Auf der Suche nach dem guten Leben - Philosophische Konzepte in einer brüchigen Moderne


Diplomarbeit, 2005

91 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Teil I: Glück und Arbeit
Wozu das Ganze?
Immer flexibel bleiben
Schöne neue Arbeitswelt
Wir sind das Volk
Allzeit bereit im Zeichen neuer Zumutbarkeit
Wir vermarkten uns(er) selbst
Get a life
Trautes Heim, Glück allein
Das philosophische Glück
Die glückliche Gesellschaft
Das Glück der Neuzeit
Der Traum nach vorwärts
Und unser Glück?
Konsum und Aneignung
Arbeit als Berufung
Das System der Bedürfnisse
Der Herr und der Knecht

Teil II: Denker der Moderne
Die Entzauberung
Hegel: Die Philosophie der Vernunft
Die Philosophie des Staates
Hegels Grenzen
Geist und Kapital
Was die Welt im Innersten zusammenhält
Das Absolute
Nietzsche: das andere der Vernunft
Was ich erzähle, ist die Geschichte
der nächsten zwei Jahrhunderte
Heidegger: bereit sein ist alles
Gianni Vattimo: das schwache Denken

Teil III: Die neue Gesellschaft
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch
Innehalten
Der Consumer
Moderner Hedonismus
Die freie Gemeinschaft errichten
Der Staat denkt nicht
Die Politik als Wahrheitsprozedur

Literaturliste

Internetliste

Vorwort

Wir opfern - so heißt es - unsere Muße, um Muße zu haben, so wie wir Krieg um des Friedens willen führen. So dachte Aristoteles. Nach dem Krieg sollte Frieden sein, zumindest für einige Zeit. Kommt aber nach der Arbeit die Muße und hat der arbeitende Mensch noch die Muße im Blick? Begriffe wie Informations-, Arbeits-, Konsum- und Multioptionsgesellschaft lassen erahnen, dass dem Hinweis auf Muße- und Auszeiten im Arbeits- und Produktionsprozess eher mit Unverständnis begegnet wird.

Rekordgewinne der global agierenden Konzerne, dem gegenüberstehend steigende Arbeitslosigkeit, nicht mehr leistbarer Sozialstaat, zunehmende Verarmung auch in westlichen Industrieländern, Phänomene neuer Zumutbarkeiten wie Ich-AG, Selbstvermarkter und „flexible Menschen“ liefern meinen Überlegungen Stichworte für eine gegenwärtige Situation, in welcher sich bei mir ein Unbehagen eingestellt hat angesichts eines ökonomischen Diktats, dem sich offensichtlich alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens zu unterwerfen haben.

Umbrüche, Krisen und Revolutionen sind historisch betrachtet nichts Ungewöhnliches. Ausgangspunkt meiner Betrachtung soll daher eine Epoche sein, die sich erstmals selbst als Moderne erkennt.

Ich möchte anhand der Arbeiten von G.W.F. Hegel, Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und dessen „Verwinder“ Gianni Vattimo Denkmodelle aufzeigen, wie sie philosophisch auf ihre jeweiligen Lebenswelten Bezug nahmen und Hinweise dafür geben, inwiefern ihre Diagnosen für heutige Phänomene heranzuziehen sind.

Die Aufgabe der Philosophie ist es, wie Hegel sagt, ihre Zeit in Gedanken zu erfassen. Mir ist es ein Anliegen, die genannten gesellschaftlichen Phänomene und Zumutungen nicht als normal und gegeben hinzunehmen, sondern philosophisch zu hinterfragen.

In der vorliegenden Arbeit versuche ich den Mechanismen von Kapitalismus und Konsum nachzuspüren, was es mit dem Glück

auf sich hat, ob alternative gesellschaftliche Formen jenseits eines globalökonomischen Systems denkbar sind und wie diese gegebenenfalls politisch zu fassen seien.

Einleitung

Würde es nicht genügen, einfach ein stilles Glück zu genießen, ohne große Ansprüche zu stellen? Doch gewisse materielle Voraussetzungen und Sicherheiten scheinen unabdingbar. Seit dem Beginn der Industrialisierung stellt eben die Lohnarbeit zum größten Teil die Quelle von Einkommen und materieller Absicherung dar. Nun sind im Bereich der Arbeitswelt die Dinge stark in Fluss geraten. Soziale Absicherung und lebenslange Berufsausübung passen nicht mehr in eine ökonomische Sphäre, in welcher Dynamik, Flexibilität und Multitasking die erforderten Qualitäten darstellen. Zweifellos boomt die Wirtschaft in weiten Bereichen, Konzerne machen Rekordgewinne; doch gleichzeitig sehen Soziologen und Philosophen das Ende der Lohnarbeit heraufdämmern. Autoren wie Richard Sennet orten einen durch ständige Flexibilitätszumutung hervorgerufenen Charakterverlust der Individuen und stellen einen funktionierenden sozialen Zusammenhalt in Frage. Slavoj Žižek plädiert für eine neue Intoleranz gegenüber der ökonomischen Sphäre und eine Repolitisierung derselben. Die Möglichkeit in der gegenwärtigen Arbeits- und Produktionsgesellschaft so etwas wie persönliches Glück zu erlangen, scheint zunehmend schwieriger zu werden.

Die Frage nach dem individuellen wie auch dem gesellschaftlichen Glück ist jedoch eine der Kernfragen der Philosophie, eine Frage der Ethik und des guten Lebens. Prominente antike Glücks – Sucher wie Epikur und Seneca fragen nach dem individuellen Glück; mit dem neuzeitlichen Aufkommen der Industrialisierung wird das Problem des kollektiven Glücks virulent. Der Industrielle Robert Owen als Vordenker des Sozialismus scheitert jedoch mit seiner Kolonie der Glücklichen. Ernst Bloch sieht den Sozialismus als Praxis einer konkreten Utopie; er soll den Menschen befähigen, das Seine in realer Demokratie zu verwirklichen.

Im Gegensatz dazu scheint für pessimistische Denker wie Sigmund Freud das Glück im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen zu sein.

Das gegenwärtige globalkapitalistische System ist fundiert auf dem Zyklus von Produktion und Konsumation in zunehmend verkürzten Intervallen. Konsum wird zum Erlebnis, die Konsumgesellschaft zur Erlebnisgesellschaft. Breidenbach/Zukrigl gehen der Frage nach, ob Konsum Glück versprechen oder Identitätsstiftend wirken kann.

Mit Max Weber soll untersucht werden, warum allein in der westlichen Gesellschaft sich ein kapitalistisches System entwickelt hat und welche gesellschaftlichen Mechanismen dem „Abendländischen Kapitalismus“ innewohnen und zu einer ökonomischen Sphäre geführt haben, von der schon Hegel als „System der Bedürfnisse“ spricht. Hier wird der Mensch nicht mehr von bloßer Naturnotwendigkeit geleitet, sondern sein Handeln ist letztlich bestimmt durch die Meinung der anderen. In der Herr-Knecht Dialektik kommt der bildende und befreiende Aspekt der Arbeit zum Ausdruck. Der Arbeiter erlangt Selbstbewusstsein, welches für Hegel als Subjektivität und subjektzentrierte Vernunft das philosophische Prinzip und konstituierende Element der Moderne bedeutet.

Die Neuzeit und beginnende Moderne muss nach einem Prozess, den Weber Entzauberung nennt, auf vorgegebene tradierte und religiöse Werte verzichten. Hegel versteht dieses Bedürfnis nach Selbstvergewisserung als philosophisches und setzt die subjektive Vernunft unter Voraussetzung eines Absoluten als Identität stiftenden Faktor in einer „vorbildlosen Moderne“ ein. Doch die Hegelsche Vernunft erklärt plötzlich alles und schwingt sich selbst zur unangreifbaren Macht empor. Politische Kräfte beispielsweise, welche von Hegels Staatsphilosophie abweichen, verstoßen somit gegen die Vernunft selbst. Die letztlich absolute Vergeistigung des Menschen lassen seine irdischen Bedürfnisse bedeutungslos werden. In einer materialistischen Wende stellt Karl Marx nun das idealistische System Hegels „vom Kopf auf die Füße“.

Im Dialektischen Materialismus findet eine Verschiebung vom Denken zum Handeln statt, nicht mehr die Vernunft ist das Prinzip der Moderne, sondern die Arbeit. Der Geist wird zum Kapital, das Absolute zum Geld – der Stoff, der die Welt im Innersten zusammenhält. Die Frage ob und wie man damit glücklich wird, bleibt vorerst dahingestellt und soll uns später noch beschäftigen. Für Marx bestand ja nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus das Glück der Menschheit in der klassenlosen Gesellschaft von in „freier Assoziation“ handelnder und sich bestimmender Individuen.

Einen anderen Ansatz wählt Friedrich Nietzsche. Nicht die Vernunft, sondern das Andere der Vernunft, der Mythos soll konstituierend wirken; und die Kunst ist für ihn das Medium der Verbindung der Moderne mit dem Archaischen, Dionysos der kommende Gott.

Auch Nietzsche sieht in der Moderne eine fundamentale Erfahrung der Veränderung und des Wandels. Doch das Prinzip des Werdens – dieses Auflösungsprozesses traditioneller Werte – selbst als konstituierendes Prinzip der Moderne anzusetzen, scheitert ebenso wie der Hegelsche Vernunftansatz. Nietzsche beschreibt diese Erfahrung als Nihilismus.

Die Geschichte des Nihilismus beginnt früh – mit dem Heraustreten der Menschheit aus der vorsokratischen schönen Einheit von Denken und Leben – und endet mit dessen Überwindung im Ja des Zarathustra, der Bejahung im Willen zur Macht. Doch noch herrscht dessen pervertierte Form des Macht-wollens, des verfügen-wollens über Geld, Ehre und Vermögen – ein Glück für einige Privilegierte.

Nietzsches Übermensch-Phantasien erfuhren – wenn auch in pervertierter Form – ihre Realisierung; Martin Heidegger, Philosoph dieser Epoche, begegnet dem Problem der Verunsicherung und Exponiertheit der Individuen mit einer Vereinigung derselben zu einem Volk.

Das Glück bei Heidegger bedeutet ein Leben in der Eigentlichkeit, dem Ergreifen seiner Existenz. Das kollektive Glück des deutschen Volkes dauerte jedoch nicht lange und verursachte das größte Unglück des Zwanzigsten Jahrhunderts. Gegen derart starke Ideologien wendet sich Gianni Vattimo mit seinem „schwachen Denken“ und einem Konzept der Kontaminierung; seine Überlegungen zu einem konstruktiven Chaos der Informationstechnologie und Medien müssen sich aber den Vorwurf der Beliebigkeit gefallen lassen, da ein schwaches Denken gegenüber Gewalt, Machtausübung, Repression, ökonomische Zwänge und politische Willkür kaum ein geeignetes Konzept darstellen kann.

Die Themen Glück und Arbeit sind nach wie vor zu überdenken.

André Gorz sieht das Ende der Lohnarbeit und mit dem Heraufkommen des Wissenskapitalismus das Ende des Kapitalismus überhaupt gekommen. Andere, soziale Formen des Zusammenlebens und ein ausreichendes Existenzgeld sollen insgesamt eine Alternative zum gegenwärtigen Produktivismus darstellen. Peter Heintel erkennt mit Hegel zwar Subjektmöglichkeit in den Prozessen der Produktion als Selbstentäußerung und der Identitätsfindung durch Konsum als Wiederaneignung; aber eine Gesamtvermittlung, ein Allgemeingültiges, das nicht Produktion oder Ware heißt, ist dennoch nicht möglich.

Das Projekt Glück durch Konsum ist ein nie abgeschlossenes und funktioniert nur im ökonomischen Kontext, der global gesehen andererseits auch Ausgeschlossene produziert und somit Phänomenen wie Terrorismus, Radikalismus und Fundamentalismus Vorschub leistet.

So stellt sich die Frage nach einer Politik, die den Menschen Räume und Zeiten für eine mögliche nicht-ökonomische Gesellschaft bereitstellt und wie diese Gemeinschaft zu fassen sei, die selbst nicht wiederum Machtstrukturen hervorbringt. Philosophische Konzepte von Jean-Luc Nancy und metapolitische Überlegungen Alain Badious weisen hier den Weg.

Teil I: Glück und Arbeit

Wozu das Ganze?

Build me a cabin in Utah

Marry me a wife, catch rainbow trout

Have a bunch of kids who call me “Pa”

That must be what it’s all about

That must be what it’s all about1

Das muss es sein, worum es geht. Aber die Hütte baut sich nicht selbst. Ein Rudel Kinder kostet auch einen Menge. Das Geld will erst einmal verdient sein. Doch das ist heute nicht mehr so einfach. Flexibel muss man sein, ständig weiter- und umlernen. Möglichst Berufserfahrung mitbringen, aber nicht zuviel Lebenserfahrung; auch nicht zuviel Lebensalter. Ist man schon jenseits der Vierzig, besteht nämlich die Gefahr, nicht mehr flexibel genug zu sein. Außerdem empfiehlt es sich, die Fähigkeit des Multitasking zu besitzen. Galt in hergebrachter Erziehung noch der Grundsatz: Eins nach dem anderen, so heißt es nun: Mehrere Dinge gleichzeitig! Der Simultant beherrscht die neue Disziplin perfekt. Er surft während des Staus auf der Autobahn im Internet, erledigt während der Hausarbeit seine Bankgeschäfte bzw. betreut während der Arbeit, die er zu Hause am PC vollbringt, die Kinder. Nachdem man nicht außerhalb der Gesellschaft leben kann, muss man die neuen Disziplinen eben lernen.

Die gegenwärtige Gesellschaft wird nicht zufällig als „Arbeitsgesellschaft“ bezeichnet, in der die Arbeit besonderen Wert besitzt. Dies verdanken wir einer Entwicklung, die man als „Modell Neuzeit“ bezeichnen könnte. Wurden die Sehnsüchte, Wünsche und Träume der Menschen früher in Sagen, Märchen und Mythen kompensiert, so gilt jetzt: jedes Bedürfnis, jeder Bedürfniswiderspruch bekommt ein Produkt. Aber erfüllte Wünsche bewirken Enttäuschung, so müssen neue Produkte her.

Dies lässt natürlich einer gesteigerten Produktivität einen besonderen Wert zukommen – die Wachstumsideologie ist Grundbedingung des Ökonomischen Systems.

Wie wird Wachstum erreicht? Entweder es wird gleich viel in kürzerer Zeit hergestellt, oder man erstellt in der gleichen Zeit mehr; arbeitet also schneller. Nun leben wir aber im Zeitalter der Informationstechnologie, in welchem Prozesse in Lichtgeschwindigkeit ablaufen. Eine höhere Geschwindigkeit ist also nicht mehr möglich. Wachstum kann also nicht mehr über Beschleunigung erreicht werden, sondern durch „Vergleichzeitigung“.

Immer flexibel bleiben

Die Formen, wie heute Arbeitszeit organisiert wird, sind stark im Wandel. Bis etwa 1980, dem Beginn der digitalen Revolution, waren die Bereiche von Arbeit und Freizeit, von öffentlich und privat sehr klar abgegrenzt und definiert. Im Namen der neuen Flexibilität sind die Dinge in Fluß geraten, verschwimmen diese Grenzen zusehends.

Das Prinzip des „Eins nach dem anderen“ ist heutzutage kontraproduktiv, man muss versuchen, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig auszuüben, Multitasking – fähig zu werden. Simultanarbeit ist das Gebot der Stunde, den dazugehörigen Sozialcharakter nennt man demgemäß Simultant.

Der Druck für die Betroffenen ist offensichtlich und es stellt sich die Frage, ob hier ein Entrinnen möglich wäre. Nein, lautet die Antwort der Experten und Sozialforscher, die Vergleichzeitigung sei ein Phänomen, welches die Gesellschaft im allgemeinen betrifft, nicht nur im Bereich der Arbeit, auch in der Freizeit mit zunehmender Erlebnisdichte, im Verkehr, im Transport wird alles pausenloser und porenloser. Man könne keinen Standpunkt außerhalb der Gesellschaft einnehmen – aber man kann diese neuen Fähigkeiten lernen. Den Druck spüren nur jene, die es nicht gelernt haben. Kinder und Jugendliche, die mit den neuen Technologien

bereits aufwachsen, seien hier wesentlich im Vorteil, sie würden sozusagen hineinsozialisiert in die neue Welt der Vergleichzeitigung und des Multitasking.

Wer dennoch seine Probleme hat mit der neuen Flexibilität und Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, dem werden flankierende Maßnahmen angeboten. Firmen veranstalten Work-Life-Balance Seminare für ihre Mitarbeiter, in denen sie lernen, eine neue Balance zu finden in der zunehmenden Überlappung von Beruflichem und Privatem, Arbeit und Freizeit. So wird man fit für die Zukunft und fähig, in zunehmendem Maße den gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen und am ökonomischen Wachstumsprozess teilzunehmen.

Als eine mögliche Phase der Entschleunigung in dieser durch Vergleichzeitigung beschleunigten Welt, sieht Karlheinz Geissler -Professor für Wirtschaftspädagogik in München – immer wiederkehrende Phasen der Arbeitslosigkeit und auch Staus, sei es auf der wirklichen Autobahn oder auch am Datenhighway. Wobei dazugesagt werden muss, dass auch Arbeitslosigkeit sehr viel Arbeit machen kann – durch Umschulung und Weiterbildung, Internetrecherche und Aufsuchen des Arbeitsamts, Lesen der Stellenanzeigen und Schreiben von Bewerbungen. So wird auch die „Pause“ im Arbeitsprozess aktiv genutzt, ebenso wie die Staus am Datenhighway bzw. Computerabstürze und ähnliches, die wieder neue Programme und Technologien zur Folge haben, was sich wiederum produktiv auf die Wirtschaft auswirkt, sodass auch Staus produktiv werden.

Um nun einer drohenden Massenarbeitslosigkeit entgegenzuwirken - so Karlheinz Geissler – gilt es, neue Lebensarbeitszeitmodelle zu entwickeln. Die hergebrachte Form der Berufstätigkeit war so strukturiert, dass man für einen bestimmten Beruf ausgebildet wurde, dann in den Beruf eintrat und schließlich mit Sechzig oder Fünfundsechzig in Pension ging. Dieser „Lebensberuf“ ist heute ein Auslaufmodell; nur mehr zu finden bei

Lehrern, Pfarrern und Hochschullehrern oder Ähnlichem. Es gilt also im Berufsleben sich einzustellen auf Phasen der Arbeitslosigkeit, der Umschulung, der Kurzarbeit, Projektarbeit; drauf, sich selbst die Arbeit zu organisieren.

So hetzt man von einem Projekt zum nächsten, das ganze Leben wird letztlich zum Dauerworkshop. 2

Schöne neue Arbeitswelt

bei VW Wolfsburg: Die Arbeiter sind dafür verantwortlich, ihr Arbeitskontingent selbst zu planen und zu organisieren. Für Kollegen, die in Urlaub gehen wollen, müssen andere einspringen und ihre Arbeit übernehmen. Werden die für das jeweilige Team erstellten Vorgaben nicht erfüllt, sind die Arbeiter selbst daran schuld – es muss eben nachgearbeitet werden (ohne zusätzliche Entlohnung, versteht sich). So kreiert man den engagierten Arbeiter, einen „Arbeitskraftunternehmer“. Der Betrieb wälzt auf diese Weise seine Produktions- und Gewinnziele auf die Arbeitnehmer ab, diese sind selbst dafür verantwortlich, das Soll zu erfüllen. Wenn nicht, muss eben länger gearbeitet werden. Länger arbeiten … auch dieses Gespenst geistert neuerdings durch die Arbeitswelt: die 35-Stunden-Woche ist längst vom Tisch, 48 Stunden pro Woche seien den Arbeitnehmern durchaus zumutbar (natürlich bei gleichem Lohn); sonst wird eben im Ausland produziert!

Die „Sachzwänge“ der globalen kapitalistischen Marktkonkurrenz machen vierzig Jahre Gewerkschaftsarbeit und deren Errungenschaften zunichte. Es wird dort produziert, wo die Arbeit am billigsten ist. Westeuropäische Computerspezialisten werden von billigeren indischen Fachleuten unterboten, die ihrerseits von russischen Ingenieuren abgelöst werden. Schon drängen chinesische Spezialisten auf diesen Markt. Was in bisherigen Entwicklungsländern der dritten Welt durchaus zu positiven Effekten wie boomende Branchen und partiell

höhere Lebensstandards führt, bedeutet für bisherige Industriestandorte Auslagerung der Arbeitsplätze und höhere Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wird auch technologisch aufgerüstet, automatisierte Fertigungsprozesse benötigen keine Arbeitskräfte. Es wird also eng auf dem Arbeitsmarkt, denn die Menschen wollen ihren Lebensstandard halten. Ein Überangebot von Arbeitskräften steht so einem immer begrenzter werdenden Kontingent von Arbeitsplätzen gegenüber. Arbeitskraft wird inflationär, Arbeit wird billig wie Dreck.

Wir sind das Volk

Was passiert aber mit den Verlierern beim Spiel des globalen Glücksrades? Für diese müssen eben andere Maßnahmen getroffen werden. Aber was heißt „Andere Maßnahmen“? Wenn wie heute alles der Markt regelt, gibt es auf Dauer keine durchhaltbaren Maßnahmen.

Dass die freie Marktwirtschaft letztlich zum Wohlstand aller führt, hat sich als Mythos aus der Frühzeit des Kapitalismus entpuppt. Seit den Siebziger Jahren nimmt die Arbeitslosigkeit zu, der Nettolohn hat sich – inflationsbereinigt – seither nicht wesentlich verändert. Gleichzeitig wuchs die Produktivität: das Bruttosozialprodukt hat sich verdoppelt, die Gewinne aus Unternehmen und Vermögen haben sich verdreifacht. Konzerne und Banken machen Rekordgewinne. Aber anstatt neue Arbeitsplätze zu schaffen, werden diese wegrationalisiert.

Vielen Menschen in den eigentlich „reichen“ westlichen Ländern droht also der Abstieg in würdelose Armut, egal wie arbeitswillig und –fähig sie sind. Die existenzielle Situation wird immer riskanter, vor allem mit Familie. Soziale Errungenschaften aus jahrzehntelanger Gewerkschaftsarbeit werden unisono von Wirtschaftsbossen und Politikern nur mehr als „Standortnachteil“ bewertet. Die Politik kommt auf jede erdenkliche Weise der Wirtschaft entgegen, die Steuerlast wird hingegen den Arbeitnehmern und Erwerbstätigen aufgehalst.

In einem Demokratischen Staat geht verfassungsgemäß die Staatsgewalt

vom Volk aus. Wenn aber der Staat den Gesetzen des Marktes gehorchen muss, ist nicht mehr das Volk der Träger der Staatsgewalt, sondern der Markt. Der Sozialstaat zerbricht, die Lohnabhängigen müssen außer der Unsicherheit auch noch die Kosten tragen. Ist dies das Ende der Demokratie?

Allzeit bereit im Zeichen neuer Zumutbarkeit

Die Politiker sind sich einig: Es gibt genug Arbeit! Sie wird nur von den Arbeitsämtern – pardon: Job-Centern und Agenturen – nicht ordentlich verteilt. Wer arbeiten will, findet auch Arbeit. Wo aber befinden sich die benötigten Arbeitsplätze? Am ehesten im Dienstleistungsgewerbe, im Sozialbereich und beim Spargelstechen am Acker. Vor allem Frauen sind die großen Verlierer dieser Entwicklung, sie werden zunehmend in stupide Jobs gedrängt, für die es noch keine Automaten gibt.

Den Beschäftigungslosen soll also Dampf gemacht werden: Es gilt die totale Mobilmachung am Arbeitsmarkt durch schärfere Auflagen, mehr

Überwachung, erhöhte Zumutbarkeit und massive Leistungskürzungen. Wer wirklich sucht, der findet auch. Es wird so getan, als gäbe es auch in Zukunft noch Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosen werden selbst dafür verantwortlich dafür gemacht, dass sie keine Arbeit haben. Sie müssen sich eben anstrengen, Initiative zeigen, gleichzeitig jeden Mist annehmen und mitmachen – wenn sie es nicht tun, werden sie dafür finanziell bestraft.

Je weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, desto mehr sollen Kurse und Schulungen seitens privater Anbieter – zu denen die Arbeitssuchenden vom Arbeitsamt aus geschickt werden – eine Lösung bringen. Diese Maßnahmen dienen jedoch oft genug nur der Beschönigung: Die Kursteilnehmer fallen nun aus der Arbeitslosenstatistik heraus und senken somit die Quote. Aufgrund unsinniger Kursinhalte wie dem Ausschneiden von Zeitungsannoncen

fühlen sich die Teilnehmer verschaukelt. Die aktuellen Proteste und

Demonstrationen sind also gerechtfertigt, da wird es auch nichts nützen, wenn seitens der Politik gesagt wird, man müsse den Menschen die neuen Gesetze nur „besser erklären“.

Wir vermarkten uns(er) selbst

Das ist die Lösung! Will niemand uns anstellen, vermarkten wir uns selber! Am Markt des Humankapitals triumphiert die Ich-AG.

„Ich schaffe es!“ steht im Mittelpunkt des Denken und Handelns. Selbstzweifel sind ausgeschlossen. Wer nicht bereit ist, alles zu bringen, wird es zu nichts bringen! Motivationsevents liefern die nötige Dosis Höhenrausch, um die Einzelkämpfer in Selbstausbeutungslaune zu halten. Die eigene Persönlichkeit wird zur Ressource, aus der hemmungslos alles herausgeholt werden muss. Es gilt, das eigene Humankapital ins Spiel zu bringen. Man versteht darunter im allgemeinen Kenntnisse und Fähigkeiten einer Person, die man verwerten kann, um damit Geld zu verdienen. Nicht nur im Management, auch im Bereich der Dienstleistungen - im Dienst am Kunden - wird voller persönlicher Einsatz verlangt. Einsatzfreude, Kommunikationsbereitschaft, Flexibilität, Führungsqualitäten stellen wertvolles Humankapital dar. Die Selbstvermarkter sind die neuen Helden der Arbeit in einem Ökonomisierungsprozess des Menschen als Menschen. Dabei gilt es, ständig am Puls des Geschehens zu bleiben, denn das Humankapital duldet keine stillen Reserven! Die Konkurrenz schläft nicht, ständig droht Selbstwertverlust. Autodidaktische Übungsrituale sollen helfen sich einzuhämmern der Beste zu sein, sonst ist man schon verloren. Und: was man wirklich wert ist, bestimmt der Markt. Doch kann dieser Prozess ziemlich problematisch werden, da die Selbstvermarkter am Ende oft nicht mehr wissen, ob sie noch arbeiten oder schon leben.

Get a life

Die von Richard Sennet geprägte Redewendung „get a life“ veranschaulicht das Problem. In einer durch globale Ökonomie und einer alles beherrschenden Informationstechnologie geprägten Arbeits- und Lebenswelt ist das Individuum in Gefahr, dem anheim zu fallen, was Sennet mit „Drift“ bezeichnet. Die Einzelteile einer Patchwork-Existenz stehen einer kohärenten Erzählung einer Lebensgeschichte entgegen.

Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert war der Beruf das Rückgrat des Lebens. Die klassische Berufsarbeit stellte sozusagen ein Korsett für Selbstbewusstsein und Identität dar. Driftet man nun von einem Job zum Nächsten, ist das Leben nicht mehr durch Arbeit definierbar.

Der moderne globale Kapitalismus ist nur auf kurzfristige Transaktionen ausgelegt und vorzugsweise an flexiblen Existenzen interessiert. Der individuelle Aufbau einer erzählbaren Lebensgeschichte muss deshalb auf der Möglichkeit insistieren, Erfahrungen verknüpfen zu können und Zeit zum Lernen von Fähigkeiten zu haben, die nicht gleich wieder obsolet geworden sind.

Dies meldet einen Machtanspruch an gegenüber einem System der Entmächtigung, das nur auf Kurzfristigkeit und Flexibilität setzt. 3

Slavoj Žižek sieht in den gesellschaftlichen Bedingungen des globalen Kapitalismus die automatische Erzeugung ausgeschlossener und entbehrlicher Individuen. Dies wird hervorgerufen durch eine „Post-Politik“ welche nur auf gute Ideen setzt, nämlich jene, die auch funktionieren. Das bedeutet eine Politik, die im Voraus eine globale kapitalistische Konstellation akzeptiert, welche festlegt, was überhaupt funktionieren kann. Soziale Vorsorge z.B. funktioniert dann eben nicht, weil es mit dem kapitalistischen Profitgedanken in Konflikt gerät. Žižek schlägt daher eine „Politik des Unmöglichen“ vor, welche die Parameter dessen verschieben soll, was gegenwärtig als möglich erachtet wird. Dies läuft schließlich auf eine Re-Politisierung der Ökonomie hinaus, durch

Limitierung der Freiheit des Kapitals und der Unterordnung des

Produktionsprozesses unter sozialer Kontrolle.4

In vormoderner Zeit galt: Geschichte ist Schicksal. Wenn Napoleon erklärt: Die Politik ist das Schicksal, bedeutet das nicht nur, dass die Politik alles bestimmt, sondern auch, dass dieses Schicksal machbar ist. Politik nimmt jetzt den Platz des Erhabenen, Transzendenten ein. Diese Totalisierung der Politik bedeutet: was sich nicht ins Politische übersetzen lässt, gilt als irrelevant. Dasselbe gilt ebenso für die Ökonomie, welche heute den Anspruch auf Schicksal und Deutungsmacht erhebt: was sich nicht ins Ökonomische übersetzen lässt … . Dieser Ökonomismus weckt die Vorstellung eines letztlich monotonen Universums aus Arbeitshaus, Markt, Geldströmen und Warenverkehr. 5

Trautes Heim, Glück allein!

Build me a cabin in Utah … Das muss es sein, worum es geht! Die Hütte in der Natur symbolisiert Heimat, Idylle, Glück. Für Aristoteles ist das höchste aller Güter, die man durch Handeln erreichen kann: „’das Glück’ so sagen die Leute und so sagen die feineren Geister, wobei gutes Leben und gutes Handeln in eins gesetzt werden mit Glücklichsein. Aber was das Wesen des Glückes sei, darüber ist man unsicher und die Antwort der Menge lautet anders als die des Denkers.“ 6

Die Mühen, das Glück zu finden, sei von jeher die eigentliche Mission der Philosophen gewesen, so Ludwig Marcuse, auch wenn sie es nicht immer selbst anerkannt haben.

In antiker Zeit setzte die Zuwendung der Philosophie zum Glück dort ein, wo das Vertrauen darin brüchig wird, dass Glück als Gabe der Götter und Unglück als deren Heimsuchung zu verstehen sei. Dem Schicksal

wird nun Klugheit und Besonnenheit entgegengesetzt. Das Verständnis des Glücks als von außen kommenden Gütern und Genüssen bestimmt, welche immer einem Schicksal unterworfen sind, wandelt sich zu einer guten inneren Verfassung des Menschen.

Glück ist nicht Reichtum und Besitz, sondern in der Seele begründet. Diese Erfahrung des Bruchs im Vertrauen auf Gott musste auch der biblische Hiob erfahren. Durch Gehorsam und ein gottgefälliges Leben Wollte Hiob sein Glück absichern. Doch Gott belohnte dieses fromme Leben nicht, die Geschichte ist bekannt. Hiob hadert mit seinem Schicksal. Ein Happy End gibt es erst, als Hiob auf die Frage nach dem Warum verzichtet. Hiob muss erkennen, dass fromm und gut zu sein nicht gleichbedeutend ist damit, glücklich zu sein. Auf Hiobs Problem, wie man glücklich werden könne, wenn der Gehorsam gegen Gott einem nicht angerechnet wird, antwortet der nach Ludwig Marcuse erste „Philosoph des Glücks“.

Das philosophische Glück

Hans im Glück, der Gold gegen Pferd, Pferd gegen Kuh usw. tauscht und schließlich seine Schleifsteine auch noch verliert, erkennt am Ende der Geschichte und „frei von jeder Bürde“: Man besitzt das Glück weder im Gold noch im Stein, man kann auf nichts in der Welt zeigen und sagen: Das ist das Glück! Das Glück ist nicht personifizierbar, Hans ist am Ende glücklich ohne materielle Ursache: das Glück ist nicht in den Dingen, es liegt in einem selber, in der eigenen Seele, also auch im Bezirk der eigenen Macht. Das bedeutet: jeder ist seines Glückes Schmied, und nun wird es sinnvoll, zur Ausübung diese Handwerks auch Anweisungen zu geben. Dies versucht der große „Gücks-Enthusiast“ Epikur. Er fragt nicht, ob es wichtig ist, glücklich zu werden. Für ihn ist das Glück die höchste Bestimmung des Menschen. „Jedes lebende Wesen strebt, sobald es geboren ist, nach Lust und freut sich

daran als dem höchsten Gut, während es den Schmerz als das höchste Übel vermeidet.“ 7

Der Begriff epikureisch ist für unser heutiges Verständnis eher ein Synonym für moralisch zweifelhaft und ausschweifend. Epikuräer waren jedoch Verehrer des Glücks. Glück war ihnen das höchste Gut, Unglück das höchste Übel. Nicht Ausschweifung, sondern mäßige Zurückhaltung, begründet auf der Vernunft gelten als Werkzeug zum Glück. Zugunsten eines größeren Glücks sollte auf kleinere Freuden verzichtet werden, doch die Liste der Verbote wurde geadelt durch das grundsätzliche Einverständnis mit allem, was Lust und Freude bringt: „Man ehre die Tugend, wenn sie zum Glück beiträgt, wenn nicht, gebe man ihr den Abschied“ 8. Eine sehr bequeme Philosophie, mag man meinen, doch zur Philosophie Epikurs gehörte auch, über den Tod als den größten Feind des Glücks nachzudenken. Wie bekämpft man den Schrecken des Todes? fragt Epikur: durch Philosophie. Denn nichts im Leben sei Schicksal für den, der erkennt, dass im Nichtsein nichts Schreckliches liegt. 9

Die Philosophie Epikurs hatte zwei Ziele: Den Menschen zu befreien von der Furcht vor den Göttern, dem Tod, den Naturgesetzen, den Despoten der Gesellschaft. Und zum Zweiten, nachzudenken über das problematische Glück. Hierhin gehört die Frage: Ist Glück nur Abwesenheit von Unglück? „Seelenfrieden und Freisein von Beschwerden sind Lust in der Ruhe; Vergnügungen und Freude aber sind Erregungen, welche die Seele in Tätigkeit versetzen.“ 10 Glück ist also nicht nur Negation des Unglücks, es gibt auch positives Glück.

So kann man die epikureische Philosophie als Appell an die Menschen verstehen, glücklich zu leben im Hier und Heute. Man lebt nicht für

einen Gott, eine Kirche, einen Staat oder eine Kultur. Man lebt, um sein einziges, einmaliges Leben mit Glück zu füllen.

Aber der philosophische Zaun um den epikureischen Garten war nicht hoch genug, die Insel der Seligen nicht sicher. Als Gegenentwurf zur epikureischen Philosophie verstand sich die Stoa. Angesichts der bedrohten äußeren Freiheit in der Polis wird versucht, das Glück in das Individuum selbst zurückzunehmen, um sich einen Raum unantastbaren Selbstseins zu bewahren. Gemäß der Stoa ist die Tugend Fundament des Glücks, Ohne Tugend könne niemand zum Glück finden; umgekehrt aber würde Tugend allein vollkommen ausreichen, ein glückliches Leben zu führen.

Ein Problem dieses auf Vernunft und Tugend gegründeten Glücks besteht aber darin, dass es kaum oder nur in Annäherung realisierbar ist. Dennoch formulierte der spätere Stoiker Seneca die Frage: „Hat der Mensch nicht die Kraft, sich unabhängig zu machen von allem, was ihn feindlich treffen kann? Er braucht doch nur in Gleichgültigkeit, in Kälte gegen die Welt – nichts an sich kommen zu lassen.“ 11 Es ist dies eine Erfahrung der Unabhängigkeit, einer Freiheit des „Mir kann nichts geschehen“, eben des Stoiker-Glücks; vielleicht ein ungefährdeteres Glück als Epikur es genossen haben mag, gleichzeitig aber auch so etwas wie Mortifikation während des Lebens.

Die glückliche Gesellschaft

Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts wurde angesichts der beginnenden Industrialisierung und des daraus entstehenden Elends der Arbeiter die glücksbezogenen Überlegungen zur öffentlichen Angelegenheit. Es entstanden Utopien einer Glücklichen Gesellschaft. Epiphanes stellt 200 nach Chr. fest: „lächerlich sei das Wort des jüdischen Gesetzgebers: ‚du sollst nicht begehren’. Der Weg zum Glück liegt in der Aufhebung des Entbehrens, nicht im Gebot an die Entbehrenden: Begehrt nicht!“ 12 Die Aufhebung des Entbehrens: das

ist die Glückliche Gesellschaft. Wie aber lässt sich dieses Konzept verwirklichen? Durch Sozialismus? Dieser gilt als jene Glückslehre, dass das Glück nur zu erreichen ist durch Solidarität zwischen Mensch und Mensch. Der russische Revolutionär Bakunin sagte: „Der Sozialismus liebt das Leben und will es genießen“ 13. In einer glücklichen Gesellschaft kann das Glück nur total sein, es kann nicht einer glücklich sein unter vielen Unglücklichen. Man erkannte: die Konkurrenz ist das Übel. Freiheit von Konkurrenz bedeutet Freiheit von Furcht und damit Glück für alle.

Der englische Fabrikant Robert Owen ist bereit, dieses Glücks-Experiment zu wagen, denn – so sagt er sich - alle Wesen die Bewusstsein haben, sind geschaffen worden, nach Glück zu streben. Was bringt denn eigentlich den unglücklichen Fabrikarbeiter hervor – die menschliche Gesellschaft als Produzent des Unglücks. Einen weiteren Feind des Glücks sieht Owen in der organisierten Religion. Die Kirchen würden nämlich verheimlichen, dass der Mensch zweimal geschaffen wird: einmal von Gott und ein zweites Mal von der Gesellschaft, die ihn vom Glück abhält. Owen gründet 1825 in den Vereinigten Staaten ein „Reich des Friedens und der menschlichen Solidarität“. Der Name dieser glücklichen Siedlung war Programm: „New Harmony“ sollte eine Gesellschaft von Menschen sein, die miteinander arbeiten und nicht gegeneinander. Owens Experiment scheitert jedoch kläglich. Die Menschen wollten sich voneinander unterscheiden und abgrenzen, sie ließen sich nicht mittels einer Ideologie gleichschalten. Owen musste die Erfahrung machen, dass der Mensch, ins Paradies der guten Prinzipien versetzt - so wie er ist - nicht paradiesisch wird, sondern nur unglücklich. Die Individuen waren nicht dadurch in Bausteine der glücklichen Gesellschaft zu verwandeln, indem man ihnen mitteilte, sie seien von Natur aus nicht selbstsüchtig und mögen sich gefälligst demgemäß verhalten. 14

[...]


1 Dylan, B. Texte und Zeichnungen. Frankfurt am Main 1975. S.864

2 vgl. Dokureihe „Die Hartz-Reise“ 3sat, 2004

3 Vgl. Sennet, R. Der flexible Mensch. Berlin 2000

4 Vgl. Zizek, S. Ein Plädoyer für die Intoleranz. Wien 2003

5 Vgl. Safranski, R. Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt am Main 1999. S.67

6 Aristoteles. Werke, Band 6, Nikomachische Ethik, Berlin 1979, 1095a, S.7

7 Marcuse, L. Philosophie des Glücks. Zürich 1972. S. 53

8 Ebd. S. 63

9 Vgl. ebd. S. 69

10 Ebd. S. 71

11 Ebd. S. 13

12 Ebd. S. 193

13 Ebd. S. 201

14 Vgl. Ebd. S.226

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Auf der Suche nach dem guten Leben - Philosophische Konzepte in einer brüchigen Moderne
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Philosophie und Gruppendynamik)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
91
Katalognummer
V45514
ISBN (eBook)
9783638429061
ISBN (Buch)
9783640677207
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suche, Leben, Philosophische, Konzepte, Moderne
Arbeit zitieren
Karl Gietler (Autor), 2005, Auf der Suche nach dem guten Leben - Philosophische Konzepte in einer brüchigen Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45514

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Titel: Auf der Suche nach dem guten Leben - Philosophische Konzepte in einer brüchigen Moderne



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