Normen und Konventionen in Todesanzeigen. Ein kontrastiver Vergleich der Textsorte Todesanzeige


Hausarbeit, 2018

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Textsorte - eine Definition
2.1. Die TextsorteTodesanzeige

3. Zur kulturellen Bedingtheit von TextenS.

4. DieTodesanzeigeals kulturelle Konvention
4.1. Die MakrostruktrurklassischerTodesanzeigen
4.2. Ein kontrastiver VergleichS
4.2.1. Das SymbolS
4.2.2. Spruch - MottoS
4.2.3. Trauertext - Todesmitteilung
4.2.4 Bekanntgabe der Hinterbliebenen

5. Zusammenfassung

6. Trauer im WandelS. 13 6.1. Das 21. Jhd. - Zeitalter des ‘virtuellen Friedhofs’

7. FazitS

8. Abbildungsverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der kontrastiven Linguistik bzw. vergleichenden Sprachwissenschaft finden Texte und Textsorten eine immer größere Bedeutung. Als interlingualen Vergleich von Textsorten bezeichnet man die kontrastive Textologie, wobei es vor allem um sprachraumspezifische Untersuchungen fixierter Textsorten geht. Ziel dieser Untersuchungen ist es nicht nur, strukturelle Eigenschaften und mögliche Unterschiede herauszukristallisieren, sondern auch soziolinguistische Merkmale mit einzubeziehen. Wolfgang Pöckl betont in seinem Projektbericht zur kontrastiven Textologie die Wichtigkeit, die einem Text bzw. einer fixierten Textsorte beim Erwerb einer Fremdsprache zugesprochen werden sollte, wenn er darauf hinweist, dass das Wissen um bestimmte Eigenheiten jener Textsorten im Ausland durchaus unser beruflichen Laufbahn positiv zugutekommt.1 So ist es in der Tat von Vorteil, die Besonderheiten der Gestaltung eines Lebenslaufes im Zielland zu kennen und diese dementsprechend bei der Bewerbung anzuwenden.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit einer Textsorte aus dem Bereich der Anzeigentexte: die Todesanzeige. Diese Art von Textsorte erfüllt für wissenschaftliche Untersuchungen die idealen Bedingungen. Anders als andere Anzeigentexte, wie z.B. die Eheanzeige, sind Todesanzeigen überall im Alltag mit äquivalenter Funktion präsent und geben somit die Möglichkeit, einen kontrastiven Vergleich zu erstellen. Ziel der Arbeit ist es, mögliche Unterschiede in der Gestaltung der Todesanzeige in verschiedenen Ländern festzumachen. Grundlage ist dafür die Arbeit von Eva Martha Eckkrammer, die die Todesanzeige umfangreich in sechs verschiedenen Sprachen untersucht und ausgewertet hat. Die traditionellen Todesanzeigen haben im Laufe der Zeit Konventionen gelockert oder gar gebrochen. Individuelle Gestaltungen und Freiheiten in den Formulierungen finden immer mehr Einzug, doch ist das in überall der Fall? Darüber hinaus stellt sich die vorliegende Arbeit aber auch die Frage, inwiefern Todesanzeigen auch einen Wandel im Kontext der Digitalisierung erfahren haben. Eine übersichtliche Untersuchung von Todesanzeigen im Internet soll darüber Aufschluss geben, ob mögliche Konventionen auch digital bestehen oder einfach dem World Wide Web weichen und inwiefern verschiedene Länder sich des Internets für die Trauer bedienen.

2 Die Textsorte - eine Definition

Bevor sich diese Arbeit der Untersuchung der Todesanzeige widmet, soll zunächst die Textsorte als Begriff genauer betrachtet und definiert werden, um sich der Todesanzeige in ihrer Struktur und Gestaltung besser nähern und sie gleichzeitig einordnen zu können. In der Textlinguistik ist die Untersuchung von verschiedenen Textsorten ein weitaus wichtiger Gegenstandsbereich, denn ein Text als solcher repräsentiert auch immer einen bestimmten Texttyp und nicht nur einen Text allgemein. Von der Lage-Müller macht in ihrer Arbeit darauf aufmerksam, dass neben dem Begriff Textsorte auch andere Bezeichnungen Anwendung finden, wenngleich ein under derselbe Begriff in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Sachverhalte bezeichnen kann und es doch Unterschiede in ihrer Definition gibt. So sind Begriffe wie Textklasse, Texttyp oder Textmuster ebenso anwendbar wie der hier im folgenden definierte Begriff der Textsorte.2 Eine geeignete und universal gültige Definition eines Begriffs solcher Dimension zu finden, scheint nahezu unmöglich, nicht zuletzt weil dieser je nach Ansatz unterschiedlich weit oder eng definiert werden kann. Demnach existieren unterschiedliche Versuche einer Definition des Begriffs Textsorte, wobei die Problematik der genauen Unterscheidung zu anderen Termini ein immer wieder auftauchendes Wirrwarr in der Forschungsliteratur auslöst. Im folgenden sollen zwei Definitionen erwähnt werden, die in der späteren Untersuchung der Todesanzeige eine Relevanz haben:

„Textsorten [sind] Klassen von Texten, die nach bestimmten von einer Textgrammatik zu liefernden graphetisch/graphemischen, phonetisch/phonemischen, syntaktischen und semantischen Merkmalen bzw. Merkmalsbündeln zu klassifizieren sind”.3 Textsorten sind „historisch gewordene, konventionalisierte, normhaft wirkende Muster sprachlichen Handelns [...], die als Bestandteil des Alltagswissens der Kommunikationsteilnehmer die einzelnen Handlungszüge kommunikativer Interkation vorkonstruieren und die Entscheidungsarbeit des Individuums im Zuge sozialen Handelns reduzieren”.4

Von der Lage-Müller fasst mit diesen Definitionen zusammen, dass ein Text das Resultat einer komplexen Handlung darstellt und die Textsorte sich dabei auf das Sprachliche im Handlungsprozess bezieht, alles gesamt nach einem Textmuster (in Anlehnung an Sandig, 1983) verlaufend.5 Es ist hervorzuheben, dass von konventionalisierten und normhaft wirkenden Mustern die Rede ist, die im Fall der Todesanzeige, wie wir im weiteren Verlauf der Arbeit sehen werden, heutzutage eine starke Veränderung bzw. einen individuellen Wandel erfahren. Untersuchungen zu Textsorten finden sich vorwiegend bei Typen dieser Art, wie z.B. die Todesanzeige, das Kochrezept, der Wetterbericht oder die Bedienungsanleitung. Ulla Fix bemängelt dabei den fehlenden Nutzen jener allgemeinen Untersuchungen, was ihrer Meinung auch den verbreiteten Unmut im Bereich der Textsortenforschung erklärt.6

Ein Wissen über Texte solcher Art mag für den Muttersprachler zum Alltagswissen gehören, für den Fremdsprachenlerner jedoch kaum nützliche Informationen bringen, sofern es sich nicht um Lebensläufe, wissenschaftliche Essays oder Briefelemente handelt, welche im persönlichen Kontext gebraucht werden können. Dennoch möchte ich behaupten, dass gerade aus soziolinguistischer Sicht der kontrastive Vergleich von Textsorten, wie z.B. der Todesanzeige, einen nicht unerheblichen Aufschluss über kulturelle Konventionen und Traditionen gibt. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll noch näher auf die kulturelle Bedingtheit von Texten eingegangen werden, um vor allem die Wichtigkeit zu betonen, einen Text im kulturellen Kontext zu lesen und zu verstehen.

2.1. Die Textsorte Todesanzeige

Ein interessanter Punkt, der bei der Untersuchung des Themas auftaucht, ist die Tatsache, dass für viele Menschen das Lesen der Todesanzeigen in der Tageszeitung zur alltäglichen Gewohnheit gehört. In der Tat kann ich diese Gewohnheit auch innerhalb meiner Familie beobachten. Wohnhaft in einer Kleinstadt Brandenburgs gehört das Recherchieren der Todesanzeigen ebenso zum Alltag wie der morgendliche Kaffee zum Frühstück. Die soziale Bedeutung jener Gepflogenheit steht außer Frage, man muss auf dem Laufenden bleiben und dazu gehört es eben auch zu wissen, wer nicht mehr Teil der Gemeinschaft ist.

Die TextsorteTodesanzeigeist in dem Bereich der ‘Anzeige’ zu verorten und führt zunächst zu einer genauen Betrachtung dieser Typologie, vor allem auch weil sich die Arbeit - mit Ausnahme der Anzeigen im Internet - auf Todesanzeigen in Tageszeitungen beschränkt und sich nicht näher mit anderen Formen der Trauer beschäftigt. Mit der Entwicklung von Tageszeitungen haben sich auch die Todesanzeigen in diesen entwickelt, die zuvor noch durch Leichenbitter persönlich und mündlich übermittelt wurden bzw. später als ‘Flugblätter’, mit den wichtigsten Eckdaten versehen, verteilt wurden.

Eine genaue Definition für die Anzeige zu finden, stellt ebenfalls wie beim Begriff der Textsorte eine große Problematik dar, da auch hier keine heterogenen Kriterien bestehen, die eine exakte Typologisierung zulassen. Unterscheiden können wir Anzeigen aber durchaus in ‘Geschäftsanzeigen’, ‘amtliche Anzeigen’, ‘Kleinanzeigen’ sowie ‘Familienanzeigen’ etc. In die letztere Rubrik fällt dann, neben Geburts- und Heiratsanzeigen auch die hier untersuchte Todesanzeige.7 Die weitreichenden Dimensionen der unterschiedlichen Anzeigetypen liefert eine mögliche Erklärung dafür, dass eine einheitliche Definition auch hier nicht zu erschließen ist. Tatsache ist, dass es sich um nichtredaktionelle, sondern vielmehr private Textsorten handelt, die eine Vielzahl von Erscheinungen und Variationen aufweisen und die Bekanntmachung einer Person oder Institution zur Funktion haben. Hinsichtlich der Bezeichnung des Anzeigentypus existieren verschiedene Begriffe, darunter auch der Begriff der Traueranzeige. In der Umgangssprache wird zwischen Todesanzeige und Traueranzeige kaum ein Unterschied gemacht. Sandig hingegen unterscheidet die beiden Begriffe hinsichtlich der verstorbenen Person (Todesanzeige)und den Hinterbliebenen (Traueranzeig).8 Die ‘klassische’ Todesanzeige unterliegt immer einem Ritual bzw. ist Teil eines Trauerrituals, welches die Bewältigung des Verlustes einer geliebten Person zur Funktion hat und Verwandte, Freunde, Arbeits- bzw. Teamkollegen, Vereinsmitglieder oder Sportkameraden, etc. mittels der Todesanzeige über das Ableben der Person informiert und in den meisten Fällen den Ort und das Datum für die Beerdigung bekannt gibt. Sie bedient sich dabei bereits erwähnter konventioneller Strukturen, wenngleich diese auch einem immer stärkeren Wandel unterliegen und Trauernde sich zunehmend davon loslösen. Heutzutage können Todesanzeigen jedoch auch meist als Brief der Trauernden an den Verstorbenen gelesen werden, womit die Anzeige dann mehr in die Rubrik Traueranzeige fällt, mit der die Hinterlassenen ihre Trauer zum Ausdruck bringen. Es sind genau diese Anzeigen, die sich von den Normen und Konventionen loslösen und sich um stetige Individualität in Gestaltung und Ausdruck bemühen.9 In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Todesanzeige verwendet, wenngleich eine Tendenz zu Traueranzeigen, wie sie oben definiert werden, zu verzeichnen ist, da die Begriffe undifferenziert benutzt werden.

3. Zur kulturellen Bedingtheit von Texten

Inwiefern ist ein Text kulturell bedingt bzw. wie muss man einen Text im kulturellen Kontext lesen? In diesem Abschnitt soll sich mit diesen Fragen beschäftigt werden, um später im kontrastiven Vergleich mögliche Unterschiede innerhalb der Todesanzeigen zu verstehen. Texte können in jeder Hinsicht linguistisch betrachtet werden, aber jeder Text hat auch eine soziale Funktion und muss somit auch immer als Teil der Sozialwissenschaften aber auch der Kulturwissenschaften werden.10 Die Definition sozialer Prozesse und somit die Veränderung sozialer Rollen sind neben anderen Funktionen entscheidende Merkmale von Texten. Das Loslösen von konventionalisierten Mustern innerhalb der Textsorte Todesanzeige spiegelt u.a. auch einen Wandel im Umgang mit der Thematik Sterben und Tod wieder und lässt somit Aufschlüsse über einen Entwicklungsprozess innerhalb der gegebenen Gesellschaft zu.

Texte können hinsichtlich ihrer Satzgliedstellung, Prosodie, Modalität, Illokution oder auf mentaler Ebene auf ihre Konzepte oder Propositionen u.v.m. untersucht werden. Mit dem gewonnenen Wissen über die inneren Merkmale des Textes lassen sich allerdings noch sehr wenige Rückschlüsse über mögliche Handlungszusammenhänge des Textes ziehen, d.h. über die soziale Perspektive des Textes.11 Bei den sogenannten äußeren Merkmalen von Texten geht es vor allem um die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz jener Texte bzw. der Begründung ihrer Gestaltung, also “warumsie so sind, wie sie sind” (Fix 2006, 255). Tradition und Identität sind in diesem Zusammenhang wichtige Begriffe, um den Text im gesamten Handlungsspektrum zu verstehen.

Der richtige Umgang mit Trauer, der adäquate Austausch wissenschaftler Erkenntnisse oder das Lösen praktischer Lebensprobleme wären ohne vorgegebene Textsorten und Muster, wie z.B. der Todesanzeige, dem Essay oder der Gebrauchsanweisung wahrscheinlich kaum bis gar nicht vorstellbar und berechtigen somit die Existenz jeder einzelnen Textsorte in Hinblick auf ihren Nutzen. Doch auch wenn es sich bei Textsorten jeglicher Art um Selbstverständlichkeiten des Alltags handelt, müssen diese immer gebunden an eine Gemeinschaft und deren Weltbezug betrachtet werden. Eine Erschließung spezifischer Textsorten ist also auch immer nur in Zugehörigkeit an ihre Gemeinschaft und deren Kultur möglich. Auch wissen wir, dass nicht alle Textsorten in allen Kulturen vorhanden sind. Hier sei das Beispiel der Kontakt- bzw. Heiratsanzeige genannt, von welcher wir ausgehen können, dass sie in Kulturgemeinschaften, in denen Ehen durch die Familien arrangiert werden, nicht existieren werden. Und andersrum gibt es ein und dieselbe Textsorte in verschiedenen Kulturen, jedoch in unterschiedlichen Ausprägungen oder Formen. Im Fall der Textsorte Todesanzeige wird es in der Arbeit hauptsächlich um eben solche unterschiedlichen Ausprägungen gehen, denn innerhalb der untersuchten Länder im europäischen Raum sind sie ausnahmslos überall vorhanden.

4. Die Todesanzeige als kulturelle Konvention

Die Todesanzeige in der Tageszeitung - und somit zugänglich für die Öffentlichkeit - gibt es nachweislich bereits seit dem 18. Jahrhundert, wenngleich diese weniger durch die Familie realisiert wurde, sondern sie, abgedruckt im Wirtschaftsteil der Zeitung, über mögliche geschäftliche Veränderungen informieren sollte, die der Tod einer Person verursachte.12 Erst später wurde der Todesanzeige eine eigene Rubrik im Tagesblatt eingeräumt, unter derer Familien nach konventionellen Mustern den Tod eines geliebten Menschen bekanntgaben, sowie den Ort und das Datum der Beerdigung. Nach einem theoretisch einführenden Teil der Arbeit, soll in den folgenden Kapiteln die Todesanzeige im kontrastiven Vergleich untersucht werden. Von der Lage-Müller (1995) und Eckkrammer (1996) stellen mit ihren Arbeiten zwei wichtige Quellen bei dieser Untersuchung dar, die jeweils beide in ausführlicher Art und Weise repräsentative Korpusanalysen vorgenommen haben. Während von der Lage-Müller

[...]


1 Vgl. Pöckl (1997), S. 7.

2 Vgl. von der Lage-Müller (1995), S. 10.

3 Ermert, zitiert nach: von der Lage Müller (1995), S. 12.

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. von der Lage-Müller (1995), S. 58.

6 Vgl. Fix (2001), S. 21.

7 Vgl. von der Lage-Müller (1995), S. 22.

8 Vgl. Sandig (1983), S.96.

9 Vgl. Fix (2001), S. 196.

10 Vgl. Kvam (2010), S. 8.

11 Vgl. Fix (2006), S.255.

12 Vgl. Eckkrammer (1996a), S. 13.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Normen und Konventionen in Todesanzeigen. Ein kontrastiver Vergleich der Textsorte Todesanzeige
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V453496
ISBN (eBook)
9783668872134
ISBN (Buch)
9783668872141
Sprache
Deutsch
Schlagworte
normen, konventionen, todesanzeigen, vergleich, textsorte, todesanzeige
Arbeit zitieren
Silvana Borchardt (Autor), 2018, Normen und Konventionen in Todesanzeigen. Ein kontrastiver Vergleich der Textsorte Todesanzeige, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/453496

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