Jakob am Jabbok. Alttestamentliche Exegese zu Genesis 32,23-33


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Alttestamentliche Exegese zu Genesis 32,23-33

Abgrenzung und Gliederung des Textes

Literarkritik und Redaktionskritik

Gattungskritik und Motivgeschichte

Deutungsversuche und persönliche Meinung

„Israel im Alten Testament“ – Ein Essay

Quellen- und Literaturverzeichnis

Alttestamentliche Exegese zu Genesis 32,23-33

Für die Ausarbeitung folgender Hausarbeit beziehe ich mein Wissen, vor allem aus den Aufzeichnungen von Horst Seebass, Jochen Nentel, Gerhard von Rad und zwei Bibelkommentaren von Claus Westermann. Für die exegetische Textarbeit, ent- scheide ich mich, für die Übersetzung Luthers, da sie mir vertraut ist und sich nah am Urtext zu orientieren versucht, auch wenn sie von Luther schon bewusst für das Volk geschrieben wurde und einige Genauigkeiten, die in der Interlinearübersetzung oder im wissenschaftlichen Kommentar vorhanden sind, auslässt. Parallel lese ich die Stutt- garter Studienbibel zur Ergänzung.

„Jakobs Kampf am Jabbok. Sein neuer Name“ nach der revidierten Übersetzung von M. Luther:

23Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok,

24nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte,

25und blieb allein zurück.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.

26Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug1 er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.

27Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob ant- wortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

28Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.

29Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.

30Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.

31Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.

32Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

33Daher essen die Israeliten nicht das Muskelstück auf dem Gelenk der Hüfte bis auf den heutigen Tag, weil er auf den Muskel am Gelenk der Hüfte Jakobs geschlagen hatte.

Abgrenzung und Gliederung des Textes

Der Abschnitt von Genesis 32,23-33 stellt sich, als ein in sich abgeschlossener Ab- schnitt im Jakob-Esau-Laban Erzählkranz2 dar. Deutlich wird dies dadurch, dass die Erzählung sinngemäß auch außerhalb des Kontext verständlich ist3. Ein weiteres Merkmal für die Tatsache, dass es sich um einen abgeschlossenen Abschnitt handelt, ist die Besonderheit des Wechsels der Tageszeit. So trifft Jakob die Vorbereitungen zur Begegnung mit Esau, mit dem Ziel der Versöhnung, in seinem Lager, am Tag und schließt diese ab, indem er in Gen 32,22 das Geschenk für Esau vor sich herschickt und selbst zurück bleibt. Gen 32,23 beginnt damit, dass Jakob nachts aufstand, um an die Furt des Jabbok zu ziehen.

Ab Gen 33 folgt dagegen wieder ein Wechsel der Handlung in die Tageszeit. „Rah- mend sind sie durch das Thema 'bar (vorüberziehen) bestimmt, aber auch durch den Kontrast von Nacht (V.23) und Sonnenaufgang…“4 Ein weiterer Hinweis auf die Ab- grenzbarkeit des Abschnittes ist das Auftreten von Esau ab Gen 33, welcher als neue Person in die Handlung eintritt und somit einen neuen Handlungsabschnitt eröffnet. Diesem Textabschnitt geht Jakobs Erschleichung des Erstgeburtsrechts und die da- rauf folgende Flucht vor seinem Bruder Esau nach Haran zu Laban voraus. In Kapitel 28 verheißt Gott Jakob in einem Traum seine Treue, mit der er ihn zurück in sein Land bringen wird und verspricht ihm dazu viele eigene Nachkommen. Nachdem Jakob um Lea und Rahel gedient hat, kommt er durch den sogenannten „Hirtentrick" zu Reichtum und flieht mit seiner Familie nach Gilead. Dort schließt er mit Laban einen Bund, nach- dem dieser ihn aufgrund seines Verhaltens verfolgt hatte. Jakob sendet einen Boten zu seinem Bruder Esau und bittet um Vergebung.

Als Jakob hört, dass ihm sein Bruder mit 400 Mann entgegenzieht und er der Konfron- tation nicht mehr weiter zu entgehen vermag, bereitet er sich auf eben dieses Treffen vor. An dieser Stelle setzt Jakobs Kampf am Jabbok ein.

Bei der Gliederung des Abschnittes orientiere ich mich an den Überlegungen von C. Westermann. Diese Einteilung lässt, im Gegensatz zu dem Vorschlag von H. Seebass, den figürlichen Hintergrund des „Gegners“ offen, wohingegen H. Seebass5 bereits eine sinngemäße Gottesbegegnung erkennt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literarkritik und Redaktionskritik

Die Quelle für den Abschnitt von Gen 32,23 - 33 wird unter Experten kaum unterschied- lich bestimmt. So sehen die Mehrheit der Exegeten wie zum Beispiel Gerhard von Rad6 oder Westermann7 die/den Jahwisten als Quelle des Abschnittes, während Seebass „den Korpus der Erzählung den/dem Elohisten zuschreibt"8. Zur Form des Urtextes sind sich die meisten Exegeten einig, dass es sich in seiner Grundform um einen zu- sammenhängenden Text handelt, welcher sich nur aus einer Quelle zusammensetzt und somit literarisch einheitlich ist9. Gleichzeitig ist es dabei umstritten, welche Zusätze nachträglich in den Abschnitt hinzugefügt wurden. C. Westermann geht davon aus, dass „[…] mit einem Wachsen des Textes zu rechnen ist. […] Die Zusätze stammen, wie die Auslegung zeigen wird, alle aus späterer Zeit. Sie können also für J nicht in Anspruch genommen werden.“10 Herkunft und Absicht dieser Zusätze kann erst die Auslegung zei- gen. Der Zusatz in Vers 33 ist vermutlich später von den Verfassern hinzugefügt wor- den, weil er einen kultischen Ritus beschreibt. Dieser wird von Westermann als nach- exilisch datiert11, während Exegeten wie Seebass ihn nicht datieren möchten12. Westermann bezeichnet des Weiteren V. 26b als einen Zusatz, welcher mit V.33 zu- sammengehörig ist, da dieser inhaltlich nicht an V. 27 anknüpft und er sich inhaltlich auf V.33 bezieht13. Von manchen Exegeten, werden Vers 23 und 24-25a als Dublette bezeichnet, was einen Hinweis auf zwei unterschiedliche Quellen geben könnte14, da- gegen argumentiert Westermann, dass in Vers 24b ergänzend beschrieben wird, dass Jakob auch seinen Besitz hinüberführe15. Ein weiterer Zusatz wird in Vers 28f. von den meisten Auslegern angenommen, bei der es sich wohl um eine Namensätiologie han- delt16. So wird nach Westermann der Ehrennamen Israel erst gegeben worden sein, nachdem das Volk Israel aus den zwölf Stämmen erwachsen sei, worauf sich auch der Lobspruch in V. 29b bezieht. Gleichzeitig wird in der Dublette der Namensgebung in Gen 35,10 der Hinweis auf eine nachträgliche Einfügung von V.28-29 deutlich. Die laut Westermann auf eine nachpriesterliche Ergänzung hinweist, dem/denen Gen 35,10 bekannt war.17

Gattungskritik und Motivgeschichte

Bei der Gattung dieser Perikope sind sich eigentlich alle Forscher einig, denn sie ist der Sage zuzuordnen.

G. von Rad spricht von einer Sage die noch sehr viel ältere Sagens-Fragmente in sich vereint und erkennt diese in den V.26-29b18. Seebass teilt diese Meinung und beo- bachtet die älteste Ergänzung in V 28f. „Ein Nachtdämon überfällt an der Jabbokfurt ei- nen Wanderhirten;“19 Aber hier zu genaueres bei der ätiologischen Analyse des Textes. Westermann, dessen Ausführungen für mich am besten meine eigenen Vorstellungen tref- fen, hat einige interessanten Punkte herausarbeiten können.

Zunächst schließt er die Form der Kultsage aus, da Jakob anders als bei zum Beispiel der Himmelsleitersage keine Kultstätte errichtet und den Ort somit als heilig markiert. Vielmehr läuft es auf die Erklärung der Benennung des Ortes hinaus, folglich kann sie Orts- oder Lokalsage genannt werden. Inhaltlich begründet er, dass der Grundstock mehr einem Be- richt als einer Erzählung ähnelt, da zum Beispiel „der Kampf nicht ausführlich erzählt wird, wie zum Beispiel auch 1Sam 17. Der Text berichtet nur den Beginn und das Ende des Kampfes, dem nur noch die Benennung des Ortes folgt“.20 Jedoch gelingt es den Redak- toren, durch die Ergänzungen, sich wieder einer Art Erzählung zu nähern21.

Den Ursprung erkennt er im Animitischen und auch an den Ort der Jabokkfurt gebunden. „Die Gefährlichkeit dieser Furt ist in dem Geist oder Dämon personifiziert, der den Wanderer nicht hinüberlassen will und ihn überfällt, um ihn am Übergang des Flusses zu hindern. Das entspricht weder der israelitischen noch der Väterreligion, sondern animistischem Geister- oder Dämonenglauben, und hat Parallelen bei vielen Völkern.“22. Gerhard von Rad teilt diese Ansicht23. Seebass kritisiert Wester- mann an dieser Stelle: „So deutet Westermann aber nur, weil er von vornherein dia- chron, nicht synchron interpretiert und daher in V 31b Jakobs Erlebnis nicht wieder- zuerkennen vermag.“24 Ich persönlich, verfüge nicht über das Fach- und Sprachwis- sen, um in diesem Disput richtig zu entscheiden.

Nichtsdestotrotz sollte die Benennung dieses bedeutenden Ortes somit die erste In- tention der Verfasser gewesen sein. „Denn ich (Jakob) habe die Gottheit von Ange- sicht zu Angesicht (םינפּ םינפּ־לא pānîm æl-pānîm) gesehen“25. Hierbei handle es sich laut G. von Rad und anderen Auslegern, um ein Wortspiel, da die „Pnuel und Pniel sich in der arachischen Nominalendung“ nur unwesentlich unterscheiden und erklärt die Benennung der „später so wichtigen ostjordanischen Stadt (Ri 8,8f; 1. Kön. 12,25;)“26.

Dass Jakob nun als zweiter ätiologischer Faktor eingespeist wurde, hält Westermann für sehr wahrscheinlich. „Da das Schema Flucht — Rückkehr der Darstellung des J eignet, ist er es, der die alte Erzählung zu einem Erlebnis Jakobs auf seinem Weg gestaltet.“27 Gerhard von Rad sieht hier ein Israel, dass „fast prophetisch seine ganze Geschichte mit Gott als einen solchen Kampf bis zum Anbruch der Morgenröte dargestellt.“28 bekommt. Vers 28 f, welcher nach Westermann erst durch die Existenz, des aus den zwölf Stämmen bestehenden Volk Israel möglich war und dem damit verbundenen Wissen über die Stammvaterschaft Jakobs29. So kann man die Umbenennung Jakobs in Israel als Zutei- lung eines Ehrennamens sehen. Das spätere Hinzufügen der beiden Verse wird insbeson- dere noch dadurch deutlich, dass in den darauf folgenden Abschnitten der Name Jakob weiterhin Gebrauch findet, anstatt von Israel, wie auch in der wiederholten Umbenennung Jakobs in Israel in Gen 35,10-13 deutlich wird. Israel kommen zwei Bedeutungen zu. „Gen 32,29 und Hos 12,5 leiten den Namen von הרשׂ śrh „kämpfen / herrschen“ ab“30. Welche Eigenschaft dem Gott (El) durch das Prädikat (Isra) zugesprochen ist aber nach wie vor nicht eindeutig geklärt worden31 und somit kann nicht eindeutig gesagt werden, ob Jakob hier zu einem „Gotteskämpfer“ gemacht wird. Wir wissen aber, dass Jakob der Stammva- ter Israels war und sich die Völker somit mit ihm identifizieren konnten.

Die dritte, mit an hundert prozentige Wahrscheinlichkeit nachgetragene Passage des Spei- segebotes, bildet die dritte Ätiologie der Pnuelperikope ab. Hierzu erklärt Westermann: „Die in diesem Zusatz gegebene Begründung des Speiseverbots, das sonst im AT nie vor- kommt, ist schwierig, weil es sich bei dem Verbot um einen Körperteil von Tieren handelt, der Vorgang, in dem er seinen Ursprung haben soll, dagegen an einem Menschen ge- schah. Die wahrscheinliche Erklärung ist, daß dieser Körperteil als tabu galt, weil er zu dem Bereich der Fortpflanzungsorgane gerechnet wurde.“32

Zusammengefasst lässt sich feststellen, wie schwer diese Reiseerzählung an Erklärungen und Motiven letztendlich trägt, wenn man sie in ihrem Gesamt betrachtet.

Auch in Hosea ist eine Überlieferung der Jakobserzählung zu finden. In Hosea 12, 4 - 5 heißt es: „Er hat im Mutterleibe seinen Bruder an der Ferse gehalten, und in seiner Kraft hat er mit Gott gekämpft. 5 Er kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn; auch hat er ihn ja zu Beth-El gefunden, und daselbst hat er mit uns geredet "33. Wie dieser Text mit der Erzählung in Gen 32 zusammenhängt ist nicht ganz klar. Der Mann in der Jakobserzählung wird bei Hosea ohne Zweifel als Engel bezeichnet. Somit ist hier der Gottesbezug leichter herzustellen. Der Segen, um den Jakob bittet, wird hier nicht genannt. Bei Hosea weint Jakob und fleht um Gnade. Auch wenn der Verfasser von Hosea womöglich auf etwas anderes hinauswollte, so kann man doch davon ausgehen, dass er den Text aus Gen 32 kannte.

[...]


1 „rührte“ in Luther 1545 ist sehr umstritten.

2 Vgl. Westermann, 1975, S.46f.

3 Vgl. Westermann, 1981, S. 626.

4 Vgl. Seebass, 1999, S. 393.

5 Vgl. Seebass 1999, S.393.

6 Vgl. Rad 1972, S. 259.

7 Vgl. Westermann 1981, S. 626.

8 Vgl. Seebass, S. 399.

9 Vgl. Westermann 1981, S. 626.

10 A.a.O., S. 626.

11 Vgl. a.a.O., S. 634.

12 Vgl. Seebass 1999, S. 398.

13 Vgl. Westermann 1981, S. 634.

14 Vgl. Seebass 1999, S. 398 & Rad 1972, S. 259.

15 Vgl. Westermann 1981, S. 628.

16 Vgl. a.a.O., S. 631.

17 Vgl. Westermann 1981, S. 632.

18 Vgl. Rad 1972, S. 260.

19 Seebass 1999, S.400.

20 Westermann 1981, S. 627.

21 Vgl. a.a.O., S. 627.

22 A.a.O., S. 627.

23 Von Rad 1972, S. 263.

24 Seebass 1999, S. 397.

25 Pola 2012, Pnuel.

26 Von Rad 1972, S. 262.

27 Westermann 1981, S.627.

28 Von Rad 1972, S. 262.

29 Vgl. Westermann 1981, S.631.

30 Wagner 2012, Israel.

31 A.a.O., Israel.

32 Westermann 1981, S. 635.

33 Luther 1984, Hos 12,4f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jakob am Jabbok. Alttestamentliche Exegese zu Genesis 32,23-33
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Pentateuch
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V453062
ISBN (eBook)
9783668876385
ISBN (Buch)
9783668876392
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine persönlich geprägte Arbeit.
Schlagworte
Jakob, Jabbok, Kampf, Bibel, Altes Testament
Arbeit zitieren
Ines Rottammer (Autor), 2016, Jakob am Jabbok. Alttestamentliche Exegese zu Genesis 32,23-33, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453062

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