Welche Möglichkeiten eröffnet die Textgrammatik dem DaF-Lerner bezüglich der gesprochenen Sprache?

Grammatik und Grammatikvermittlung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grammatik und Kommunikation
2.1 Weinrichs Textgrammatik
2.1.1 Das neutrale Pronomen ' man '
2.2 Textgrammatik traditionelle Duden Grammatik im Vergleich
2.2.1 Vergleich anhand des Fokus-Pronomen ' das'
2.2.2 Bearbeitungsweisen mündlicher Kommunikation
2.2.3 Nutzen im Grammatikunterricht

3. Mündliche Kommunikation und DaF-Grammatikunterricht
3.1 Problem des Primats der geschriebenen Sprache
3.2 Die gesprochene Sprache
3.2.1 Anwendungsmöglichkeiten im Unterricht
3.2.2 Hörverstehen und Alltagssprache

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1.1 Monographien
5.1.2 Aufsätze.

„Bei der Betrachtung von Sprache und ihrer Besonderheiten können wir die Grammatik nicht außer acht lassen, denn sie definiert die Struktur und den >>Charakter<< einer Sprache“

(Quelle: Zboralski, 2013, S. 49)

1.Einleitung

In Anlehnung an das Hauptseminar Grammatik und Grammatikvermittlung soll diese Hausarbeit von der Strukturierung der Sprache ausgehen, um eventuelle Problematiken selbiger zu analysieren. Dabei soll, in der vorliegenden Arbeit, die Differenzierung in den mündlichen in Abgrenzung zum schriftlichen Bereich eine wichtige Rolle spielen. Die Geschichte der Grammatik und deren Erforschung erweist sich als lange studiertes und entwickeltes Fachgebiet, weshalb die strukturelle Organisation der Sprache zumindest im schriftlichen Bereich relativ unproblematisch und einheitlich darstellbar ist. Auch findet sich hier zahlreiche Fachliteratur und die Domäne gilt als ausgiebig diskutiert. Doch wie verhält es sich mit der mündlichen Kommunikation und Interaktion?

Inwieweit die Sprachstruktur im mündlichen Bereich dem schriftlichen Bereich gleicht oder von ihm divergiert, soll hier herausgestellt werden. Im Versuch eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird das Verhältnis von Grammatik zu Kommunikation durchleuchtet. Dabei geht es um die Frage, in welcher Weise sich Grammatik und speziell Weinrichs Textgrammatik der deutschen Sprache auf Kommunikation beziehen lässt und welche Möglichkeiten diese dem Sprachlerner beim Erfassen gesprochener Sprache bieten kann. Begonnen wird mit einem Vergleich der Textgrammatik von Harald Weinrich mit der herkömmlichen, traditionellen Grammatik des Dudenverlags. Anhand der Betrachtung der Pronomen man und das in Textbeispielen der Textgrammatik zeichnet sich ab, dass sie im Gegensatz zur traditionellen Grammatik des Dudens, mündliche Kommunikation besser miteinbezieht und Unterschiede zur Schriftsprache lernerorientierter herausstellt. Dabei soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass mündliche Kommunikation entscheidend von schriftlicher abweicht und dem DaF-Lerner daher eine Erklärung gegeben werden muss. Beim Erarbeiten des kommunikativen Ansatzes der Textgrammatik werden deren Nutzungsmöglichkeiten im Fremdsprachenunterricht bedacht. Der Bezug der Grammatik zum Kontext ist dabei Augenmerk und spielt zugleich die Stärke der Textgrammatik aus. In diesem Sinne soll sie dem Grammatikunterricht, insbesondere hinsichtlich des Kontrastes zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation, dienlich sein. Dabei wird deutlich, dass die Grammatikarbeit auch mit Hilfe der Textgrammatik in Verbindung mit der Hörverstehensschulung gesetzt werden kann. Das Hörverstehen, welches als essentieller Teil erfolgreicher Kommunikation bereits vor der eigenen mündlichen Produktion, beziehungsweise dem Sprechakt steht, muss natürlich, so wie alle anderen Fähigkeiten auch, entwickelt werden. In diese Entwicklung kann und sollte Grammatikarbeit positiv einwirken, weshalb diese Arbeit versucht die wichtigsten Faktoren für eine verheißungsvolle Zusammenarbeit von Grammatik und Kommunikation offen zu legen.

2.Grammatik und Kommunikation

„Wohl kaum ein anderes Thema ist in der Geschichte des Fremdsprachenunterrichts so kontrovers diskutiert worden wie die Rolle der Grammatik. Sie gilt einerseits als zentraler, unverzichtbarer Bestandteil von Sprachlehrmethoden kognitiver und bewusstmachender Provenienz, andererseits als vernachlässigenswerter, ja sogar schädlicher Unterrichtsgegenstand wie im Fall 'natürlicher', von der Ähnlichkeit von Erst- und Zweitsprachenerwerb ausgehenden Ansätze des Sprachenlernens“ (Hallet, 2010, S. 111 f.).

Grammatik und Kommunikation sind in der Sprachforschung seit jeher zwei Themengebiete, die unter separaten Positionen betrachtet wurden. Geht man von dem Standpunkt aus, dass der Prozess des Lernens im Grunde daraus besteht sich etwas bewusst anzueignen um es anschließend produktiv verwenden zu können, so kann man erwarten, dass dies ebenso für die Grammatik und deren Nutzen für den Spracherwerb gelten darf. Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle erwähnt sein, dass die Betrachtung des Lernprozesses als vom Lerner bewusst angestoßen, nicht unbedingt die Möglichkeit eines unbewusst ablaufenden Lernprozesses ausschließt. Allerdings stützt sich diese Arbeit auf Schmidts „noticing“- Hypothese, nach der Lernen ohne einen gewissen Grad an Bewusstsein nicht möglich ist und demnach eine bewusst erlernte Grammatik für den Spracherwerb als ungemein förderlich gelten sollte (vgl. Schlak, 2004 S. 62). Indizien hierfür findet unter anderem Schulz, die feststellt, dass in allen von ihr begutachteten „Studien ein statistisch signifikantes Verhältnis zwischen explizitem Grammatikwissen und grammatischer Kompetenz“ auszumachen ist (Schulz, 2002, S. 16). Geht man davon aus, dass explizites Wissen durch das „Unterrichten expliziter Grammatik“ in implizites Wissen, welches in der eigenen Kommunikation spontan angewendet wird, umgewandelt werden kann (Schlak, 2004, 56), so erscheint logisch, dass diese grammatische Kompetenz, wie Schulz beobachtet hat, sich wiederum in der Kommunikationskompetenz des Lerners niederschlägt. Andersherum sind natürlich „auch alle spontanen sprachlichen Äußerungen unbewußt mustergeprägt“, was die Grammatik als ein dem Gespräch impliziertes Grundgerüst unentbehrlich macht (Schecker, 1975, S. 187). Somit führen die so lange getrennt betrachteten Fachgebiete Grammatik und Kommunikation auf ein gemeinsames Ziel hin, nämlich der Schulung der Kommunikationsfähigkeit.

Werke wie Weinrichs Textgrammatik der deutschen Sprache haben erkannt, dass erfolgreiche Kommunikation als Resultat der Zusammenarbeit der zwei Domänen entsteht und nehmen in Angriff sie zu vereinen.

2.1Weinrichs Textgrammatik

Widmet man sich der Frage, warum sich eine Grammatik auf Text beziehen, respektive Text einbeziehen soll, so findet man in der Fachliteratur dafür einleuchtende Argumente. Man muss lediglich das Verhältnis von Kommunikation und dem Erwerb des dazu notwendigen Kommunikationssystems näher betrachten. So behauptet Isenberg: „Der Text ist die primäre Organisationsform, in der sich menschliche Sprache manifestiert“ (Daneš, 1976, S. 54). Auch Lang ist der Meinung, „[z]weifellos vollzieht sich die sprachliche Kommunikation in Texten“ (Daneš, 1976 S. 147). Somit wird klar, der Text ist essentiell um eine sprachliche Kommunikation zu gewährleisten. Geht man nun einen Schritt weiter und richtet seine Aufmerksamkeit auf den (Fremd-) Spracherwerb, so findet man die folgende Aussage von Cartis einleuchtend: Es ist eine „Tatsache, dass eine Fremdsprache am besten über den Text gelehrt und gelernt wird“ (Cartis, 2007, S. 61).

Um diese Eindrücke zusammenzufassen, lässt sich festhalten, dass Kommunikation in seiner Essenz aus Text besteht, und der Text, beziehungsweise das Wissen um den Text und das Verstehen desselben, das signifikante Medium ist um Kommunikationsfähigkeit zu erlangen. Text ist „die grundlegende Einheit der Kommunikation“ (Schiewe, 2009, S. 94). Daher ist es kein Wunder, dass auch die Grammatik versucht sich auf den Text zu beziehen, ebenso wie sich der Fremdsprachenlerner mit Texten befasst um seine Kommunikationsfähigkeit in der entsprechenden Sprache zu entwickeln.

Um einen Einblick in die Möglichkeiten der Erläuterung des grammatikalischen Gefüges, besonders in Verbindung zu Text und Kommunikation, zu bekommen, beginnen wir mit einer punktuellen Untersuchung aus Weinrichs Textgrammatik der deutschen Sprache. Die Besonderheit der Textgrammatik stellt sich bereits in ihrer Titelbezeichnung heraus, denn wie angenommen werden darf, handelt sie von Grammatikarbeit mittels und im Zusammenhang mit Texten. Um dies zu veranschaulichen und um beispielhaft für den Aufbau der Textgrammatik zu stehen, soll ein Auszug aus dem Kapitel 2.4.2.2 Das neutrale Pronomen man vorgestellt werden (vgl. Weinrich, 1993, S. 98 ff.).

2.1.1Das neutrale Pronomen 'man'

Was hat man sich unter Grammatik im Sinne der Textgrammatik vorzustellen? Wie Text und Grammatik zusammen passen, lässt sich am folgenden Ausschnitt, indem es um die Betrachtung des grammatischen Phänomens man geht, verdeutlichen. Dabei wird das Pronomen im zusammenhängenden Text betrachtet und hervorgehoben.

„Man kommt oft in nicht geringe Verlegenheit, wenn unsre Lage uns zwingt, mit Leuten umzugehen, die einander Feind sind, wo man es also gar leicht mit einer Partei verdirbt, sobald man mit der anderen gut steht, und es mit beiden verdirbt, wenn man sich ungebeten oder auf unvorsichtige Weise in diese Händel mischt; ich empfehle dabei folgende Vorsichtigkeitsmaßregeln:

Soviel man kann, vermeide man die Unannehmlichkeit, mit zwei Parteien zu gleicher Zeit umzugehen, die miteinander in Zwist leben.

Kann man dies aber nicht ändern, zum Beispiel um plötzlich ein Verhältnis aufzuheben, in welchem man lange Zeit gestanden, so setze man sich womöglich auf den Fuß, durchaus nicht eingeflochten zu werden in die obwaltenden Streitigkeiten! Man bitte sich‘s vielmehr aus, daß in den Gesprächen diese Sache nie berührt werde. Diese Regel findet vorzüglich dann statt, wenn Menschen, die ehemals Freunde gewesen sind, nun auf einmal in Feindschaft miteinander geraten.“ Adolf Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen, 11. Kapitel, Abschnitt 2, hg. Von Gert Ueding, Frankfurt 1977, S. 253. (Weinrich, 1993, S. 100 f.)

Unschwer zu erkennen ist, dass hier ein Ansatz im Sinne einer kommunikationstheoretischen Auffassung zur Geltung kommt. Man sieht, das Pronomen man wird mehrfach in seinem natürlichen Umfeld wiedergegeben und verschafft dem Leser somit einen Eindruck darüber, wie es in seiner Position als neutrales Pronomen genutzt wird.

Aufgrund dieser Bezugnahme auf den Kontext geht die Textgrammatik nicht nur auf das sprachliche Regelwerk ein, sondern auch auf die Semantik des Textes. Ergo wird die Sprachstruktur, also die Grammatik, nicht isoliert betrachtet, sondern vielmehr in die eigentliche, primäre Funktion der Sprache eingebettet, die da wäre, die Kommunikation oder genauer gesagt, den Austausch von Informationen zu gewährleisten. Somit weist die Grammatik eine starke Bindung zum Text, wie auch zur Kommunikation auf.

Welchen inhaltlichen Bezug das Pronomen zum Kontext aufnimmt, klärt Weinrich bereits in einer kurzen texteinleitenden Erklärung, die dem Abschnitt vorangeht:

„Wegen seiner neutralen Bedeutung ist das Pronomen man auch besonders geeignet, gesellschaftliche Konventionen und Normen auszudrücken. […] Charakteristisch dafür ist der folgende Textabschnitt aus dem berühmten Anstandsbuch >>Über den Umgang mit Menschen<< (1788) von Adolf Freiherr von Knigge. Die Vorkommen von man sind mit einer durchgehenden Linie, die von Ersatzformen im Akkusativ und Dativ mit einer unterbrochenen Linie unterstrichen“ (Weinrich, 1993, S. 100).

Damit macht Weinrich dem Leser bereits vor der Textarbeit bewusst, dass das Pronomen in Verbindung mit seinem Kontext einen speziellen Sinnzusammenhang herstellt. Man ist ein Pronomen, hat allerdings (im vorliegenden Fall) die spezielle Funktion inne, beim Ausdruck von Vorschriften neutralisierend zu wirken, so dass sich der Adressat nicht direkt angesprochen und bevormundet fühlen muss. Die Aufgabe des Pronomens erörtert Weinrich im, dem Text beigefügten, textgrammatischen Kommentar, in dem er den inhaltlichen Auswirkungen des grammatikalischen Phänomens auf den Grund geht. Darin erklärt er, dass der Text eine „moralistische Beschreibung“ darstellt, worin die „Empfehlungen“ durch den Konjunktiv kenntlich gemacht werden und das Pronomen man deren Geltungsbereich anzeigt (Weinrich, 1993, S. 100). Dabei steht das Pronomen für eine unbestimmte Zahl von Personen, Autor und Leser darin eingeschlossen, während andere automatisch ausgegrenzt werden (vlg. Weinrich, 1993, S. 100 f.). Weinrichs Erklärung des Pronomens geht also weit über den rein strukturellen Bereich hinaus. Fries beschreibt hierzu das „gesetzte Ziel“ als den Versuch „einfache Beschreibungen für die komplexen Zusammenhänge zwischen sprachsystematisch- formalen Phänomenen und textuell- bzw. dialogisch-funktionalen zu liefern“ (1994, S. 4). Somit lässt sich feststellen, dass das grammatische Phänomen in der Textgrammatik der deutschen Sprache umgehend in der semantischen Struktur eingeordnet wird und folglich die Grammatik mit ihrem Kontext in Beziehung gesetzt wird. Dabei wird nun nicht mehr nur der Satz, sondern der Text als größte grammatische Einheit gesehen (vgl. Rieser, 1977, S. 15). Hierin wird deutlich, dass Grammatik und Semantik unweigerlich miteinander verknüpft sind, und beider Beteiligung wichtig ist, um einen Erfolg im Austausch von Informationen und der kommunikativen Handlung zu gewährleisten.

Die Grammatik bildet hierbei den ersten wichtigen Grundpfeiler um eine erfolgreiche Verständigung zu ermöglichen, indem sie das Regelwerk für die kommunikative Handlung stellt. Daneben muss allerdings eine inhaltlich sinnvolle Gliederung der grammatikalisch richtig (= nach der aktuellen Norm) angeordneten Bestandteile vorgenommen werden, die in ihrem Ganzen schließlich den Text bilden, der in sich wiederum eine kommunikative Absicht verfolgt. So erklärt bereits Isenberg, dass der Sprecher bei der Erstellung grammatikalischer Einheiten bis hin zur Einheit des Satzes die sprachliche Umgebung des Textes mit plant und in diesem Bezug eine Gerichtetheit der kommunikativen Funktion des Satzes, sowie seiner Umgebung, deutlich wird (vgl. Daneš, 1976, S. 59). In diesem Sinne sind die „satzgrenzenüberschreitenden Eigenschaften von Sätzen explizit als zum Gegenstand der Grammatik gehörig auszuweisen“ (Daneš, 1976, S. 52). Somit lässt sich der Kreis schließen und die explizite Verbindung von Text und Grammatik führt zurück auf die implizit grundlegende Intention der Kommunikation, nämlich der sinnvollen Verständigung mittels eines geregelten Systems. Das System wiederum muss „regeldeterminiert“ und kann nicht „arbiträr“ sein, damit der Adressat die Kommunikationsintention verstehen kann (Daneš, 1976, S. 59).

Aus dem Erfassen des Textes als grammatikalische Einheit entsteht, laut Rieser, in der Textgrammatik jedoch ein Problem, nämlich, dass „keine explizite Trennung in Syntax und Semantik“ mehr vorgenommen werden kann (1977, S. 19). Die Problematik dieser Vermischung sollte bedacht werden. Allerdings muss auch die Chance gesehen werden, daraus den Vorteil zu ziehen, eine, auch besonders für den Fremdsprachenlerner, praxisorientiertere, authentischere Lernumgebung zu bieten. Genau dies versucht die Textgrammatik zu erreichen. Schaut man auf den Beispieltext mit dem Weinrich versucht das neutrale Pronomen 'man' in seiner Funktionsweise zu verdeutlichen, erkennt man, dass er aus Adolf Freiherr von Knigges Über den Umgang mit Menschen1 stammt, wodurch ihm ein hohes Maß an Authentizität zugesprochen werden kann. Die Nutzung authentischer Texte bewirkt nicht nur eine bessere inhaltliche Kohärenz, sondern gewährt obendrein Einblicke in deutsches Kulturgut. Die Textgrammatik bezieht sich dabei auf deutsche Literaturwerke2, weist auf sprachgeschichtliche Veränderungen3 des Deutschen hin und bringt außerdem Beispiele zur mündlichen Kommunikation4 die unter anderem in Transkription niedergelegt werden. Somit können die Texte in der Textgrammatik einem dreifachen Zweck dienen. Mittels derer geht sie auf grammatische Phänomene ein, bringt sie in semantisch sinnvollen Zusammenhang und gewährt gleichzeitig (wenn auch lückenhafte) Einblicke in die deutsche Kultur, was vor allem auch für den DaF-Lerner von Vorteil sein sollte. Der Fremdsprachenlerner bekommt somit schon durch den Grammatikunterricht einen Einblick in deutsches Kulturgut, Lebensart und Momentaufnahmen des gesellschaftlichen Lebens, was wiederum sein Verständnis für die Grammatik der Sprache fördern soll.

Dadurch, dass Weinrich authentische Beispieltexte einbringt und die grammatischen Phänomene anhand dieser betrachtet, geht die Textgrammatik über die rein-regelerklärende Funktion der Grammatik hinaus und stellt sinnvolle Zusammenhänge her, wobei der Sinn der Informationsdarlegung eines Textes erhalten bleibt, ein Novum das in der traditionellen Grammatik absolut unüblich war, allerdings auch hier langsam Fuß fasst. Die „kommunikative Wende zu Beginn der 1970er Jahre“ war es, die dafür sorgte, dass man anfing Grammatiken zu entwickeln, die besser auf den Lerner und „dessen Bedürfnisse“ zugeschnitten sein sollten (Grünewald, 2009, S. 102). Um die Unterschiede und den Vorteil einer textbezogenen Grammatik herauszuarbeiten soll im Folgenden ein kurzer Vergleich mit der Duden Grammatik angegangen werden.

2.2 Textgrammatik & traditionelle Duden Grammatik im Vergleich

Alle Grammatiken bauen in ihrer Basis auf dem gleichen Grundsatz auf. In seiner Essenz kann man die „Grammatik als aufzubauendes Inventar von sprachlichen Regeln“ ansehen (Hallet, 2010, S. 112). Sie beschreibt die Struktur der Sprache in ihren Details. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der Grammatik, auch wenn „Uneinigkeit über den Weg zur Aneignung dieser Kompetenz“ besteht (Hallet, 2010, S. 112). Textgrammatik und Duden Grammatik sind zwei dieser Werke, die unterschiedliche Wege zum Erlangen grammatischer und schließlich sprachlicher Kompetenz aufzeigen.

Zunächst sollte erwähnt werden, dass als Vergleichswerk zur Textgrammatik (Neuauflage 1993), die traditionelle Duden Grammatik in der Auflage von 2005 genutzt wird. Da die betrachtete Auflage der traditionellen Grammatik relativ gegenwartsnah ist, sollte angemerkt sein, dass, seit dem Anbruch der „kommunikativen Wende zu Beginn der 1970er Jahre“, und dem damit verbundenen „kommunikative[n] Ansatz“, als Leitsatz für die Textgrammatik, selbige ihre Spuren in der Entwicklung des Grammatikverständnisses in summa, also auch der traditionellen Grammatik, hinterlassen hat (Grünewald, 2009, S. 102). Folglich wäre nicht verwunderlich, wenn mit fortschreitender Zeit auch die Duden Grammatik, in tendenziell zunehmendem Maß, Elemente einer Textgrammatik aufweisen würde. Trotzdem lassen sich merkliche Differenzen zwischen beiden Grammatiken bekunden. Inwieweit sie nun übereinstimmen, wechselseitig ergänzend wirken können, oder sich gar gegenseitig ausschließen, sehen wir in der folgenden Gegenüberstellung.

Um den Vergleich der Publikationen in die Wege zu leiten, ist es von Vorteil zuerst einen groben Überblick über die beiden Werke zu erhalten. Dazu liefern uns bereits die Inhaltsverzeichnisse beider Grammatiken einen brauchbaren Einstiegspunkt und es wird klar, dass beide im Aufbau von wesentlich verschiedenen Grundannahmen ausgehen.

Der Duden5 beginnt ganz klassisch mit dem Wort, sozusagen mit der kleinsten sinnstiftenden Einheit der Sprache. Dieses wird als Sinneinheit in sich, nach grammatikalischen Kriterien durchleuchtet. Sobald das geschehen ist, wird das Wort in den nächst größeren grammatikalischen Bereich Satz eingebunden. Dieser wird ebenfalls im Detail behandelt, bevor das nächst größere Feld Text angesprochen wird.

[...]


1 (Vgl. Weinrich, 1993, S. 101).

2 Neben dem bereits erwähnten Freiherr von Knigge lässt sich unter anderem Effi Briest nennen (vgl. Weinrich, 1993, S. 153).

3 (Ebd. S. 725) Siehe Textbeispiel Michael Kohlhaas (Kleist): Behandelt sprachgeschichtliche Veränderungen.

4 u.a. Kindliche Redetexte (Ebd. S. 560); Transkription einer Tonbandaufnahme (Ebd. S. 831)

5 Im Folgenden siehe Inhaltsverzeichnis: (Kunkel-Razum & Münzberg, Duden Die Grammatik, 2006)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Welche Möglichkeiten eröffnet die Textgrammatik dem DaF-Lerner bezüglich der gesprochenen Sprache?
Untertitel
Grammatik und Grammatikvermittlung
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Grammatik und Grammatikvermittlung
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V455259
ISBN (eBook)
9783668881273
ISBN (Buch)
9783668881280
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DaF, Grammatik, Grammatikvermittlung, gesprochene Sprache, Textgrammatik, geschriebene Sprache, Duden, mündliche Kommunikation, schriftliche Kommunikation, Unterricht, Hörverstehen, Pronomen, Alltagssprache, Lerner, Grammatikunterricht, Anwendungsmöglichkeiten, Weinrich
Arbeit zitieren
Magister Artium Lukas Szpeth (Autor), 2014, Welche Möglichkeiten eröffnet die Textgrammatik dem DaF-Lerner bezüglich der gesprochenen Sprache?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455259

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