Der Einfluss von Musikstreamingplattformen auf das Hörverhalten

Über die zeitgenössische Musikentwicklung


Masterarbeit, 2018
61 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Entwicklung von Vinyl zu Spotify
2.1 Musikstreaming ist 2018 Marktführer
2.2 Funktionsweise von Spotify

3 Hörverhalten im Wandel durch Algorithmen
3.1 Spotify.me
3.2 Filter Bubble
3.3 Die Rezeption von Musik im Alltag

4 Musikproduktion im Wandel durch Musikstreaming
4.1 Aufmerksamkeit als Produktionsziel von Musik

5 Weitere Forschungen und Entwicklungen
5.1 Musikpiraterie in Zeiten von Spotify

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Thematik des Musikstreamings, im Besonderen des Musikstreaminganbieters „Spotify“. Es soll der These nachgegangen werden, dass Musikstreaming das Konsum- und Hörverhalten, die Wertschätzung sowie die Produktion von Musik maßgeblich verändert.

Seit Juni 2018 sind Musikstreaminganbieter zum ersten Mal seit ihrem Entstehen Marktführer mit den höchsten Einnahmezahlen in der Musikindustrie. Wie dieser Trend nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die Rezipienten von Musik und damit ihr Hörverhalten beeinflusst, soll diese Arbeit zeigen. Beginnend mit einer Darstellung der Geschichte und Entwicklung von „Vinyl zu Spotify“, bis zur Funktionsweise der Software, verlagern sich die Kerngebiete auf mehrere unterschiedliche Bereiche und sollen die verschiedenen Erfolgsgründe der Musikstreamingplattform Spotify beleuchten. Es werden musikorientierte Algorithmen in ihrer Funktion und deren maßgeblicher Einfluss auf das sich verändernde Hörverhalten erklärt sowie in einen Kontext zur weitreichenden Bedeutung des Prinzips der sogenannten „Filter Bubble“ gesetzt. Unter anderem, unterstützt durch eine Studie, welche sich mit der Thematik des Musikhörens unterwegs auseinandersetzt, soll die komplexe Bedeutung des Musikhörens auf weitere nicht musikalische Bereiche erläutert und neben vielen medienwissenschaftlichen Betrachtungen in Bezug zu musikalischen Aspekten gesetzt werden.

Von weiterem Interesse soll die Betrachtung weg vom Rezipienten hin zum Produzenten sein. So wird die „30-Sekunden-Regel“ als Grundpfeiler für Musikproduktionen im Musikstreamingbereich obligatorisch. Darauf basierend werden die Folgen aktueller Musikproduktionen auch marktwirtschaftlich erörtert. Ein vertiefendes Beispiel dafür soll die Studie „Drawing listener attention in popular music“ von Hubert Léveillé Gauvin sein. So wird das Verschwinden von Introduktionen in der Musik sowie auch die allgemeine Musikentwicklung von 1986 bis zum heutigen Musikstreaming an exemplarischen Musikstücken dargestellt und gibt damit einen weiteren Einblick in die Komplexität des heutigen Musikhörens.

Weitere Forschungen und Entwicklungen sollen einen Ausblick in die zukünftigen Möglichkeiten zur Musikrezeption und damit verbundener technischer Innovationen geben, wodurch Musik immer omnipräsenter in den Alltag der Menschen implementiert wird. Neben Zukunftsbetrachtungen wird als Trend auch das Thema der Musikpiraterie erörtert. Es soll ein Einblick in weitere indirekte Entwicklungen gegeben werden, welche sich dennoch in Abhängigkeit zum Streamen von Musik befinden.

Das Fazit dieser Arbeit beinhaltet eine Zusammenfassung in Reflexion zu den gesammelten Erkenntnissen. Dabei handelt es sich nicht um eine subjektive Meinungsbildung, sondern unter anderem auch um eigene Erfahrungen im Hinblick zum sich verändernden Hör- und Produktionsverhalten von Musik aus Sicht eines Musikers im praktischen nahen Arbeitsumfeld von Musikstreamingplattformen.

2 Die Entwicklung von Vinyl zu Spotify

Das Konservieren von Musik ist natürlich keine neue Erfindung. Nur hat sie in den vergangenen Jahrzehnten eine vielseitige und anfangs nicht zu prognostizierende Entwicklung hinter sich.

Der Phonograph und die 1887 erfundene Schallplatte gelten als erstes Medium, auf welchem Musik konserviert werden konnte. Der Tonträger bestand dabei aus Glas- und Hartgummischeiben, später aus Schellack bis 1948 die ersten Platten aus höherwertigem Vinyl hergestellt wurden. Dadurch war nicht nur das Konservieren, sondern auch das Reproduzieren und Verbreiten von Musik möglich. Von da an war die Rezeption von Musik erstmalig nicht mehr an eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort gebunden.

Einer der in Folge meistgenutzten Tonträger war die anfangs der 1960er Jahre erschienene Kompaktkassette, auch bekannt als „MC“. Durch das Aufzeichnen von Audio auf elektromagnetische Bänder war es möglich, Musik bis zu 90 Minuten pro Seite aufzuzeichnen und jederzeit abzuspielen. Die Tonbänder waren von einem Kunststoffgehäuse zum Schutz und für die dazugehörigen Abspielgeräte passend umschlossen. Durch die Kompaktkassette wurde Musik in Verbindung mit einem batteriebetriebenen Abspielgerät, wie dem Walkman, zum ersten Mal mobil und meist über Kopfhörer auch in verschiedenen Alltagssituationen hörbar.1

Die Magnetbänder wurden durch einen optischen Datenträger zur erstmaligen Speicherung von digitaler Musik weitgehend abgelöst. Die sogenannte „Compact Disc“, kurz CD, folgte auf die Kassette Anfang der 1980er-Jahre und schaffte mit einer Laufzeit von 74 Minuten den Schritt in die optional mobilen Abspielgeräte der Konsumenten. Im Gegensatz zur größeren Vinylplatte wurde sie nicht gepresst, sondern in Spritzgussmaschinen, nach Vorlage eines Masters, aus Polycarbonat gespritzt und mit einer dünnen Aluminiumschicht bedampft.2

Eine entscheidende Veränderung war mit der CD möglich: Zum ersten Mal konnten mit der sogenannten „Skip“-Funktion in sehr kurzer Zeit Titel übersprungen oder zu vorherigen Titeln zurückgesprungen werden, ohne ein Band zurückspulen oder einen Plattenspielerkopf versetzen zu müssen. Diese damals neue Funktion prägt bis heute essentiell die Funktionsmechanismen und musikalischen Prozesse des modernen Hörens von Musik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die Studie „Hear & Now“ stellt die Entwicklung des Umgangs mit Audioaufnahmen vom Radio zum personalisierten Programm dar.

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung vom „Lean-Back-Audio“, also Audiomedien, welche der Zuhörer nicht direkt beeinflussen kann über „Multi-Channel-Audio“, bei dem der Rezipient die Möglichkeit besitzt Einfluss zu nehmen, aber parallel vorgegebene Inhalte nutzt, hin zum reinen „Contextual-Audio“, bei dem ein Dialog zwischen dem Hörer und der Audioquelle besteht und ein rein personalisiertes Programm möglich ist.

„Mit der Zunahme der Situationen, in denen Audio konsumiert wird, geht auch die technische Anforderung einher, Situationen und Stimmungen richtig einzuschätzen. Im Zuge dieser Individualisierung beschäftigen sich Audioakteure immer mehr mit den für sie verfügbaren Daten über die Hörgewohnheiten und Vorlieben ihrer Hörer. So spielt oftmals neben der eher konstanten individuellen Musikpräferenz des Nutzers auch der ständig wechselnde Kontext der Nutzung, d.h. Zeit, Ort und Stimmung, eine wichtige Rolle. Sind diese Daten bekannt, können nicht nur bessere Empfehlungen für die Hörer, sondern auch für die Künstler und Content-Publisher bereitgestellt werden. Diese können anhand von Nutzungsdaten noch genauer den potenziellen Bedarf und Geschmack der Hörer erkennen.“3

So sind heute Musiktitel die einst noch physisch als Vinylplatte, Tonkassette oder CD vorhanden waren, von nicht physischen Produkten, den digitalen Audiomedien des Musikstreamings, abgelöst worden. Damit hat die digitale Revolution zu einer grundlegenden Entmaterialisierung der Musik geführt.

Doch nicht ganz: Wie oft entsteht zu jeder Bewegung auch hier eine Gegenbewegung. Ein entschleunigendes Pendant zum schnellen Streaming bildet das Revival der Vinylplatte. Da im Jahr 2017 im analogen Tonträgermarkt der Vereinigten Staaten der Verkauf von CDs um 6 Prozent sank, der Verkauf von Vinylplatten aber um 10 Prozent anstieg, haben sich analoge Tonträger stärker verkauft als Musikdownloads (nicht zu verwechseln mit Musikstreaming) und führen damit die analoge Verkaufsspitze an.4

Demnach hat der technologische Fortschritt das Hören von Musik in den vergangenen 30 Jahren stark beeinflusst. All diese Entwicklungen haben es ermöglicht Musik nicht nur sofort abrufbar, sondern auch portabel an jedem Ort und zunehmend in immer größerer Menge zu konsumieren.5

2.1 Musikstreaming ist 2018 Marktführer

Laut dem Halbjahresreport des Bundesverbands Musikindustrie e.V. (BVMI) nimmt Musikstreaming einen Marktanteil des Audiostreamings in Deutschland von über 35,2 Prozent ein (Stand 1. Halbjahr 2018). Damit ist zum ersten Mal eine Wende auf dem Tonträgermarkt erfolgt, denn Musikstreaming ist das am meisten genutzte Medium für den Konsum von Audio geworden. Dicht gefolgt von der Audio-CD, welche über 30 Jahre der dominierende Audioträger war, mit einem Marktanteil von 34,4 Prozent. Reine Musikdownloads kommen hingegen noch auf einen Anteil von 8,5 Prozent und haben damit 23,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verloren. Die Vinylschallplatte, mit einem Verlust von 13,3 Prozent zum Jahr 2017, liegt in Deutschland bei einem geringeren Prozentsatz von 4,4 Prozent.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Menge verkaufter Tonträger digital und physisch der deutschen Musikindustrie von 2008 bis 2017 in Millionen Stück.

Wie bereits erwähnt liegt der markante Aspekt darin, dass im 1. Halbjahr 2018 zum ersten Mal das digitale das physische Geschäft überholt hat. Physische Tonträger wie CDs, DVDs und Vinylschallplatten kommen zusammen auf einen Marktanteil in Deutschland von 41,1 Prozent. Dem entgegen steht der Digitalvertrieb mit 58,9 Prozent.7

Trotz dem Trend neuer Technologien hat die Musikindustrie jedoch zwei Prozent Verlust im Vergleich zum Vorjahr (Rückgang von 742 Millionen auf 727 Millionen Euro) erfahren.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Umsatzanteile aus dem Musikverkauf in Deutschland im 1. Halbjahr 2018.

„The music industry is in the midst of a growth spurt that has led to 15-year record revenues for the major label groups and continues to break new consumption records for the first half of 2018. Total album equivalent consumption, which includes physical and digital album sales, song sales and on-demand audio and video song streams are up 18%.”9

Auf dem internationalen Markt, wie den Vereinigten Staaten, ist laut dem „U.S. Music Mid-Year Report 2018“ ebenso deutlich ein Trend hin zum Musikstreaming als bevorzugte Audioquelle erkennbar. So wurden bis Ende Juni 2018 403,4 Milliarden Musiktitel gestreamt und entsprechen somit 75 Prozent des amerikanischen Musikkonsums.10

Um diese Zahl in Relation zum Kauf von physischen Tonträgern zu bringen, setzt das amerikanische Informations- und Medienunternehmen Nielsen 1.500 gestreamte Titel mit der Wertigkeit eines „real gekauften“ Albums gleich und errechnet demnach für das erste Halbjahr 2018 einen Verkauf von 270 Millionen Alben. Damit, so Nielsen, ist das Segment des Streamens von Musik um 45,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen und gilt als das bisher größte verzeichnete Wachstum im digitalen Musikbereich. Wie in den USA sind auch auf dem deutschen Markt die Erlöse durch CD-Verkäufe und Musikdownloads rückläufig. Im Gegensatz zum deutschen Musikmarkt nahmen allerdings die Verkäufe von Vinylschallplatten auf eine Anzahl von 7,6 Millionen zu.11

Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums für Wirtschaft und Energie vom Herbst 2015 beschäftigte sich mit der volkswirtschaftlichen Relevanz der Musikbranche in Deutschland. Darin wurde unter anderem die ausschlaggebende Bedeutung der Digitalisierung behandelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die Bedeutung der Musikwirtschaft in Relation zu anderen Wirtschaftszweigen.

Durch die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen außerhalb der Musikwirtschaft zeigt Abbildung 4 die indirekte Beeinflussung der Musikwirtschaft auf weitere Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten und bildet damit eine wesentliche Grundlage für Aktivitäten in anderen wirtschaftlichen Zweigen. So würden beispielsweise Radio- und Reiseveranstalter, Gastronomiebetriebe und weitere Unternehmen von einem wachsenden Musiktourismus profitieren.12

Die Studie liegt einer Untersuchung zugrunde, welche vom Institut für Kommunikationswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität in Jena unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Seufert realisiert wurde.

Dabei kristallisieren sich mehrere wichtige Faktoren heraus: So gilt Musikstreaming, wie bereits erwähnt, durch seine Musikinhalte als wichtiger Inputfaktor für weitere Branchen. Durch Audiogeräte der Unterhaltungselektronik, in Clubs oder Medienproduktionen, welche diese Medieninhalte integrieren, werden rund 15 Milliarden Euro im Jahr in Deutschland umgesetzt.13

Im Jahr 1997 gingen die Umsätze von Tonträgern immer weiter zurück bis sich schließlich im Jahr 2000 die Musikwirtschaft in einer schweren Krise befand.

Als ein Grund dafür werden illegale Musikdownloads angesehen, welche durch sogenannte Peer-to-Peer-Musiktauschbörsen wie „Napster“ den Markt von illegalem Handel mit Musikdateien stark begünstigten.14

Als Begründer und damit vor allem Impulsgeber für den heute vorhandenen Markt an Musikstreamingdiensten wird der damalige CEO des Computerherstellers Apple, Steve Jobs, angesehen. Er startete mit seiner Firma das Musikportal iTunes im Jahr 2004. Damit wurde es möglich einen Song für 99 Cent oder ein Album zu verschiedenen

Preisen zu erwerben. Dadurch schaffte das Unternehmen den Markt zunehmend zurück in den legalen Bereich zu holen. Bis schließlich 2008 Musikstreaming durch Anbieter wie „Myspace“, wenn auch in rudimentärer Form, den Kauf von Songs Stück für Stück ablöste.

Für Spotify bedeutete dieser Trend: Beginnend mit ca. 99 Millionen Streams pro Woche Ende 2012, war bereits Ende 2015 die Anzahl von Streams auf 617 Millionen wöchentlich angestiegen und wies damit eine Steigerung von 520 Prozent auf.15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Die Steigerung von Speicherkapazität, am Beispiel von SD-Karten, im Zeitraum von 2001 bis 2014.

Aufgezeichnete Musik ist heutzutage überall verfügbar. Diese Entwicklung des digitalen Marktes setzte natürlich auch die Entwicklung der dafür benötigten Hardware voraus. Abbildung 5 zeigt dabei die rasanten technischen Sprünge exemplarisch von 2001 bis 2014 auf. Somit war es 2001 bei einer verbauten SD-Speicherkarte in einem Mobiltelefon mit einer Größe von 128 MB und bei einer heutzutage eher durchschnittlichen Auflösung von 192 kbit/s einer mp3-Datei, möglich, gerade einmal 18 Songs abzuspeichern. Da viele technologische Fortschritte sich exponentiell entwickeln, hat sich die Speicherkapazität 2005 mit 16 GB bereits um 127-mal auf 2.300 Titel vervielfacht und bis zum Jahr 2014, mit Speichergrößen auf mobilen Geräten von 512 GB,auf 74.000 mögliche Musiktitel in einem einzigen Gerät entwickelt. Bis 2018 ist dieser Trend weiter vorangeschritten, so dass Geräte namhafter Hersteller bereits mit Speicherkarten im Terabyte-Bereich (rund 1.000.000 MB) arbeiten.

Durch die Anbindung an das Internet wurde diese „Beschränkung“ aufgehoben, da nun jederzeit Zugriff auf Musikdatenbanken besteht. War man vorher auf das Vorhandensein entsprechender Schallplatten, Audiokassetten, CDs, eben genannter Speichermedien oder eines entsprechenden Radioprogramms angewiesen, so hat man nun Zugang zu einer nahezu unbegrenzten Anzahl an Musiktiteln, in umfassenden Audio- und auch Musikvideoarchiven, die sich beispielsweise auf das Mobiltelefon streamen lassen. Oder es ist möglich Kompilationen von Musikstücken, welche früher mit höherem und längerem Aufwand auf Kassetten kopiert oder auf CDs gebrannt wurden, als sogenannte Playlist auch Freunden in wenigen Sekunden zur Verfügung zu stellen. Während man im letzten Jahrtausend also beim Musikhören noch auf die Musik beschränkt war, die man bereits besaß oder durch Radio- und Fernsehprogramme sowie Freunde kennenlernen konnte, ist es heute möglich, unbekannte Musik allein durch virtuelle Empfehlungen kennenzulernen.16

2.2 Funktionsweise von Spotify

Spotify ist ein Kunstwort und setzt sich aus dem Begriff „spot“ und „to identify“ zusammen.17 Die Attraktivität der Musikstreamingplattform wird durch ihre Funktionsweise geprägt. In dieser Arbeit soll nur auf informatikübergreifende Themen eingegangen werden, wenn sie dem Kontext des musikalischen Verständnisses dienlich sind.

Beim Streamen von Musik werden Dateien in mehreren Paketen über das Internet auf ein Endgerät gesendet. Dies kann ein Mobiltelefon, ein internetfähiger mp3-Player oder ein Computer sein. Dabei wird die Musik, je nach Streamingdienst, nur auf das jeweilige Gerät kurzzeitig übertragen oder für einen limitierten Zeitraum gespeichert. Die Nutzungsrechte liegen jederzeit beim Betreiber der Streamingplattform. Spotify im Speziellen nutzt ein sogenanntes „Freemium-Modell“. Dabei wird eine kostenlose Variante, begleitet mit optischen und auditiven Werbeanzeigen und eine kostenpflichtige Version angeboten. Der Abonnementpreis liegt bei rund 10 Euro, für Studenten bei rund 5 Euro. Dadurch wird ersichtlich wie leicht und finanziell erschwinglich der Einstieg für potentielle Musikstreaming-Nutzer ist.

In Abbildung 6 sind mehrere aktuelle Streamingdienste im Vergleich zu ihren Leistungen aufgeführt. Es wird deutlich, dass der Preiskampf alle Dienste auf einen geringen monatlichen Beitrag gebracht hat. Applemusic offeriert als einziger Anbieter eine Testphase von 90 Tagen im Vergleich zu 30 Tagen anderer Dienste, was darauf schließen lässt, dass Apple seine Nutzer durch die längere Testphase stärker an den hauseigenen Musikstreamingdienst gewöhnen möchte und so nach Ablauf der Testphase ein Umstieg des Nutzers auf die Bezahlversion wahrscheinlicher ist.

Ein kostenloser Tarif mit Werbung ist in der Auswahl lediglich bei den Anbietern Deezer, Soundcloud und Spotify möglich. Alle Dienste decken eine Vielzahl von unterstützten Wiedergabegeräten ab, so dass verschiedene Nutzergruppen angesprochen werden. Spotify bietet dabei die größte Konnektivität und hat erkannt, dass darin einer der Schlüssel zum Erfolg der Musikstreamingplattform liegt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Ein Ausschnitt aktueller Musikstreamingdienste im Vergleich zu ihren jeweiligen Leistungen.

Auffallend ist, dass Spotify mit einer Titelauswahl von „nur“ rund 35 Millionen Musiktiteln (Stand März 2018) zum Anbieter mit der geringsten Größe des Musikrepertoires gehört. Im Kontrast steht dabei die Musikauswahl von „Soundcloud“ mit über 135 Millionen Titeln. Dennoch ist Spotify weltweit einer der größten Marktführer (siehe Abbildung 7). Das liegt an verschiedenen Faktoren, wie der genannten Unterstützung vieler Geräte zur Wiedergabe, aber auch am Aufbau und der damit verbundenen Nutzererfahrung im Umgang mit der Desktop- und mobilen Anwendung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Prozentuale Marktentwicklung im Vergleich der drei größten Anbieter.

Spotifys funktionales Zentrum bilden Algorithmen, welche das Nutzerverhalten komplex analysieren und durch verschiedene Empfehlungssysteme die gesammelten Informationen verwenden (siehe Kapitel 3).

Bei der Nutzung der Software steht dem Hörer zum Beispiel die Playlist „Dein Mix der Woche“ wöchentlich neu zur Verfügung. Voraussetzung dafür ist, dass der Anwender mindestens zwei Wochen lang den Musikstreamingdienst genutzt hat. Darin befinden sich 30 Songs, basierend auf dem eigenen Hörverhalten der vergangenen sieben Tage und dem anderer Nutzer mit vergleichbaren Musikpräferenzen.

In einer sogenannten „Release-Radar“-Playlist werden freitags neue Musiktitel aufgeführt, welche in der vergangenen Woche erschienen sind und sich im Rahmen des Musikgeschmacks des Hörers bewegen.

Mit bis zu sechs verschiedenen Mixtapes bietet Spotify eine neue digitale Version der damaligen analogen Mixtapes. Wo früher noch, wie bereits erwähnt, auf Tonbandkassetten einzelne Songs durch das Überspielen von anderen Kassetten, Vinylplatten oder aus dem Radio aneinander gereiht worden sind, um sie beispielsweise als Geschenk weiterzureichen oder selbst in einer eigens gewählten Abfolge hören zu können, stehen nun Mixtape-Playlisten zur Verfügung. Basierend auf einzelnen Künstlern verschiedener Genres werden diese Playlisten automatisch, nach dem Erfassen eines Minimuminformationslevels über den Nutzer, generiert. Doch im Gegensatz zur begrenzten Aufnahmedauer alter Tonbandkassetten funktionieren diese Playlisten wie ein endloses, nur aus Musik bestehendes, Radioprogramm und werden so auch von Spotify als „personalisiertes Radio“ bezeichnet. Es gibt keine begrenzte Titelanzahl und dazu die Möglichkeit, im Vergleich zum herkömmlichen Radio, Titel zu überspringen, noch einmal anzuhören oder in der Playlist auch weiter zurück zu „skippen“.

[...]


1 Kasprzack, Linda: „Bewegen sich Spotify-User in einer musikalischen Filter Bubble? Eine quantitative Untersuchung unter Berücksichtigung verschiedener Ursachen und Nutzertypen“, MA-Arbeit, Hochschule der Medien, Stuttgart 2017.

2 Cope, John A.: “The physics of the compact disc”, in: Physic Education 28, 1993, URL: https://goo.gl/Cfdv6Z, S. 16, Abruf am 13.08.2018.

3 Davis, Tom; Drömann, Uli; Schleicher, Theresa; Schmidlin, Vincent: „Hear & Now: Die Zukunft von Audio“, in: Internetseite VORN Strategy Consulting, 11/2016, URL: http://hearandnow.vornconsulting.com/files/161103_VORN_Hear_Now_Studie.pdf, S. 16, Abruf am 10.7.2018.

4 Recording Industry Association of America: „Mid-Year 2018. RIAA Music Revenues Report“, in: Internetseite RIAA, 20.09.2018, S. 4, Abruf am 22.09.2018.

5 Gauvin, Hubert Léveillé: “Drawing listener attention in popular music: Testing five musical features arising from the theory of attention economy”, Ohio State University, USA 2017, S. 1.

6 Bundesverband Musikindustrie e.V.: „Musikwirtschaft in Deutschland“, in: Internetseite BVMI, 18.07.2018, URL: http://www.musikindustrie.de/news-detail/controller/News/action/detail/news/bvmi-halbjahresreport-2018-audio-streaming-ueberholt-die-cd/, Abruf am 25.07.2018.

7 Vgl. Bundesverband Musikindustrie e.V. 2018.

8 Vgl. ebd.

9 NIELSEN: „U.S. Mid-Year 2018”, in: Internetseite Nielsen, 06.07.2018, URL: https://www.nielsen.com/us/en/insights/reports/2018/us-music-mid-year-report-2018.html#, Abruf am 20.07.2018.

10 Vgl. RECORDING INDUSTRY ASSOCIATION OF AMERICA 2018.

11 Vgl. RECORDING INDUSTRY ASSOCIATION OF AMERICA 2018, S.2.

12 BUNDESVERBAND MUSIKINDUSTRIE E.V.: „Musikwirtschaft in Deutschland 2015“, in: Internetseite BVMI, 23.09.2015, URL: http://www.musikindustrie.de/fileadmin/bvmi/upload/06_Publikationen/Musikwirtschaftsstudie/musikwirtschaft-in-deutschland-2015.pdf, S. 8, Abruf am 03.07.2018.

13 vgl. ebd., S. 9.

14 RUTH, NICOLAS; SCHRAMM, HOLGER; SPANGARDT, BENEDIKT: „Medien und Musik”, Springer, Berlin 2017, S. 12.

15 Vgl. RUTH; SCHRAMM; SPANGARDT 2017, S. 16.

16 RÖTTER, GÜNTHER [HRSG.]: „Handbuch Funktionale Musik. Psychologie – Technik – Anwendungsgebiete“, Springer, Wiesbaden 2017, S. 398.

17 WALD-FUHRMANN, MELANIE: „Art. Spotify, Geschichte“, in: Internetseite MGG Online, 18.07.2018, URL: https://www.mgg-online.com/mgg/stable/45729hrsg, Abruf am 05.08.2018.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Musikstreamingplattformen auf das Hörverhalten
Untertitel
Über die zeitgenössische Musikentwicklung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Musikwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
61
Katalognummer
V455008
ISBN (eBook)
9783668882089
ISBN (Buch)
9783668882096
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikstreaming, Spotify, hörverhalten, spotify.me, filter bubble, musikpiraterie, Bundesverband Musikindustrie, Peter Cao, John A. Cope, Hubert Leveille Gauvin, Andreas Gebesmair, Michael Goldhaber, HTC, Bose, Apple, Amazon, Soundcloud, David Huron, Paul Lamere, Ted Lieu, Vincent Mosco, Nielsen, Richard Osborne, Recording Industry Association of America, Eli Pariser, Earl Vickers, Melanie Wald-Fuhrmann
Arbeit zitieren
Tim Gernitz (Autor), 2018, Der Einfluss von Musikstreamingplattformen auf das Hörverhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455008

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