Bildungsprozesse an berufsbildenden Schulen basieren auf dem Ansatz des Lernfeldkonzepts, welches handlungsorientiert ausgerichtet ist. Im Kontext der Pflege stellt sich die Frage, wie handlungsorientiert für die Pflegeausbildung zu deuten ist. Denn zugleich besteht eine defizitäre Berufspraxis und es werden von den Berufsverbänden politische Forderungen nach einer Personaluntergrenze bzw. Personalmindestbesetzung laut. Der pflegeberufliche Alltag ist geprägt von der Normalitätstendenz strukturell regelverletzender Abläufe, wobei dies als ein konstitutives Merkmal der Pflegepraxis und Teil der beruflichen Sozialisation gilt. Kersting (2013) erkennt in der Pflegepraxis einen unauflösbaren Widerspruch, der aus einen Norm-Funktionskonflikt erwächst. Um in diesen Konflikt handlungsfähig zu bleiben, gehen Pflegende einen Prozess der moralischen Desensibilisierung ein (Coolout-Phänomen).
Vor diesem Hintergrund offenbart sich für die Pädagogik ein Dilemma. Denn neben der Aufgabe Handlungskompetenz anzubahnen, gilt es letztlich auch die Frage zu stellen, welchen Beitrag kann Pädagogik leisten, um die defizitär angelegte Pflegepraxis kritisch und konstruktiv verändern zu können, ohne den Verlust ethisch moralischen Handelns.
Daher fokussiert diese Arbeit eine kritisch-konstruktive Kompetenzanbahnung, um für die beschriebene Pflegepraxis zu sensibilisieren. Insbesondere werden die Aspekte der kritischen Auseinandersetzung und der Generierung ethisch- moralischen Handelns in konkreten Pflegesituationen näher erläutert. Hierfür wird umfassend auf die Coolout-Theorie nach Kersting (2002, 2016a) sowie die Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas (1981) eingegangen, um didaktisch und methodische Konsequenz abzuleiten.
Daran aufbauend wird eine umfassende Analyse der kritisch - konstruktiven Pflegelernfelddidaktik nach Wittneben (2003) vorgenommen, um eine methodische Konstruktion bildungstheoretisch fundieren zu können. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, wie die Fallorientierte Didaktik zur kritisch- konstruktiven Kompetenzanbahnung beitragen kann. In diesem Rahmen findet eine ausführliche Betrachtung von Konstruktionsmerkmalen von Fällen und fallbezogener Verfahren statt, um ferner die gewonnen Aspekte auf die kritisch- konstruktive Kompetenzanbahnung zu transferieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Begriffsklärungen
2.1.1 Kompetenz
2.1.2 Reflexionskompetenz
2.1.3 Urteilskompetenz
2.1.4 Kritisch und Konstruktiv
2.2 Ethik in der Pflegeausbildung
2.2.1 Begriffsklärung
2.2.2 Ethische Prinzipien nach Rabe (2009)
2.2.3 Ethik im Pflegeunterricht
2.3 Theoretischer Hintergrund
2.3.1 Coolout-Studien nach Kersting (2002, 2016a)
2.4 Theorie des Kommunikativen Handelns nach Habermas (1981)
2.5 Bildungstheoretischer Hintergrund
2.5.1 Kritisch-konstruktive Didaktik nach Klafki (1985)
2.5.2 Kritisch-konstruktive Pflegelernfelddidaktik nach Wittneben (2003)
2.5.3 Fallorientierte Didaktik in der Pflegeausbildung
3. Forschungsfrage
4 Methodik
5 Ergebnisse
5.1 Didaktische Perspektive
5.1.1 Didaktische Perspektive nach Wittneben
5.1.2. Didaktische Perspektive der Fallorientierten Didaktik
5.1.3 Anzubahnende Kompetenzdimensionen
5.2 Konstruktionsmerkmale eines Falls und fallbezogenes Verfahren
5.2.1 Falldarstellung-Inhalte und Konstruktionsmerkmale
5.2.2. Fallbezogenes Verfahren
5.3 Exemplarische Darstellung
5.3.1 Exemplarische Herleitung einer Lernsituation
6. Diskussion
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht, wie durch eine gezielte Fallkonstruktion und ein strukturiertes Bearbeitungsverfahren kritisch-konstruktive Kompetenzen in der Pflegeausbildung angebahnt werden können, ohne dabei ethisch-moralische Prinzipien zu vernachlässigen.
- Analyse des "Coolout-Phänomens" als moralischer Desensibilisierungsprozess in der Pflegepraxis.
- Erweiterung des heuristischen Modells der multidimensionalen Patientenorientierung nach Wittneben.
- Einsatz der fallorientierten Didaktik zur Förderung der Reflexions- und Urteilskompetenz.
- Integration der Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas als didaktische Grundlage.
- Entwicklung eines kritisch-konstruktiven Fallbearbeitungsprozesses für die pflegepädagogische Unterrichtspraxis.
Auszug aus dem Buch
2.3.1.2.1 Reaktionsmuster: Idealisierung falscher Praxis
Den Probanden des Reaktionsmusters „Idealisierung falscher Praxis“ (Kersting,2013, S.170) ist der Norm- und Funktionskonflikt deutlich bewusst. Es werden vielfältige Strategien gesucht, um den Norm- Funktionskonflikt entgegenzuwirken. Denn ohne aktives Engagement für die gute Pflege kommt es zur Realisierung funktionaler Prinzipien. Jedoch orientieren sich die Probanden bei der Entwicklung von Lösungsstrategien unbewusst an der funktionalen Pflege. Die Gestaltung und Organisation des pflegerischen Handelns orientiert sich stets an der funktionalen Pflege (ebd.). Durch diesen Trugschluss vertreten sie die Ansicht trotz der wirtschaftlichen Anforderungen den Normativen Anspruch zu erfüllen, „falsche Praxis wird idealisiert“ (ebd., S.184)
Ergebnis der Pflege-Studien (2002):
Insgesamt 14 Lernende einer Gesundheits- und Krankenpflegeklasse zeigen kreative Verhaltensmuster die den Norm-Funktionskonflikt praktisch bearbeiten, um den normativen Anspruch zu gewährleisten (Kersting,2013). Es können eine Vielzahl von Bewältigungsmustern beschrieben werden, die in der vorliegenden Arbeit nicht alle dargestellt werden können. Nachfolgend werden exemplarisch zwei Verhaltensweisen aufgezeigt, die das Reaktionsmuster besonders verdeutlichen.
Die Verhaltensstrategie Empathie und Priorisierung von Aufgaben ist für Pflegende wichtig, da es sie unterstützt zwischen den Aufgaben abzuwägen. Eine sachliche Begründung bleibt jedoch offen, vielmehr werden Entscheidungen auf Basis des knappen Zeitfensters getroffen, um der funktionalen Pflege gerecht zu werden. Eine Priorisierung beinhaltet auch immer Abstriche an Maßnahmen vorzunehmen, die jedoch für den gesamtbetrachteten Pflegekontext wichtig sind. Eine weitere typische Strategie ist die Kompromissbildung, um die normativen und wirtschaftlichen Anforderungen zu vereinbaren. Oftmals werden Pflegetechniken oder administrative Aufgaben schneller erledigt. Diese Strategie unternimmt vorrangig Abstriche an der normativen Pflege, da nur einseitige Zugeständnisse gemacht werden (Kersting,2013).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Widerspruch in der Pflegepraxis zwischen normativen Ansprüchen und ökonomischen Zwängen und skizziert die Notwendigkeit kritisch-konstruktiver Kompetenzanbahnung.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert zentrale Begriffe wie Kompetenz, Ethik, das Coolout-Phänomen, die Theorie des kommunikativen Handelns sowie didaktische Ansätze von Klafki und Wittneben.
3. Forschungsfrage: Die Forschungsfrage befasst sich mit der methodischen Konstruktion einer Falldarstellung zur Anbahnung kritisch-konstruktiver Kompetenzen.
4 Methodik: Der methodische Teil beschreibt die systematische Literaturrecherche, die zur Fundierung der Arbeit und zur Beantwortung der Forschungsfrage durchgeführt wurde.
5 Ergebnisse: Die Ergebnisse präsentieren eine Modifikation des Modells der multidimensionalen Patientenorientierung und leiten einen kritisch-konstruktiven Fallbearbeitungsprozess ab.
6. Diskussion: Im Diskussionsteil werden die gewonnenen Erkenntnisse kritisch reflektiert und auf ihre praktische Anwendbarkeit in der Pflegeausbildung hin bewertet.
7 Fazit: Das Fazit fasst die Relevanz der entwickelten Fallkonstruktion für die Unterrichtspraxis zusammen und unterstreicht das Ziel der moralischen Sensibilisierung.
Schlüsselwörter
Kritisch-konstruktive Kompetenz, Pflegeausbildung, Coolout-Phänomen, Patientenorientierung, Fallorientierte Didaktik, Ethik in der Pflege, Reflexionskompetenz, Urteilskompetenz, Norm-Funktionskonflikt, Pflegewirklichkeit, Handlungskompetenz, Didaktik, Kommunikation, Habermas, Klafki.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Pflegeauszubildende in der Schule befähigt werden können, die defizitäre Pflegewirklichkeit kritisch zu hinterfragen und dennoch ethisch-moralisch professionell zu handeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Pflegeethik, die Coolout-Theorie nach Kersting, Theorien des kommunikativen Handelns sowie didaktische Konzepte zur Fallarbeit in der Pflege.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist die Entwicklung eines didaktisch fundierten Fallbearbeitungsverfahrens, das Lernenden hilft, den unauflösbaren Widerspruch zwischen normativen Pflegeansprüchen und funktionalen Arbeitszwängen zu erkennen und handlungsorientiert zu bearbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturanalyse, die theoretische Konzepte mit empirischen Studien (z.B. den Coolout-Studien) verknüpft, um daraus ein methodisches Modell für den Pflegeunterricht abzuleiten.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen, diskutiert die Coolout-Theorie im Kontext des Pflegealltags und stellt einen detaillierten, kritisch-konstruktiven Fallbearbeitungsprozess vor.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Kritisch-konstruktive Kompetenz, Pflegewirklichkeit, Norm-Funktionskonflikt, Patientenorientierung und Fallorientierte Didaktik sind die tragenden Konzepte.
Inwiefern spielt das Coolout-Phänomen für die Lernenden eine Rolle?
Das Coolout-Phänomen beschreibt die moralische Desensibilisierung. Die Arbeit zeigt auf, wie Lernende durch das Erkennen dieser Mechanismen aus der Erstarrung der Normalitätstendenz gelöst werden können.
Wie unterscheidet sich der neue Fallbearbeitungsprozess von herkömmlichen Methoden?
Er integriert explizit die Reflexion der Pflegewirklichkeit und den Norm-Funktionskonflikt, wodurch Lernende nicht nur Entscheidungen treffen, sondern diese kritisch gegenüber gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen rechtfertigen müssen.
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- Konstanze Gutknecht (Author), 2018, Fallkonstruktion, Bearbeitung und didaktische Ausrichtung für die Anbahnung kritisch-konstruktiver Kompetenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454013