Welche Funktion erfüllt der Wächter im mittelhochdeutschen Tagelied?

Eine Interpretation und Analyse


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Funktion des Wächters

3. Fazit und Ausblick

4. Literaturhinweise

5. Ehrenwörtliche Erklärung

1. Einleitung

Im Tagelied steht die Situation zweier Liebender im Mittelpunkt, welche sich am Abend oder in der Nacht treffen, dann jedoch am Morgen wieder trennen müssen. Den Grund hierfür liefert das Tagelied oftmals nicht, jedoch werden die beiden am Morgen durch ein „natürliche[s] Phänomen[] [, wie zum Beispiel] Dämmerung, Licht, Tag, Wind, Vögel etc.“ oder „menschliche[] Figuren“ getrennt.1 Diese Position übernimmt oftmals der Wächter, der als dritte Person in diese „duale Konstellation“ eindringt und dabei verschiedene Funktionen übernimmt.2

Die Frage, wer die Wächterfigur erstmals etablierte, erweist sich in der Forschung als strittig. Nach Christian Kiening ist davon auszugehen, dass die Wächterfigur vom deutschsprachigen Dichter Wolfram von Eschenbach erstmalig etabliert wurde.3 Diese Position vertritt auch Pia Selmayr und ernennt den Wächter zum „Medium der Trennung“.4 Auch Peter Wapnewski unterstreicht diese Annahme und stellt die These auf, dass „Wolfram [...] mit Einführung der Wächterfigur zugleich eine gewisse ihr anhaftende Problematik erfaßt und sie demzufolge in verschiedenen Varianten durchgespielt [hat].“5

Mit der Frage nach dem ‚Erfinder’ des Wächters, stellt sich auch die Frage nach dem warum: Wieso wurde die Wächterfigur im Tagelied etabliert? Kiening stellt hierzu die Frage, ob der Wächter eingeführt wurde, „um mit ihm die Hinderungsgründe für die Erfüllung der Liebe auf den Punkt zu bringen und zugleich zu überwinden?“6 Denn oftmals intensiviert sich, im Hinblick auf den nahenden „urloup“, die Liebe der beiden Liebenden, die auf den Schutz und Weckruf des Wächters vertrauen und in einem gewissen Maße sogar in die Abhängigkeit von diesem begeben.

Die Funktion des Wächters und seine Rolle sowie sein Verhältnis zwischen den weiteren Sprecherinstanzen, werden in den unterschiedlichen Tageliedern oftmals neu definiert und verschiedenen interpretiert.7

Die vorliegende Hausarbeit ist ein Versuch, die unterschiedlichen Funktionen des Wächters herauszuarbeiten und diese, anhand von Forschungsliteratur und Belegen in verschiedenen Tageliedern verschiedener Autoren, zu bestätigen. Die zu untersuchende Forschungsfrage bezieht sich dabei explizit auf die Frage nach der Funktion des Wächters in verschiedenen Tageliedern. Diese werden im Hauptteil der Arbeit definiert und durch Beispiele aus unterschiedlichen Tageliedern weiter erläutert. Abschließend wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick auf mögliche weitere Fragestellungen des untersuchten Themengebietes gegeben.

2. Funktion des Wächters

Der Wächter ist, in seiner Hauptfunktion, für das Wecken zweier Liebender zuständig, welche illegitim eine gemeinsame Nacht verbringen. Dies stellt jedoch eine große Gefahr für das Paar dar, da dies nicht der sozialen Norm der höfischen Etikette entspricht und als große Sünde den Velust des Ansehens oder sogar des Lebens Lebens für die Geliebten bedeuten kann. Aufgrund dessen weckt der Wächter das Paar, um den Geliebten, welcher in den meisten Fällen als Ritter (rîter) definiert wird, eine rechtzeitige Flucht zu ermöglichen und das gemeinsame Liebesspiel vor der Öffentlichkeit am Hofe zu verheimlichen.8 In Wolfram von Eschenbachs Tagelied von der zinnen9 wird diese Funktion durch die Verse „hüete dîn, wache, süezer gast!“ (Str. 2, V. 15) deutlich.10 Uwe Ruberg beschreibt das Wecken als „letzte Handlung des nächtlichen Wächters“.11 Dies impliziert, dass es auch für den Tag einen Wächter gibt, der auf der Zinne steht und der Wächter somit nicht nur für den Weckruf zuständig ist, sondern auch eine tatsächliche Funktion als Wache innehält. Ein Beleg dieser Theorie, die aus dem Wächter eine militärische Figur macht, findet sich wiederum auch im Tagelied „von der zinnen“12 , in welchem der Wächter von der Zinne herabsteigt, um dadurch seinen Dienst zu beenden und seine Position so für den ‚Tageswächter’ freizugeben. Auch in Kristan von Hamles einzigem Tagelied Ich bin der der lieben liebiu maere singet13 findet sich ein Begriff, der die militärische Funktion des Wächters unterstreicht. Die Dame beschreibt den Aufenthaltsort des Wächters als „wer“ (Str. 4, V. 2). Dieses Wort lässt sich als ‚Verteidigung’, ,was zur Verteidigung dient’, aber auch ‚Kampf’ übersetzen, wodurch die militärische Bedeutung des Wortes unterstrichen und die Funktion des Wächters als militärische Figur gefestigt wird.14

Durch seinen Weckruf ist der Wächter zudem, als Botschafter, für die Überbringung einer Nachricht zuständig.15 Diese Botschaft ist die Verkündung des Tagesanbruchs, der zur unweigerlichen Trennung der Liebenden führt. Deutlich wird dies beispielsweise am Lied Sîne klâwen16 von Wolfram von Eschenbach, in welchem die Dame sich in den Zeilen „maer du bringest, / der mich leider niht gezimt“ (Str. 2, V. 4-5) über die traurige Botschaft beklagt, welche der Wächter ihr durch seinen Gesang überbringt. Damit findet sich in der Figur des Wächters eine Art Vermittler zwischen außen und innen und somit ein Bindeglied, zwischen der Öffentlichkeit und dem, was im Privaten geschieht, wodurch er jedoch zu keinem dieser Handlungsräume ganz gehört.17 Denn durch seine Mittlerfunktion und sein Wissen, über das Geschehen, sondert er sich von dem äußeren Handlungsraum ab, ist jedoch kein aktiver Teil des Geschehens im inneren Handlungsraum, da sich dieses zwischen den Liebenden abspielt, während der Wächter hierbei nur als ‚Störung’ auftritt.

Die Botschaft beziehungsweise Nachricht an die Liebenden, überbringt der Wächter in Form des Tageliedes, also mit Gesang, der deutlich macht, dass der Wächter in erster Linie auch als Sänger fungiert. Deutlich wird dies in Eschenbachs Tagelied Von der zinnen18 , in welchem der Wächter durch „Von der zinnen / will ich gên, in tagewîse / sanc verbern“ (Str. 1, V. 1-3) seinen Akt des Gesangs ausdrückt. In gängigen Übersetzungen des mittelhochdeutschen Tagelieds werden die Verse „in tagewîse / sanc verbern“ (Str. 1, V. 2-3) als Aussage des Wächters interpretiert, der seinen Gesang in tagewîse beenden wolle. Dies impliziert, dass der Sänger neben den Tageliedern auch in anderer Weise singt. Eine Bestätigung für diese Annahme findet sich, laut Edwards, allerdings in keiner der überlieferten Handschriften.19 Dieser Aussage sei jedoch das Gedicht „ Ich bin der der lieben liebiu maere singet“20 gegenübergestellt. Hier spricht der Wächter davon, dass er den Liebenden „liebiu maere singet“ (Str. 1, V. 1) und drückt damit aus, dass er diesen eine angenehme beziehungsweise erfreuliche Nachricht verkündet. Sein Ausspruch lässt darauf schließen, dass dieser offensichtlich nicht nur, wie in den meisten Tageliedern, den Tagesanbruch mit einem Lied ankündigt, sondern auch den Abend. Dies unterstreicht die Aussage des Wächters im Tagelied Eschenbachs und erweitert somit das Spektrum der Gesänge, welche der Wächter von der Zinne ruft. Damit wird der Wächter, laut Selmayr auch

zu einer Instanz der Temporalisierung, er bestimmt mit seinem Gesang, wann der Tag beginnt. Er setzt damit nicht nur den Morgen fest, unabhängig von den auditiven und visuellen Naturzeichen, sondern auch den Zeitpunkt der Trennung der Liebenden und dazu noch, mit welcher Dringlichkeit diese vollzogen werden soll und muss.21

Im Gegensatz zu einem sehr aktiven Wächter, der die Liebenden durch seinen Gesang weckt und oft in einem aktiven Dialog mit diesen steht, findet sich im Tagelied Friuntlîchen lac ein rîter22 von Walther von Vogelweide ein Wächter, dessen Gesang nur passiv wahrgenommen wird und im Grunde keine dringliche Notwendigkeit findet, da der Ritter alleine durch „ den morgen lieht“ (Str. 1, V. 4) aufwacht und erst im Laufe des Tageliedes, um die Dringlichkeit des Abschiedes zu verdeutlichen, davon spricht, dass „der wahter diu tageliet / sô lûte erhaben hât“ (Str. 6, V. 5-6). Dies löst den Bedarf des Wächters in seiner Funktion auf und vermindert seine Bedeutsamkeit erheblich. Ein weiteres Beispiel hierfür findet sich in den Tageliedern von Ulrich von Winterstetten. Uwe Ruberg beschreibt, wie „Ulrich [...] das Wächter-Tagelied aus der lyrischen Tradition [...] noch durchgreifender [‚höfisiert’], indem er die Rolle des standesniederen Zinnenwächters einschränkt.“23 In seinem Lied Verholniu minne sanfte tuot24 führt er, in Form der dienerinne, eine weitere Vermittlerinstanz ein, welche die Rolle des Wächters übernimmt und diesen damit an den Rand des Geschehens drängt, da sie es ist, welche den Gesang des Wächters vernimmt und aufgrund dessen, selbst in die Kemenate tritt, um die Liebenden zu wecken.

[...]


1 Christian Kiening: Poetik des Dritten, in: Zwischen Körper und Schrift. Texte vor dem Zeitalter der Literatur, hrsg. von Christian Kiening. Frankfurt am Main 2003, S. 157-175, hier S. 158.

2 Kiening 2003, S. 158.

3 Vgl. Kiening 2003, S. 159.

4 Pia Selmayr: Warne ob ich entslâfen bin. Die Figur des Wächters nach Wolfram, in: Höfische Textualität. Festschrift zum 60. Geburtstag von Peter Strohschneider, hrsg. von Beate Kellner, Ludger Lieb und Stephan Müller. Heidelberg 2015, S. 189-210.

5 Peter Wapnewski: Wächterfigur und soziale Problematik in Wolframs Tageliedern, in: Der Berliner Germanistentag 1968, hrsg. von Karl Heinz Borck und Rudolf Henss. Heidelberg 1970, S. 77-89.

6 Kiening 2003, S. 165.

7 Vgl. Selmayr 2015, S. 193.

8 Vgl. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Klaus Weimar. 3 Bde. Berlin und New York 2007, S. 577-580, hier S. 577.

9 Wolfram von Eschenbach: Von der zinnen, in: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, hrsg. von Alois Wolf. Stuttgart 2003, S. 94-97.

10 Vgl. Cyril Edwards: Von der zinnen wil ich gen. Wolfram's Peevish Watchman, in: The Modern Language Review 84/2 (1989), S. 358-366, hier S. 360.

11 Uwe Ruberg: Gattungsgeschichtliche Probleme des 'geistlichen Tagelieds' – Dominanz der Wächter- und Weckmotivik bis zu Hans Sachs, in: Traditionen der Lyrik, hrsg. von Wolfgang Düsing et al. Tübingen 1997, S. 15-29, hier S. 16.

12 Wolfram von Eschenbach 2003, S. 94-97.

13 Kristan von Hamle: Ich bin der der lieben liebiu maere singet, in: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, hrsg. von Alois Wolf. Stuttgart 2003, S. 124-127.

14 Vgl. Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Stuttgart 1979, S. 313.

15 Vgl. Kiening 2003, S. 160.

16 Wolfram von Eschenbach: Sîne klâwen durch die wolken sint geslagen, in: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, hrsg. von Alois Wolf. Stuttgart 2003, S. 90-94.

17 Vgl. Kiening 2003, S. 168.

18 Wolfram von Eschenbach 2003, S. 94-97.

19 Vgl. Edwards 1989, S. 360.

20 Kristan von Hamle 2003, S. 124-127.

21 Selmayr 2015, S. 192.

22 Walther von Vogelweide: Friuntlîchen lac ein rîter, in: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, hrsg. von Alois Wolf. Stuttgart 2003, S. 108-113.

23 Ruberg 1997, S.17.

24 Ulrich von Winterstetten: Verholniu minne sanfte tuot, in: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, hrsg. von Alois Wolf. Stuttgart 2003, S. 158-161.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Welche Funktion erfüllt der Wächter im mittelhochdeutschen Tagelied?
Untertitel
Eine Interpretation und Analyse
Hochschule
Universität Mannheim  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Singen von Liebe und Trennung: Tagelieder des deutschen Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V454904
ISBN (eBook)
9783668862807
ISBN (Buch)
9783668862814
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tagelied, Wächterfunktion, Wächter, Mittelalter, Wächterfigur, Poetik des Dritten, Figur des Wächters, Ritter, Minne, Mediävistik
Arbeit zitieren
Melanie Pongratz (Autor), 2017, Welche Funktion erfüllt der Wächter im mittelhochdeutschen Tagelied?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454904

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