Die Funktion der List in den Mären des Strickers


Hausarbeit, 2017
13 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die List in den Mären des Strickers
2.1 Ehestandsmären
2.1.1 Der kluge Knecht
2.1.2 Das heiße Eisen
2.1.3 Der begrabene Ehemann
2.1.4 Der Gevatterin Rat
2.2 Andere Märentypen
2.2.1 Der arme und der reiche König

3 Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Der Stricker war ein Dichter im 13. Jahrhundert, vom dem, nach der Definition von Hanns Fischer, 16 Mären überliefert wurden. Laut Hanns Fischer

„ist das Märe eine in paarweise gereimten Viertaktern verifizierte, selbstständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren […] Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichem Aspekt betrachtete, mit ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichem Personal vorgestellte Vorgänge sind.“1

In den Mären des Strickers werden soziale Beziehungen betrachtet, in denen Konfliktsituationen vorgeführt werden, die meistens auf einem Verstoß gegen die gottesgewollte Ordnung beruhen, was zeigt, dass das christliche Weltbild des Mittelalters „stets die Bedingung seiner literarischen Arbeit“2 bleibt. Die Konflikte werden dann durch das Wiederherstellen der Ordo geklärt, was entweder durch das Eingreifen Gottes, dies passiert aber eher seltener, oder durch Klugheit einer oder mehrerer handelnder Personen geschieht3. Wenn der Konflikt nicht geklärt wird, und die Ordo nicht wiederhergestellt wird, endet das Märe in einer Katastrophe, manchmal sogar im Tod des Unterlegenen, wie im Märe „Der begrabene Ehemann“.

Seine Mären haben immer einen unterhaltenden und einen didaktischen Aspekt und sind „in der Regel mit einer ausdrücklichen Nutzanwendung versehen“4. Ort und Zeit in der die Geschichte spielt, sind unbekannt und die Personen in den Mären des Strickers sind typisiert, das heißt, ihr Charakter wird auf einen Aspekt heruntergebrochen. Sie entwickeln sich nicht weiter und brechen nicht aus ihrem Schema heraus. Man erfährt zum Anfang der Märe meist nur, ob sie Mann oder Frau sind, und eventuell noch ihren Beruf, wie im Märe „Der Kluge Knecht“: Hœret, waz einem manne geschach, / an dem sîn êlich wîp zerbrach / beide ir triuwe und ir reht. / der hâte einen gevüegen kneht 5 (NdM S. 10, V. 1-4). Durch die Typisierung der Figuren in den Mären erfolgt eine Generalisierung des konkreten Falls, sodass die Strickerschen Mären die Fähigkeit verlangen, im Konkreten das Allgemeine erkennen zu können6.

In vielen der Mären wird von einer oder mehreren der handelnden Figuren eine List verwendet, um an ihr Ziel zu kommen. Gegenstand dieser Arbeit soll es nun sein, die Funktion der List in den Mären des Strickers herauszuarbeiten, indem mehrere Mären des Strickers betrachtet werden.

2 Die List in den Mären des Strickers

Um die Funktion der List zu untersuchen, sollten die beiden Begriffe zunächst definiert werden. Ich verwende eine Definition nach dem Duden, laut dem eine List ein Mittel ist, mit dessen Hilfe jemand (andere täuschend) etwas zu erreichen sucht, was er auf normalem Wege nicht erreichen könnte7. Eine Funktion ist nach dem Duden eine Tätigkeit oder eine Aufgabe innerhalb eines größeren Zusammenhangs8.

2.1 Ehestandsmären

Die meisten Mären des Strickers behandeln Themen zwischen Mann und Frau, wobei wir bei ihm nicht den erotischen Schwank finden. Ihm geht es um die „Ehe als soziale Ordnung […], die durch Torheit gestört, durch Klugheit gewahrt oder wiederhergestellt werden kann“9.

2.1.1 Der kluge Knecht

Das Märe vom klugen Knecht handelt von einem Bauern, dessen Frau ein Verhältnis mit dem Pfarrer beginnt, ohne dass er davon ahnt. Sie stellt sich außerdem über ihn, und sagt ihm, was er zu tun hat und verweigert ihm sogar zuweilen Speise und Nachtruhe, um sich mit ihrem Geliebten treffen zu können. Dadurch wird sie ihrer Rolle als Ehefrau nicht gerecht, und begeht einen Ordo-Verstoß. Sein Knecht allerdings, der sie beobachtete, weiß von dem Verhältnis, wollte seinem Herrn aber nicht davon erzählen, aus Furcht, er würde im gehaz (NdM S. 10, V. 10). Daher entsinnt er eine List, mit der er seinen Herrn „mit solcher Geschicklichkeit dazu führt, eine kompromittierende Situation selbst zu durchschauen, dass er in seiner Herren-Rolle unangetastet bleibt“10.

Eines Tages behauptet der Knecht, nach dem Aufbruch mit dem Bauern, dass er seine Handschuhe vergessen habe, und wieder zurück müsse, um sie zu holen. Er läuft zurück, kehrt aber nicht zum Bauern zurück, sondern versteckt sich in einem Zimmer und wartet darauf, dass sein Herr heimkehrt. Der Bauer kehrt zurück, als seine Frau und ihr Geliebter noch beim Essen sitzen. Sie muss die Sachen schnell wegräumen und den Pfarrer verstecken, damit ihr Mann nichts bemerkt. Der Knecht aber beobachtet genau, was die Frau wo versteckt. Die List des Knechtes besteht nun darin, dass er die Aufklärung des Bauern über die Treulosigkeit seiner Frau in eine Tierfabel kleidet, um seinem Herrn die Beweise nach und nach zu zeigen. Dadurch bewahrt er die Ehre des Bauern und stellt die Ordnung wieder her, ohne dass das Machtverhältnis zwischen ihm und seinem Herrn gestört wird.

kündikeit hât grôzen sin.

er erwirbet valschen gewin,

der si mit valsche zeigt,

der hâr sîn lop geveiget. (NdM S. 26, V. 311-314)

Durch die List des Knechtes wird die Wahrheit über das Verhältnis seiner Frau mit dem Pfarrer so aufgedeckt, dass der Bauer sie gleich erkennt, und die Frau ihre Untreue nicht mehr leugnen kann. Hätte der Knecht dem Bauern die Wahrheit nur erzählt, hätte sie die Vorwürfe zurückweisen können, und mit Hilfe des Pfarrers dafür sorgen können, dass ihr Mann die Wahrheit nie erkennt, sondern den Knecht für seine Bösartigkeit, Lügen über seine Frau zu verbreiten, gehasst hätte. Doch daz war allez hingeleit / mit einer gevüegen kündikeit (NdM S. 28, V. 335f), sodass der Knecht mit seiner List sein hovelîcher site (NdM S.28, V. 316) zeigen und sich als der Überlegene behaupten kann.

Die List, die der Knecht anwendet, hat in diesem Märe also zwei Funktionen: Sie soll erstens die Ordo in der Ehe seines Herrn wiederherstellen und zweitens zeigen, dass der Knecht seine Klugheit mit Verstand ausübt, sodass das Machtverhältnis zwischen ihm und dem Bauern nicht gestört wird, wodurch er sein vornehmes Handeln zeigt, und seine kündikeit nicht zu seinem eigenen Vorteil nutzt, um Macht über den Bauern zu bekommen, was seinen Ruf zugrunde gerichtet hätte.

2.1.2 Das heiße Eisen

Das Märe vom heißen Eisen beginnt mit den unbegründeten Zweifeln einer Frau an der Treue ihres Ehemannes, obwohl er schwört, dass er sie über alles liebt, und keine andere Frau als sie begehrt. Da ihr die Versicherung seiner Liebe in Worten nicht ausreicht, fordert sie von ihm, dass er als Zeichen, dass er für sie alles tun würde und damit auch als Zeichen seiner Treue, ein heißes Stück Eisen in der Hand hält. Dadurch, dass die Frau ihrem Mann nicht glaubt, begeht sie einen Ordo-Verstoß, da sie sich über ihn stellt und von ihm einen Beweis will, obwohl ihr seine Worte reichen sollten. Er stimmt aber ihrer Bedingung zu, und lässt damit den Ordo-Verstoß zunächst zu, versteckt aber ein Stück Holz in seinem Ärmel, sodass er mit dem heißen Eisen nicht in Berührung kommt.

Nu sol got wîsen,

daz dir mîn lîp noch mîn gedanc

noch nie getet deheimen wanc

und dir ie was mit triuwen mite. (NdM S. 48, V. 76-79)

Der Mann nutzt also den Glauben seiner Frau an ein Gottesurteil aus und nachdem er ein paar Schritte gelaufen ist, legt er das Eisen wieder hin, versteckt das Stück Holz und zeigt seiner Frau seine unversehrte Hand. Als seine Frau dies sieht, ist sie ohne Zweifel, dass dies ein Zeichen Gottes für sein untadeliges Verhalten sei.

Als ihr Ehemann sie nun seinerseits prüfen will, wodurch er ihre Provokation gegen sie richtet, gesteht sie vor Angst ein, dass sie mehrere Geliebte hatte, um das heiße Eisen nicht tragen zu müssen. Doch der Mann lässt nicht nach, und sie verbrennt sich ihre Hand so stark, dass sie unbrauchbar ist. Als seine Frau sich nicht von ihm verbinden lassen will, da ihre hant sô gar verbrant [ist], / daz si [ir] nu niemer mê / ze nutze werden mac als ê. (NdM S. 54, V. 82ff), wobei man ihre verbrannte Hand als Symbol für ihre zerstörte Ehe sehen kann, in der kein Vertrauen mehr herrscht, hasst sie ihr Mann, da ihr anscheinend nichts daran liegt, ihre Ehe zu retten. Sie wird also „nicht bestraft, weil sie die Treue ihres Mannes auf die Probe stellt, sondern weil sie durch ihre eigene Untreue das Recht zu einem solchen Ansinnen verwirkt hat“11.

Da der Ehemann nicht an Gottesurteile glaubt, genügt es ihm, das Formale der Probe zu erfüllen, auch wenn ihm dies nur mit einer List gelingt12. Durch die List, sich einen Holzspan in den Ärmel zu stecken, gelingt es ihm, eine eigentlich unmögliche Probe zu bestehen und somit die Ordo in ihrer Ehe wiederherzustellen, da er sich dadurch als der Überlegene behauptet. Außerdem zeigt er sich als gütiger Ehemann, da er seiner Frau drei Geliebte verzeiht. Seine Frau hingegen wird mit „Schande und Verlust von ehelicher Liebe [für] die Zumutung eines Gottesgerichts“13 bestraft, da ihre Ehe letztendlich zerbricht. Der Stricker zeigt hier, wie sich „ein törichter Mensch […] in der eigenen Schlinge fängt, die der kündige schlau vermeidet“14, was die List des Ehemanns, der sich hier als der kündige herausstellt, möglich macht.

2.1.3 Der begrabene Ehemann

Das Märe vom begrabenen Ehemann beginnt mit einer überschwänglichen Liebeserklärung eines Ehemannes an seine Frau. Mit der Aussage: du möhtest mir niemer so holt / werden, als ich dir bin. (NdM S. 30, V. 6f) unterwirft er sich seiner Frau und zerstört so die gottesgewollte Ordnung. Die Frau ist sich ihrer Macht bewusst und nutzt diesen Ordo-Verstoß zu ihrem Vorteil. Sie verlangt von ihrem Mann, dass er ihr alles glauben soll, was sie sagt, und ihr niemals widersprechen soll. Im weiteren Verlauf des Märes testet die Frau immer wieder, ob ihr Mann ihr wirklich alles glaubt, und so handelt, wie sie es von ihm verlangt. Er widerspricht ihr nach einem Fehler, wonach sie ihm droht, ihn zu verlassen, da sie sich seiner Liebe nicht mehr sicher sein kann, wenn er ihr nicht alles glaubt, denn

-nu was er des muotes sô arm,
-daz er dâ wider niht ensprach,
-wan er sich aber des versach,
-daz er ir hulde verlür. (NdM S. 36, V. 118-121)

Am Ende kommt es zum Tod des Mannes, nachdem seine Frau ihm versichert hat, dass er schwer krank war und gestorben ist, während er gesund vor ihr liegt. Ihr Ehemann denkt immer noch, dass sie ihn testet und spielt ihr Spiel weiter mit:

Des twanc in zweier hande nôt:

daz si imz sô wol bôt

und ouch daz nie dahein man

ein wîp sô rehte liep gewan. (NdM. S. 40, V. 191-194)

Er spielt ihr Spiel so bereitwillig mit, dass sie ihn gar nicht mehr dazu drängen muss, denn er wolde an allen dingen / ir willen volbringen (NdM S. 40, V. 189f). Erst als sie ihn mit Hilfe ihres Liebhabers, des Priesters, lebendig begraben lässt, erkennt er die Wahrheit, doch es ist zu spät, und der Pfaffe bezeichnet seine Hilferufe als die Schreie des Teufels, der in ihm wohne. Der Stricker zeigt am Ende, dass er der Meinung ist, dass der Ehemann diese Strafe für sein unangemessenes Verhalten verdiene, indem er sagt: Den schaden muose er des haben, / daz er satzte ein tumbez wîp / ze meister über sînen lîp (NdM S. 42, V. 246ff).

Die List, die die Ehefrau in diesem Märe benutzt, äußert sich in ihrer Ausnutzung der bedingungslosen Liebe ihres Mannes, die ihn ohne Widerrede alles tun lässt, was sie verlangt. Da der Mann seiner Frau vertraut und denkt, dass sie ihn niemals betrügen würde, glaubt er ihr bis zum Schluss, dass alles nur ein Test ist. Als sie sich in den Priester verliebt, und ihres Mannes überdrüssig wird, nutzt sie ihre Macht, um ihn endgültig loszuwerden.

Mit ihrer List behauptet sich die Ehefrau über ihren dummen Ehemann, der sich bis zu seinem Tod ausnutzen lässt und ihr wahres Gesicht bis zum Ende nicht erkennt oder nicht erkennen will. Er ist nicht in der Lage, die Ordo wiederherzustellen, sondern unterwirft sich seiner Frau immer weiter, bis das Märe in einer Katastrophe, seinem Tod, endet.

[...]


1 Fischer, Hanns: Studien zur deutschen Märendichtung. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage besorgt von Johannes Janota. Tübingen: Niemeyer 1883. S. 62f.

2 Ehrismann, Otfrid: Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden im Mittelalter. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011. S. 64. Im Folgenden benannt als: Ehrismann 2011.

3 Deutsche Dichter. Band 1. Mittelalter. Stuttgart: Reclam 1989. S. 304.

4 Helmut de Boor: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Erster Teil. 1250-1350. 5. Auflage, neubearbeitet von Johannes Janota. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1962. (=Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Dritter Band.) S. 205. Im Folgenden benannt als: De Boor 1962.

5 Grubmüller, Klaus (Hg.): Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Band 23. Frankfurt am Main: deutscher Klassiker Verlag 1996 (=Bibliothek des Mittelalters). S. 10. Im Folgenden benannt als: NdM.

6 Ehrismann 2011. S. 64.

7 Duden. Das Bedeutungswörterbuch. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim: Dudenverlag 2002 (= Duden Band 10). S. 591.

8 Ebd. S. 388.

9 De Boor 1962. S. 206.

10 Grubmüller, Klaus: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter: Fabliau – Märe – Novelle. Tübingen: Niemeyer 2006. S. 84. Im Folgenden benannt als: Grubmüller 2006.

11 Grubmüller 2006. S. 89.

12 Agricola, Erhard: Die Komik der Strickerschen Schwänke: Ihr Anlass, ihre Form, ihre Aufgabe. Diss. Leipzig: 1954. S. 17.

13 Grubmüller 2006. S. 85.

14 De Boor 1962. S. 206.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der List in den Mären des Strickers
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V454626
ISBN (eBook)
9783668883833
ISBN (Buch)
9783668883840
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mären, Stricker, List, Komik, Ironie, Mittelalterliteratur
Arbeit zitieren
Lena Hans (Autor), 2017, Die Funktion der List in den Mären des Strickers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454626

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Funktion der List in den Mären des Strickers


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden