In Goethes Drama "Stella" spielen neben den Hauptfiguren Stella, Cäcilie und Fernando auch die Nebenfiguren eine wichtige und bedeutende Rolle. Die vorliegende Hausarbeit ist ein Versuch, die unterschiedlichen Funktionen der Nebenrollen in Goethes Werk herauszuarbeiten und diese anhand von Forschungsliteratur und Belegen innerhalb des Dramas zu bestätigen. Dafür werden die Charaktere sämtlicher Nebenfiguren im Detail analysiert.
In der Entstehungszeit von Goethes Werk war der Begriff Tugend von großer Bedeutung und bildete den Leitbegriff der damaligen Gesellschaft. Viele der aus diesem Zeitraum stammenden Literaten wollten jedoch nicht innerhalb der etablierten Weltordnung verharren, sondern versuchten, die Kruste zu sprengen. Diesem Ansatz folgte auch der junge Goethe und schrieb mit "Stella" ein Drama, bei welchem Literaturkritiker befürchteten, dass das dargestellte Verhaltensmuster der Figuren als Vorbild gelten und deshalb wiederholt werden könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Funktion der Nebenfiguren
3. Die Postmeisterin
4. Annchen
5. Lucie
6. Der Verwalter
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die spezifischen Funktionen und Rollen von Nebenfiguren in Goethes Drama "Stella", um deren Bedeutung für das Verständnis des Stücks sowie ihre kontrastierende Wirkung zu den Hauptcharakteren aufzuzeigen.
- Analyse der theoretischen Grundlagen zur Funktion von Nebenfiguren im Drama.
- Untersuchung der Charakterisierung und Funktion der Postmeisterin als gesellschaftskonformes Gegenbild.
- Analyse der Rollen von Annchen und Lucie als Mittlerfiguren und Kontrastfiguren.
- Erforschung der Funktion des Verwalters als "personifiziertes Gewissen" und Kontrast zu Fernando.
- Beleuchtung der Bedeutung der Nebenfiguren für die Konstruktion der Handlungsdynamik und Geschlechterrollen.
Auszug aus dem Buch
3. Die Postmeisterin
Die Charakterisierung der Postmeisterin kann direkt am Anfang des Dramas erfolgen. Bereits in der ersten Szene wirkt sie bestimmend, hektisch und drückt durch ihre kommandierende Aufgabenverteilung, besonders gegenüber Karl, ihrem Wirtsburschen, aus, dass sie, im Gegensatz zu Madame Sommer, als alleinstehende Frau für das Leben ihrer Familie und Bediensteten verantwortlich ist.
Sie wurde, aufgrund des Todes ihres Mannes, zum Oberhaupt der Familie. Die klassische Hausfrau der damaligen Zeit war „in finanzieller Hinsicht rechtlich so eingeschränkt, daß sie keine Handlungsfähigkeit und Entscheidungsrechte besaß[...]“. Im Gegensatz hierzu ist die Postmeisterin die Entscheidungsträgerin der Familie, gibt Anordnungen, leitet das Unternehmen, in diesem Fall das Posthaus der Familie, weiter und sichert so das Einkommen und Überleben ihrer Familie.
Anders als Cäcilie und Stella, ist sie mit der ökonomischen Realität einer patriarchischen Gesellschaft konfrontiert und kann sich nicht der Melancholie hingeben, in welcher sich Cäcilie und Stella nach Verlust von Fernando befinden, da sie sich um den Erwerb kümmern muss. So kann sie um den Tod ihres eigenen Mannes nur Trauern, wenn die Rituale der Kirche dazu auffordern, wie die Postmeisterin selbst durch ihre Aussage bestätigt: „Unsereins hat so wenig Zeit zu weinen, als leider zu beten. Das geht Sonntage und Werkeltage“.
Folglich ist die Postmeisterin durchgehend beschäftigt („wenn ich einmal ruhe, ruht alles“) und „der Erwerbszwang verhindert die mit dem eigenen Gefühlshaushalt beschäftigte Trauer“. Cäcilie unterstreicht, dass „Geschäftigkeit und Wohltätigkeit [...] eine Gabe des Himmels, ein Ersatz für unglücklich liebende Herzen“ sind. Dies bestätigt die Handlungsweise der Postmeisterin, auch wenn ihre ‚Geschäftigkeit‘ mit der Stellas nicht vergleichbar ist, da letztere zu den Adligen der damaligen Gesellschaftsschicht zählt, welche „in ihrem Leben das kultivierte Nichtstun [genießt], was damals als Erfordernis des sozialen Prestiges verstanden wurde“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die zeitgenössische Bedeutung von Tugend und Individualismus in Goethes "Stella" sowie Darlegung des Ziels der Arbeit.
2. Funktion der Nebenfiguren: Theoretische Herleitung der Bedeutung von Nebenfiguren und deren Charakterisierungsstrategien im Drama.
3. Die Postmeisterin: Analyse der Postmeisterin als arbeitende Frau und gesellschaftskonformes Kontrastbild zu den melancholischen Hauptfiguren.
4. Annchen: Untersuchung der Botenfunktion von Annchen und ihrer Rolle als angepasste Stieftochter.
5. Lucie: Betrachtung von Lucies Charakter als lebendige, ironische und besorgte Tochterfigur sowie ihre Mittlerrolle.
6. Der Verwalter: Analyse der Funktion des Verwalters als moralische Instanz und Kontrastfigur zu Fernandos Ichzentriertheit.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Bedeutung der Nebenfiguren für das Drama und Ausblick auf weiterführende Forschungsaspekte.
Schlüsselwörter
Goethe, Stella, Nebenfiguren, Dramenanalyse, Postmeisterin, Lucie, Annchen, Verwalter, Kontrastfiguren, Frauenbild, Geschlechterrollen, Gesellschaftssystem, Sturm und Drang, Charakterisierung, Funktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der Nebenfiguren in Goethes Drama "Stella" und untersucht deren spezifische Funktionen und Rollen innerhalb des Stücks.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Charakterisierungsstrategien, die Funktion der Nebenfiguren als Kontrastbilder sowie ihre Bedeutung für die Handlungsdynamik und gesellschaftliche Einordnung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, die oft vernachlässigten Nebenrollen herauszuarbeiten und zu belegen, wie diese durch ihre Funktionen zur Gesamtstruktur und zur Zeichnung der Hauptfiguren beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der Auswertung von Primärtexten und der Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur zur Dramenanalyse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert den Figuren Postmeisterin, Annchen, Lucie und dem Verwalter, wobei deren individuelle Rollen, Handlungen und ihre Bedeutung als Kontrastfiguren untersucht werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie "Kontrastfigur", "Dramenanalyse", "Funktion", "Geschlechterrollen" und "Goethes Stella" gekennzeichnet.
Warum spielt die Postmeisterin als Nebenfigur eine so zentrale Rolle?
Sie fungiert als gesellschaftskonformes Gegenbild zu den Adligen im Stück und verdeutlicht durch ihre ökonomische Unabhängigkeit und Arbeitsethik eine radikal andere Lebensrealität.
Inwieweit lässt sich Lucie als "Mittlerfigur" verstehen?
Lucie erfüllt eine Mittlerfunktion, indem sie Informationen zwischen den Figuren transportiert, nach ihrem Vater sucht und die Beobachterrolle einnimmt, während sie gleichzeitig einen vitalen Gegenpol zu den leidenden Hauptfiguren bildet.
Welche Bedeutung hat der Verwalter für das Bild des Protagonisten Fernando?
Der Verwalter dekonstruiert Fernandos Selbstbild und fungiert als sein "personifiziertes Gewissen", das ihn mit den Konsequenzen seines Handelns und seiner Vernachlässigung der Vaterrolle konfrontiert.
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- Melanie Pongratz (Author), 2018, Die Nebenfiguren in Goethes "Stella". Analyse und Funktion der Charaktere, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454906