Die Autorität der Schrift. Grundfragen der Komposition des Jesaja-Buches


Seminararbeit, 2016
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung 3

2. Allgemeines zum Jesajabuch

3. Sprachliche Beziehungen
3.1. Vergehen/Schuld/Strafe –עון
3.2. trösten –נחמ
3.3. Kommen der Herrlichkeit Gottes –יְהוָ֑הכְּב֣וֹד
3.4. Siehe, euer Gott –הִנֵּ֖ה אֱלֹהֵיכֶֽם
3.5. frühere und jetzt beseitigte Sünden Israels

4. Thematische und theologische Beziehungen 11
4.1. Zion/Jerusalem
4.1.1. Protojesaja – Heils- und Unheilsworte
4.1.2. Deuterojesaja – Trost und Zusage der göttlichen Hilfe
4.1.3. Tritojesaja – Schöpfung und Trost
4.2. Der Heilige Israels
4.3. Gerechtigkeit

5. Zusammenfassung

6. Persönliches Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Stammt der Begriff „Kanon“ zwar aus dem griechischen und wurde er ab dem 4. Jh. n. Chr. im kirchlichen Rechtswesen verwendet, so geht dem schon länger zurückliegend ein Bestreben voraus, die Texte und den Umfang der Schrift verbindlich zu gestalten. Schon im Alten Orient (z.B. in Mesopotamien) gab es „kanonische“ Listen, die Form und Reihenfolge von Texten festlegten. Die hebräische Kanonbildung vollzog sich in mehreren Etappen und mehrere Jahrhunderte. So sprechen sowohl Jesus Sirach (ca. 180 v.Chr.) als auch Flavius Josephus (ca. 93 n. Chr.) von einem abgeschlossenen und unveränderlichen Bücherkorpus. Im 1. nachchristlichen Jahrhundert kommt es zu einer Konsolidierung des Umfangs der Hebräischen Bibel. Dies war das Ergebnis vor allem von zwei Ereignissen: Der Akzeptant der LXX in den christlichen Gemeinden und das Ende der Qumrangemeinde (um 70 n. Chr. ).1

Bemerkenswert ist aber das formgeschichtliche Ergebnis der atl. Forschung, dass die einzelnen Texte des AT auf innerbiblischer Schriftauslegung beruhen und mit anderen Texten des AT interagieren.2 Die Idee, dass es sich bei biblischen Texten um eine buchstabengetreue Fixierung handelt, hängt laut Schmid mit dem Aufkommen der Inspirationslehre zusammen. Sohin gibt es keine Endgestalt biblischer Texte. Vielmehr muss man von verschiedenen Textzeugen ausgehen.3

Dem Titel des Seminars („Autorität der Schrift“) entsprechend muss man anfragen, ob damit gemeint ist, dass die uns vorliegende Schrift von einer Autorität, also einer Person oder Institution, „beschlossen“ wurde, oder ob sie (eine autoritative Wirkung, also eine auf hohem Ansehen beruhende, beansprucht.) Wobei diese Fragestellung im wissenschaftlichen Diskurs wohl eindeutig zugunsten der zweiten Variante beantwortet werden kann. Schmid führt hier eine wichtige Unterscheidung zwischen dem Begriff „Kanon“ und dem der „Schrift“ ein:

„Von Konzept und Begriff des ‚Kanons’ lässt sich die Vorstellung von ‚Schrift’ im qualifizierten Sinn unterscheiden, die auch biblisch […] belegbar ist. Gemeint ist damit ein offeneres Konzept eines autoritativen Textes, der aber weder als inspiriert noch als unveränderlich gelten muss.“4

Autoritativ waren die Schriften insofern, als sie für den religiösen Kult verwendet wurden. Standen bis 70 n. Chr. zwar noch die Opferungen im Tempel im Mittelpunkt und ist die Bedeutung der Schriften noch nicht geklärt, so dienten sie wahrscheinlich als Selbstvergewisserung derjenigen im Jerusalemer Tempel, die mit der Produktion und Pflege der atl. Literatur befasst und verantwortlich waren. Hierbei konnte es immer noch zu Modifikationen kommen, was die intertextuellen Beeinflussungen erklären kann, auf die speziell mit Sicht auf das Jesajabuch in der gebotenen Kürze einer Seminararbeit in weiterer Folge eingegangen werden soll. Erst mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. transformiert sich das Judentum zu einer Schriftreligion. Erst ab diesem Zeitpunkt praktiziert man statt des Tempelkults das Schriftstudium und erst ab diesem Zeitpunkt kann man von einem atl. Kanon sprechen. Vor diesem Datum können die autoritativen Schriften mit dem Titel „Gesetz und Propheten“ sowie „Mose und Propheten“ versehen werden, nicht aber von einem einheitlichen Kanon, der sich in Tora, Neviim und Ketuvim gliedert.5

Diese Einführenden Worte lassen sich so zusammenfassen, dass die Unveränderbarkeit des Buchstabens innerhalb des AT eine untergeordnete Rolle spielt. Der Gedanke der Inspiration der Schrift wird erst von Josephus und Philo in die Welt gesetzt.6 Zuvor stellt sich die Genese der Schrift als eher flexibler und fließender Prozess dar.

In weiterer Folge will ich mich auf das Jesajabuch konzentrieren, dass in sich mehrere Spannungen aufweist und zugleich ein gutes Demonstrationsobjekt dessen ist, was Schmid als innerbiblische Schriftauslegung und Interaktion mit anderen Texten des AT betrifft. Wobei ich mich bei den intertextuellen Interaktionen auf jede innerhalb des Jesajabuches selbst konzentrieren werde.

2. Allgemeines zum Jesajabuch

Geht man nach Schmid, so ist das Jesajabuch maßgeblich von der Amosüberlieferung beeinflusst.7 Heute ist es im wissenschaftlichen Diskurs Konsens, dass das Jesajabuch vom 1. bis zum letzten Kapitel nicht von dem in 1,1 genannten Jesaja ben Amos stammt.

Jes 1,18 Die Schauung des Jesaja, des Sohns von Amoz (יְשַֽׁעְיָ֣הוּ בֶן־אָמ֔וֹץ), die er geschaut hat über Juda und Jerusalem in den Tagen des Ussijahu, des Jotam, des Achas und des Jechiskijahu, der Könige von Juda.

Vielmehr handelt es sich bei diesem kanonischen Buch um eine Sammlung prophetischer Werke, deren Einzelwerke aus mindestens fünf Jahrhunderten stammen.9 Man geht heute vielmehr davon aus, dass sich das uns heute vorliegende Buch in einen Proto- (Kap. 1–39), Deutero- (40–55) und Tritojesaja (56-66) aufteilt. Dabei nimmt z.B. Mowinkel eine Jesaja-Schule an: Deuterojesaja ging aus eben dieser Schule hervor und Tritojesaja wiederum sei das Ergebnis der Schüler des Deuterojesaja.10 Rendtorff wiederum kommt zum Befund, dass „vielfältige Wechselwirkungen zwischen den drei Teilen des Jesajabuches bestehen“.11

Fragt man aber nach der Intention der literarischen Gestalt, so kommen vor allem in der neueren Forschung Fragen nach der Komposition des Buches auf, die andere Einsichten ermöglichen. In den weiteren Ausführungen orientiere ich mich an Rolf Rendtorff12, der diese neueren Forschungen sehr übersichtlich präsentiert.13 Bei seiner Darstellung des Jesajabuches, das nicht die starre Dreiteilung des Buches aufweist, greift er auf die Arbeiten von Melugin14 und Ackroyd15 zurück, die zur Einsicht gelangen, das das Buch aus einer Anzahl größerer oder kleinerer, nicht völlig voneinander unabhängiger Teilkompositionen besteht. Vielmehr gäbe es deutlich erkennbare Beziehungen, wodurch auf eine absichtliche redaktionelle Gesamtkomposition des Buches zu denken sei [142]. Dies ist natürlich ein spannender Ansatz und konterkariert die Einheits- aber auch die Trilateralitätsthese und rüttelt geradezu an der Autorität der Schrift. Wie kann das Jesajabuch eine autoritative Wirkung entfalten, wenn es nicht „aus einem Guss ist“?

Im Folgenden soll auf einzelne Aspekte eingegangen werden und diese wechselseitigen Beeinflussungen dargestellt werden.

3. Sprachliche Beziehungen

Aufgrund sprachlicher Beziehungen werden verschiedene Verbindungslinien zwischen einzelnen Teilen des Jesajabuches hergestellt. Rendtorff [148] sieht ausgehend von Kapitel 40, also dem Einleitungskapitel des Deuterojesaja, sehr deutliche Beziehungen zu den beiden anderen Buchteilen, vor allem sieht er starke Verbindungen zu den Kapiteln 1; 12 sowie 35. Er macht dies anhand verschiedener Themen fest, auf die nun eingegangen werden soll.

3.1. Vergehen/Schuld/Strafe –עון

Melugin, der sich in seiner Arbeit auf „Deuterojesaja“16 bezieht, fand eine Beziehung zwischen Jes 40 und Jes 1. Diese Beziehung wird durch עָוֹן (Vergehen/Schuld/Strafe) hergestellt. In 1,4 wird der mit Schuld beladenen Stadt Jerusalem gedroht, 40,2 fordert auf, Jerusalem zu sagen, dass die Schuld beglichen sei.

Jes 1,4 Wehe der Nation, die sündigt, dem Volk, das belastet ist mit Schuld, der Brut von Übeltätern, denen, die Verderben bringen. Sie haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verworfen, ihm haben sie den Rücken zugewandt.

Jes 40,2 Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist. Aus der Hand des HERRN musste sie nehmen das Doppelte für all ihre Sünden.

Dieser Zusammenhang weist nach Rendtorff darauf hin, dass es sich im ein „Signal“ handeln könnte, das eine Beziehung zwischen Textteilen herstellt [144]. Dies ist eine m.E. sehr gewagte These, mit der alles und nichts bewiesen werden kann. Denn das Lemma עָוֹן kommt im AT 231 Mal vor17. Und das recht gut verteilt über die ganze Hebräische Bibel; 23 Belegstellen18 finden sich im Jesajabuch. Verbindungslinien (bzw. einen ähnlichen Tenor habend) innerhalb des Jesajabuches gibt es noch zu den folgenden Stellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Warum wurden wiederum die o.a. Stellen berücksichtigt bzw. auf die hingewiesen? Für Rendtorff ist das jedenfalls ein Beleg für die „Redaktionsarbeit, die schon in Kap. 1–39 neben die Unheilsverkündigung die Heilsverkündigung setzen.“ [147].

3.2. trösten – נחמ

Der erste Abschnitt des Protojesaja endet mit einem Psalm in Kapitel 12. Hier wird in Vers 1 darauf verwiesen, dass der Herr den Psalmisten trösten solle. Eine ähnliche Wendung lässt sich in 40,1 finden, wie der Herr sagt, er tröstet sein Volk. Der Anklang des Psalms an Deuterojesaja wird evidenter mit dem in Vers 12,2 folgenden „Sieh, Gott ist meine Rettung!“ (הִנֵּ֨ה אֵ֧ל יְשׁוּעָתִ֛י). Hier soll mit יְשׁוּעָהdeutlich an die Sprache Deuterojesajas angeklungen werden [144]. Eine weitere Verbindungslinie gibt es zu 51,12, wo auch das Trösten aufgenommen wird. Es ist in der Tat so, dass Trösten relativ häufig (15 Mal) im Jesajabuch vorkommt, davon alleine sieben Mal im Deuterojesaja. Rendtorff führt die Linie über 51,12 hinaus bis zum Ende des Jesajabuches, wo es in 66,13 heißt: „so will ich euch trösten“ (כֵּ֤ן אָֽנֹכִי֙ אֲנַ֣חֶמְכֶ֔ם). Hier soll das bewusst verstärkend gesetzte אָֽנֹכִי֙ sowie der Gleichklang der Suffixform an eine Wiederaufnahme von 51,12 denken lassen [144]. Stellt man 51,12 und 66,13 gegenüber, so sieht man m.E., auf welch wackeligen Beinen diese Annahme steht. Diese Annahme bildet daher aus meiner Sicht keine hinreichende Begründung für eine valide These, vielmehr scheint mir dass schon ein wenig willkürlich zu sein, zumal die beiden Auszeichnungen (מְנַחֶמְכֶ֑ם bzw. אֲנַ֣חֶמְכֶ֔ם) nur jeweils an dieser Stelle vorkommen.

[...]


1 Vgl. Berlejung, Angelika: Quellen und Methoden. In: Grundinformation Altes Testament, hg. von Jan Christian Gertz, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, 21–58, 31.

2 Vgl. Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 3.

3 Vgl. Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 62.

4 Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 62. Weiterführend sei hier auf Fußnote 10 in Schmids Text verwiesen.

5 Vgl. Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 70–73.

6 Vgl. Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 76.

7 Vgl. Schmid, Konrad: Schriftgelehrte Traditionsliteratur : Fallstudien zur innerbiblischen Schriftauslegung im Alten Testament. Forschungen zum Alten Testament, hg. von Bernd Janowski et al., Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 74.

8 Die Bibelzitate entnehme ich aus der Zürcherbibel und habe dabei die Orthographie (v.a. das fehlende „ß“) nicht korrigiert.

9 Vgl. Preuß, Horst Dietrich und Berger, Klaus: Bibelkunde des Alten und Neuen Testaments 1. A. Franke, Tübingen 7. Aufl. 2003, 136.

10 Vgl. Mowinckel, Sigmund: Prophecy and Tradition : the Prophetic Books in the Light of Study of the Growth and History of the Tradition. Jacob Dybwad, Oslo 1946, 67ff. Zitiert in Rendtorff, Rolf: Kanon und Theologie : Vorarbeiten zu einer Theologie des Alten Testaments. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 1991, 141.

11 Rendtorff, Rolf: Kanon und Theologie : Vorarbeiten zu einer Theologie des Alten Testaments. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 1991, 157.

12 Rendtorff, Rolf: Kanon und Theologie : Vorarbeiten zu einer Theologie des Alten Testaments. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 1991, 141–161.

13 Wenn ich im weiteren Text explizit auf Rendtorff verweise, so setze ich die Seitenzahlen in [eckigen Klammern] nach dem Text und verzichte auf Fußnoten.

14 Melugin, Roy F.: The formation of Isaiah 40-55. BZAW 141 1976.

15 Ackroyd, Peter R.: Isaiah I-XII: Presentation of a Prophet. VTSup 29, 1978. 16–48.

16 Um den Text mit Zahlen und Kapitelangeben nicht noch mehr zu überfrachten, werde ich im Folgenden die Bezeichnungen Proto-, Deutero- und Tritojesaja beibehalten wenn von den Kapiteln 1–39, 40–55 bzw. 56–66 als gesamte Abschnitte die Rede ist.

17 Die statistischen Auswertungen zur Häufigkeit der Lemmata habe ich mittels Accordance 11.1.4 vorgenommen.

18 Jes 1,4; 5,18; 6,7; 13,11; 14,21; 22,14; 26,21; 27,9; 30,13; 33,24; 40,2; 43,24; 50,1; 53,5-6.11; 57,17; 59,2-3.12; 64,5-6.8; 65,7;

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Autorität der Schrift. Grundfragen der Komposition des Jesaja-Buches
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie, Evangelisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
AT-Seminar
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V455046
ISBN (eBook)
9783668883956
ISBN (Buch)
9783668883963
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autorität, Altes Testament, Jesaja, Schrift, Bibel, Vergehen, Schuld, Strafe, Trösten, Herrlichkeit Gottes, Israel, Zion, Jerusalem, Protojesaja, Deuterojesaja, Tritojesaja, Gerechtigkeit, Heilige Israels, Kanon
Arbeit zitieren
Dietmar Böhmer (Autor), 2016, Die Autorität der Schrift. Grundfragen der Komposition des Jesaja-Buches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455046

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