aktuellen Erfolgs der Orthographie in Medien und Politik?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der haitianische Staat bisher zu wenig für die Etablierung getan hat; in der modernen Medienlandschaft bleibt das Französische trotz offizieller Anerkennung der Kreol-Orthographie dominant.
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- Sophie Barwich (Author), 2018, Die Orthographie des Haitianischen Kreols, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453018