Kann ich meine Tätigkeit als "Arbeiten" definieren, wenn ich in der Kita zusammen mit den Kindern Tomaten einpflanze?

Vor dem Hintergrund des Textes "Vita Activa oder Vom tätigen Leben" von Hannah Arendt


Essay, 2018
6 Seiten, Note: 1,9
Anonym

Leseprobe

Kann ich meine Tätigkeit als „Arbeiten“ definieren, wenn ich in der Kita zu-sammen mit den Kindern Tomaten einpflanze?

1) Einleitung

In meiner Praxisstelle, einer Kindertageseinrichtung (Kita), haben meine Kollegin und ich passend zu unserem konzeptionellen Inhalt „gesunde Ernährung“ beschlossen, mit den Kindern unserer Kita-Gruppe1 kleine Tomatenpflanzen in unserem Kita-Garten einzupflan- zen. Das Einsetzen der Tomatenpflanzen haben die Kinder übernommen, nachdem wir ihnen die Arbeitsschritte vorgemacht haben. Anschließend haben wir die Kinder verbal in ihrem Tun begleitet. Während des Einpflanzens haben sich die Kinder lebendig über ihre Tätigkeit und die Tomaten unterhalten. Am Tag der Ernte haben wir mit den Kindern zu- sammen einen Tomatensalat in unserer Kita-Küche zubereitet, den wir im Anschluss als Beilage zum Mittagessen gegessen haben. Auch bei der Zubereitung des Salates haben die Kinder Aufgaben übernommen: Sie haben die Tomaten gewaschen, das Dressing an- richtet und alle Zutaten des Salates miteinander verrührt.

Vor dem Hintergrund des Textes „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt2 ergibt sich für mich in Bezug auf das aufgeführte Praxisbeispiel folgende Frage: Kann ich meine Tätigkeit als „Arbeiten“ definieren, wenn ich in der Kita zusammen mit den Kindern Tomaten einpflanze?

Mit der Klärung meiner Fragestellung möchte ich die Vielfalt der pädagogischen Arbeit in Kitas aufzeigen und sie somit aufwerten. Neben der Pflege, Versorgung, Erziehung und Förderung gibt es, meiner Meinung nach, noch eine weitere Menge an Tätigkeiten, die die pädagogischen Fachkräfte meist selbstverständlich und unbewusst durchführen. Dadurch lassen sie zu, dass ihre Tätigkeit oft nicht genug Anerkennung erfährt. Ein Beispiel dafür wäre die bereits mehrmals durch Streiks öffentlich bemängelte „Unterbezahlung“ von pä- dagogischen Fachkräften in Kitas. Auch wenn durch die Beantwortung meiner Fragestel- lung gegebenenfalls nur eine weitere Tätigkeit von pädagogischen Fachkräften in Kitas ans Licht kommt und die gesamte Bandbreite des Berufs dadurch nicht abgedeckt werden kann, dient mein Essay als Beispiel für pädagogische Fachkräfte in Kitas, sich intensiver mit ihren Tätigkeiten auseinanderzusetzen. Es geht darum, Sicherheit in der Tätigkeitsbeschreibung zu erlangen, um selbstbewusster für mehr gesellschaftliche Anerkennung einzutreten. Der Text von Arendt ist für die Beantwortung der Fragestellung geeignet, da Arendt die Grundtätigkeiten des Menschen weg vom Alltagsverständnis neu definiert.

2a) Darstellung des Bezugstextes

Zu Beginn erklärt Arendt, dass unter dem Begriff „Vita Activa“ die drei essentiellen Grund- tätigkeiten des Menschen zusammengefasst werden: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Diese drei Grundtätigkeiten führen nach Arendt dazu, dass der Mensch „Mensch“ ist. (vgl. S. 14)

Das „Arbeiten“ dient laut Arendt dem Selbsterhalt, der gleichzeitig die Grundbedingung fürs Arbeiten sicherstellt. – Der Mensch arbeitet, um zu leben beziehungsweise zu überleben. Der Ertrag des Arbeitens ist nach Arendt nicht von Dauer: Es werden Naturdinge wie Nah- rungsmittel angebaut/angepflanzt, geerntet, weiterverarbeitet und zum Verzehr zubereitet. Am Ende dieses Prozesses bleibt laut Arendt nichts übrig, da der Mensch das Erarbeitete seinem Organismus zuführt (z. B. durchs Essen) beziehungsweise das Erarbeitete wieder in den Kreislauf der Natur übergeht (z. B. als Kompost). (vgl. S. 14)

Beim „Herstellen“ geht es nach Arendt um das Herstellen von Dingen beziehungsweise Gegenständen. – Der Fokus liegt dabei auf der Objektivität, der Einheit, die die Natur bis zu einem gewissen Grad ausspielt bzw. nicht in ihren Kreislauf übergeht. Arendt stellt das Herstellen als Versuch des Menschen dar, seiner eigenen Vergänglichkeit bzw. Sterblich- keit ein Stück weit zu entkommen, indem er etwas herstellt, dass seine Existenz überdauert und ihm gleichzeitig Schutz bietet (z. B. ein Haus). Der Mensch ist in diesem Sinne ange- wiesen auf das Herstellen von Gegenständen, was die Grundbedingung für die Tätigkeit des Herstellens widerspiegelt. (vgl. S. 14)

Das „Handeln“ grenzt Arendt vom Arbeiten und Herstellen ab, indem sie es als einzige Tätigkeit der Vita Activa beschreibt, die ohne den Einsatz einer Materie direkt zwischen Menschen, das bedeutet durch Interaktion, passiert. Die Grundbedingung für das Handeln ist nach Arendt die Pluralität, das heißt die Tatsache, dass nicht nur ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Welt existieren, die sich in ihrer Gesamtheit zur Gattung Mensch zuordnen lassen, jedoch in ihrem Wesen alle unterschiedlich sind. Aufgrund dieser Unter- schiedlichkeiten ist laut Arendt Handeln bzw. Interaktion zur zwischenmenschlichen Ver- ständigung zentral. Nach Arendt ist dabei jede Form von Interaktion „Politik“, wodurch die Pluralität wiederum zur hinreichenden Bedingung und somit auch zur einzigen Notwendig- keit von Politik wird. (vgl. S 14, 15)

Neben dem Handeln ist die Pluralität auch für das „Sprechen“, auf das Arendt im weiteren Verlauf ihres Textes eingeht, Grundbedingung. Hierbei geht Arendt nochmal ausführlicher auf die zwei Komponenten der Pluralität ein: Die „Gleichartigkeit“, die die Vorrausetzung für die zwischenmenschliche Verständigung ist, und die „Verschiedenheit“, durch die die Ver- ständigung notwendig wird. (vgl. S. 164)

An dieser Stelle bringt Arendt die Begriffe „Besonderheit“ und „Einzigartigkeit“ in Kontext mit der „Verschiedenheit“. Verschiedenheit und Besonderheit sind laut Arendt nicht das- selbe. Die Besonderheit meint nach Arendt das „Anderssein“, jedoch lediglich im Sinne von „anders aussehen“ und liegt dementsprechend allem „Seienden“ (z. B. Menschen, Tiere, Steine) zu Grunde. Die Verschiedenheit, durch die der Welt etwas mitgeteilt wird (z. B. Hunger, Zuneigung, Furcht), können dagegen nur Lebewesen besitzen (z. B. Menschen und Tiere). Die Einzigartigkeit gleicht der Verschiedenheit, ist jedoch etwas Legitimes, was nur den Menschen gewährt ist: Wie bei der Verschiedenheit wird auch bei der Einzigartig- keit etwas aktiv mitgeteilt. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass es bei der Einzigartigkeit nicht beim bloßen Mitteilen bleibt, sondern der Mensch, während er etwas mitteilt, gleich- zeitig bzw. beiläufig seine Persönlichkeit präsentiert. – Nach dem Prinzip: Nicht das, was ein Mensch sagt, zeigt, wer er ist, sondern während er spricht, wird seine einzigartige Per- sönlichkeit/sein personales „Wer“ offenbart. Das heißt, dass für das Mitteilen im Sinne der Verschiedenheit lediglich die Mimik und Gestik ausreichen würden, während die Sprache bzw. das Sprechen für die Einzigartigkeit ausschlaggebend ist. (vgl. S. 164, 165) Während Arendt das Sprechen als Offenbarung des „Wer“ beschreibt, fasst sie das Han- deln als Neuanfang auf. Menschen haben nach Arendt in jeder Situation ihres Lebens die Möglichkeit für Neuanfänge, indem sie (spontan) handeln. (vgl. S. 166) Das Handeln und Sprechen, wie es im Voraus erklärt wurde, bestätigen laut Arendt die Geburt eines Menschen, da er sich selbst durch diese Eigenschaften aktiv in die beste- hende Welt einbringt. – Es geschieht durch eigenen Willen des Menschen. Durch diese Aussage verstärkt Arendt ihre eigene These, dass Handeln (aber auch Sprechen!) politisch sind. (vgl. S.165,166,169)

2b) Diskussion und Übertragung

Arendts Definition vom „Arbeiten“ kann auf das in der Einleitung dargestellte Fallbeispiel, was maßgebend für die Fragestellung ist, bezogen werden:

Meine Kollegin und ich haben gemeinsam mit den Kindern unserer Kita-Gruppe Tomaten- pflanzen eingepflanzt. Tomaten sind Lebensmittel. Lebensmittel sind wiederum Substan- zen, die konsumiert werden, um den menschlichen Körper zu ernähren bzw. am Leben zu erhalten. Nachdem die Tomaten reif gewesen sind, haben wir sie mit den Kindern geerntet, zu einem Tomatensalat weiterverarbeitet und zum Schluss gegessen (In anderen Worten: Unseren Körper genährt). Der Ertrag unseres Tuns, das heißt der Ertrag des Pflanzens, ist somit nicht von Dauer gewesen. Wir haben den Tomatensalat unseren Körpern zugeführt, indem dass wir ihn gegessen, und somit die Tomaten wieder in den Kreislauf der Natur übergeben haben. Auch die Tomatenpflanzen an sich, die nach unserer Ernte kahl ge- pflückt gewesen sind, können nicht als Überbleibsel unserer Arbeit verstanden werden. Sie werden ebenfalls in den Kreislauf der Natur übergehen, jedoch nicht durch den Verzehr, sondern als Kompost. Selbst wenn ein Jahr später an der Stelle wieder Tomatenpflanzen zum Vorschein kommen, ist in dem oben erklärten Sinne „nichts von unserem Tun übrig geblieben“ (vgl. S. 14). Es ist lediglich ein Beweis für den Kreislauf der Natur, für etwas immer Weiterlaufendes. Dementsprechend erfüllt „Einpflanzen von Tomatenpflanzen“ Arendts Definition vom „Arbeiten“ (vgl. S. 14).

Sowohl ich und meine Kollegin als auch die Kinder haben gearbeitet: Meine Kollegin und ich haben den Anfang des Einpflanzens übernommen und die Kinder haben die körperliche Arbeit fortgeführt. Das gleiche gilt für das Zubereiten des Tomatensalats: Alle haben Auf- gaben für das Endergebnis übernommen, wodurch alle gearbeitet haben.

Unter diesem Aspekt könnte die Frage aufgeworfen werden, ob das verbale Anleiten der Kinder, während sie die Tomatenpflanzen eingepflanzt haben bzw. als sie Aufgaben bei der Zubereitung des Tomatensalats übernommen haben, auch unter die Definition vom „Arbeiten“ fällt (als Art verbalen Arbeitens). Das Anleiten hat zum erfolgreichen Anpflanzen, Weiterverarbeiten und Verzehren geführt, wodurch es ebenfalls als konform zu Arendts Definition vom Arbeiten gesehen werden kann (vgl. S. 14). Dementsprechend würden sich mehrere Formen des Arbeitens ergeben, die in Arendts Text lediglich unter „Arbeiten“ zu- sammengefasst werden (z.B. körperliches und verbales Arbeiten).

Außerdem könnte unter diesem Aspekt diskutiert werden, ob das Tomateneinpflanzen so- gar in besonderer Weise unter die Thematik des „Arbeitens“ fällt, da Tomaten an sich und der Tomatensalat, wie wir ihn mit den Kindern zusammen zubereitet haben, als gesunde Lebensmittel verstanden werden und somit in besonderer Weise zum „Überleben“ (vgl. S. 14) verhelfen. Der Körper wird beim Essen von Tomaten beziehungsweise Tomatensalat nicht geschädigt wie dies beispielweise bei sehr fettigen oder salzigen oder zuckerhaltigen Lebensmittel der Fall wäre.

Neben dem Arbeiten nennt Arendt, wie im vorherigen Kapitel dargestellt, zwei weitere Grundtätigkeiten der „Vita Activa“: Das Herstellen und das Handeln (vgl. S. 14, 15) bzw. das Sprechen (vgl. S. 164). Diese Tätigkeiten sollen im weiteren Verlauf der Diskussion beleuchtet werden, um die Fragestellung ganzheitlich beantworten zu können.

Wie bereits aufgeführt, legt Arendt beim „Herstellen“ den Fokus auf die Objektivität – Der Mensch stellt Dinge bzw. Gegenstände her, die aufgrund ihrer Beschaffenheit die Natur auf eine bestimmte Art und Weise „austricksen“ (vgl. S. 14). Tomatenpflanzen sind keine Ob- jekte.

[...]


1 Die Kita besteht aus zwei Gruppen á 20 Kindern

2 Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart: Kohlhammer, 1960. Abschnitt 1: Vita Activa oder Condition humaine, S. 14-18; Abschnitt 24: Die Enthüllung der Person im Handeln und Sprechen, S. 164- 171; Abschnitt 45: Der Sieg des animal laborans, S. 312-317.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Kann ich meine Tätigkeit als "Arbeiten" definieren, wenn ich in der Kita zusammen mit den Kindern Tomaten einpflanze?
Untertitel
Vor dem Hintergrund des Textes "Vita Activa oder Vom tätigen Leben" von Hannah Arendt
Hochschule
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart, früher: Berufsakademie Stuttgart
Note
1,9
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V454663
ISBN (eBook)
9783668880603
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kann, tätigkeit, arbeiten, kita, kindern, tomaten, hintergrund, textes, vita, activa, leben, hannah, arendt
Arbeit zitieren
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