Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik. Zu Kapitel VII aus dem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Ève Chiapello


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung
1.1 Einordnung in das Gesamtwerk
1.2 Einschränkung der Arbeitsabsichten

II. Anzeichen einer Beunruhigung
2.1 Die Künstlerkritik
2.2 Durkheims Anomiekonzept

III. Die Dialektik der Emanzipation
3.1 Kapitalismus und Kritik im ersten Geist des Kapitalismus
3.2 Kapitalismus und Kritik im zweiten Geist des Kapitalismus
3.3 Emanzipation und Unterdrückung im neuen Geist des Kapitalismus

IV. Die Dialektik der Authentizität
4.1 Authentizität im zweiten Geist des Kapitalismus
4.2 Die Rolle der projektbasierten Polis

V. Möglichkeiten der Künstlerkritik
5.1 Sicherheit als Emanzipationsfaktor
5.2 Beschränkung der Marktsphäre

VI. Zusammenfassung und Diskussion
6.1 Der Themenkomplex Emanzipation
6.2 Der Themenkomplex Authentizität
6.3 Die Kritik der Kritik an der Kritik der Kritik

Literaturnachweis

I. Einleitung

1.1 Einordnung in das Gesamtwerk

In dieser Arbeit sollen Inhalt und Bedeutung des Kapitels „Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik“ aus dem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello betrachtet werden. Dafür muss zunächst ein kurzer Überblick über das Gesamtkonzept des Werkes gegeben werden.

Die Autoren[1] konzipieren einen „Geist des Kapitalismus“, der aus dem Zusammenwirken von kapitalistischen Akkumulationsstrukturen und der Kritik an ihnen entsteht. Der Kapitalismus benötige grundsätzlich Legitimationsmechenismen, die den Menschen, die in ihm leben und arbeiten, die Sinnhaltigkeit und die Allgemeinwohlorientierung ihres Handelns vor Augen führt um sie für den kapitalistischen Produktionsprozess zu mobilisieren. Nur so sei ihr Engagement für einen Produktionsprozess zu gewinnen, der über reine Bedarfsdeckung weit hinaus reicht und im Wesentlichen auf die Selbstvermehrung des Kapitals zielt. Und eben dies leistet nach Ansicht der Autoren der Geist des Kapitalismus, der mit Hilfe der Kritik moralische Kategorien und Gerechtigkeitsstrukturen bereitstellt, um auch diejenigen mitzureißen, die eigentlich keinen Nutzen aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise ziehen.

Die Kritik greift dabei auf unterschiedlichen Ebenen. Die Autoren unterscheiden a) Kritik an der Entzauberung und an der fehlenden Authentizität, b) Kritik an der Unterdrückung von Freiheit, Kreativität und Autonomie, c) Kritik an Ungleichheit und Armut sowie d) Kritik an der ausschließlichen Orientierung an Egoismen und an der daraus folgenden Zerstörung der gesellschaftlichen Solidarität. Die ersten beiden Punkte werden der Künstlerkritik zugeordnet; eine als idealtypische Kategorie aufzufassende inhaltliche Bestimmung der Kritik, „die in der Lebensform der Boheme wurzelt“[2] und „deren exemplarische Ausformung sich bei Baudelaire findet“[3] Die beiden anderen Ansatzpunkte ordnen die Autoren der Sozialkritik zu, die aus der Verarmung der unteren Klassen und dem Willen zur Einmischung und Formung der gesellschaftlichen Beziehungen resultiert.

In ihrem Gesamtwerk konzipieren die Autoren eine Dialektik zwischen Kapitalismus und Kritik, die sich zwangsläufig als endlos erweist[4]: Der Kapitalismus braucht die Kritik zur Ausbildung eines Geistes, der die notwendigen Rechfertigungsmechanismen und von ihnen so genannte Bewährungsproben[5] bereitstellt. Andererseits muss die Kritik immer wieder kanalisiert werden, um noch konstruktiv zu sein. Dies leistet der Kapitalismus durch Rückgewinnungsschleifen, womit die Autoren im Wesentlichen solche Prozesse greifen, in denen der Kapitalismus die Forderungen der Kritik erfüllt oder kritisierte Missstände beseitigt, gerade dadurch aber neue Unterdrückungsformen und Ungerechtigkeiten entstehen, was wiederum zu neuer Kritik Anlass gibt, die der Kapitalismus wiederum integrieren muss.

Methodisch binden die Autoren ihr Konzept zurück an die Managementliteratur der 90er Jahre, in der sie Forderung und Scheitern, d. h. Reintegration der Kritik, ausmachen können.

1.2 Einschränkung der Arbeitsabsichten

Keinesfalls kann hier das Gesamtwerk inhaltlich wiedergegeben werden. Notwendigerweise beschränkt sich die Arbeit daher auf oben genanntes Kapitel. Nach einer kurzen Darstellung der Ausgangssituation der Künstlerkritik soll ihr Scheitern dargestellt werden sowie die Möglichkeiten, welche die Autoren für eine neue Künstlerkritik sehen, die angesichts der Unmöglichkeit, die Herkunft der Bedrohung näher zu bestimmen, gegenwärtig offenbar in Lethargie verharrt. Die Argumentationsstrukturen der Autoren sollen dabei kritisch nachvollzogen und auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden. Es wird zu fragen sein, ob die Autoren in diesem Kapitel dem Anspruch auf Offenlegung neuer Empörungsquellen[6] für die Künstlerkritik gerecht werden und ob die von ihnen gezogenen Schlußfolgerungen tatsächlich, wie sie behaupten, auf eine neue Künstlerkritik schließen lassen.

II. Anzeichen einer Beunruhigung

2.1 Die Künstlerkritik

Bevor mit der eigentlichen Darstellung begonnen werden kann, soll hier kurz der Begriff der Künstlerkritik spezifiziert werden. Die Autoren verstehen darunter eine Richtung der Kritik, die ihren Ursprung in der Lebenswelt der französischen Künstler-Avantgarde hat und vor dem Hintergrund eines erstarkenden Kapitalismus auf den romantisch-naiven Aspekt der Entzauberung durch die Warenwelt zielt. Demnach richtet sich die Kritik inhaltlich gegen die Entzauberung der Sinnwelt unter dem Einfluß von Mechanisierung und Standardisierung und endet in einer radikalen Infragestellung der Werte und Normen kapitalistischer Gesellschafts- und Produktionsformen insgesamt. Diese aus dem Bereich des intellektuellen Bildungsbürgertums, der Akademiker und Künstler, kommende Form der Kritik verknüpft Authentizität mit Emanzipation und gipfelt in der modernen Forderung nach Autonomie und Selbstbestimmung. Wahre Authentizität wird von Emanzipation abhängig gemacht, die zunächst als Befreiung von „Zwängen, den Beschränkungen, ja den Verstümmelungen, die ihnen [den Menschen, d. Verf.] vorwiegend durch die kapitalistische Akkumulation zugemutet würden“[7], verstanden.

Insbesondere die Forderung nach Autonomie wird in den Ausdrucksformen der Künstlerkritik deutlich. Sie äußert sich in der Arbeitsverweigerung junger Erwerbstätiger und Hochschulabsolventen, die gegen die stark hierarchisierten Strukturen der familienweltlichen Polis[8] in den Unternehmen antreten und „flache Hierarchien“ einfordern. Autonomieforderungen gehen auch von Mitgliedern des mittleren Managements aus, die Authentizität und Selbstverwirklichung von Autonomie und Emanzipation abhängig machen.

Um nun Empörungsquellen ausfindig zu machen, aus denen sich eine neue Künstlerkritik speisen könnte, versuchen die Autoren nachzuweisen, dass die Emanzipationsversprechen des Kapitalismus nur teilweise erfüllt wurden und aus den real zu verzeichnenden Emanzipations- und Autonomiegewinnen neue Unterdrückungsformen resultieren, an denen eine neue Künstlerkritik ansetzen und sich abarbeiten könnte.

2.2 Durkheims Anomiekonzept

Die Autoren gehen zunächst von Durkheims Anomiekonzept und seinen Anomieindikatoren aus, um das von ihnen behauptete gegenwärtige Vorhandensein einer Beunruhigung nachweisen zu können, welches in Empörung gipfeln könnte.

Das Anomiekonzept besagt, dass die Normen, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln, schwächer werden und der soziale Zusammenhalt sich dadurch auflöst. Um den Nachweis zu führen wenden Boltanski und Chiapello Durkheims Indikatoren auf die vernetzte Welt der projektbasierte Polis[9] an. Die Selbstmordstatistiken dienen als wesentliches Material. Die Autoren beobachten, wie sich die unimodale Suizidverteilung, die seit dem 19. Jahrhundert mit zunehmendem Alter größere Häufigkeiten aufwies, seit etwa 1980 verändert hin zu einer bimodalen Verteilung mit einer ersten größeren Häufigkeitsdichte in der Kategorie der 35-44jährigen. Darüber hinaus sei ein anstieg der Selbstmordrate bei Männern zu verzeichnen.

[...]


[1] Luc Boltanski ist Forschungsdirektor an der Ecole des hautes etudes en sciences sociales, Paris; Ève Chiapello ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin.

[2] Boltanski/Chiapello (2003) Der neue Geist des Kapitalismus. S. 81

[3] a.a.O. S. 82

[4] a.a.O. S. 85

[5] Es handelt sich hierbei um gesellschaftlich verfasste, u. U. sogar kodifizierte Situationen, in denen Kritik und Kapitalismus gleichermaßen an Regeln und Normen gebunden sind, die im gegenseitigen Einvernehmen entstanden und insofern legitim sind (z.B. Prüfungen, Tarifautonomie, Versicherungswesen)

[6] Unter Empörungsquellen verstehen die Autoren real empfundenes Leid einer Minderheit oder auch einer breiten Bevölkerungsmehrheit, die Anlass zur Forderung nach einer irgendwie gearteten Veränderung geben kann. Aus solchen Empörungsquellen speist sich die Künstlerkritik, indem sie die diffusen Beunruhigungen analysiert und in einen theoretischen Rahmen bindet, wodurch die Kritik an Schlagkraft und die Forderungen verhandelbar werden.

[7] a.a.O., S. 449

[8] Die familienweltliche Polis ist eine von 6 Polisformen, welche die Autoren in der historischen Genese des kapitalistischen Geistes ausmachen. Bei einer Polis handelt es sich um die Summe aller Rechtfertigungs- und Wertzuweisungsmechanismen, die zur Zeit eines Geistes dominieren. Mehrere Polisformen können nebeneinander existieren. In der familienweltlichen Polis ist die Hierarchie der Familie und des Unternehmens das wichtigste Wertzuweisungsinstrument. Die höchste Wertigkeit genießt der Vater und Firmengründer, der als Führungsfigur über alle sonstigen Gerechtigkeitsstrukturen erhaben ist (Vgl. S. 63)

[9] Die pojektbasierte Polis ist die den Autoren zufolge gegenwärtig stärkste Form von Rechtfertigungs- und Wertungsmechanismen. In ihrem Mittelpunkt steht der vollkommen vernetzte Kontaktmensch, dessen Wert sich nach Anzahl und ökonomischer Verwertbarkeit seiner Kontakte richtet (Vgl. S. 154f.). Auf die Spannungen zwischen Individualität und Anpassung an die Netzwelt wird später noch zurückzukommen sein.

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Details

Titel
Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik. Zu Kapitel VII aus dem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Ève Chiapello
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V45507
ISBN (eBook)
9783638428996
ISBN (Buch)
9783638772884
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prüfstein, Künstlerkritik, Kapitel, Werk, Geist, Kapitalismus, Boltanski, Chiapello
Arbeit zitieren
Merle Rehberg (Autor), 2005, Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik. Zu Kapitel VII aus dem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Ève Chiapello, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45507

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