Die WTO steht vor einer neuen großen Handelsrunde. Die Ministerkonferenz in Qatar im November 2001 bildete den Auftakt hierzu. Bei einer näheren Betrachtung der WTO sticht jedoch die Diskrepanz der liberalen Freihandelstheorie einerseits und der weltwirtschaftlichen Realität andererseits ins Auge.
Arbeit und Funktionsweise der WTO können unter vielfältigen Gesichtspunkten betrachtet werden. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf der ökonomischen Theorie und Praxis legen. Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt darin, ob die WTO tatsächlich dem Freihandel zur Durchsetzung verhelfen kann oder ob nicht die Handelsinteressen einiger weniger Staaten und Zollunionen diesen zu einem legalisierten Protektionismus verfälscht haben. Zur Untersuchung dieser Fragestellung dient die folgende Hypothese:
Die WTO als internationale Institution ermöglicht durch ihre Prinzipien und Funktionsweise reibungslosen weltweiten Freihandel und erhöht so die Wohlfahrt aller Länder.
Nach dem formalen Beweis der positiven Wirkungen von Freihandel wird untersucht, inwiefern die WTO-Prinzipien weltweiten Freihandel ermöglichen. Der Vergleich mit der weltwirtschaftlichen Realität wird jedoch die Grenzen dieser Möglichkeiten aufzeigen.
Es wird sich letztendlich erweisen, daß die WTO-Prinzipien zwar begrüßenswert sind, international aber aufgrund der Blockadepolitik der großen Handelsnationen und der EU in Wirklichkeit Protektionismus zwischen den USA, der EU und Japan einerseits und dem Rest der Welt andererseits herrscht. Ein abschließender Ausblick zeigt die Reformbedürftigkeit der WTO und Chancen für die Durchsetzung einer Reform auf.
Gliederung
1. Erkenntnisinteresse und These
2. Ökonomische Begründung des Freihandels
2.1 Die Außenhandelstheorie Ricardos
2.2 Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse
3. Prinzipien und Funktionsweise der WTO
3.1 Motivation und Ziele des GATT
3.2 Prinzipien der WTO für weltweiten Freihandel
3.2.1 Meistbegünstigung
3.2.2 Inländerprinzip
3.2.3. Reziprozität
3.2.4 Förderung der Entwicklungsländer
3.2.5 Förderung des Umweltschutzes
4. Die weltwirtschaftliche Realität
4.1 Kritik der liberalen Theorie
4.2 Juristische Probleme des GATT
4.3 Staatsdirigismus bei Ökonomien in Transformation
4.4 Handelsinteressen der USA
4.5 Der Protektionismus der EU und Südostasiens
4.6 Von der WTO selbst legalisierter Protektionismus
4.7 Diskriminierung der Entwicklungsländer
4.8 Handel mit Dienstleistungen und E-Commerce
5. Fazit und Ausblick
5.1 Ablehnung der These
5.2 Ausblick: Reformbedürftigkeit der WTO
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen der liberalen Freihandelstheorie und der weltwirtschaftlichen Realität mit dem Ziel zu klären, ob die Welthandelsorganisation (WTO) tatsächlich Freihandel fördert oder ob sie als Deckmantel für nationalen Protektionismus dient.
- Theoretische Grundlagen des Freihandels (Ricardo)
- Funktionsweise und Prinzipien der WTO
- Kritik an der liberalen Theorie und juristische Defizite des GATT
- Handelspolitischer Protektionismus der führenden Wirtschaftsmächte (Triade)
- Herausforderungen durch Dienstleistungen und Transformationsökonomien
Auszug aus dem Buch
2.2 Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse
Wohlfahrtstheoretisch ist Freihandel immer zu begrüßen, da er die Wohlfahrt sowohl im Inland wie im Ausland erhöht und kompetitive Weltmarktpreise sicherstellt. Ein Zoll, gleich welcher Ausgestaltung, wirkt jedoch hemmend auf den freien Handel.
Die ökonomische Wirkungen eines Zolls ist wie folgt: Der durch freien Handel und Wettbewerb aller sich bildende Weltmarktpreis (d.h. der bei internationaler freier Kompetition zu zahlende Preis für ein Gut) ist jetzt nicht mehr identisch mit dem Inlandspreis. Letzterer wird nämlich künstlich nach oben gesetzt durch den Zoll, der an der Landesgrenze auf das Produkt zu zahlen ist. Die Produzenten bezahlen zwar zunächst den Zoll, geben ihre Aufwendungen aber über den Preis des Gutes direkt an den Konsumenten weiter. Der Preis im Inland steigt also um den realen Wert des Zolls. Durch diese Verteuerung werden die Konsumenten weniger vom ausländischen Gut nachfragen, die Importe sinken somit.
Die inländischen Produzenten jedoch haben nun einen Wettbewerbsvorteil: Obwohl ihre Produktion längst nicht so effizient ist und sie niemals zu Weltmarktpreisen anbieten könnten, hat der Zoll den Preis für das ausländische Gut so weit erhöht, daß das ineffiziente inländische Produkt für die Konsumenten billiger ist als das ausländische Produkt. Gleichzeitig sind die Importe zurückgegangen. Also werden die inländischen Produzenten mehr produzieren, um den Nachfragerückgang zu kompensieren - obwohl sie diese Produktionsmenge auf dem freien Weltmarkt niemals absetzen könnten! Es kommt also zu einer künstlichen Ausweitung der Produktion und zum Aufbau ineffizienter Überkapazitäten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Erkenntnisinteresse und These: Es wird die Hypothese aufgestellt, dass die WTO durch Interessenspolitik der großen Handelsnationen zu einem legalisierten Protektionismus verkommt.
2. Ökonomische Begründung des Freihandels: Dieses Kapitel erläutert die Theorie der komparativen Kostenvorteile nach Ricardo und zeigt die wohlfahrtsmindernde Wirkung von Zöllen auf.
3. Prinzipien und Funktionsweise der WTO: Hier werden die zentralen GATT-Prinzipien wie Meistbegünstigung, Inländerprinzip und Reziprozität als Instrumente des Freihandels vorgestellt.
4. Die weltwirtschaftliche Realität: Eine kritische Analyse zeigt auf, wie durch juristische Schlupflöcher und nationale Interessen das Freihandelsideal in der Praxis unterwandert wird.
5. Fazit und Ausblick: Die ursprüngliche Hypothese wird bestätigt; die WTO erweist sich aufgrund fehlender Sanktionsmacht als machtlos gegenüber den Interessen der Industrienationen.
Schlüsselwörter
WTO, GATT, Freihandel, Protektionismus, Ricardo, komparative Kostenvorteile, Zölle, Meistbegünstigung, Inländerprinzip, Reziprozität, Triade, Welthandel, Handelshemmnisse, Dienstleistungssektor.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch das Spannungsfeld zwischen den liberalen Freihandelsprinzipien der WTO und der tatsächlichen, protektionistisch geprägten Außenhandelspolitik der großen Industrienationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Theorie des Freihandels, die Funktionsweise der WTO-Prinzipien, Handelskonflikte im Agrar- und Textilsektor sowie der Einfluss von Interessenpolitik auf das internationale Recht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Prüfung der Hypothese, ob die WTO tatsächlich als Motor für Freihandel fungiert oder ob sie Handelsinteressen einiger mächtiger Staaten zu einem legalisierten Protektionismus verfälscht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deduktive Herleitung basierend auf ökonomischer Theorie (Ricardo) vorgenommen, die anschließend mit der politischen Realität und aktuellen Fallbeispielen vergleichend analysiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung des Freihandels, eine detaillierte Erläuterung der WTO-Prinzipien und eine tiefgehende Kritik an der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis im Welthandel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Freihandel, WTO, Protektionismus, komparative Kostenvorteile, Meistbegünstigung und Interessenspolitik geprägt.
Welche Rolle spielen die USA, die EU und Japan in dieser Analyse?
Der Autor bezeichnet diese als "Triade", deren überragende wirtschaftliche Macht dazu genutzt wird, durch Ausnahmeregelungen und Blockadepolitik eigene wirtschaftliche Interessen gegenüber dem Rest der Welt durchzusetzen.
Warum hält der Autor die WTO für reformbedürftig?
Da die WTO keine Sanktionsmöglichkeiten gegen souveräne Nationalstaaten besitzt, bleibt ihr Regelwerk bei Interessenkonflikten oft wirkungslos, was zu einer Aushöhlung des internationalen Rechts führt.
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- Marcus Matthias Keupp (Author), 2002, Die WTO - Weltweiter Freihandel oder nationaler Protektionismus?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4539