Vergleich von Verehrungsritualen im Hinduismus und Jainismus


Hausarbeit, 2017
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Verehrung im Hinduismus
2.1 Objekte der Verehrung: Der hinduistische Götterpantheon
2.2 Das Verehrungsritual puja der hinduistischen Gottheiten

3 Verehrung im Jainismus
3.1 Objekte der Verehrung: Thīrtaṅkaras, die Lehrmeister der Jainas
3.2 Das Verehrungsritual puja der Thīrtaṅkaras

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungsverzeichnis

1 Einführung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit einem Vergleich zweier Religionen Indiens, dem Hinduismus, welchem 80,5 Prozent der Bevölkerung angehören und dem Jainismus, welcher mit 0,4 Prozent zwar einen sehr kleinen, für die Religionsgeschichte dennoch bedeutenden Teil darstellt (Indien Aktuell: https://www.indienaktuell.de/indien-information/religionen-in-indien/), da die Jaina Gemeinde zu den reichsten in Indien gehört und dementsprechend viel in die Jaina Architektur investiert. Ich beschäftige mich in meiner Arbeit weniger mit den kosmologischen Grundlagen, als mit den praktischen Verehrungsritualen der puja, nachdem ich einen kurzen Überblick über die Objekte gebe, welche von den beiden Religionen verehrt werden. Für den Außenstehenden wirken manche religiöse Rituale der Vertreter der beiden Religionen zunächst gleich. Gibt es einen Unterschied zwischen den angebeteten Bildnissen und in welcher Form werden diese verehrt, welche geistige Haltung und Ziele stehen dahinter? Welcher Religion steht das Recht zu, das Verehrungsritual der puja für sich beanspruchen zu können oder ist es womöglich eine gemeinsame Tradition? Neben dem vermeintlich bekannten Hinduismus ist der Jainismus für die meisten relativ unbekannt und wird möglicherweise vernachlässigt, doch mit zunehmender Beschäftigung ermöglicht er eine äußerst interessante Vergleichsmöglichkeit zum Hinduismus und eröffnet einem die Fülle der hinduistischen Philosophie.

2 Verehrung im Hinduismus

2.1 Objekte der Verehrung: Der hinduistische Götterpantheon

Der Hinduismus ist als eine polytheistische Religion bekannt. Wie entscheidet man sich nun als Gläubiger zwischen den tausend Gottheiten für diejenige Hauptgottheit, die man anbeten möchte? Erstmal könnte man sich zwischen den verschiedenen Arten der Götter entscheiden und zweitens bestimmen die Umstände der Geburt diese Wahl, sodass der Gläubige doch nicht so frei in seiner Entscheidung ist. Die anbetungswürdige Gottheit wird also von der Familie bestimmt. Lokale Familien-Gottheiten kula devam, werden über die männliche Abstammungslinie von einer Generation zur nächsten weitervererbt und durch ihre Abbildungen oder Figuren im Familienschrein, manchmal in einem lokalen Schrein, angebetet. Dies stellt einen Ausdruck der Familien-Identität oder Gruppen-Identität dar. Die Anbetung dieser bestimmten Gottheit bestimmt die Lieder, welche man von klein auf lernt, die Geschichten und rezitierten Gebete, welche man über die Götter hört, die Feierlichkeiten, die man zelebriert, die Tempel die man zu bestimmten Anlässen besucht, das Essen, dass man isst oder kocht, zum Beispiel vegetarisch oder nicht, und die Familie, in welche das Mädchen der Familie verheiratet wird. Also spiegeln die Lebensweise, Traditionen und Gewohnheiten der Familie die Gottheit, welche spezifische Werte verkörpert, wider und spiegeln sich wiederrum in ihr (Harman 2004: 104-105). Ähnlich ist es auch bei der Verehrung der Dorf-Gottheiten grama devam, deren Identität zu einem speziellen Ort oder Stadt gehört und welche diese schützen und für Wohlstand sorgen. Im Namen tragen sie oft den Namen des Ortes (Harman 2004: 105-106).

Es gibt jedoch auch Götter, welche nicht aufgrund der Abstammungslinie oder Geburtsort verehrt werden. Dazu gehören die großen indischen Götter wie Shiva, Vishnu, Krishna, Rama, Ganesha, Lakshmi, Sarasvati, Kali und Durga, welche von Menschen verehrt werden, welche entweder eine persönliche Entscheidung getroffen haben, diese zu verehren, oder in der Nähe ihrer Tempel wohnen. Diese Götter sollen eine breite Reihe an Problemen lösen können, mit denen sich die Gläubigen an sie wenden. Sie werden mit bekannten, dramatischen Geschichten und mit der Persönlichkeit und Fähigkeiten, die sie repräsentieren, in Verbindung gebracht. Ganesha etwa, der rundbäuchige Gott mit dem Elefantenkopf, wird angebetet, wenn man Hindernisse auf dem Weg zu seinem Ziel überwinden möchte. Einige Gläubige beten ihn daher nur bei bestimmten Gelegenheiten an, für andere ist es die auserwählte Gottheit zwischen den anderen (Harman 2004: 106-107). Je komplexer der Charakter einer Gottheit ist, desto größer ist auch die Gemeinde der Gläubigen, wie etwa bei Shiva, der zum einen den perfekten Ehepartner und zum andern den Widersacher und Asketen verkörpert (Harman 2004: 107-108). Im häuslichen Gottesdienst sind lokale Gottheiten manchmal wichtiger als große Götter wie Vishnu und Shiva, weil man glaubt, diese kümmerten sich mehr um die Schöpfung, den Erhalt und die Vernichtung des Kosmos und regionale Gottheiten wären für die Alltagsordnung der Menschen zuständig, wie etwa für Wetter, Ernte, Krankheiten und Fruchtbarkeit (Shattuck 2000: 108). Sie werden oft in einfachen Schreinen im Freien verehrt und die Figuren murtis sind oft nichtfigürlicher (Abb.1) wie etwa von einem Wassertopf, Baum, Dreizack oder rotbemalten Stein (Shattuck 2000: 111-112). Die Menschen suchen sich also eine Gottheit aus, mit welcher sie sich identifizieren und eine Imitation der Gottheit ist im Hinduismus die aufrichtigste Form der Schmeichelei und Verehrung (Abb.2). Ein Tänzer wird zur Gottheit, während er diese darstellt, durch Yoga überwindet man die Einschränkungen des menschlichen Körpers und erreicht übermenschlichen Status. Da für Götter und Menschen jedoch ganz andere Regeln gelten, imitiert man als Mensch die Götter, muss sich aber nicht exakt wie diese verhalten. Das Ziel ist, sich schrittweise einer geistigen “Reinheit” und der Perfektion, welche die Gottheit widerspiegelt, anzunähern. Bestimmte Gläubige verfolgen das Ideal des Asketen und Weltentsagers, zu welchem man im letzten Lebensstadium wird: man gibt die Werte, den sozialen Status, Eigentum und jegliche Bindung zu der menschlichen Gemeinschaft auf, welche allesamt nur Ablenkungen und Hindernisse zu einer wahren Hingabe an die Gottheit sind und wandert von einem heiligen Ort zum anderen (Harman 2004: 108). Eine andere Möglichkeit, neben den zuvor genannten ist es, von einer Gottheit selbst als Gläubiger auserwählt zu werden, etwa durch Träume oder wundersame Ereignisse. Zwischen bestimmten Göttern und Menschen besteht eine Kompatibilität und solche Menschen werden dann zum Beispiel zu ihren Priestern oder verkörpern die Gottheiten, während sie sich in Trance befinden. So können sie auf Fragen antworten, was die Gottheit möchte, wie man Unglück verhindert und Glück anzieht. Man sagt jedoch, dass die Gottheiten ohne erkennbare Absicht oder Bedeutung handeln und die Logik dahinter von den Menschen nicht verstanden werden kann und bezeichnet ihre Handlungen als ein „Spiel“lila, ohne dabei an Regeln oder einen Wettstreit zu denken (Harman 2004: 109).

Manche Menschen suchen sich die Verehrung einer Gottheit lediglich aus, weil diese über eine spezielle Macht oder besonderen Einfluss verfügt. Dabei liegt der Fokus nicht mehr auf der Imitation der Gottheit, sondern auf der Einflussnahme auf die Gottheit durch Opfergaben, welche die Gottheit gerne bekommt. Studenten bringen dem Gott Murukan Opfer dar, um gute Ergebnisse bei ihrem Jahresabschlussexamen zu bekommen und diese Verehrung ist auf einen Zeitraum beschränkt. Um eine Gottheit zu verehren, informiert sich der Gläubige in den Texten des jeweiligen Tempels über die Fähigkeiten der Gottheit und seine bevorzugten Opfergaben und verhält sich dementsprechend. Man kann also sagen, dass einige Gottheiten für einen weiten Bereich an Problemen der Gläubigen zuständig sind, vor allem die Götter der größeren Tempel in Städten, wie Shiva oder Vishnu, und daher auch eine große Zahl an Anhängern haben und es andererseits Götter mit ganz speziellen Fähigkeiten und weniger Anhängern gibt (Harman 2004: 110). Regelmäßige Besuche eines Tempels dienen dazu, die Beziehung zu der Gottheit aufrechtzuerhalten, auch für den Fall von schlechten Zeiten, wenn der Beistand der Gottheit notwendig wird. Bei positiven Resultaten kann sich ein beiläufiger Tempelbesuch zu einer intensiven Verehrung verwandeln (Harman 2004: 112).

2.2 Das Verehrungsritual puja der hinduistischen Gottheiten

Die ersten hinduistischen Götterstatuen finden sich erst im 1. Jahrhundert v. Chr. In diesen Jahrhunderten entwickelte sich der mobile vedische Opferkult, bei welchem der Opferplatz der nomadischen Viehzüchter stets neu aufgebaut werden musste und die Götter als Gäste herbeigerufen wurden, zu einem stationären Tempelkult mit Götterbildern. Die Götter waren im vedischen Kult aber nur geistig und nicht in Form von Götterbildern anwesend. Bei der Anbetung von Götterbildnissen werden also immer noch Gastriten vollzogen, obwohl die Gottheit bereits seinen ständigen Aufenthalt im Tempel oder Hausaltar (Abb.3) hat (Meisig 1996: 149). Eine hinduistische Gottheit befindet sich in Form der Tempelikone murti im Tempel im zentralen Schrein garbha-griha (Abb.4). Das bedeutet jedoch nicht, dass das Göttliche auf diese Figuren beschränkt wäre, da es an sich grenzenlos ist und jede Form annehmen kann. Das physische Bild wird von der Gottheit zum Wohl der Gläubigen angenommen. Es gibt auch Hindus, welche die Anbetung der murti ablehnen, da sie der Meinung sind, dass Göttliche wäre unendlich und formlos und jeder materielle Gegenstand wäre nur eine symbolische Abbildung davon. Indische Philosophen vertraten unter anderem die Meinung, die Verehrung eines Bildnisses wäre eine Möglichkeit, sich bei der Verehrung zu konzentrieren und sich auf die höhere Form der Anbetung des formlosen Absoluten vorzubereiten (Shattuck 2000: 100-101).

Eine Form der Verehrung puja besteht daraus, sich vor der Gottheit zu platzieren, sodass diese den Gläubigen „sehen“ kann. Die im Tempelhof erworbenen, dadurch als rein betrachteten Opfergaben, meistens bestehend aus einer Kokosnuss, Kosmetikpuder, Bananen und Kampfer, werden zum Schrein der Gottheit gebracht und man umrundet als geistige Vorbereitung den Schrein im Uhrzeigersinn. Die Anzahl der Umrundungen kann variieren, muss aber immer eine ungenaue Anzahl sein, was eine Unvollendetheit symbolisiert. Tempel haben oft Schreine verschiedener Götter und die Schreine der wichtigsten Götter werden von den Priestern bewacht, welche die Opfergaben entgegennehmen. Während dieser Zeremonie, genannt arachanai geht der Priester von einem Gläubigen zum nächsten und fragt nach Namen und astrologischem Zeichen, welche er in den Sprechgesang an die Gottheit einfügt. Der Gläubige kann auch nach einem privaten Gebet verlangen, welches der Priester für andere kaum hörbar an die Gottheit richtet. Die eine Hälfte der Opfergabe wird dabei demonstrativ in einen Behälter bei der Gottheit gelegt, welche die Essenz der Opfergaben „absorbiert“, die andere Hälfte prasâda dem Gläubigen als Zeichen göttlicher Großzügigkeit zurückgegeben. Bei dem späteren Konsum nimmt der Gläubige selbst an dieser heiligen Handlung teil, ein Mahl mit der Gottheit zu teilen (Harman 2004: 99-100). Aus dem Teil, welcher im Tempel abgelegt wird, werden später Essen oder Opfergaben gemacht, welche an Pilger verteilt werden (Harman 2004: 114).

Eine andere Form der puja wird vom Priester im Sanktum des Tempels bei verschlossenen Türen und ohne Zuschauer vollzogen. Vor Beginn der Zeremonie ist die Gottheit noch nicht in der Figur anwesend und muss erst vom Priester, der als Gastgeber auftritt, in sie gebannt werden. Dazu werden durch mantras zunächst Reinigungsriten durchgeführt und der Priester erhält einen rituell reinen geistigen Körper und lässt durch Meditation das Bild der Gottheit in seinem Herzen entstehen, wodurch die Gottheit auch mit der Individualseele âtman identisch wird (Meisig 1996: 150-151, 154). Vor der physischen puja erfolgt zuerst eine innere Verehrung âtma-puja, in welcher der Priester seinem mit der Gottheit vereinigten Selbst huldigt. Danach wandert die Gottheit durch eine sich vorgestellte Röhre im Rückgrat in die Stirn, welche der Sitz der Universalseele paramâtman ist, wodurch es zur mystischen Vereinigung der Gottheit, Individual- und Universalseele kommt. Nach diesen Vorbereitungen kann die Gottheit nun in die Götterfigur versetzt werden. Durch den Atem aus dem rechten Nasenloch steigt die Gottheit auf eine Handvoll Blüten herab, welche der Priester vor sich hält und legt diese auf den Kopf der Figur. Durch die Fontanelle senkt sich die Gottheit ins Herz der Statue, wo er jetzt auch die äußere puja entgegennehmen kann.

Das 16-teilige Ritual besteht aus 16 Gaben und Diensten, genannt upacâras. Nachdem man einen Sitzplatz anbietet, heißt man den Gott willkommen, bietet ihm Wasser zum Waschen der Füße und des Gesichts, sowie eine Mundspülung an, darauf bekommt er eine Süßigkeit bestehend aus Honig, Joghurt und Milch, weshalb er sich erneut den Mund spülen muss. Darauf wird er gebadet, bekleidet, mit einer heiligen Schnur versehen, geschmückt, mit Sandelpaste gesalbt, mit Blumen bekränzt und beweihräuchert. Ein Licht wird angezündet und das Opfermahl dargebracht, welches nur in der Tempelküche zubereitet werden darf. Durch schmeichelnde Reden wird der Gast dann verabschiedet. Danach verlässt die Gottheit die Figur, indem sie sich durch das rechte Nasenloch der Figur auf die Blüten senkt, begibt sich durch das linke Nasenloch erneut in das Herz des Priesters. Auch während der Verehrung verlässt die Gottheit das Herz des Betenden nicht wirklich, sie breitet sich nur wie eine Flamme aus. Mit mantras, Preisgebeten und einer Geste zum Schluss endet die umfangreiche Zeremonie. Allgemein werden alle Riten durch viele Gebetsformeln und Gesten mudrās begleitet. Nach dem Ritual bekränzt sich der Priester mit den Blüten der Gottheit und isst von den Resten des göttlichen Mahls. Die verschlossenen Türen des Allerheiligsten werden geöffnet und auch die anwesenden Gläubigen können von den Speisen essen (Meisig 1996: 151-153). Die prasâda kann neben Früchten und Blumen auch aus Wasser vom Bad der Gottheit, welches man auf sich sprengt oder trinkt bestehen. All diese Substanzen übertragen die göttliche Gnade auf die Gläubigen (Shattuck 2000: 105).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vergleich von Verehrungsritualen im Hinduismus und Jainismus
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Orient- und Asienwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V454934
ISBN (eBook)
9783668862821
ISBN (Buch)
9783668862838
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, verehrungsritualen, hinduismus, jainismus
Arbeit zitieren
Lidia Tyurina (Autor), 2017, Vergleich von Verehrungsritualen im Hinduismus und Jainismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454934

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