Maria Sibylla Merian. Ein grenzenloses Leben


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Werk Maria Sibylla Merians
2.1 Von Frankfurt bis Amsterdam
2.1.1 Merians Werdegang und frühe Werke
2.1.2 Erste Kontakte zu Surinam
2.2 Die Reise nach Surinam und Merians Lebenswerk “Metamorphosis insectorum surinamensium”
2.3 Die Rolle von Religion und Geschlecht in Maria Merians Leben

3. Schluss

Literaturverzeichnis und Bildnachweis

1. Einleitung

“Wenn je ein Frauenzimmer lebte, welches auf einen bleibenden Ruhm und innige Hochachtung mit Recht Anspruch machen konnte, so ist es die berühmte Maria Sibylla Merian.”1

Dieses Zitat aus dem Jahre 1800, also gute 90 Jahre nach ihrem Tod, ist ein Zeugnis für das hohe Ansehen, das Maria Sibylla Merian in der Gesellschaft genoss. Es stammt von Friedrich Karl Gottlob Hirsching, einem Universalgelehrten. Viele weitere einflussreiche und geschätzte Forscher, Wissenschaftler und Gelehrte, wie zum Beispiel Carl von Linne2, Christoph Arnold3 und auch Goethe4 äußerten sich anerkennend und auch bewundernd über Merian. Bis heute gilt ihr Werk als Meilenstein im Bereich der Entomologie, also der Insektenforschung. Doch was machte Merians Werk, insbesondere ihre Arbeiten zur Insektenwelt des südamerikanischen Surinam so einzigartig und für die damalige Zeit neuartig? Was unterschied ihre Arbeit von der vieler anderer Entomologen der Frühen Neuzeit, wie beispielsweise Jan Swammerdam?

Für die meisten Frauen der damaligen Zeit spielte sich ihr Leben in sehr begrenzten Räumen ab, mal war es vielleicht nur der eigene Haushalt und der Heimatort, manchmal erstreckte sich ein Leben aber auch über mehrere Ortschaften, Städte und Länder, außerhalb des heimischen Herdes oder der Arbeitsstelle. Aber meist folgten die Frauen doch ihren Ehemännern oder Vätern, die Lebensgestaltung war in vielen Fällen keine unabhängig erbrachte Entscheidung. Aber es gab auch Ausnahmen, so wie Maria Merian, die selbstständig und unabhängig ihren Lebensweg gestaltete und es so bis in ferne Länder, in ihrem Fall Surinam, brachte. Wie konnte sie so frei von religiösen und geschlechtlichen Grenzen ihr Leben gestalten?

Man findet sehr viel Literatur zum Leben Maria Sibylla Merians, leider kratzen die meisten Werke, die sich mit ihrer Lebensgeschichte befassen oft nur an der Oberfläche. Wichtige Punkte, wie beispielsweise die Reisekosten, also ihre finanzielle Ab- oder Unabhängigkeit, bleiben oft im Dunklen. Hervorzuheben ist allerdings die Biographie von Natalie Zemon Davis5, da sie nicht nur einen Abriss des Lebens Merians bietet, sondern auch hochinteressante Thesen aufstellt und Schlüsse zieht und auch auf Glauben und Geschlecht der Insektenforscherin eingeht. Weiterhin empfehlenswert ist Anne-Charlott Trepps Werk “Von der Glückseligkeit alles zu wissen”, da es mehr als alle anderen Werke auf den religiösen Hintergrund Merians eingeht. Trepp spricht von vielen Quellen zu Maria Merian, die sie als erste bearbeitet hatte, da sie bisher von der Wissenschaft nicht beachtet worden waren.6 Hier sollte auch die zukünftige Forschung ansetzen und diese Quellen genauer analysieren.

2. Leben und Werk Maria Sibylla Merians

2.1 Von Frankfurt bis Amsterdam

2.1.1 Merians Werdegang und frühe Werke

Befasst man sich mit dem Leben von Maria Sibylla Merian, so ist es auffällig, welch hochwertige künstlerische Ausbildung sie schon als junges Mädchen genießen durfte. Man könnte diese Begebenheit für etwas besonderes halten, eine Frau die im 17. Jahrhundert eine Ausbildung erhielt, wie sie auch der eines Mannes entsprach. Allerdings war eine solche künstlerische Bildung für junge Frauen in Handwerkerfamilien damals nichts besonderes. Sie sollte begabte Mädchen davor bewahren, das Elternhaus schon mit zwölf Jahren verlassen und ihre Aussteuer als Dienstmagd verdienen zu müssen.7 Auch waren fast alle Künstlerinnen der frühen Neuzeit schon in Künstlerfamilien hineingeboren worden, in diesem Umfeld wurde ihr Talent und ihr Schaffen begrüßt und gefördert. Die damalige Meinung, der weibliche Charakter hemme das künstlerische Genie in seinem Schaffen fand hier keinen fruchtbaren Boden. Ihre Ausbildung und ihr Schaffen unterschied sich lediglich darin, dass Frauen nicht auf Wanderschaft gingen und von der Gemäldemalerie ausgeschlossen waren. Maria Sibylla Merian stammte auch aus einer Künstler- und Handwerkerfamilie, sie war die 1647 geborene Tochter des berühmten Kupferstechers, Blumenmalers und Verlegers Matthäus Merian.8 Sie wurde also in ein reiches Frankfurter Verlagshaus hineingeboren, in eine Welt des Wissens und der Kultur, in ein Umfeld gebildeter, weitgereister und kunstverständiger Menschen. Schon früh hatte sie durch ihren Vater einen papiernen Zugang zur Welt.9 Als sie drei Jahre alt war starb Matthäus Merian. Im darauffolgenden Jahr heiratete ihre Mutter allerdings Jacob Marrel, einen Blumenmaler und Kupferstecher.10 Angeblich wurde dieser auf das Talent seiner Stieftochter aufmerksam, als sie eine Tulpe aus dem benachbarten Garten stahl, um sie zu malen. Von nun an ließ er ihr durch einen seiner Schüler Mal- und Zeichenunterricht erteilen,11 zudem lernte sie mit 13 Jahren in der stiefväterlichen Werkstatt das Handwerk des Kupferstechens.12 Schon in diesem Alter galt ihre Leidenschaft der Beobachtung von Insekten. Den Besuch einer Seidenspinnerei in Frankfurt beschrieb sie später als einschneidendes Erlebnis. Von da an sammelte sie Puppen, Raupen, Schmetterlinge und andere Insekten um sie zu Hause zu pflegen, ihre Metamorphose zu beobachten und sie schließlich auch in ihren verschiedenen Stadien der Entwicklung zu zeichnen.13 Hier unterschied sich Maria Merian auch schon von vielen ihrer Zeitgenossen, denn anders als diese glaubte sie nicht an die Theorie Aristoteles, dass Insekten aus schwarzem Schlamm geboren wurden, sondern sie ging aufgrund ihrer Beobachtungen, von der Verwandlung der Insekten in mehreren Stadien aus.14

1665 heiratete sie Johann Andreas Graff, einen Schüler Marrels. Sie arbeitete gegen dessen Willen weiter als Blumenmalerin,15 eröffnete die Jungfern Company, eine Stick- und Malschule16 und baute einen kleinen Versandhandel für Farben und Material auf.17

Mit 28 Jahren veröffentlichte sie die im Unterricht genutzten Malvorlagen unter dem Titel “Blumenbuch”. Die Abbildungen sollten KünstlerInnen und Stickerinnen mit Mustern und Vorbildern versorgen. Die Drucke waren im herkömmlichen Stil der Blumenmalerei gehalten, nur gelegentlich tauchte ein Insekt auf, das lediglich der Zierde und Ausschmückung der Blumen diente.18 Bis 1680 erschienen noch zwei weitere, in gleicher Manier gestaltete Bände, die später zusammen unter dem Titel “Das neue Blumenbuch” herausgegeben wurden.19

1679 veröffentlichte Maria Merian “Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung”. Jede der 50 Tafeln war mit einem Begleittext versehen, der die Metamorphose und die Lebensweise des Insekts beschrieb. Bisher war es in Stilleben gebräuchlich gewesen, Blumenbilder nur mit Insekten auszuschmücken, wie man es im “Blumenbuch” sehen kann. Jetzt waren die Insekten aber um ihrer Selbst willen dargestellt worden. Jede Abbildung war um die jeweilige Wirtspflanze der gezeigten Insekten herum angelegt. Ein Begleittext20 beschrieb die Lebensweise der Insekten.21 Merian selbst gab an, dass sie nicht für Wissenschaftler, sondern für “Naturkündige Kunstmahler und Gartenliebhaber”22 malte, daher hatte ihr Buch auch keine gebräuchliche Systematik, sondern richtete sich nach dem Blumenjahr.23 Bei ihren wissenschaftlichen Kollegen waren Montagen sehr verbreitet, bei denen verschiedene Stadien der Entwicklung von Pflanze oder Tier nebeneinander auf einem Druck arrangiert wurden. Merians Vorgehen, Pflanze oder Insekten nach lebenden Vorbildern darzustellen war also weniger gebräuchlich.24 Bei Liebhabern war es ein Erfolg, von der Wissenschaft wurde es zwar anerkannt, aber auch kritisiert, da es sich nicht an die sonst gebräuchliche Klassifikation und Anordnung der Insekten hielt und die Begleittexte auf Deutsch und nicht in der Wissenschaftssprache Latein gehalten waren.25

[...]


1 Kathrin Schubert: Maria Sibylla Merian. Reise nach Surinam, München 2010, S. 133.

2 Vgl. Essener Kolleg für Geschlechterforschung: Biographisches zu Maria Sibylla Merian. Pionierin der Neuzeit, unter http://www.uni-due.de/ekfg/biographiemerian.shtml (zuletzt aufgerufen am 26.9.2013)

3 Vgl. Natalie Zemon Davis: Das Leben der Maria Sibylla Merian, Berlin 2003, S.40.

4 Vgl. Wilhelm Treue: Eine Frau, drei Männer und eine Kunstfigur. Barocke Lebensläufe, München 1992, S. 227.

5 Vgl. Natalie Zemon Davis: Das Leben der Maria Sibylla Merian, Berlin 2003.
Natalie Zemon Davis: Drei Frauenleben. Glikl, Marie de l'Incarnation, Maria Sibylla Merian, Darmstadt 1996.

6 Vgl. Anne-Charlott Trepp: Von der Glückseligkeit alles zu wissen. Die Erforschung der Natur als religiöse Praxis in der Frühen Neuzeit, Frankfurt am Main 2009, S. 24-25.

7 Vgl. Schubert: Surinam, S. 14.

8 Vgl. Ebd., S. 18.

9 Vgl. Schubert: Surinam, S. 11.

10 Vgl. Ebd., S. 13.

11 Vgl. Jürgen Heeg (Hg.): Raupe. Puppe. Schmetterling. Maria Sibylla Merian 1647-1717. Naturforscherin und Künstlerin zwischen Frankfurt und Surinam, Rostock 2006, S. 14.

12 Vgl. Schubert: Reise nach Surinam, S. 14.

13 Vgl. Heeg: Raupe, S. 15.

14 Vgl. Schubert: Surinam, S. 9.

15 Vgl. Treue: Lebensläufe, S. 114.

16 Vgl. Elisabeth Rücker: Maria Sibylla Merian, 1647 – 1717. Ihr Wirken in Deutschland und Holland, Bonn 1980, S. 11-12.

17 Vgl. Davis: Merian, S. 23.
Vgl. Schubert: Surinam, S. 22.

18 Vgl. Kären Nickelsen: Wissenschaftliche Pflanzenzeichnungen – Spiegelbilder der Natur?
Botanische Abbildungen aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert, Bern 2000, S. 14.

19 Vgl. Heeg: Raupe, S. 16-17.

20 Vgl. Nickelsen: Pflanzeichnungen, S. 35.
Besonders daran ist, dass Merian die Texte selbst schrieb und sie deutlich detailgenauer gestaltet und auch mit kleinen Anekdoten versehen wurden, als die ihrer wissenschaftlichen Kollegen.

21 Vgl. Davis: Merian, S. 26 ff.

22 Treue: Lebensläufe, S. 119.

23 Vgl. Ebd.

24 Vgl. Nickelsen: Pflanzeichnungen, S. 59.

25 Vgl. Heeg: Raupe, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Maria Sibylla Merian. Ein grenzenloses Leben
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar Abteilung Frühe Neuzeit)
Veranstaltung
Hauptseminar: Von Huren und Rabenmüttern. Geschlechtergeschichte in der Frühen Neuzeit.
Note
2
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V455260
ISBN (eBook)
9783668860155
ISBN (Buch)
9783668860162
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Merian, Geschichte, Frühe Neuzeit, Geschlechtergeschichte, Emanzipation, Biologie, Insektenkunde
Arbeit zitieren
Franziska Wiesbeck (Autor), 2013, Maria Sibylla Merian. Ein grenzenloses Leben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455260

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