Keine Kraft für Mitleid

Über den Zusammenhang von Empathie, Stress und Depression


Masterarbeit, 2018

94 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einführung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Empathie
2.2. Stress
2.3. Depression
2.4. Bisherige Befunde zu Verbindungen zwischen Empathie, Stress und Depression

3. Zielsetzung und Hypothesen

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Material
4.1.1. Verwendete Testverfahren zur Erfassung von Empathie (IRI, CAM)
4.1.2. Verwendete Fragebögen zur Erfassung von Stress (PSS-10, SVF 120)
4.1.3. Verwendeter Fragebogen zur Erfassung von Depression (BDI-II)
4.1.4. Verwendete Fragebögen zur Erfassung von Persönlichkeit (BFI-10, IPIP-240) und belastender Lebensereignisse (CLEQ)
4.2. Stichprobe
4.3. Durchführung

5. Ergebnisse
5.1. Vorbereitung der Variablen und Gütekriterien
5.2. Überprüfung der Hypothesen zu Stress und Empathie
5.3. Überprüfung der Hypothese zur gezeigten und berichteten Empathie
5.4. Überprüfung der Hypothesen zu Empathie und Depression
5.5. Überprüfung der Hypothesen zu Stress und Depression

6. Diskussion und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
I. Willkommensseite des Onlinefragebogens
II. Ausgaben zur Überprüfung der H1-Hypothesen
III. Ausgabe zur Exploration in Kapitel 5.3
IV. Ausgabe zur Überprüfung der H3b
V. Grafische Darstellung der Moderatoreffekte

Abstract

Sowohl im privaten als auch im beruflichen Miteinander ist der Einfluss verschiedener Faktoren auf die individuelle Empathie von Bedeutung. Für die einzelne Person sowie für die Arbeitswelt spielen ebenfalls Faktoren eine große Rolle, die zur Entstehung von Depressionen beitragen. In beiden Fällen wurde Stress bereits als einer dieser Einflussfaktoren diskutiert. In der vorliegenden Arbeit wurden die Zusammenhänge von Empathie, Stress und Depression unter der Zuhilfenahme eines Onlinefragebogen erforscht, welcher sich aus folgenden Messinstrumenten zusammensetzte: dem Interpersonal Reactivity Index (nach Davis, 1980), der Cambridge Mindreading Face-Battery (Golan, Baron-Cohen, & Hill, 2006), der Perceived Stress-Scale (Klein et al., 2016), dem Stressverarbeitungsfragebogen (Janke & Erdmann, 1997) sowie dem revidierten Beck Depression Inventory (Beck, Steer, & Brown, 1996).

Auf der Grundlage einer Theorie von Eisenberg und Kollegen (1989, 1990) wurde bezüglich der Verbindung zwischen Empathie und Stress ein umgekehrt u-förmiger Zusammenhang angenommen. Des Weiteren wurde ein positiver, linearer Zusammenhang zwischen Stress und der Empathiefacette Personal Distress vermutet. In der zweiten Hypothese wurden die beiden Variablen der kognitiven Empathie (die Leistung in der CAM und die IRI-Facette Perspective Taking) auf ihre Gemeinsamkeiten hin überprüft. Hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Empathie und Depression wurde von einem positiven Zusammenhang zwischen Empathie und Personal Distress ausgegangen, während sich die übrigen IRI-Variablen nicht zwischen Menschen mit verschiedener Depressionsschwere unterscheiden sollten. Außerdem wurde vermutet, dass depressive Personen schlechtere Leistungen in der korrekten Benennung von Gesichtsausdrücken zeigen. Die vierte Hypothesengruppe thematisierte den Zusammenhang zwischen Stress und Depression, wobei hier von einer positiven Linearität ausgegangen wurde. Außerdem wurde angenommen, dass die Valenz der hauptsächlich eingesetzten Copingstrategien einen moderierenden Effekt auf diesen Zusammenhang haben würde.

Bestätigt werden konnten hierbei die vermuteten Zusammenhänge zwischen Personal Distress und Stress, Stress und Depression sowie zwischen Depression und Personal Distress. Ebenso wurde der Moderationseffekt negativer Copingstrategien nachgewiesen. Nicht gefunden wurden hingegen der umgekehrt u-förmige Zusammenhang zwischen Empathie und Stress und die schlechtere Leistung depressiver Personen in der Emotionserkennungsaufgabe. Zwischen den beiden Variablen der kognitiven Empathie konnte hier nur ein sehr geringer Zusammenhang nachgewiesen werden. Einige der hier gewonnen Erkenntnisse können direkt eine praktische Verwendung finden, andere bedürfen jedoch noch weiterer Forschung, wofür diese Studie ebenfalls einige Implikationen bereithält.

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Stresskomponentenmodell, eigene Darstellung nach Kaluza (2015b)

Abbildung 2: Verteilung korrekt erkannter Videos in der vorliegenden Stichprobe

Abbildung 3: Verteilung der BDI-II-Gruppenvariable (in Prozent)

Tabelle 1: Beispielitems der deutschen Version des IRI nach Davis (1980)

Tabelle 2: Verwendete Subskalen des SVF 120 unter Angabe der Valenz und Reliabilität

Tabelle 3: Beispielitems aus dem deutschen BDI-II nach Beck et al. (1996)

Tabelle 4: Cronbachs Alpha-Werte und Inter-Item-Korrelationen der IRI-Facetten

1. Einführung

In unserer modernen Gesellschaft soll fast alles augenblicklich geschehen und möglichst schnell zu erledigen sein. E-Mails und Anrufe können von überall aus verschickt und getätigt werden, Überweisungen und Einkäufe sind zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Die ehemals recht klaren Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit, Berufs- und Privatleben werden zunehmend fließend. Konferenzen sowie auch manches private Gespräch müssen immer öfter mit den Zeitzonen anderer Länder abgestimmt werden. Für einige Menschen bedeutet diese allzeit erreichbare und globalisierte Welt, die wir uns selbst so geschaffen haben, nahezu täglichen Stress (beispielsweise Kobasa, 1979; Lundberg, 2005; Monroe, 2008). Dabei wird ein stressreiches Leben neben direkten körperlichen Auswirkungen (Kaluza, 2015a; Selye, 1950b) auch mit negativen psychischen Folgen in Verbindung gebracht (vergleiche Hidaka, 2012; Mutkins, Brown, & Thorsteinsson, 2011; Plieger, Melchers, Montag, Meermann, & Reuter, 2015). Menschen, die in ihrem Beruf oder ihrem Alltag einer Vielzahl von Stressfaktoren ausgesetzt sind, leiden demnach auch häufiger an Depressionen, was neben dem individuellen Leid der Betroffenen zu einer geringeren Arbeitsleistung und mehr beruflichen Fehlzeiten führen kann (Conti & Burton, 1994). Vorausgesetzt, dass ein derartig unmittelbarer Zusammenhang zwischen Stress und Depression besteht, sollte es also bereits aus rein ökonomischer Sicht ein gesellschaftliches Interesse daran geben, strukturelle Stressgefahren zu identifizieren und abzubauen. Die Überprüfung und Erforschung dieses Zusammenhangs ist eines der Ziele der vorliegenden Arbeit.

Ebenfalls durch die via Internet zunehmende Vernetzung entwickelte sich eine vergleichsweise neue Art der zwischenmenschlichen Beziehung. Einige davon lassen sich durchaus gut mit den Adjektiven anonym, oberflächlich und unverbindlich beschreiben1 (vergleiche Döbler, 2014). Diese Art der Verbindung vermag zwar der Suggestion von Gemeinschaft, kann aber auf Dauer zu Gefühlen der Einsamkeit führen, wenn die reale Face-to-Face-Interaktion mit anderen Menschen fehlt (Döbler, 2014; Hidaka, 2012). Innerhalb vieler dieser Kommunikationsformen scheint es an einer Sache besonders häufig zu fehlen, die dem Verständnis der Lage eines anderen dient und damit maßgeblich über die eigene Reaktion darauf entscheidet. Hierbei handelt es sich um Empathie.

Umgangssprachlich wird Empathie überwiegend noch als etwas rein Emotionales angesehen. Insbesondere Pädagogen und Pädagoginnen, Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und ‑pflegern sowie Personen aus dem psychotherapeutischen Bereich werden diese Fähigkeiten oft schon berufsbedingt zugesprochen. Diese Ansicht ist jedoch viel zu kurz gegriffen. Die Fähigkeit zur Empathie ist mittlerweile eine der am häufigsten geforderten beruflichen Voraussetzungen, nach denen bei der Besetzung ausgeschriebener Stellen verlangt wird. Nicht selten wird Empathie hierbei auch mit Begriffen wie Teamorientierung, soziale Kompetenz oder gute Kommunikationsfähigkeiten beschrieben und stellt damit einen großen Teil der sogenannten Soft Skills. Immer mehr werden dabei die Vorteile einer ausgeprägten Empathie auch außerhalb des sozialen Bereichs zu schätzen gelernt. In der Personalführung, dem Marketing oder der Erstellung neuer Betriebssysteme beispielsweise kann die Fähigkeit zum Mitgefühl oder der Perspektivübernahme vergleichbar bedeutsam sein, wie sie es im Umgang mit Angehörigen pflegebedürftiger Personen ist. Der Einsatz empathischer Fähigkeiten stellt bei Führungskräften einen möglichen Ansatz dar, sich in einem Unternehmen als Leitfigur zu etablieren (Kellett, Humphrey, & Sleeth, 2002), welcher sogar mit einer höheren Arbeitsleistung der entsprechenden Angestellten korreliert (Gentry, Weber, & Sadri, 2007). Zudem wird das Entgegenbringen von Empathie durch Ärzte mit einer höheren Compliance und einem besseren Heilungsempfinden ihrer Patienten assoziiert (Janisse, 2006).

Empathie hat demzufolge viele positive Auswirkungen auf jene, die sie erfahren, ebenso wie auf diejenigen, die sie einsetzen. Doch was sind die Voraussetzungen für empathische Fähigkeiten? Unter welchen Umständen folgen ihnen Handlungen und was könnte der Empathie entgegenwirken? Im Titel dieser Arbeit wird eine Vermutung aufgestellt, die sich ebenfalls in folgendem Zitat der deutschen Lyrikerin Damaris Wieser (*1977) wiederfindet:

„Es ist niemand da, dem man die geballte Macht seiner Seele reichen kann, wenn man das Gefühl hat, daran zu ertrinken.“ (Wieser, o. D.)

Verfügt eine Person, die mit sich selbst schwer zu kämpfen hat, über weniger Empathie? Oder geht eigenes Leid gar mit einer höheren Interozeptionsfähigkeit einher, die zu ausgeprägteren empathischen Fähigkeiten führt?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden als Anhaltspunkte für eine eigene Problematik die psychologischen Konstrukte Stress und Depression gewählt. Neben der hierzu bereits weiter oben aufgeführten individuellen und gesellschaftlichen Relevanz fußt die Überprüfung des Zusammenhangs zwischen Empathie und Stress außerdem auf den Forschungsergebnissen von Eisenberg und Kollegen (1990; 1987), die diesbezüglich von einem umgekehrt u-förmigen Zusammenhang ausgehen. Im nachfolgenden Kapitel werden Ihnen einige theoretische Hintergrundinformationen bezüglich Empathie, Stress und Depression erläutert. Anschließend folgt die Herleitung und Aufstellung aller Hypothesen, die in der vorliegenden Arbeit überprüft werden sollen. Die Vorstellung aller dabei verwendeten Verfahren sowie der gewonnen Stichprobe bilden das vierte Kapitel. Darauf folgen die Berechnungen und Ergebnisse dieser Studie, die dann abschließend in Kapitel 6 diskutiert und dabei auch in Hinblick auf künftige Untersuchungen evaluiert werden.

2. Theoretische Grundlagen

In der vorliegenden Arbeit sollen Empathie, Stress und Depression auf ihre möglichen Zusammenhänge untersucht werden. Um diesem Forschungsziel angemessen zu begegnen und die Ergebnisse der hierzu durchgeführten Studie entsprechend auswerten zu können, ist eine umfassende Betrachtung des theoretischen Hintergrundes dieser drei psychologischen Konstrukte notwendig. Dafür werden die Themenfelder im Folgenden einzeln erörtert.

2.1. Empathie

Unter dem Begriff Empathie werden im alltäglichen Sprachgebrauch oft sämtliche Fähigkeiten zusammengefasst, die damit einhergehen, sich in eine andere Person bzw. ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen. In den meisten Fällen wird dies auf einen emotionalen Zustand des jeweiligen Gegenübers bezogen und meint im Wesentlichen ein Mitfühlen oder Mitleiden und eine dazu passende Reaktion. Der deutsche Begriff Einfühlung war eine der ersten Bezeichnungen, die dann mit Empathy ins Englische übersetzt wurde und dem heutigen Empathiekonzept zugrunde liegt (vergleiche Körner, 1998). Dieses Ein-fühlen wird heutzutage jedoch mehr als ein Mit-fühlen, also ein selbst Erleben, im Gegensatz zur bloßen Vorstellung der Gefühle eines anderen, verstanden. Dies ist unter anderem auf Erkenntnisse aus dem neurowissenschaftlichen Bereich der „Spiegelneurone“ zurückzuführen, welche sich durch eine ähnliche Gehirnaktivität beim Wahrnehmen der Emotion eines anderen, wie beim eigenen Erleben auszeichnen (vergleiche Watt, 2007). Mitgefühl und Mitleid sind jedoch nur zwei von vielen möglichen Bestandteilen der Empathie, wie sie die heutige Wissenschaft versteht. Da man bisher aber vergeblich nach einer allgemeingültigen und anerkannten Definition sucht, ist der genaue Inhalt des Konzepts nur schwer zu erfassen. Näherungsweise soll dies hier unter der Zuhilfenahme verschiedener Definitionen geschehen.

Nach Ekman (2017) besteht Empathie zum einen aus dem Erkennen der Emotionen von anderen (von Ekman als kognitive Empathie bezeichnet) und zum anderen daraus, das im eigenen Körper nachzuempfinden, was der oder die andere fühlt (emotionale Empathie). Obwohl die empathische Person im zweiten Fall selbst starke Gefühle empfinden kann, stellen ein daraus resultierendes Mitgefühl oder Mitleid nach Ekman keine eigenständigen Emotionen dar. Diese Empfindungen seien lediglich Reaktionen auf die Emotionen von anderen (ebenda). Mit der Entwicklung des Facial Action Coding Systems (FACS) durch Ekman und Friesen (1976, 2003), kann das Zusammenwirken der verschiedenen Gesichtsmuskeln in einen emotionalen Ausdruck „übersetzt“ werden. Dadurch wurden die kognitiven Bestandteile der Empathie nach Ekman weitgehend erlernbar gemacht. Das FACS wird heutzutage unter anderem von Einheiten des FBI zur frühzeitigen Erfassung potenziell gefährlicher Personen genutzt (Ekman, 2017; Ekman & Friesen, 2003).

Eine etwas andere Definition liefern Nancy Eisenberg und Paul Miller (1987), indem sie Empathie von Sympathie unterscheiden. Dabei verstehen Eisenberg und Miller Empathie als affektiven Zustand, der aus der Wahrnehmung des emotionalen Zustandes eines anderen hervorgeht und mit diesem kongruent ist. Die Sympathie entspricht nach Ansicht der Autoren hingegen einer emotionalen Reaktion auf den Gefühlszustand eines anderen. Diese emotionale Reaktion ist im Gegensatz zum emotionalen Zustand der Empathie nicht mit den Emotionen des Gegenübers identisch, sondern entspricht eher einer Art Mitleid oder Sorge um dessen Wohlergehen (ebenda). Etymologisch betrachtet ist dieses Verständnis gut zu begründen. Das heutige „Empathie“ stammt vom altgriechischen Begriff ἐμπάθεια (empátheia) ab, was so viel bedeutet, wie „intensive Gefühle“ oder „Leidenschaft“ (Depew, 2005; Wispé, 1986) und bezieht sich damit ebenfalls nur auf die emotionale Komponente. Im Gegensatz dazu bedeutet συμπάθεια (sympátheia) übersetzt „Mitfühlen“ oder „Mitleiden“ (Wispé, 1986), kommt dem also sehr nahe was Eisenberg und Miller (1987) darunter verstehen.

Eisenberg und Miller beschreiben das als Empathie, was in etwa der emotionalen Komponente von Ekman entspricht, lediglich mit dem Unterschied, dass die empathischen Empfindungen für sie als Emotion angesehen werden, während sie bei Ekman nur eine Reaktion darstellt. Für die von ihnen beschriebene Sympathie wird wiederum das vorausgesetzt, was Ekman unter kognitiver Empathie versteht, nämlich das Erkennen der Emotionen eines Gegenübers. Nur, wenn man erkennt, dass es jemandem nicht gut geht, wäre eine Sorge um dessen Wohlergehen gerechtfertigt. Die Fähigkeit, diese Emotionen exakt erkennen und benennen zu können, wird von Eisenberg und Miller allerdings im Gegensatz zu Ekman nicht explizit vorausgesetzt. Während Eisenberg und Miller unter dem Begriff Empathie nur noch die affektive Komponente verstehen, beschreiben Lawrence et al. (ebenso, wie auch Bratitsis & Ziannas, 2015; und Segal, 2011) sogar noch einen dritten Bestandteil (Lawrence, Shaw, Baker, Baron-Cohen, & David, 2004). Wie bei Ekman hat auch die Empathie im Verständnis von Lawrence et al. eine emotionale und eine kognitive Komponente. Die emotionale Empathie ist dabei der von Paul Ekman sehr ähnlich beschrieben und umfasst das eigene Empfinden der Emotionen anderer. Was die kognitive Empathie betrifft, gehen Lawrence et al. noch einen Schritt weiter, indem sie darunter nicht nur das Erkennen von Emotionen verstehen, sondern ebenso das von Gedanken und Absichten2. Zusätzlich verstehen die Autoren hierunter auch die Fähigkeit, aus diesen Erkenntnissen Vorhersagen für das Verhalten der jeweils beobachteten Person zu treffen (ebenda). Neben der emotionalen und der kognitiven Komponente sehen Lawrence et al. (2004) die Social Skills beziehungsweise soziale Kompetenz als eine weitere Komponente der Empathie. Dieser dritte Bestandteil wurde erstmals im Rahmen einer Untersuchung als der Empathie zugehörig angesehen, in der das Team um Emma J. Lawrence verschiedene verbale und nonverbale Erhebungsinstrumente von Empathie und sozialer Erwünschtheit3 faktorenanalytisch auswertete (ebenda). Was genau unter diese soziale Komponente der Empathie fällt, unterscheidet sich je nach Autor/in stark. Die umfassendste Sichtweise hierauf hat nach heutigem Stand wahrscheinlich Elizabeth Segal. Die Professorin der Sozialen Arbeit sieht unter den Social Skills alle Fähigkeiten zusammengefasst, die zum Verständnis (komplexer) sozialer Situationen, inklusive der Auswirkungen beispielsweise politischer oder kultureller Gegebenheiten, beitragen. Eine besondere Aufmerksamkeit richtet Segal hierbei auf das Erkennen struktureller Ungleichheiten und Missverständnisse (Segal, 2011).

Die eben genannten Aspekte verstehen Sodian und Kristen (2010) in ihrer Theory of Mind wiederum als Bestandteile der kognitiven Empathie. Gemeint ist damit jedwede gedankliche Perspektivübernahme, bei der wir mit Hilfe eigener Erfahrungen und Assoziationen Hypothesen über die Gefühls- und Gedankenwelt anderer aufstellen. Dieser Aspekt der Empathie ermöglicht es uns, eine Auswahl an Reaktionen und Verhaltensweisen anderer – je nach empathischen Fähigkeiten – vorherzusagen und unsere Handlungen entsprechend danach auszurichten (ebenda). Empathie und deren persönliche Ausprägung begegnen uns im Alltag ständig. Nahezu jede soziale Handlung kann mit (teils unbewussten) Perspektivübernahmen einhergehen: das „Guten Morgen“ zum Nachbarn, das Anstehen in der Warteschlange beim Bäcker oder das Aufhalten einer Türe für die nachfolgende Kollegin. Zwar sind viele dieser Verhaltensweisen anerzogen oder durch Regeln und Gesetze der Gesellschaft vorgeschrieben, allein durch empathisches Verhalten wären sie aber ebenfalls denkbar. Nur, wenn ich mich in den oder die andere/n hineinversetzen kann, verfüge ich über die Möglichkeit eines sozial angepassten Verhaltens, das nicht erst für jede Situation neu gelernt werden muss (Roberts & Strayer, 1996). Nicht ohne Grund bezeichnet Arno Gruen Empathie als eine der Grundlagen unserer Gesellschaft, indem er schreibt:

„ Es ist die Fähigkeit zur Empathie, das heißt das frühe kindliche Erlebnis von Entgegenkommen und Liebe. Diese Fähigkeit (…) schützt und sichert ein Überleben der Demokratie.“ (Gruen, 2002, S.21)

Ebenfalls für diese Sichtweise der Empathie als einer der Grundpfeiler unseres sozialen Zusammenlebens spricht, dass Menschen nicht die einzigen Tiere sind, bei denen empathische Verhaltensweisen beobachtetet werden können. In einer Studie über das Verhalten von Schimpansen konnte die Forschergruppe um den Zoologen und Verhaltensforscher Frans de Waal (1979) beobachten, dass Individuen nach einer körperlichen Auseinandersetzung häufiger einen zärtlichen Kontakt zueinander suchten als zu anderen Mitgliedern ihrer Gruppe. De Waal interpretierte dies als Versuch der Versöhnung nach einem Streit. Außerdem berichten de Waal und Kollegen in ihrem Artikel von körperlicher Zuwendung, die insbesondere junge Schimpansen durch andere erfuhren, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt hatten (beispielsweise den Angriff durch ein anderes Tier oder eine Verletzung). Dieses Verhalten sahen die Forscher als Äquivalent zum menschlichen Trostspenden an und damit als Ausdruck eines Aspektes der Empathie (vgl. de Waal & van Roosmalen, 1979).

Als eine biologische Grundlage der Empathie werden die bereits weiter oben erwähnten „Spiegelneurone“ diskutiert (beispielsweise Rizzolatti, Sinigaglia, & Griese, 2012; Watt, 2007). Als Spiegelneurone werden Nervenzellen im Gehirn bezeichnet, die sowohl auf einen körpereigenen Impuls (eine Bewegung, eine Emotion oder ähnliches) hin Aktivität zeigen, als auch auf den gleichen Impuls in einem anderen Individuum (ebenda). Es handelt sich dabei also, entgegen dessen, was der Name vermuten lässt, nicht um eine eigenständige Gruppe von Neuronen mit der Aufgabe unsere Gegenüber zu spiegeln. Vielmehr ist es die Eigenschaft bestimmter Neurone, beim bloßen Rezipieren einer Handlung oder eines Gefühls ebenso aktiv zu werden, als wären sie körperimmanent. Die Entdeckung dieser Eigenschaft von Neuronen war der Zufallsbefund eines Experiments, das Rizzolatti et al. (1996) an Makaken durchführten, um die neuronale Repräsentation von Bewegungsabläufen und Planungen in einem Säugetiergehirn zu untersuchen. Diese Nervenzellen befinden sich zum größten Teil im prämotorischen Cortex (Staemmler, 2009). Während in diesem Teil des Gehirns beim Beobachten einer Handlung nahezu die gleiche Aktivität erkennbar wird, wie bei einer entsprechenden eigenen Bewegung, bleiben die Neurone im motorischen Cortex inaktiv, was dazu führt, dass beim bloßen Rezipieren einer Handlung keine oder nur eine schwache Bewegung der betroffenen Körperteile erfolgt (ebenda). Zur neuronalen Spiegelung einer Handlung kommt es nach Rizzolatti et al. (2012) außerdem nur, wenn der oder die Beobachter/in eine Intention erkennen kann, die mit einer Handlung verfolgt wird. Die Intensität der möglichen Aktivierung unterscheidet sich zwischen den Neuronen sowie je nach beobachtetem Objekt und von diesem vollzogenen Handlungen (Hickok, 2014). Eine Fehlentwicklung im Bereich der Spiegelneurone wird von einigen Forschern als mögliche Grundlage einer Erkrankung aus dem Autismus-Spektrum angesehen (Williams, Whiten, Suddendorf, & Perrett, 2001). Diese Theorie ist ebenfalls mit dem bisherigen Wissensstand sowohl über die phylogenetische als auch die ontogenetische Empathieentwicklung vereinbar, wie sie unter anderem4 der bereits weiter oben genannte Niederländer Frans de Waal (2008) beschreibt. In sehr kurzer Form fasst er diese folgendermaßen zusammen:

Empathy [is] the capacity to (a) be affected by and share the emotional state of another, (b) assess the reasons for the other’s state, and (c) identify with the other, adopting his or her perspective. (de Waal, 2008, S.281)

Als untersten Bestandteil der Empathie nennt de Waal hier die Gefühlsansteckung (Emotional Contagion); erstmals wissenschaftlich in Erscheinung getreten durch Elaine Hatfield und ihre Kollegen (1993). Hierbei handelt es sich zum Beispiel um Phänomene, wie das eigene Gähnen nach der Beobachtung des Gähnens eines anderen, das Erwidern eines Lächelns oder das nahezu gleichzeitige Auffliegen eines Vogelschwarms bei Gefahr (ebenda). Diese Fähigkeit zur Übernahme äußerer Emotionen ist beim (gesunden) Menschen bereits von Beginn an vorhanden. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Emotions- oder Verhaltensspiegelung innerhalb einiger Wirbeltierarten auch über die Grenzen einer Spezies hinaus reicht. Zum Teil spielt hierbei eine emotionale Bindung zwischen den Individuen sogar eine größere Rolle als die Tatsache, zu welcher Art sie gehören (Palagi, Norscia, & Demuru, 2014). Die Forschergruppe um Atsushi Senju berichtet in einer Studie aus dem Jahr 2007, dass eine derartige Gefühlsansteckung bei Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) oftmals stark beeinträchtigt ist, wenn man sie mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe vergleicht (Senju et al., 2007). Da die Gefühlsansteckung von vielen Wissenschaftlern als erster Schritt in der Empathieentwicklung angesehen wird (neben de Waal, 2008; beispielsweise auch Balconi & Canavesio, 2013; Hatfield et al., 1993; und Körner, 1998; Hatfield, Rapson, & Le, 2009), ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit einer ASS häufig von Problemen in sozialen Situationen berichten (beispielsweise Wing & Gould, 1979).

Als zweiten Schritt der Empathieentwicklung nennt de Waal (2008) Sympathetic Concern (übersetzt in etwa sympathische Sorge oder Beteiligung am Erleben anderer). Diese Fähigkeit zum Verständnis für die Ursache von Emotionen und dem Beginn der Trennung zwischen der eigenen Person und anderen, ist beim Menschen durchschnittlich im Alter von drei Jahren vollständig ausgeprägt (Wellman & Estes, 1986)5. Sodian und Kristen (2010) unterscheiden hierbei das Verständnis von Bedürfnissen (Desire-Understanding) vom Verständnis von Glauben und Überzeugungen anderer (Belief-Understanding). Außerdem setzen die Autorinnen das Alter der Entwicklung dieser Fähigkeiten mit zwei (für Desire-Understanding) und vier Jahren (für Belief-Understanding) ihrer Aufteilung entsprechend spezifischer an als Wellman und Estes (1986). Die Fähigkeit zur Trennung zwischen der eigenen Person und dem Umfeld setzt nach Wellman und Estes die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen der mentalen und der physikalischen Welt voraus (ebenda). Ob eine Trennung zwischen Ich und Umwelt für eine empathische Beteiligung am Erleben anderer allerdings essenziell ist (beispielsweise de Waal, 1997; und Wispé, 1986) oder ihr nicht sogar hinderlich (Lerner, 1980), muss hier leider unbeantwortet bleiben. Sicher ist jedoch, dass diese Trennung für die dritte Stufe der Empathieentwicklung zwingend erforderlich ist, da es hier genau um diese Perspektivübernahme geht.

Nur mit der Erweiterung durch das Empathic Perspective-Taking ist nach de Waal (2008) die Empathieentwicklung abgeschlossen. Diese höchste Stufe der Empathie wurde bis heute lediglich bei Menschen und Menschenaffen wissenschaftlich nachgewiesen (ebenda). Seit einiger Zeit untersucht die Forschungsgruppe um Juliane Kaminski des Max-Planck-Instituts in Leipzig aber bereits, ob nicht auch beispielsweise Hunde über derartige Fähigkeiten verfügen (Call, Kaminski, Bräuer, & Tomasello, 2009; Kaminski, Pitsch, & Tomasello, 2013). Wann ein Kind in seiner Entwicklung zur umfassenden Perspektivübernahme unter der Berücksichtigung der Situation, möglicher Gedanken, Wertevorstellungen und Persönlichkeit einer anderen Person in der Lage ist, unterscheidet sich ebenfalls wieder stark je nach Autor/in. Jean Piaget ging in seiner Theorie der geistigen Entwicklung davon aus, dass Kinder erst in der konkret-operationalen Phase und damit etwa ab einem Alter von sieben Jahren zur vollständigen Perspektivübernahme fähig sind (Piaget, 2016). Demgegenüber stehen beispielsweise die Annahme von Sodian und Kristen (2010), dass bereits Kinder ab dem fünften Lebensjahr überwiegend in der Lage sind, Aufgaben zum False Belief 6 korrekt zu bearbeiten oder die Ansicht von Bischof-Köhler (2001), die den Beginn dieser Fähigkeitsentwicklung bereits im Alter von vier Jahren postuliert.

Empathie wird auch häufig im Zusammenhang mit prosozialem Verhalten genannt und untersucht (beispielsweise von Eisenberg & Miller, 1987; Eisenberg et al., 1989; Roberts & Strayer, 1996; oder Balconi & Canavesio, 2013). Mit prosozialem Verhalten ist dabei meist die freiwillige Handlung einer Person gemeint, die dem Nutzen einer anderen Person dient (Eisenberg & Miller, 1987). Ob ein Mensch mehr oder weniger prosoziales Verhalten zeigt, hängt neben den empathischen Fähigkeiten auch mit situativen Einflüssen und einer eventuellen Gruppenzugehörigkeit zusammen. Biologisch erscheint es sinnvoll, prosoziales Verhalten zum Arterhalt insbesondere gegenüber Mitgliedern der eigenen Spezies zu zeigen. Wie bereits weiter oben erwähnt, kann die emotionale Nähe zu einem Individuum bei der Frage „Wem helfe ich und wem nicht?“ aber eine größere Rolle spielen als die biologische Verwandtschaft (Palagi et al., 2014). Je nachdem, ob jemand für das eigene Überleben wichtig ist oder von wem ich im Sinne der Reziprozität später selbst Hilfe erwarten kann, fällt häufig auch die Entscheidung aus (vergleiche de Waal, 1997, 2008).

Situative Einflüsse können beispielsweise zusätzlich anwesende Personen oder eine örtliche Gegebenheit sein, aus der nicht so leicht entkommen werden kann (zum Beispiel in einem Restaurant vor dem Bezahlen oder an einem Bahnsteig, an dem auf einen Zug gewartet wird). Im Alltag ist zu beobachten, dass speziell diese Situationen gerne von Personen genutzt werden, die sich unter einer Art sozialem Druck größere Erfolge erhoffen (Rosenverkäufer, Spendensammler etc.). Während Empathie von einigen Autoren grundsätzlich als ein wichtiger Motivator für prosoziales Verhalten angesehen wird (Barnett, 1987; Feshbach, 1978; Hoffman, 2008), postulieren Batson (1987) und Eisenberg et al. (1989), dass sie sich unter bestimmten Voraussetzungen auch in eine andere Richtung auswirken kann.

Hierbei unterscheidet Batson ebenso wie Eisenberg et al., zwischen Sympathy (welche Batson mit Empathie gleichsetzt) und Personal Distress. Beide bezeichnen eine mögliche empathische Reaktion auf das Erleben der Notlage einer anderen Person. Sympathy wird von Batson (1987) als nach außen orientierte emotionale Reaktion bezeichnet, die häufig mit dem Wunsch einhergeht, der anderen Person helfen zu wollen. Im Gegensatz dazu spiegelt der Terminus Personal Distress (übersetzt in etwa persönliche Bedrängnis) eine aversive, selbst-orientierte Emotion wieder, die sich bei der betreffenden Person in Angst oder Unbehagen äußern kann. Während Personen, die beim Anblick einer hilfsbedürftigen Person Sympathy empfinden, eher dazu neigen, prosoziales Verhalten zu zeigen, werden für Personal Distress anfällige Personen eher versuchen, derartige Kontakte und Situationen zu meiden, um dadurch den ihnen drohenden, negativen Gefühlen vorzubeugen (ebenda). In einer, wie weiter oben beschriebenen Situation, aus der es kein leichtes Entkommen gibt, können solche Personen scheinbar prosoziales Verhalten zeigen, das unter freieren Umständen, bei in gleichem Ausmaß vorhandener Empathie, vielleicht nicht gezeigt worden wäre. Eisenberg und Fabes (1990) gehen davon aus, dass es für jede Person einen optimalen, mittleren Erregungsbereich gibt, indem sie prosoziales Verhalten zeigt. Bei zu großer peripherphysiologischer Erregung (beispielsweise gemessen an einem erhöhten Herzmuskeltonus) empfanden die Versuchspersonen nach Ansicht der Autoren eher Personal Distress und bei zu wenig interpretierten sie das weniger wahrscheinliche prosoziale Verhalten als Desinteresse (ebenda). Eisenberg et al. postulieren demnach einen umgekehrt u-förmigen Zusammenhang zwischen Stress und prosozialem Verhalten (Eisenberg & Fabes, 1990; vergleiche Eisenberg et al., 1989; Eisenberg, Miller, Shell, McNalley, & Shea, 1991; Eisenberg & Miller, 1987). Prosoziales Verhalten wird hier also als Folge einer empathischen Reaktion auf die Notlage einer anderen Person angesehen, welche allerdings nur ab und bis zu einem individuell unterschiedlichen Erregungsniveau (Stress) gezeigt wird. Diese Sichtweise ermöglicht die hier durchgeführte indirekte Empathiemessung über die Wahrscheinlichkeit zu prosozialem Verhalten (Eisenberg & Fabes, 1990).

Insgesamt ist die Erhebung empathischer Fähigkeiten bisher äußerst schwierig (Gerdes, Segal, & Lietz, 2010). Auch aufgrund des Fehlens einer allgemeingültigen Definition ist es bisher nicht gelungen, ein eindeutiges Messverfahren zu entwickeln. Die zur Empathiemessung zurzeit am häufigsten eingesetzten Methoden sind der Selbstbericht via Fragebogen, (teilnehmende) Verhaltensbeobachtungen und die Bestimmung einiger mit Empathie in Verbindung stehender physiologischer Marker (ebenda). Welche persönlichen Dispositionen dazu führen, dass eine Person eher zu Reaktionen neigt, die Batson und Eisenbergs Sympathy oder Personal Distress entsprechen, ist noch nicht abschließend geklärt. Einige Autoren (darunter beispielsweise Eisenberg & Fabes, 1990; Engert, Plessow, Miller, Kirschbaum, & Singer, 2014; Martin et al., 2015; Tomova et al., 2017) gehen von einem Zusammenhang mit dem akuten oder chronischen Stressempfinden einer Person aus, der auch in der vorliegenden Arbeit untersucht werden soll. Aus diesem Grund werden nachfolgend einige theoretische Grundlagen zum Thema Stress aufgeführt.

2.2. Stress

Der menschliche Organismus ist ein System, das, wie die meisten Systeme, nach der Beibehaltung eines Gleichgewichts strebt (Cannon, 1929; Tewes & Wildgrube, 1999). Dieser Wunsch nach dem von Cannon (1929) sogenannten Zustand der Homöostase bezieht sich beispielsweise auf den Blutzuckerspiegel, die Versorgungslage mit Nährstoffen und Flüssigkeit oder die Körpertemperatur (ebenda). Gerät das System durch innere oder äußere Einflüsse aus dem Gleichgewicht, wird mit allen Mitteln versucht, dieses wiederzuerlangen. Die Initiation einer Stressreaktion stellt dabei ein mögliches Mittel des menschlichen Körpers dar und erfolgt in Situationen, die besondere Ansprüche an uns stellen und eine spezielle Aktivierung oder Handlung erfordern (vergleiche Selye, 1950b; Zimbardo, 1995). Stress wird aus diesem Grund auch als Anpassungsreaktion (Kaluza, 2015a) oder Adaptionssyndrom (Selye, 1950a) bezeichnet. In der frühen Menschheitsgeschichte bestanden stressauslösende Situationen häufig in der Konfrontation mit einem Fressfeind (Cannon, 1929). Heute ist es unter Umständen die Begegnung mit dem oder der Vorgesetzten, das (ständig) klingelnde Smartphone oder eine Abgabefrist, die in uns eine vergleichbare Reaktion auslöst. Als stressauslösende Faktoren, oder auch Stressoren, werden dabei sämtliche externe und körperinhärente Reize bezeichnet, die von einem Individuum eine Anpassungsreaktionen erfordern, welche der Beibehaltung beziehungsweise Widerherstellung eines Gleichgewichts dient (Selye, 1982).

Kaluza (2015a) unterscheidet hier zwischen physikalischen, sozialen, leistungsbezogenen und körperlichen Stressfaktoren. Ein physikalischer Stressor wäre beispielsweise der Lärm einer Autobahn, soziale Stressoren können sich in zwischenmenschlichen Konflikten, Konkurrenz oder Trennung äußern, Leistungsstressoren in Erwartungen7, Zeitdruck oder Überforderung und körperliche Faktoren wären beispielsweise Schmerzen oder Hunger (ebenda). Struhs-Wehr (2017) nennt hingegen lediglich drei verschiedene Arten von Stressoren, die sie in psychosoziale, persönliche und organisationale unterteilt. Unter ersteren versteht die Autorin all diejenigen Reize, die aus dem Privatleben einer Person heraus eine soziale oder psychische Belastung darstellen (beispielsweise der Verlust eines geliebten Menschen). Alles, was eine Person an Einstellungen, Erfahrungen, Wertvorstellungen und ähnlichem mitbringt, fällt hingegen unter die persönlichen Stressoren. Organisationale Stressoren sind nach Struhs-Wehr alle Faktoren der Arbeitswelt, wie beispielsweise Zeitdruck oder die Quantität an zu bewältigenden Aufgaben (ebenda). Unabhängig davon, welche Kategorisierung von Stressfaktoren man auch bevorzugen mag, wird in jedem Fall eines deutlich: Stress kann in jedem erdenklichen Lebensbereich entstehen und ist sowohl von persönlichen als auch situationalen Bestandteilen abhängig.

Die Auslöser mögen individuell sehr unterschiedlich sein, die Reaktionen verschiedener Personen auf einen als Stressor empfundenen Reiz ähneln sich hingegen stark. Die Wahrnehmung eines Reizes als potenziell bedrohlich führt zu einer Aktivierung des limbischen Systems (Kaluza, 2015a). Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf dem Zusammenspiel zwischen Amygdala und Hippocampus, das für einen schnellen Abruf emotional bewerteter Erinnerungen sorgt und so das aktuelle Erleben mit älteren, möglichst ähnlichen Erfahrungen abgleicht. Wird der aktuelle Reiz hiernach als bedrohlich gewertet, folgt eine Aktivierung des noradrenergen Systems im Locus coeruleus (ebenda). Die weitere Stressreaktion verläuft über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (auch HPA- oder Stressachse genannt) und das sympathische Nervensystem (vergleiche beispielsweise Schandry, 2011; Selye, 1950b). Als Reaktion auf ein als Stressor empfundenes Reizereignis werden im Hypothalamus das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Vasopressin freigesetzt, die wiederum die Hypophyse zur Ausschüttung von Adrenocorticotropin (ACTH) veranlassen und das sympathische Nervensystem stimulieren. Das ACTH gelangt über das Blut zur Nebennierenrinde und regt dort die Produktion von Cortisol an, welches umgangssprachlich auch gerne als „das Stresshormon“ bezeichnet wird. Gleichzeitig werden, stimuliert durch die Sympathikus-Aktivität, im Mark der Nebennierenrinde die Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt (ebenda). Insbesondere die erhöhte Adrenalinkonzentration im Blut führt beim betroffenen Organismus zu einem Anstieg des Herzmuskeltonus, des Blutdrucks und der Atmung sowie der Förderung energieliefernder Substanzen in den Blutkreislauf, was eine schnellere Handlungsbereitschaft bedeutet (Goldstein & Kopin, 2007). Das freigesetzte Noradrenalin fördert außerdem die Produktion neurotropher Stoffe, die sowohl Wachstum als auch Vernetzung des Nervensystems positiv beeinflussen. Dieser Vorgang ist unter anderem für eine erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentrationsleistung in Stresssituationen verantwortlich (Boyce & Ellis, 2005). Hilfreich ist diese Körperreaktion insbesondere deshalb, da durch sie kurzfristig große Mengen an Energie mobilisiert werden können, die es der betroffenen Person erlauben, entweder zu kämpfen oder zu fliehen (Fight-or-Flight Response) (Cannon, 1975).

Während Adrenalin und Noradrenalin eher für die Situationsbewältigung bei kurzzeitigem Stress verantwortlich sind, wird das Glukokortikoid Cortisol insbesondere bei länger andauerndem bis chronischem Stress aktiv (Schandry, 2011). Glukokortikoide bewirken unter anderem die Umwandlung von Muskelproteinen in Glukose sowie eine Hemmung der Fettsynthese (also die Glukoseaufnahme in Fettzellen) zur Erhöhung des Blutzuckerspiegels und einer dadurch erhöhten Verfügbarkeit von Energie (ebenda). Außerdem führt eine hohe Glukokortikoidkonzentration im Blut zur Suppression von Immun- und Entzündungsreaktionen (Segerstrom & Miller, 2004). Dies kann im Alltag auch dadurch beobachtet werden, dass Personen vermehrt von Erkrankungen nach einer besonders stressreichen Zeit berichten (beispielsweise zu Beginn eines Urlaubs).

Die eben beschriebene körperliche Stressreaktion wird von Hans Selye (1950a) in seinem Modell zum allgemeinen Anpassungssyndrom (General Adaption Syndrome (GAS) oder auch Selye-Syndrom) in drei Stadien unterteilt: die Alarmreaktion, die Widerstandsphase und das Erschöpfungsstadium. Die Alarmreaktion beinhaltet die Ausschüttung der Stresshormone (wie oben beschrieben) mit dem primären Effekt der Erhörung von Puls, Blutdruck und Blutzuckerspiegel. Durch die zusätzliche Unterdrückung der Immunreaktion gerät der Körper kurzfristig in einen Zustand erhöhter Aktivität und Leistungsfähigkeit (ebenda). Hält ein Stressreiz über längere Zeit an, folgt auf die Alarmreaktion die Widerstandsphase. In dieser Phase versucht der Körper die auslösenden Stressreize zu eliminieren, um die weitere Ausschüttung von Stresshormonen zu verhindern. Gleichzeitig baut er deren bereits hohe Konzentration im Blut langsam ab, um so den Normalzustand wiederzuerlangen (ebenda). Ist der Körper dem Stressreiz über einen längeren Zeitraum und ohne Ruhepausen ausgesetzt, folgt auf die Widerstandsphase das Stadium der Erschöpfung. Dem Körper ist es nicht möglich, die Konzentration der Stresshormone auf das Stadium des ursprünglichen Ruhezustands herunter zu regulieren. Dies hat zur Folge, dass ein konstant erhöhter Cortisolspiegel das neue „Gleichgewicht“ darstellt (vergleiche Kaluza, 2015a; Struhs-Wehr, 2017). Führte die erste Stressreaktion des Körpers durch die Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin noch zur Verbesserung der Konzentrationsleistung, so wird ein erhöhter Cortisolspiegel mit Nervenschäden insbesondere in der Region um den Hippocampus und damit schlechteren Gedächtnisleistungen assoziiert (Ohl, Michaelis, Vollmann-Honsdorf, Kirschbaum, & Fuchs, 2000; R. M. Sapolsky, 1996; R. Sapolsky, Uno, Rebert, & Finch, 1990). Durch die ständige hormonelle Unterdrückung jeglicher Immunreaktionen können außerdem sowohl die Thymus- als auch die Lymphdrüsen schrumpfen. Weitere mögliche Langzeitfolgen sind Magengeschwüre, Unfruchtbarkeit, andere vegetativ-hormonelle oder muskuläre Störungen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund des chronisch erhöhten Blutdrucks (Kaluza, 2015a; Selye, 1950b). Ebenso berichten chronisch gestresste Personen von psychischen Folgen wie Versagensgefühlen, Schlafstörungen, Zwangs- und Angststörungen sowie depressive Symptome (Struhs-Wehr, 2017).

Diese und weitere Folgeschäden eines über längere Zeit andauernden Stressniveaus sind vermutlich für die allgemein eher schlechte Reputation des Stress-Terminus verantwortlich. Allerdings sind die kurzfristigen Folgen sowohl evolutionär als auch individuell eher adaptiv und damit als positiv und funktional zu betrachten. Mit Hilfe der Stressreaktion stellt der Körper alle verfügbaren Mittel bereit, die der Bewältigung einer schwierigen Anforderung dienlich sein könnten, um auf diese Weise sein Gleichgewicht wiederzuerlangen. So kann, wie bereits erwähnt, der akut auftretende Stress in einer Prüfungssituation durch die Noradrenalinausschüttung zu einer gesteigerten Konzentrationsleistung und damit zu besseren Ergebnissen führen. Ebenso stellt die höhere Verfügbarkeit von Glukose im Blut bei Hochleistungssportlern unter Stress bei den meisten Sportarten (unter anderem beim Gewichtheben oder Sprint) einen Vorteil dar (vergleiche Jones & Hardy, 1990). Auch in indirekt lebensbedrohlichen Situationen, wie beispielsweise der Konfrontation mit Hunger oder Kälte, spielt die körperliche Stressreaktion eine entscheidende Rolle (Struhs-Wehr, 2017). Durch sie sind Lebewesen in der Lage unwirtlichen Gegebenheiten länger standzuhalten, als dies unter Normalbedingungen der Fall wäre. Yerkes und Dodson (1908) gehen von einem umgekehrt u-förmigen Zusammenhang zwischen Aktivierungsniveau (also Stress) und Leistung aus, welcher auch unter dem Namen Yerkes-Dodson-Gesetz bekannt ist. Demnach führe eine ansteigende Aktivierung zunächst auch zu einem Anstieg an Leistung, der sein Maximum bei einem etwa mittleren Aktivierungsniveau erreicht. Steige die Aktivierung danach jedoch weiter an, sei mit einem Leistungsabfall bis hin zum völligen Leistungsverlust zu rechnen (ebenda).

Neben kurz- und langfristigem Stresserleben unterscheidet Selye (1976, 1982) auch zwischen als positiv und negativ wahrgenommenem Stress. Als positiven Stress (von Selye auch Eustress8 genannt) versteht er Stressreize, die in etwa dem entsprechen, was ein Organismus gut bewältigen kann, ohne dadurch einen Schaden hinnehmen zu müssen. Durch das erfolgreiche Hervorgehen aus solchen Situationen stellt sich im entsprechenden Lebewesen ein Glücksgefühl ein, was wiederum seine Selbstwirksamkeitserwartung für künftige Anforderungen stärkt (vergleiche Bandura, 1994, 1998). Negativer, oder auch Dis-Stress9, tritt nach Selye (1976, 1982) immer dann auf, wenn stressauslösende Faktoren als bedrohlich, unangenehm oder überfordernd angesehen werden, demnach also subjektiv nicht von der positiven Auflösung eines Problems ausgegangen wird. Während Eustress nach Selye (1976, 1982) auch dauerhaft nicht als belastend erlebt wird, sondern gegenteilig sogar die generelle Aufmerksamkeits- und Leistungsfähigkeit zu stärken vermag, wirkt Disstress negativ auf diese Fähigkeiten und wird weitläufig sogar als ein krankheitsfördernder Faktor angesehen (Kaluza, 2015a; Selye, 1950b, 1976; Struhs-Wehr, 2017).

Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass nicht die Eigenschaften eines Stressors darüber entscheiden, ob er bei einer Person Eu- oder Disstress hervorruft. Vielmehr ist es die subjektive Interpretation dieses Stressfaktors durch die Person selbst (vergleiche Lazarus & Folkman, 1984). Für einen Marathonläufer ist die Bewältigung einer Strecke von zehn Kilometern beispielsweise keine große Herausforderung. Davon ausgehend, dass ihm sein Sport ein gutes Gefühl vermittelt, wird diese Anforderung also – wenn überhaupt – eher Eustress als Disstress auslösen. Ein ebenso sportlicher aber eher auf Kraft und Koordination als auf Ausdauer trainierter Ringer wird bei einer zu überwindenden Zehn-Kilometer-Strecke wahrscheinlich eher Disstress empfinden, da diese Aufgabe nicht seinem persönlichen Anforderungsprofil entspricht. Je nach persönlichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Interpretationen und Situationen kann ein und derselbe Stressor von verschiedenen Personen vollkommen unterschiedlich bewertet werden (ebenda). Kaluza (2015b) verdeutlicht das Zusammenspiel zwischen Stressoren, persönlichen Stressverstärkern und den daraus resultierenden Konsequenzen anhand seiner „Stress-Ampel“ (ebenda, S.16). An Kaluzas Darstellung orientiert zeigt Abbildung 1 ebenjene Beziehungen. An dieser Stelle wurde jedoch eine etwas andere Form gewählt, um die Wechselwirkung von äußerem Stressor und persönlichen, inneren Stressverstärkern auf einer Ebene zu zeigen. Nicht nur Stressoren wirken auf persönliche Stressverstärker ein und können erwirken so eine Interaktion dieser beiden Faktoren, auch persönliche Stressfaktoren können überhaupt erst über die Wahrnehmung einer Situation oder eines anderen äußeren Einflusses als Stressor entscheiden. Womöglich eignet sich die hier gewählte Form der Darstellung, um Missverständnissen vorzubeugen, die eine hierarchische Darstellung, wie sie Kaluza für seine „Stress-Ampel“10 wählte, mit sich bringen könnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Streskomponentenmodell,-eigene Darstellung nach Kaluza (2015b).

Egal ob hierarchisch oder nicht ergibt sich in jedem Fall eine Stressreaktion aus dem Zusammenspiel von Stressoren und persönlichen Stressfaktoren, die nach Kaluza (2015a, 2015b) immer eine Aktivierung mit sich bringt. Diese kann sowohl physiologischer Natur sein (die bereits weiter oben beschrieben wurde) aber ebenso auf mentaler, emotionaler und/oder auf einer sichtbaren Verhaltensebene stattfinden. Bestandteile der kognitiv-emotionalen Stressreaktion sind beispielsweise Nervosität, Gefühle des Ärgers, der Angst oder Unzufriedenheit sowie Selbstvorwürfe und Konzentrationsschwierigkeiten (Kaluza 2015b). Während die mentale und die emotionale Aktivierung für Außenstehende völlig unbemerkt beziehungsweise nur indirekt bemerkbar ablaufen, wird die verhaltensbezogene Stressreaktion offen gezeigt. Diese umfasst beispielweise unkoordiniertes Arbeiten, einen konfliktreichen Umgang mit Anderen oder das sogenannte „Betäubungsverhalten“. Hierunter fallen exemplarisch ein vermehrter Konsum von Alkohol, Kaffee, Schmerz- und Beruhigungsmitteln sowie häufigeres Rauchen (ebenda).

Lazarus und Folkman (1984) postulieren in ihrem transaktionalen11 Stressmodell eine sehr ähnliche Betrachtungsweise der Stressreaktion zu der Kaluzas. Auch sie gehen davon aus, dass erst das Zusammenspiel von Stressoren und deren individuell erfahrungsbasierter Bewertung durch die Person zur Initiation einer Stressreaktion führt. Dabei benennen sie folgende drei Phasen: die Primary Appraisal (oder Erstbewertung) eines Stimulus, die Secondary Appraisal und die Reappraisal (auch Neubewertung). Während ein Reiz in der Erstbewertung lediglich auf die Valenz seiner zu erwartenden Konsequenzen hin untersucht wird, erfolgt in der zweiten Bewertungsphase ein Vergleich der Anforderungen des Reizes und der persönlichen Ressourcen, die zu seiner Be- und Verarbeitung herangezogen werden können. In der Neubewertung schließlich werden die eingeleiteten Verhaltensweisen auf ihre Wirksamkeit hin untersucht, angemessen mit dem (Stress-)Ereignis umzugehen und die Chance, es zu bewältigen. In dieser Phase wird entschieden, ob die gewählte Strategie weiter beibehalten werden kann oder eine Verhaltensänderung erforderlich ist. Auch kann in der Neubewertung die wahrgenommene Bewertung eines Reizes noch einmal revidiert werden. Wird beispielsweise die gefahrene Strategie, mit dem Stimulus umzugehen, als effektiv erlebt, führt dies häufig dazu, dass dieser auch als wesentlich weniger bedrohlich wahrgenommen wird (ebenda).

Im Zuge des Second Appraisal und häufig auch in der Phase der Neubewertung aus Lazarus und Folkmans Transaktionalem Stressmodell werden von einer Person gedanklich verschiedene Bewältigungsstrategien miteinander verglichen. Diese werden in der Psychologie auch als Coping bezeichnet, welches als entweder problem- oder emotionsorientiert eingeordnet werden kann (vergleiche beispielsweise Hüther, 2016; Lazarus & Folkman, 1984). Problemorientierte Copingstrategien zielen, wie der Name bereits vermuten lässt, auf die Beseitigung eines Stressors als solchen ab. Diese kann beispielsweise durch eine Verhaltensänderung der betroffenen Person oder durch die Beendigung der Teilnahme an einer Begebenheit hervorgerufen werden. Emotionsorientiertes Coping hingegen zielt auf die persönliche Bewertung eines Reizes ab, so dass dieser als nicht mehr oder zumindest weniger belastend angesehen wird (ebenda). Je nach Copingstrategie kann also an den unterschiedlichen Faktoren der Umwelt-Person-Interaktion beziehungsweise der zwischen Stressor und persönlichen Stressverstärkern angesetzt werden. Häufig werden dabei die problemorientierten Methoden auch als funktional, adaptiv oder aktiv bezeichnet, während emotionsfokussiertes Coping sowohl funktional als auch schädlich sein kann (Carver, Scheier, & Weintraub, 1989; Pearlin & Schooler, 1978). Wird ein Stressor durch eine problemorientierte Strategie beseitigt, kann der durch ihn ausgelöste Stress langfristig abgewendet werden. Hinzu kommt, dass ein so überwundenes Ereignis bei der betroffenen Person in Zukunft nicht mehr als Stressfaktor wahrgenommen wird beziehungsweise der erneute Umgang damit keine Belastung mehr darstellt. Diese positiven Effekte können ebenfalls mittels einer emotionsfokussierten Strategie erreicht werden. Ein Beispiel für derartige Methoden stellt das Reframing dar , also die kognitive Neubewertung eines Stimulus, so dass er beispielsweise als Chance und Herausforderung denn als Bedrohung wahrgenommen werden kann (vergleiche Stoeber & Janssen, 2011). Ein negativer, also eher dysfunktionaler Umgang mit einem Stressereignis wäre demgegenüber zum Beispiel die Bearbeitung eines solchen zu vermeiden, indem sich sowohl gedanklich als auch tatsächlich von jeglicher Konfrontation distanziert wird. Auf diese Weise kann keine tatsächliche Stressverarbeitung stattfinden und das Stressempfinden einer Person, wenn überhaupt, lediglich für kurze Zeit gesenkt werden (Carver et al., 1989).

Nichtsdestotrotz kann, ebenso wie über die Interpretation eines Stressors, auch keine allgemeingültige Aussage über die Wertigkeit von Copingstrategien getroffen werden. Während die Neubewertung einer Situation als herausfordernd im einen Fall eine sehr effektive Methode im Umgang mit einem Stressereignis darstellt, so kann sie bei alleiniger Anwendung schnell in heilloser Überforderung und einer Abwärtsspirale aus Anforderungen und Enttäuschung gipfeln. Ebenso ist auch die Vermeidung nicht als in jedem Fall dysfunktional anzusehen. Ist eine Person einem Stressor beispielsweise nur für begrenzte Zeit ausgesetzt, kann es durchaus effektiv sein, eine intensive Beschäftigung mit diesem Reiz zu umgehen. Eine Einteilung in eher positive und eher negative Copingstrategien kann dennoch durchaus sinnvoll sein, wenn es beispielsweise um den Zusammenhang zwischen psychischen Eigenschaften und dem Umgang mit Stress geht, wie er in der vorliegenden Arbeit untersucht werden soll.

Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt, postulieren Eisenberg und Kollegen (zum Beispiel Eisenberg & Fabes, 1990) einen umgekehrt u-förmigen Zusammenhang zwischen Stressempfinden und prosozialem Verhalten, das sie als behaviorale Repräsentation für Empathie ansehen. Diese Beziehung wurde bis zum heutigen Tag jedoch von keiner weiteren Forschungsgruppe erfolgreich repliziert. Versteht man prosoziales Verhalten jedoch als Leistung, so ließe sich diese Annahme mit dem weiter oben beschriebenen Yerkes-Dodson-Gesetz in Einklang bringen, welches ebenfalls von einem umgekehrt u-förmigen Zusammenhang (hier aber zwischen Stress und Leistung) ausgeht (vergleiche Yerkes & Dodson, 1908). Andere Autoren, wie beispielsweise Passalacqua und Segrin (2012) oder Shapiro et al.(1998) gehen hingegen von einem negativen Zusammenhang zwischen Stress und selbstberichteter Empathie aus.

Neben dem Zusammenhang zwischen Stress und Empathie soll in dieser Arbeit auch die Beziehung der beiden bereits vorgestellten Konstrukte zu Depression untersucht werden. Um diesem Forschungsziel nachkommen zu können, werden im Folgenden einige theoretische Grundlagen zum Thema Depression ausgeführt.

2.3. Depression

Der Begriff Depression hat seine Wurzeln im lateinischen depressio, was in etwa den deutschen Substantiven „etwas Niedergedrücktes“ oder „Senke“ entspricht (Schulze Steinmann, 2018). Damit beschreibt die Herkunft des Wortes bereits das bekannteste Symptom einer Depression nach den heutigen Klassifikationssystemen: eine gedrückte Stimmung, die den größten Teil des Tages anhält und sich auch von Tag zu Tag nicht wesentlich unterscheidet (American Psychiatric Association, 2013; Dilling & Freyberger, 2010). Die zwei überwiegend verwendeten Klassifikationssysteme für psychische Krankheiten sind zum einen die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) der Weltgesundheitsorganisation und zum anderen das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft.

In der aktuellen Auflage der ICD (ICD-10) werden die „Depressive Episode“ und die „Rezidivierende depressive Störung“ unter der F-Notation für psychische und Verhaltensstörungen und dort bei den Affektiven Störungen unter F32 und 33 eingeordnet (Dilling & Freyberger, 2010). In der derzeit fünften Ausgabe des DSM findet man die depressive Disorders unter dem vierten Punkt in Sektion Ⅱ: Diagnostic Criteria and Codes (Ehret & Berking, 2013). Als Hauptsymptome einer depressiven Störung gelten neben der bereits erwähnten gedrückten Stimmung eine Verminderung von Antrieb und Aktivität, Freud- und Interessenlosigkeit, schnelles Ermüden und Schlafstörungen. Außerdem ist die Erkrankung häufig durch den sozialen Rückzug eines (oder einer) Betroffenen, einer verringerten Konzentrationsleistung, wiederholtes Grübeln (auch Gedankenkreisen genannt), Appetitlosigkeit, ein Gefühl von innerer Leere, körperliche Beschwerden, Suizidgedanken und einige weitere Symptome gekennzeichnet (Dilling & Freyberger, 2010).

Sowohl in der ICD-10 als auch im DSM-5 werden die depressiven Störungen den affektiven Störungen untergeordnet, die durch eine Veränderung der Stimmungs- und Gemütslage gekennzeichnet sind und nicht selten episodisch verlaufen (Dilling & Schulte-Markwort, 2011). Affektive Störungen können sich entweder in einer Hochstimmung (Manie beziehungsweise ihrer Unterform, der Hypomanie) oder in einem Stimmungstief (Depression) äußern. Wechselt eine Person wiederkehrend zwischen diesen beiden Extremen, so spricht man in beiden Klassifikationssystemen von einer „Bipolaren affektiven Störung“ beziehungsweise von einer „Zyklothymia“, wenn eine weniger starke Ausprägung der Stimmungswechsel vorliegt (American Psychiatric Association, 2013; Dilling & Schulte-Markwort, 2011). Da in dieser Arbeit jedoch die depressive Symptomatik im Fokus steht, wird hier nicht näher auf die Manie und ihre Unterkategorien sowie die spezifische Symptomatik einer Störung mit wechselhafter Stimmung eingegangen.

Je nach Anzahl und Schweregrad der Symptome wird eine depressive Episode in der ICD-10 als leicht, mittelgradig oder schwer eingestuft (Dilling & Freyberger, 2010). Bei einer leichten depressiven Episode (F32.0) treten lediglich zwei oder drei Symptome der Erkrankung auf und die meisten Alltagsaktivitäten können von der betroffenen Person dennoch ausgeübt werden. Eine mittelgradige depressive Episode (F32.1) geht bereits mit vier oder mehr Symptomen einher und der oder die Betroffene hat teils große Schwierigkeiten seinen beziehungsweise ihren Alltag zu bewältigen. Die schwere depressive Episode wird noch einmal dahingehend differenziert, ob in ihrem Zusammenhang auch psychotische Symptome auftreten oder nicht. Eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (F32.2) führt häufig zum Verlust des Selbstwertgefühls der betroffenen Person, einhergehend mit Gefühlen von Wertlosigkeit und Schuld sowie somatischen Symptomen. Dahingegen unterscheidet sich die schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (F32.3) lediglich im zusätzlichen Vorliegen von Halluzinationen, Wahnideen, psychomotorischer Hemmung oder eines Stupors. In beiden Fällen einer schweren Episode kann die betroffene Person ihren normalen Alltag nicht mehr aufrechterhalten und es besteht eine erhöhte Gefahr von Suizidgedanken oder -handlungen. Die rezidivierende depressive Störung (F33.-) ist in der ICD-10 durch wiederholte depressive Episoden gekennzeichnet, die in die gleiche Kategorisierung fallen wie ebendiese (F33.0-F33.3). Dabei kann eine Episode von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten andauern. Sind in der Vergangenheit einer Person die Kriterien einer F33.0-F33.3-Diagnose erfüllt gewesen, innerhalb der letzten Monate aber keine depressiven Symptome aufgetreten, erhält die Person die Diagnose „Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig remittiert“ (F33.4) (ebenda).

Im DSM-5 wird bei Erwachsenen hauptsächlich zwischen der Major Depressive Disorder und der Persistent Depressive Disorder (auch als Dysthymia bezeichnet) unterschieden (American Psychiatric Association, 2013). Die Major Depressive Disorder ist dabei der rezidivierenden depressiven Störung aus der ICD-10 sehr ähnlich. Ebenso wie in der ICD-10 werden die depressiven Episoden der Major Depressive Disorder in drei verschiedene Schweregrade eingeteilt (Ehret & Berking, 2013). Unter einer Persistent Depressive Disorder wird hingegen das Vorliegen mehrerer depressionstypischer Symptome über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren verstanden. Dabei sind die Symptome in Anzahl und Schweregrad meist nicht dauerhaft mit der Intensität einer schweren depressiven Episode vergleichbar. Phasenweise kann dies jedoch durchaus der Fall sein, was dann wiederum als Double Depression bezeichnet wird (M. B. Keller & Shapiro, 1982). In der ICD-10 wird die Dysthymia mit der F34.1 unter den anhaltenden affektiven Störungen eingeordnet. Die Vergabe einer Diagnose, die der Double Depression des DSM-5 entspricht, ist hier nicht vorgesehen (Dilling & Schulte-Markwort, 2011).

Eine depressive Symptomatik tritt häufig auch im Zusammenhang anderer psychischer Störungen, wie beispielsweise einer Anpassungsstörung oder einer Schizophrenie auf (vergleiche Baumeister, 2008; Grüber, Falkai, & Hasan, 2014). Aus diesem Grund sollte keine Diagnose einer depressiven Störung ohne umfassende Differentialdiagnostik erfolgen. Ebenso können depressive Symptome auch im Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen oder als Folge von schädlichem Suchtmittelgebrauch auftreten (Robert Koch-Institut, 2017). Ferner ist anzumerken, dass auch jeder gesunde Mensch hin und wieder einzelne oder auch kurzzeitig mehrere depressionstypische Symptome erleben kann. In seiner Kontinuitätshypothese geht der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer (1977) davon aus, dass jede Temperamentseigenschaft bei Gesunden ebenso vorliegt, wie auch bei psychisch Kranken und dass sich diese lediglich durch die Intensität ihrer Merkmalsausprägung unterscheiden. Da demnach jeder Mensch schon einmal mit dem ein oder anderen Symptom einer Depression in Kontakt gekommen ist, wird der Begriff „Depression“ ebenso wie sein Adjektiv „depressiv“ in nicht-klinischen Settings oft auch für kleine Verstimmungen verwendet. Dieser teils inflationäre Gebrauch kann dazu führen, dass sich an einer depressiven Störung Erkrankte nicht ernst genommen fühlen, schämen oder es nicht für nötig halten, Hilfen in Anspruch zu nehmen. Gravierend ist dies, neben dem persönlichen Leid, insbesondere deshalb, weil depressive Störungen in Deutschland mittlerweile einen der Hauptgründe für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentungen darstellen (Bromet et al., 2011; Spießl & Jacobi, 2008). Die Lebenszeitprävalenz einer depressiven Störung liegt hierzulande für Männer bei etwa 20% und für Frauen bei 35% (Robert Koch-Institut, 2017). Ähnlich verteilt stellt sich die 12-Monats-Prävalenz12 dar, wobei der Anteil an Frauen mit klinisch relevanter Symptomatik noch höher ausfällt. Insgesamt erfüllten hier 9% die Kriterien für eine Depression. Dies traf für 13% der Frauen und 6% der Männer zu, die an der Studie teilgenommen hatten. Am häufigsten, mit 16,4%, erfüllen Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren die Diagnosekriterien einer Depression (ebenda).

[...]


1 Gemeint sind hierbei insbesondere zwischenmenschliche Kontakte in Internet-Foren und anderen sozialen Netzwerken. Die Adjektive wurden an dieser Stelle frei gewählt und entsprechen lediglich einer Interpretation der Ausführungen von Döbler (2014).

2 Diese Sichtweise kommt der Theory of Mind von Sodian und Kristen (2010) sehr nahe, die weiter unten in diesem Kapitel noch genauer beleuchtet wird.

3 Hierbei handelte es sich um den Empathy Quotient (EQ), die Social Desirability Scale (SDS), die Eyes Task und den Interpersonal Reactivity Index (IRI), der auch in der Studie zur vorliegenden Arbeit verwendet wurde.

4 Eine ähnliche Auffassung der Empathieentwicklung teilen beispielsweise auch Bischof-Köhler (2001) und Hoffmann (1982).

5 Wellman und Estes (1986) gehen von einer überwiegend abgeschlossenen Entwicklung dieser Fähigkeit im Alter von drei Jahren aus, Bischof-Köhler (2001) und Singer (2006) im Zeitraum zwischen 18 Monaten und vier Jahren.

6 Aufgaben zum False Belief bestehen meist aus einer Geschichte, in der die zuhörende Person über mehr Wissen verfügt als eine der darin vorkommenden Personen. Eine solche Geschichte sieht beispielsweise wie folgt aus: Person A versteckt sich an einem Ort, während Person B zusieht. Person B verlässt den Raum und Person A wechselt die Position. Das zu testende Kind muss nun auf die Frage antworten, wo Person B suchen wird, wenn sie den Raum wieder betritt. Erhoben wird damit die Fähigkeit zur Perspektivübernahme (beispielsweise Birch & Bloom, 2007).

7 Hierbei sind sowohl Erwartungen anderer an eine Person als auch eigne Erwartungen der Person an sich selbst gemeint.

8 Der Begriff „Eustress“ leitet sich vom griechischen εὖ (eu) ab, was so viel, wie „wohl“ oder „gut“ bedeutet (vergleiche Duden Online, “Eustress”).

9 Auch hier stammt die Vorsilbe aus dem Griechischen. Sie bedeutet „miss-“ beziehungsweise „un-“ und wird damit als negativ verstanden (Duden Online, “Disstress”).

10 In der Originaldarstellung stehen die Stressoren über den persönlichen Stressverstärkern, wobei jedoch mit vertikalen Doppelpfeilen zwischen beiden Komponenten eine Wechselwirkung verdeutlicht wird. Darunter ist die Stressreaktion in einem Kasten dargestellt, der aus einer zusammenfassenden Klammer der obigen Wechselwirkung resultiert. Ebenfalls in diesem unteren Kasten ergeben sich Erschöpfung und Krankheit aus einer langfristigen Stressreaktion (vergleiche Kaluza, 2015b, S.16).

11 Der Begriff „Transaktional“ im Titel dieses wohl berühmtesten psychologischen Stressmodells bezieht sich auf die Interaktion zwischen Umwelt (Stressfaktor) und Person ((Lazarus & Folkman, 1984).

12 Die 12-Monats-Prävalenz gibt Auskunft darüber, wie viele der Versuchspersonen die Kriterien für eine Erkrankung innerhalb der vergangenen zwölf Monate erfüllten.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Keine Kraft für Mitleid
Untertitel
Über den Zusammenhang von Empathie, Stress und Depression
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Biologische und Differentielle Psychologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
94
Katalognummer
V453181
ISBN (eBook)
9783668879744
ISBN (Buch)
9783668879751
Sprache
Deutsch
Schlagworte
keine, kraft, mitleid, über, zusammenhang, empathie, stress, depression
Arbeit zitieren
M.Sc. Psychologie Yvonne Moch (Autor), 2018, Keine Kraft für Mitleid, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453181

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