Arno Schmidts Prosatheorie der "Berechnungen" und ihre literarische Umsetzung im Werk der 1950er Jahre


Masterarbeit, 2012
121 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Prosatheorie der Berechnungen
2.1 Textkorpus
2.1.1 Berechnungen (Urfassung)
2.1.2 Berechnungen I
2.1.3 Berechnungen II
2.1.4 Berechnungen III
2.1.5 Berechnungen als Poetologie
2.1.6 Ergänzende Essays
2.2 Ansatz der Prosatheorie
2.2.1 Alte Literaturformen
2.2.2 Neue Literaturformen
2.2.3 Exkurs Werkschwerpunkt Prosa

3 Sprache und Stil
3.1 Dehydrierung der Sprache
3.2 Syntax
3.3 Orthografie
3.4 Phonetisierung
3.5 Wortschatz
3.5.1 Komposita
3.5.2 Ableitungen
3.5.3 Exkurs Expressionistische Wortbildung
3.5.4 Weitere Stilmittel
3.5.5 Sprachebenen
3.6 Interpunktion
3.7 Typografie
3.8 Zwischenfazit Sprache

4 Fabel
4.1 Zeitkritik
4.2 Epischer Fluss
4.3 Realistisches Schreiben

5 Neue Prosaformen
5.1 Fotoalbum
5.2 Musivisches Dasein
5.3 Längeres Gedankenspiel
5.4 Traum

6 Literarische Umsetzung
6.1 Fotoalbum: Seelandschaft mit Pocahontas
6.2 Musivisches Dasein: Aus dem Leben eines Fauns
6.3 Längeres Gedankenspiel: Kaff auch Mare Crisium
6.4 Traum
6.4.1 Literarische Umsetzung der Versuchsreihe IV
6.4.2 Neuorientierung im Werk durch die Freud-Lektüre .
6.4.3 Stilistische Merkmale der Prosa Arno Schmidts .
6.4.4 Zwischenfazit Traum
6.5 Zwischenfazit Literarische Umsetzung

7 Kritik und Wirkung
7.1 Kritik der Theorie
7.1.1 Einordnung als eigenständige Theorie
7.1.2 Ungenaue Begriffsverwendung
7.1.3 Objektive Abbildung des Bewusstseins
7.1.4 Differenzierung zwischen den Formen Fotoalbum und Musivisches Dasein
7.2 Kritik der literarischen Umsetzung
7.2.1 Adäquate Umsetzung der Bewusstseinsvorgänge
7.2.2 Zuordnung
7.2.3 Innovation
7.3 Wirkung

8 Fazit

Verzeichnis verwendeter Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kapitel 1 Einleitung

Arno Schmidt (1914 1979) zählt zu den herausragendsten Autoren der Moderne. Seine Werke, wie die Nobodaddy’s Kinder -Trilogie „gehörten bei ihrem Erscheinen zu den sprachlichen und erzähltechnisch avanciertesten der deutschen Nachkriegsliteratur“.1 Auch heute noch muss dieser Ausspruch für Schmidt gelten, denn im Bezug auf Sprache und Form seiner Prosa findet sich nichts Vergleichbares in der Literatur.

Arno Schmidt und seine literarischen Arbeiten standen dennoch oder gerade aufgrund dieser Avanciertheit von Beginn an in der Kritik. Die Kritik teilt sich dabei in absolutes Wohlwollen und totale Ablehnung. Die Einen sehen in ihm das Sprachgenie, das in den 1950ern die internationale Moderne im Deutschen nachholte, während ihn die Anderen als überschätzten Provokateur einordnen. Zwischen diesen beiden Extremen finden sich kaum Meinungen zu Schmidts Prosa. „Arno Schmidt wird in fast allen gängigen Literaturgeschichten zur deutschen Literatur nach 45 als Ausnahme von der Regel behandelt. In der Prosaliteratur der 50er und 60er Jahre hatte er unzweifelhaft die Rolle des Avantgardisten inne, auch wenn er möglicherweise nur auf konzentrierte und zugespitzte Weise nachgeholt hat, was in der Literatur der Nachkriegszeit seit jeher an formalen Innovationen vermißt worden ist.“2 Die Rolle des Avantgardisten und des Sprachexperimentators wird Schmidt von beiden Seiten zugeschrieben; sie verweist insbesondere auf die Problematik der Einordnung in das literarische Feld: „Im Begriff des ‚Experimentes‘ kulminierte daher die rigide einordnende Ungeduld mit Werk und Autor“.3 Im Endeffekt aber verbleibt die Kritik zum größten Teil in der Auseinandersetzung mit der Autorfigur Arno Schmidt und in Einzelanalysen. Formale Analysen oder inhaltliche Interpretationen seiner Werke bleiben dahinter zurück wohl auch weil bis heute eine umfassende Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen seiner Prosa fehlt.4 Eine vollständige Auseinandersetzung kann auch diese Arbeit nicht leisten, sie beschränkt sich daher auf die Prosatheorie der Berechnungen und ihre literarische Umsetzung im Werk der 1950er Jahre.

Die Prosatheorie der Berechnungen und das literarische Werk der 1950er sind für das Prosawerk Schmidts von großer Bedeutung, da sie Ausgangspunkt aller späteren sprachlichen, stilistischen und typografischen Besonderheiten der Prosa sind. Die hier geschaffenen Grundlagen wie die semantisierte Interpunktion, die Phonetisierung oder die Spaltentechnik können zumeist in radikalisierter Form bis ins Spätwerk verfolgt werden. Die Berechnungen formulieren somit die grundlegenden Merkmale der Prosa Schmidts Dehydrierung, inszenierte Mündlichkeit und Visualisierung, die im Verlauf des Werkes weiterentwickelt und z.B. durch die Etymtheorie ergänzt werden, um dann im Spätwerk maßgeblich in Zettel’s Traum ihren Höhepunkt zu erreichen.

Aufbau, Methode und zentrale Fragestellung

Im Verlauf dieser Arbeit soll die Prosatheorie Arno Schmidts, die sogenannten Essays der Berechnungen, aufgearbeitet werden und die von ihnen präsentierten Themen wie die neuen Prosaformen, aber auch Fabel und Sprachstil der neuen Prosa betrachtet werden. Beobachtet und hinterfragt wird dabei in erster Linie die Stringenz der Theorie und ihrer einzelnen Teile. Die Theorie der Berechnungen wird dabei durchgehend werkimmanent betrachtet, da ich das Heranziehen weiterer Äußerungen aus literarischen Werken für problematisch halte. Zwar spiegelt Schmidt seine theoretischen Überlegungen in den literarischen Werken, insbesondere in Aus dem Leben eines Fauns, sie werden dabei aber von literarischen Figuren in einem fiktionalen Kontext präsentiert und sind so nicht eindeutig an die Theorie anzuschließen. Die Betrachtung dieser literarischen Äußerungen ist zudem auch wenn sie in der Forschung zu den Berechnungen gerne zitiert werden für das Verständnis der Theorie irrelevant, da sie keine neuen Thesen eröffnen. Auf Grundlage der theoretischen Auseinandersetzung mit den Berechungen folgt eine Analyse der vier neuen Prosaformen anhand drei exemplarischer Werke: Seelandschaft mit Pocahontas, Aus dem Leben eines Fauns und Kaff auch Mare Crisium.5 Statt einer Interpretation oder inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesen Werken steht die Frage nach der adäquaten literarischen Umsetzung der Theorie im Vordergrund. Abschließend soll die Kritik an den Berechnungen und ihrer literarischen Realisierung beleuchtet werden.

Kapitel 2

Prosatheorie der Berechnungen

2.1 Textkorpus

Arno Schmidts Prosatheorie umfasst vier Essays, die zwischen 1953 und 1957 verfasst wurden und als Berechnungen zusammengefasst werden. Der Titel ‚Berechnungen‘ insinuiert mathematische beziehungsweise naturwissenschaftliche Kriterien und Präzision in der Auseinandersetzung mit dem Inhalt, der Prosa Arno Schmidts. Dieser Eindruck wird auch durch die Selbstbezeichnung Schmidts als ‚Wortwissenschaftler‘ (B0, 106) und in den Text integrierte Tabellen und Formeln, durch den Vergleich mit Kurvenarten wie der Epizykloide und die Verwendung mathematischen Vokabulars verstärkt. Schmidt selbst äußert sich im Kontext der Bewegungskurven zum mathematischen Ansatz seiner Berechnungen: „Ich bediene mich zur Bezeichnung dieser Bewegungskurven der präzisen Namen, welche die Mathematik (zur Hälfte ja eben die Wissenschaft des Raumes ! ) längst festgesetzt hat; nicht, um diesen meinen Notizen ein kokettes pseudowissenschaftliches asa foetida zu verleihen, sondern weil ich meiner Zeit schon sehr gram sein müßte, wenn ich die unübertreffliche Klarheit solcher Formulierungen unbeachtet ließe, und dafür eigene Umschreibungen zusammenstotterte.“ (BI, 165) Das ‚Mathematische‘ bleibt allerdings reine Wortspielerei bzw. Benennung und eröffnet bei genauer Betrachtung keinen erweiterten Textzugang, da Schmidt bei der bloßen Zitation der Begrifflichkeiten verbleibt ohne die dahinter stehenden Konzepte mit einzubeziehen.

2.1.1 Berechnungen (Urfassung)

Die Urfassung der Berechnungen (B0)6 wurde im September 1953 von Schmidt verfasst, ist in der Typoskriptabschrift von Martin Walser erhalten und durch einen Brief Arno Schmidts vom 27.11.1953 an Walser ergänzt. Im Bargfelder Nachlass selbst findet sich kein Original dieser ersten Fassung der Berechnungen. Die Urfassung der Berechnungen (B0) deutet durch die noch fehlende Nummerierung im Titel an, dass Schmidt bei ihrer Entstehung noch nicht an eine Fortsetzung dachte. Auch wenn die Berechnungen (B0) inhaltlich nur punktuell von den Berechnungen I zu unterscheiden sind, ist eine Umstrukturierung des Argumentationslaufes zu beobachten. Des Weiteren wurden Inhalte wie die Frage ‚Für wen schreibt der Schriftsteller?‘ oder die Differenzierung von reiner und angewandter Literatur nicht übernommen.7 Innerhalb der Berechnungen (B0) finden sich ständige Rückverweise, Erläuterungen und Präzisierungen auf zuvor getroffene Aussagen, sodass die Urfassung deutlich unstrukturierter wirkt als die weiteren Teile.8 Sie widmet sich inhaltlich zudem unterschiedlichen Themen und Fragestellungen, während in den folgenden Teilen stärker ein zentrales Thema auszumachen ist. Diese Kritikpunkte sind mit hoher Wahrscheinlichkeit der nicht geplanten Fortsetzung geschuldet, während die weiteren Essays als Teil einer Reihe angelegt sind.

2.1.2 Berechnungen I

In der von Alfred Andersch herausgegebenen Zeitschrift Texte und Zeichen 1 veröffentlicht Schmidt 1955, den 1954 verfassten Text Berechnungen I (BI)9, eine Überarbeitung der Urfassung mit dem Untertitel Ein Werkstattbericht. Anzumerken ist dabei, dass Arno Schmidt diesen Untertitel nach der Zeitschriftenpublikation nicht übernimmt, sondern später das Motto der Akademie Platons „Nemo geometriae ignarus intrato“ (übers.: Niemand, der der Geometrie unkundig ist, trete ein!) nutzt und damit ein weiteres Mal den Selbstbezug der Prosatheorie zur Mathematik unterstreicht. Ebenfalls in Texte und Zeichen 1 erscheint die Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas, die zu der in den Berechnungen vorgestellten Prosaform des Fotoalbums eine literarische Umsetzung darstellt. Neben der Vorstellung des Fotoalbums widmet sich Schmidt in den Berechnungen I einer zweiten Prosaform, der des Musivischen Daseins.

2.1.3 Berechnungen II

Die Berechnungen II10 erscheinen 1956 in Texte und Zeichen 5.11 Der Text ist, wie der Untertitel Ein Werkstattbericht Fortsetzung bereits anmerkt, als Ergänzung der Berechnungen I zu lesen. Der Essay widmet sich nun den Prosaformen der doppelten Handlung, stellt also das Längere Gedankenspiel und in Ansätzen den Traum vor. Die Berechnungen I und II wurden 1959 gemeinsam im Band Rosen & Porree im Stahlberg-Verlag Karlsruhe veröffentlicht.12 Seit jener Veröffentlichung enthalten auch die Berechnungen II ein Motto, dass den Schlussvers des Gedichtes Plead me von Emily Brontë zitiert, allerdings mit veränderter Interpunktion, wiedergibt:

And am I wrong, to worship where

faith cannot doubt, nor hope despair,

since my own soul can grant my prayer? :

Speak, God of Visions, plead me,

and tell why I have chosen thee !13

Vermutlich hat Schmidt mit diesem ironisierten Motto auf das bis dato vorherrschende Unverständis und Desinteresse der Leserschaft für die Berechnungen reagiert. Bereits in der Urfassung der Berechnungen kritisiert er das Unverständnis für seine neue Prosa: „Konnte ichs noch deutlicher sagen ? Es war dasselbe wie eben zuvor; aber man hat mich, wie billig, nicht verstanden. Bei uns muß man zu etwas Gutem, das man gemacht hat, auch noch die Methode angeben.“ (B0, 103) Allerdings haben die Berechnungen das sei vorweggenommen kaum zum besseren Verständnis der literarischen Mittel beigetragen. Das war Schmidt mit großer Sicherheit bewusst, deuten doch auch die nicht (zu Lebzeiten) veröffentlichten Berechnungen III darauf hin. So schließt Schmidt mit den Berechnungen II seine Prosatheorie ab.

2.1.4 Berechnungen III

Zwischen 1956 und 1957 schreibt Arno Schmidt den letzten Teil seiner Prosatheorie, die Berechnungen III14, welche allerdings erst postum 1980 in der Neuen Rundschau veröffentlicht werden.15 Schmidt führt im Essay jedoch nicht wie zu erwarten gewesen wäre weitere Erläuterungen zu den Prosaformen, insbesondere zum Längeren Gedankenspiel und zur Form des Traums weiter aus, sondern widmet sich ausschließlich typografischen, syntaktischen und orthografischen Eigenheiten seiner Prosa.

Die Berechnungen III wurden wegen ihrer späten Publikation kaum besprochen. Aber auch unabhängig von ihrem späten Erscheinen ist in der Arno-Schmidt-Forschung eher eine Tendenz der Ausschließung zu beobachten, da die Berechnungen III so die häufige These inhaltlich nicht an die vorherigen Essays anschließen. Insbesondere, da „der Anspruch einer das Werk begleitenden Prosatheorie aufgegeben worden ist.“16 Eine „Weiterentwicklung [der Prosatheorie] vollzieht sich nicht mehr in theoretischen Schriften, sondern allein im Prosawerk selbst“.17 Mit Blick auf das Gesamtwerk aber sind die Berechnungen III der beinahe interessanteste Teil dieser Prosatheorie. Denn während Schmidt die Inhalte der Urfassung bis zu den Berechnungen II, d. h. die neu entwickelten Prosaformen nach Kaff weitgehend verwirft und sich neuen Ideen wie der Etymtheorie widmet, können die Ansätze zu Sprache und Stil der Berechnungen III fast ausnahmslos auf das gesamte Prosawerk seit 1950 übertragen werden. Dennoch ist in den Berechnungen III eine Veränderung der Schreibhaltung, des Sprachduktus und eventuell auch der Intention zu beobachten. Es gilt hier nicht mehr, neue Ideen zu präsentieren, sondern bereits literarisch umgesetzte Besonderheiten in Sprache, Stil und Typografie zu erläutern. Daher sind die Berechnungen weniger strukturiert aufgebaut, vielmehr sind sie eine Aneinanderreihung nur lose verbundener Thesen. Zudem verzichtet Schmidt auf das den vorausgehenden Essays typische wissenschaftliche Vokabular, auf Tabellen und Vergleiche mit mathematischen Termen oder Kurven. Mit dem Motto der Berechnungen III „Nicht ich, Ihr Athenienser, bin da, von Euch zu lernen; sondern Ihr seid da, von mir zu lernen!“ zitiert Schmidt Die deutsche Gelehrtenrepublik von Klopstock, genauer das Kapitel Der Abend. Unterstützung der Wissenschaften, die wir zu erwarten haben, das sich der Unterstützung der Wissenschaften durch den Staat widmet.18 Mit der zusätzlichen Berufung auf Klopstock und Jean Paul versucht Schmidt seine Berechnungen III in die Tradition der ‚Spracherneuerer‘ zu stellen.

2.1.5 Berechnungen als Poetologie

Maike Bartl widerspricht den Berechnungen als konsistente Poetologie in vier Einzelessays.19 Die vier Berechnungen müssen ihres Erachtens einzeln betrachtet werden, denn „[d]ie Texte unterscheiden sich in ihren Anliegen, ihren Adressaten, in der Position, aus der heraus gesprochen wird, und in den offerierten theoretischen Modellen [...].“20 Als Adressaten der Berechnungen (B0) vermutet Bartl beispielsweise den Rowohlt-Verlag. Schmidt wollte nach den Auseinandersetzungen mit dem Rowohlt-Verlag um seine Manuskripte sein eigenes Werk durch eine Prosatheorie erklären und aufwerten. Dies erklärt allerdings nicht alle Eigenheiten der Essays wie die Verwendung der mathematischen Terme und insbesondere nicht die Entwicklung neuer Prosaformen. Hätte Schmidt sein Werk erklären wollen, hätte er sich zudem auf die bisher veröffentlichten oder zumindest verfassten Texte beschränken können und keine Ausblicke geben müssen. Meines Erachtens können die Berechnungen als Poetologie zusammengefasst werden, auch wenn sie sich im Aufbau, im Stil und eventuell auch im Adressaten unterscheiden. Auch wenn die Berechnungen III die Prosaformen nicht weiter bestimmen, widmen sie sich doch mit Erklärungen zu Sprache und Typografie wichtigen Elementen der Prosa Schmidts.

2.1.6 Ergänzende Essays

Als Ergänzung zu den Berechnungen wird der Essay Sylvie & Bruno21, der zwischen 1962 und 1963 entstanden ist und erstmals 1966 im Band Trommler beim Zaren publiziert wurde, herangezogen, da dieser ergänzende Äußerungen zur dritten neuen Prosaform, dem Längeren Gedankenspiel enthält. Weitere poetologische Äußerungen finden sich beispielsweise auch in den Essays <Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?>22 und Erläuternde Notizen zu KAFF auch MARE CRISIUM23, welche auf den in den Berechnungen entwickelten Grundgedanken über neue Prosastrukturen aufbauen und diese ergänzen. Allerdings sind sie bereits von der Auseinandersetzung Arno Schmidts mit den Werken Sigmund Freuds beeinflusst und können damit nicht immer problemlos an die Berechnungen angeschlossen werden.24 Sie befinden sich zeitlich bereits in der Zäsur des Werkes zwischen den Berechnungen und der Erprobung der Etymtheorie.25

2.2 Ansatz der Prosatheorie

2.2.1 Alte Literaturformen

Schmidt stellt zu Beginn der Berechnungen fest, dass die gebräuchlichen Prosaformen wie der große Roman, das Gespräch oder das Tagebuch allesamt spätestens dem 18. Jahrhundert entstammen (B0, 101) und bis auf einige Ansätze im Expressionismus nicht weiterentwickelt wurden.26 Diese Prosaformen sind dabei „Nachbildung soziologischer Gepflogenheiten“ (BI, 163)27 und haben sich organisch entwickelt. So ahmen beispielsweise „Anekdote, Novelle, Roman, [die] genetisch nur durch ihren Umfang unterschieden [sind], [...] den <Erzähler im lauschenden Hörerkreis> nach“ (S&B, 257), das literarische Tagebuch bildet die Bewältigung innerer Vorgänge ab28 und Gespräch, Rede und Widerrede formen die literarische Form des Dialogs, um eine Frage (oder einen Fragenkomplex) von zwei Seiten her zu beleuchten.29 Des Weiteren führt Schmidt den Briefroman an, der die Korrespondenz nachbildet und das Drama bzw. die Bühne zur Abbildung der Gesellschaft. Jene „getreuere Kopie der Gesellschaft“ aber lehnt Schmidt ab, denn so begründet Schmidt Literatur muss in der Tasche mitzuführen sein. Zudem ist das Theater, der Apparat bzw. die Aufführung zu kostspielig und die gebundene Rede zu demagogisch (Vgl. BI, 163 und S&B, 257).30 Weitere Ausführungen hierzu macht er im Essay Literatur : Tradition oder Experiment ?31

2.2.2 Neue Literaturformen

Die alten Prosaformen sollen keineswegs ersetzt, sondern nur ergänzt und weiterentwickelt werden, denn für viele Themenkreise sind diese alten Formen die optimalen Erledigungsformen (BI, 163)32: „wenn ich 2 verschiedene Personen, 2 Landschaften, 2 Erlebnisreihen am zwanglosesten und überzeugendsten miteinander in Verbindung setzen will, tja dann muß ich eben, als einwandfrei beste Form, noch=heut & für alle Zeit den ‹Briefroman› wählen“ (S&B, 257).33 Des Weiteren werden sie gerade durch ihre historische Entwicklung legitimiert. Dennoch sind mit den alten Formen noch nicht alle literarischen Prosaformen erschöpft. Folglich fordert Schmidt neue Formen, neue Bauweisen (BI, 163) und eine Anpassung der sprachlichen Beschreibung der Welt an ihre technischen und politischen Entwicklungen, denn nur so könne diese souverän beschrieben und damit auch beherrscht werden. Die neuen Formen sollen sich dabei an den menschlichen Bewusstseinsvorgängen und Erlebnisweisen orientieren, diese nachbilden und so „den biologischen Gegebenheiten Rechnung tragen“.34 Zu erläutern ist, dass die Prosaformen nicht die Bewusstseinsinhalte wiedergeben sollen, sondern die Wiedergabe des Prozess dieser Bewusstseinsinhalte im Mittelpunkt der Darstellung steht. Diese Prozesswiedergabe wird dann literarisch bearbeitet: „Selbstredend hat der Autor, um überhaupt verständlich zu werden, dem Leser die Identifikation, das Nacherlebnis, zu erleichtern, aus diesem persönlich=gemütlichen Halbchaos eine klare gegliederte Kette zu bilden“ (BI, 164). Weiter ergänzt Arno Schmidt in Sylvie & Bruno, die „Nachvollziehbarkeit durch den geübten Leser“ muss gegeben sein (S&B, 258). Die Prosaformen der Berechnungen sind damit als objektive und formale Beschreibung der menschlichen Prozesse zu betrachten, die vom Autor ästhetisch bearbeitet werden. Insbesondere das Merkmal der objektiven Darstellung aber bleibt in der Schmidt-Forschung oft unbeachtet und so gelten die literarischen Umsetzungen als subjektive Darstellung der Erinnerung oder der Gedankenspiele des Autors Arno Schmidts. Es ist jedoch an keiner Stelle der Berechnungen nachzuweisen, dass Arno Schmidt die Umsetzung eigener Bewusstseinsinhalte beabsichtigt.35 Vielmehr erklärt er in den Berechnungen, das beim Leser „die Illusion eigener Erinnerung“ erzeugt werden soll (BI, 164).

Zu betonen ist, dass alte und neue Literaturformen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Sie differenzieren sich nur nach ihrer Struktur, sodass die alten Formen als jene, die sich an sozialen Strukturen orientieren zu beschreiben sind, während die neuen Formen psychologische Strukturen abbilden. „Für die moderne Literatur wird die konforme Abbildung der Welt zur konformen Abbildung von Bewußtseinsvorgängen; denn das Bewußtsein, in dem sich die Welt spiegelt, ist durch die Forschung der Psychoanalyse zugänglich geworden.“36 Dabei beansprucht Schmidt selbst als Form dieser Abbildung nur eine äußere Form, die sprachliche und rhythmische Umsetzung der einzelnen Elemente bleibt frei zu gestalten. Schmidt nutzt die Berechnungen aber nicht ausschließlich, um die neuen Prosaformen vorzustellen beziehungsweise seine eigenen Arbeitsmethoden und literarischen Werke für aktuelle Leser und etwaige Nachfolger zu erläutern (BI, 168), sondern auch um allgemeine Forderungen an den Literaturund Kulturbetrieb zu stellen. So thematisieren die Essays der Berechnungen viele Themen und Fragen wie jene, für wen der Schriftsteller schreibt (B0, 105) und damit einhergehend die Differenzierung von angewandter und reiner Literatur nach dem Vorbild der Naturwissenschaften (B0, 105 f.). Die reinen Literaten als Wortwissenschaftler und Experimentatoren, zu denen sich Schmidt selbst zählt, produzieren für einander und für ihre Schüler, die angewandten Literaten. Diese produzieren ihre Literatur dann für die Leser und das Volk, für die breite Masse.

2.2.3 Exkurs Werkschwerpunkt Prosa

Der Schwerpunkt im Werk Arno Schmidts liegt auf der Prosa und auch die poetologischen Reflexionen beschränken sich in erster Linie auf die Prosa. Obwohl Schmidts erste literarische Arbeiten Gedichte sind, enthält das Werk ab 1937 fast ausschließlich Prosawerke und Dialoge. Lyrik findet sich nur noch eingebettet in prosaische oder dialogische Werke. Merkwürdig ist, dass Schmidt eine reine Prosatheorie verfasst und dabei den Dialog, der in seinem Werk ebenfalls dominant ist, nicht mit betrachtet. Stattdessen ordnet er den Dialog den alten Formen zu, ohne Ansätze einer Modernisierung in Erwähnung zu ziehen. Für Schmidt ist die Prosa Kennzeichen der modernen Literatur, denn nur die Prosa kann Weltabläufe in ihrer Komplexität darstellen und dabei die Merkmale von Offenheit und Genauigkeit vereinen (Vgl. S&B, 251). Die Komplexität der Welt nicht die Welt selbst ist es, die Arno Schmidt mit Hilfe der neuen Prosaformen und der sprachlichen Innovationen bewältigen will. Schmidts Präferierung der Prosa bzw. des Romans wird durch ihn selbst auch mit dem Ziel begründet, dass der Roman späteren Lesern ein Bild über die jeweilige Zeit und die Denkweisen ermöglichen soll.

Kapitel 3

Sprache und Stil

Mit der Aussage Hans-Georg Lützenkirchens: „Bis heute ist Arno Schmidt ein unerreichter Sprachkünstler, dessen experimentelle Erkundungen ihren Niederschlag im zunächst befremdlich erscheinenden Schriftbild der Seiten finden. Arno Schmidt schreibt das mit, was normalerweise ungeschrieben bleibt. Der geschriebene Text spürt dem gesprochenen nach. Er findet Entsprechungen für Lautverwirrungen, für Gefühle und Stimmungen [...] oder für Geräusche.“37 werden die beiden zentralen Merkmale des Schmidtschen Sprachstils, die Simulation von Mündlichkeit und die präzise Abbildung der Welt benannt. In der nachfolgenden Betrachtung des Sprachstiles Schmidts wird deutlich, dass alle verwendeten Mittel, die in der Kritik und Forschung häufig als ‚experimentell‘ beschrieben werden, allesamt der Ausformung dieser beiden Merkmale dienen. Grundlage der Betrachtung ist die umfassende strukturalistische Arbeit „Schärfste Wortkonzentrate“. Untersuchungen zum Sprachstil Arno Schmidts38 Barbara Malchows, die die sprachlichen Merkmale der Frühwerke untersucht, um darüber hinaus Traditionsanschlüsse (insbesondere des Expressionismus und Impressionismus) und Innovationen aufzuzeigen. Gegenstand der Analyse sind Das Steinerne Herz, Seelandschaft mit Pocahontas und Kaff auch Mare Crisium. Im Folgenden sollen die Ergebnisse Malchows zusammengefasst und im Blick auf die in den Berechnungen gemachten Aussagen zur Sprache überprüft werden, gegebenenfalls werden eigene Betrachtungen ergänzt. Aus Gründen des Umfangs kann hier allerdings nur das Beispiel Seelandschaft mit Pocahontas im Zentrum der Betrachtung stehen.

3.1 Dehydrierung der Sprache

Die zentrale Forderung der Berechnungen ist jene nach einer Dehydrierung der Prosa auf allen Ebenen des Textes. Auf der Ebene der Sprache bedeutet sie einen Verzicht auf alle sekundären Elemente der Fabel wie sprachliche Konventionen (z.B. Frageformeln), Orthographienormen, Satzbauund Interpunktionordnung etc. (Vgl. B0, 103). Die ‚neue‘ stenografierte Sprache ist stattdessen geprägt von Kürze, einem neuen Rhythmus und dem individuellen Gebrauch der Wörter: „nur Rhythmus [...]; Konsonanten und Vokale stehen wieder zur beliebigen individuellen Verfügung“ (B0, 103). Alfred Andersch fasst die Idee der Dehydrierung und des neuen Prosarhytmus wie folgt zusammen: „Der Sprachrhythmus habe dem Inhalt analog zu sein“.39

In der Folge aber ist die Prosa Schmidts zunehmend verdichtet. Dies führt zu einem erschwerten Zugang, sodass viele Kritiker Schmidt mit dem Schlagwort ‚unlesbar‘ belegten. In der nachfolgenden Betrachtung aber wird deutlich, dass Schmidt diesen Effekt durchaus mit konventionellen Mitteln der Syntax und der Wortbildung erzielt, die allerdings in der Schriftsprache zudem in der literarischen eher selten sind und daher ungewohnt wirken.

3.2 Syntax

Die 18 Fotos der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas enthalten durchschnittlich 13 Sätze, die zugehörigen Texteinheiten 56 Sätze. Damit entsprechen die Fotos etwa einem Viertel des Umfanges der nachfolgenden Texte und bestätigen so ihre den Texten formal und inhaltlich vorangestellte und einleitende Funktion. Die Satzlängen in Fotos und Texten sind weitgehend übereinstimmend bei durchschnittlich 12 bis 14 Wörtern pro Satz. In den Umsiedlern findet man ähnliche Werte, die durchschnittliche Satzlänge beträgt hier 12 bis 13 Wörter. Kaff steht als Text am Abschluss der Berechnungen und am Übergang zum Spätwerk mit bereits deutlichen Merkmalen desgleichen. Hier zeigt sich die zunehmende Radikalisierung der Sprachund Stilmittel, die durchschnittliche Satzlänge liegt hier nur noch bei 8 Wörtern pro Satz. Insgesamt „kann man die extreme Neigung der Schmidtschen Texte zu den sehr kurzen Sätzen wohl als eines der wesentlichen Stilmerkmale ansehen. Auch gegenüber zeitgenössischen Autoren zeichnet sich Schmidt durch die einseitige Bevorzugung der Kurzsätze aus.“40 Ähnliche Satzlängen-Werte sind nur in den Werken des Impressionismus und des Expressionismus zu finden. „Gerade der Impressionismus formt seine kurzen Sätze bewußt in Anlehnung an die gesprochene Sprache.“41 Eine inszenierte Mündlichkeit wird auch den Werken Schmidts immer wieder attestiert, jedoch meist im Hinblick auf die Phonetisierung seiner Sprache. Malchow weist nach, dass hinzukommend auch die Kürze der Sätze den Eindruck der Mündlichkeit formt und verstärkt. In Untersuchungen zur gesprochenen Sprache wurden durchschnittliche Satzlängen von 5 bis 10 Worten ermittelt. Ähnliche Werte findet man auch in den Texten Schmidts, wobei die durchschnittliche Satzlänge diese aber noch übersteigt.42 Siehe Tabelle 3.1.

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Tabelle 3.1: Vergleich zwischen gesprochener Sprache und Arno Schmidts Das Steinerne Herz nach Malchow, 21.

Einhergehend mit der Bevorzugung kurzer Sätze finden sich bei Schmidt vor allem Setzungen oder Ellipsen als syntaktische Strukturen. Jene unvollständigen Sätze, denen zum vollständigen grammatikalischen Satz ein oder mehrere wichtige Glieder fehlen, werden in den Texten Schmidts wie selbstständige Sätze behandelt. Etwa ein Drittel der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas wird durch Setzungen und Ellipsen wiedergegeben, während ihr Anteil in der normalen Schriftsprache gerade einmal bei durchschnittlich 2,5 Prozent liegt. „Auch der bevorzugte Gebrauch unvollständiger Sätze versetzt die Texte Schmidts wiederum in die Nähe der gesprochen Umgangssprache [...].“43 Den größten Teil der Setzungen bilden Interjektionen wie „Äußerst merkwürdich!“ (SmP, 398), sodass zum Merkmal der Mündlichkeit das Merkmal der spontanen Rede hinzukommt. Zumeist kann die Auslassung des Subjekts beobachtet werden, weil es nicht mehr „im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern die Handlung selbst.“44

Neben Setzungen und Ellipsen finden sich weiterhin einfache Sätze, d.h. Satzstrukturen aus einem einzigen Hauptsatz, die teilweise durch attributive oder adverbiale Ergänzungen erweitert werden. In Seelandschaft mit Pocahontas bestimmen Einfachsätze 28 Prozent des gesamten Textes, in Kaff auch Mare Crisium liegt der Anteil der einfachen Sätze sogar bei 38 Prozent. Auch hier ist also im Vergleich zwischen Seelandschaft mit Pocahontas (1953) und Kaff auch Mare Crisium (1959) eine zunehmende Radikalisierung der sprachlichen Mittel zu beobachten. Der Einfachsatz dient in der Prosa verstärkt der sukzessiven Wiedergabe von Impressionen und Assoziationen. Hier wird Schmidt seinen theoretischen Forderungen der Berechnungen auch in den literarischen Umsetzungen gerecht, indem er jene Prozesse (so weit wie eben möglich) direkt sprachlich abbildet, statt sie zu umschreiben. Damit gibt er der Sprache wie ebenfalls eingefordert einen individuellen Rhythmus.

Umfangreichere Satzreihen werden in erster Linie zu 60 bis 70 Prozent durch die Konjunktion und verbunden, während andere Konjunktionen wie ansonsten, nachher, jedenfalls nur selten nachzuweisen sind.45 Malchow weist auch hier, durch einen Vergleich mit gesprochener Sprache, eine Strategie zur Darstellung der Mündlichkeit nach. Denn gerade im Mündlichen kann man eine überproportionierte Verwendung der und-Konjunktion feststellen. Betrachtet man die Satzgefüge genauer, so kann man in echte Satzgefüge mit mindestens einem abhängigen Nebensatz und in falsche Satzgefüge mit parataktisch angefügten Einfachsätzen und Setzungen wie:

Erste Geräusche (und ich schielte eifersüchtig): ein verschlafenes Bauernmädel, umringt von belfernden Milchkannen; der Arbeiter, der prüfend sein Rad besichtigt, Tretlager und Gangschaltung; fern im Norden loses Gewebe aus Schall: ein Zug (Taschenuhr: grundsätzlich 10 nach 4). (SmP, 395) differenzieren. Da aber auch die falschen Satzgefüge in der Prosa Schmidts einen breiten Raum einnehmen und zudem wie echte Satzgefüge behandelt werden, bezieht Malchow sie in ihre Untersuchungen mit ein und stellt beide Formen gleich. Insgesamt nehmen die Satzgefüge allerdings nur einen Anteil von etwa 13 Prozent der syntaktischen Konstruktionen ein.46 „Der weitge hende Verzicht auf hypotaktische Unterordnung in der Sprache Schmidts kann [allerdings] nicht nur mit der Nachahmung der Muster mündlicher Rede erklärt werden, sondern es handelt sich hier auch um ein zentrales Stilprinzip.“47 So unterstützen die syntaktischen Konstruktionen Schmidts zwar auch die Simulation mündlicher Sprache, sie dienen aber insbesondere der Entfaltung eines eigenen Rhythmus sowie der Dehydrierung der Sprache.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3.2: Siehe Abbildung Malchow, S. 61. Überblick der verwendeten syntaktischen Konstruktionen in der Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas.

Weiterhin weist Malchow Stilmittel der Syntax wie die Verwendung von Parenthesen (beispielsweise Interjektionen, Floskeln und Vokative), Nachträge und Ausklammerungen nach.48 Diese sind allesamt aus der mündlichen Sprache bekannt und tragen ebenfalls zur Simulation der Mündlichkeit im Werk bei. Im Mündlichen werden Parenthesen durch Intonation markiert, in Texten wie Seelandschaft mit Pocahontas wird die Hervorhebungen im Falle kürzerer Einschübe durch eine Einrahmung aus Kommata und Semikola gekennzeichnet, längere Einschübe werden zumeist in Klammern gefasst:

Die Saar hatte sich mit einem langen Nebelbaldachin geschmückt; Kinder badeten schreiend in den Buhnen; gegenüber Serrig („Halbe Stunde Zollaufenthalt!“) dräute eine Sächsische Schweiz. (SmP, 393)

Zu den längeren Einschüben zählen insbesondere Wortgruppen und Sätze als Sonderform der Parenthese. „Formal gehören sie durchaus mit zum Satz, werden aber durch die Einklammerung optisch von ihm abgehoben und gewinnen dadurch semantische Selbstständigkeit.“49 Die eingeklammerten Parenthesen gehören zur stilistischen Besonderheit des Werkes und besitzen häufig die Funktion eines Erzählerkommentars. Sie enthalten Exkurse, Zitate, und Assoziationen, die das geringe Handlungsgerüst bereichern.50 Als nachgestellte Satzglieder an bereits grammatisch und logisch beendete Sätze präzisieren und ergänzen sie den Satz, lenken aber durch ihre nicht-normative Stellung zugleich auch die Aufmerksamkeit des Satzes um und besitzen damit auch stilistische Funktion.51 Nachträge finden sich vor allem in der Darstellung des assoziativen und sukzessiven Denkens und Sprechens und erfüllen auch in der Prosa Schmidts diese Funktion, indem sie jene Prozesse syntaktisch abund nachbilden. Als letztes syntaktisches Merkmal der Schmidtschen Prosa weist Barbara Malchow die Ausklammerungen insbesonders von Vergleichsgliedern, präpositionalen und adverbialen Bestimmungen, sowie Objekten nach, die eine ähnliche Funktion wie die Nachträge besitzen.52 Sie imitieren ein unbefangenes spontanes Sprechen, indem der Satz nicht nach grammatikalischen Regeln gebildet wird, sondern durch eine schrittweise Konkretisierung, die die einzelnen Satzteile in der Reihenfolge anordnet wie sie im Bewusstsein auftreten.

Es lässt sich zusammenfassend die These formulieren, dass die Syntax bei genauer Betrachtung keineswegs so experimentell wirkt, wie sie in der Forschung oft eingeordnet wird. „Die Wiedergabe der Realitätsvorgänge als artikulierte Bewußtseinsempfindung des Ich-Erzählers bewirkt eine Verknappung und Verkürzung der Sätze, ein hastigeres Erzähltempo. Statt breit angelegter, behäbiger Beschreibung bieten Schmidts Texte eine nervöse Prosa, in der dem einzelnen Wort ein Maximum an Bedeutungskonzentration auferlegt wird.“53 Alle syntaktischen Merkmale Schmidts wie die einfachen und kurzen Satzkonstruktionen und die Mittel der Sukzession sind aus der mündlichen Sprache bekannt und dienen auch fast ausschließlich der Simulation von Mündlichkeit.54 Hinzu kommt die Funktion der Dehydrierung und der Rhythmus-Bildung. „Grundsätzliche Motivation aller dieser syntaktischen Erscheinungen ist das Bemühen, allen komplizierten logischen Verbindungen und der eindeutigen Festlegung der grammatischen Bezüge auszuweichen. An die Stelle der rationalen und strukturellen Bindungen tritt das assoziative Prinzip, die koordinierende Aneinanderreihung einzelner selbstständiger Elemente.“55 Der ‚experimentelle‘ Charakter ist damit nur ein Differenzeffekt zwischen der an Mündlichkeit angelehnten Prosa und traditioneller schriftlicher (literarischer) Sprache, die durch überwiegend lange Sätze, Satzreihungen und -gefüge gekennzeichnet ist.

3.3 Orthografie

Bis auf wenige Ausnahmen wie in Die Insel verwendet Arno Schmidt in seinem Werk die deutsche Großund Kleinschreibung und betont, dass sie zur schnellen Orientierung im Satz notwendig sei (BIII, 266).56 Zudem ermögliche die Großund Kleinschreibung die Betonung schriftstellerischer Feinheiten wie Substantivierungen. Hingegen aber wendet er sich gegen die Normen der Orthografie, da diese Festlegung auf eine Schreibweise eines Wortes wie es die Duden-Norm verlangt, die Bedeutungen bzw. die Mehrbedeutung eines Wortes verdeckt. Insbesondere plädiert er in den Berechnungen III (Vgl. BIII, 265 f.) für die Vernachlässigung des stummen Dehnungs-H wie in Rhein, da diese sprachhistorische Entwicklung nicht mehr unserer Sprachrealität entspricht. Ebenso soll Ypsilon aus der deutschen Sprache getilgt werden, da es keine eigenständige phonetische Funktion übernimmt. F soll das Ph als auch Pf ersetzen, da im alltäglichen Sprachgebrauch keine phonetische Differenz beispielsweise zwischen Pferd und Ferd zu erkennen sei, sodass diese Kombinationen überflüssig sind. Ganz vernachlässigt werden die Endsilben der Verben, die im alltäglichen Sprachgebrauch verschliffen sind (BIII, 267). Die Annäherung an die Sprachrealität wird also wiederum durch Kürzungen bzw. Dehydrierung der veralteten orthografischen Normen umgesetzt.

Die orthografischen Abänderungen besitzen neben der Sprachrealität eine zweite Funktion, die der Polysemie und Assoziationsmöglichkeit.57 Durch die orthografische Veränderung erfährt das einzelne Wort eine neue oder mehrere zusätzliche Bedeutung, die wiederum auch dem Kontext einen Zuwachs an Bedeutung zuteil werden lassen:

I Beispiel: ‹Kultur›durch die bloße Hinzufügung I Buchstabens ‹Kultuhr› wirkt sie schon ‹verschrieben›. In schlechter Laune ist die ‹Kull=Tour›, (wodurch ja dann im Leser die Begriffe des ‹kullerns=kegelns› und der ‹faulen Tour›, der ‹Masche›geweckt werden.) Auch ‹Cul=Tour›ist möglich : aha : ‹Cul des Paris› ! Dennoch bleibt in allen Fällen die Aussprache der Kultur.58

Konkretisiert und erweitert wird dieser Ansatz Schmidts später in der Etymtheorie, einer Worttheorie des Unbewussten, die Arno Schmidt erstmals im Essay Sitara und der Weg dorthin (1962) anwendet.59 Auch wenn die Etymtheorie in Schmidts Werk erst 1962 mit der Studie Sitara und der Weg dorthin konkret wird, sind Ansätze bereits im Werk der 1950er zu beobachten und auch in den theoretischen Auseinandersetzungen der Berechnungen nachzuweisen. Die Idee der Polyvalenz durch Gleichklang wird in den Berechnungen durch die Idee der phonetisierten Schreibweise, durch Veränderungen und Aussparungen in der Buchstabenabfolge eines Wortes und auch bereits durch das bewusste Verschreiben aufgeführt. In Kaff auch Mare Crisium nutzt Schmidt Wortspaltungen zur Darstellung mehrerer Wortbedeutungen bei gleichbleibendem Klang wie in „Cream=hilled“ und „Brown=hilled“ (Kaff, 79 und 82)60 oder „Dick=tschnärrie“ (Kaff, 129) sowie der Engführung von Begriffen, die vor allem im Mündlichen eng gefasst werden wie „Schpargel=Konnserwm“ (Kaff, 112), „Wieder=Runtergehen“ (Kaff, 97), „Kopf= Schütteln; und Schtirn=Runzeln“ (Kaff, 94) oder „Arm=in=Arm“ (Kaff, 68). Im späteren Werk fügt Schmidt Ramifikationen hinzu, welche in den Berechnungen bereits eingeführt wurden, hier allerdings noch mit einer überwiegend grafischen Funktion. Die Ramifikation stellt im Beispiel das Zusammenführen zwei gleichzeitiger Sinneseindrücke dar: „gelb/ rot “ (BIII, 263). Später nutzt Schmidt die Ramifikation zur Darstellung von Lesevarianten oder Ambivalenzen.

Interessant, aber bisher kaum beachtet in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Etymtheorie und ihren Vorstufen sind die Vorbilder Schmidts. Er selbst hat Lewis Carroll und dessen Portmanteau-Wörter im Essay Sylvie & Bruno und darüber hinaus natürlich Sigmund Freud erwähnt. Die Idee der Polysemie ist aber bereits bei Shakespaeres ‚Puns‘ zu finden, die für Schmidt eigentlich von Interesse gewesen sein müssten, da die ‚Puns‘ oft sexuell konnotiert sind. Trotz ähnlichem Ansatz, bleiben die ‚Puns‘ bei Schmidt unerwähnt.

3.4 Phonetisierung

Kennzeichnendes Merkmal des Werkes ist die Phonetisierung der Sprache als Sonderform der nicht-normativen Orthografie. Dabei wird die Sprache nicht in Lautschrift transkribiert, aber nahezu phonetisch umgesetzt, indem Auslautverhärtungen, dialektale Eigenheiten, fremdsprachliche Akzente, Umgangssprache und Sprachfehler beziehungsweise Versprecher wiedergegeben werden. Insbesondere die Berechnungen III sind der Phonetisierung gewidmet. Als Beispiel führt Schmidt das Beispiel an, dass ‚st‘ und ‚sp‘ im Anlaut mit Ausnahme dialektaler Färbungen wie ‚sch+t‘ bzw. wie ‚sch+p‘ gesprochen werden. Die Lautschrift nach IPA verwendet hierfür das Esh-Zeichen ([S]) und Schmidt plädiert für dessen Verwendung in der Schriftsprache. Schmidt nutzt bereits diakritische Zeichen oder den Zirkumflex zur Betonung der Langvokale in mittelhochdeutschen Schreibweisen.

Die phonetische Wiedergabe des alltäglichen Sprachgebrauchs (hier insbesondere der Dialekte), aber auch von Geräuschen und Radiomusik entspricht dem Realismuskonzept Schmidts. Dieser „[o]rthographische[...] Realismus“61 erreicht in Kaff seinen Höhepunkt. Die Abbildung der zeiltichen und lokalen Dialekte soll dabei (ohne Wertung) den Prozess der Sprache wiedergeben (BIII, 265).

Bereits in der Betrachtung der Syntax wurde nachgewiesen, dass die typischen syntaktischen Strukturen Schmidts allesamt zur Inszenierung von Mündlichkeit beitragen. Weiteres Mittel zur Simulierung ist die Idee der Phonetisierung. Zweite Funktion der Phonetisierung ist mit Verweis auf die historischen Vorbilder Lewis Carroll und James Joyce die Herstellung von Polysemie (S&B, 253 f.). In sogenannten Doublets, Lanricks, PortemanteauWorten und Mehrzweckausdrücken werden mehrere Bedeutungen komprimiert. Durch die phonetische Schreibweise wird, so führt Schmidt im Essay Sylvie & Bruno aus, diese Polyvalenz der Worte betont. In der Folge werden mögliche Variationen einer Handlung erzeugt.62

3.5 Wortschatz

„Da die kurzen und immer wieder durchbrochenen Strukturen der Syntax die Aufmerksamkeit immer wieder auf das in vielen Setzungen auch isoliert stehende Einzelwort lenken, wird der Sprachstil Schmidts entscheidend durch die Art und Kombination der Elemente seines Wortschatzes geprägt.“63 Schmidt verwendet dabei insbesondere Neologismen in Form verschiedener Komposita, die bei genauer Betrachtung mit der expressionistischen Wortbildung engzuführen sind. „Die Neologismen zählen zu einem der auffallendsten Merkmale der Texte Arno Schmidts. Innerhalb der ersten 5.000 Worte fanden sich in ‚Pocahontas‘ 189 Neologismen, im ‚Steinernen Herzen‘ 166 und in ‚Kaff‘ 202.“64 Barbara Malchow zeigt, dass die Dichte der Neologismen im Prosawerk sehr hoch ist. Die durchschnittliche Anzahl von 10 bis 20 Neologismen pro Seite fordert dabei vom Leser eine erhöhte Konzentration auf den Text.

Komposita und Ableitungen sind die häufigste Variante zur Bildung von Neologismen. Darüber hinaus nutzt Schmidt die Verbalisierung mit Präfixen („zerwetzen“, SmP, 397), Pluralformen für Abstrakta („Hauche“, Kaff, 115) und Zusammenschöpfungen („kannegießerten“ SmP, 433). Die Zusammenschöpfungen besitzen dabei, so Malchow, teilweise eine primär lautliche Motivation.65 Wortspiele wie „Bauchfreundinnen“ (SmP, 395) als Ableitung von Busenfreundinnen oder „vielsilbig“ (SmP, 427) als Ableitung von einsilbig zählen zu Analogiebildungen, die explizit auf die Ähnlichkeit zu einem anderen Wort verweisen und dieses meist mit einer neuen komischen oder ironischen Bedeutung neu besetzen.66

3.5.1 Komposita

Die verschiedenen Zusammensetzungen formen etwa 70 Prozent aller Neologismen67:

- Substantivkomposita dienen dazu „umfangreichere syntaktische Konstruktionen zu ersetzen, also wiederum die Tendenz zur Verkürzung und Konzentration [zu] unterstützen.“68 Beispiele wie „Wasservorhang“ (SmP, 435) oder „Textilreisender“ (SmP, 418) verdeutlichen das Problem der Auflösung, da inhaltliche und grammatische Beziehungen nicht immer eindeutig zu ermitteln sind. Noch komplexer sind jene Substantivkomposita wie „Hakenhände“ (Smp, 430) oder „Mirabellbauch“ (SmP, 416), die größere syntaktische Guppen wie Relativsätze wiedergeben und als ‚Hände, die wie Haken geformt sind‘ oder ‚ein Bauch, der sich nach dem Essen von Mirabellen wölbt‘ aufgelöst werden können.69 In vielen Fällen ist das Auflösen allerdings nur über den Kontext möglich. Gehäuft finden sich außerdem Komposita aus Adjektivattribut und Substantiv wie „Mittelmaaßbuch“ (SmP, 429) als Bezeichnung für ein mittelmäßiges Buch. Die Beschreibungen werden in einem Wort verdichtet und erzeugen somit den Effekt einer sprachlichen Intensivierung.
- Als schmidtsche Stilbesonderheit der Substantivkomposita können Komposita verschiedener Sprachen wie „Girlbein“ (StH, 47), Duplikationskomposita wie „Hemdhemd“ (Kaff, 133), aber auch Komposita aus Wörtern aus dem Bereich Natur, Gegenständliches und Humanes wie „Baumkulisse“ (Kaff, 176), „Erdschweiß“ (Kaff, 11) oder „Kommabazillen“ (StH, 28) angeführt werden.70
- Ein weiterer Sonderfall der Substantivkomposita sind die PortmanteauWörter. Diese Kunstwörter verbinden zwei Wortsegmente zu einem neuen Begriff wie beispielsweise Brunch (breakfast und lunch) oder Denglisch (Deutsch und Englisch). Geprägt wurde der Begriff durch Lewis Carroll in Alice hinter den Spiegeln (1871), literarisch berühmt wurde die umfassende Nutzung der Portmanteau-Wörter in James Joyces Roman Finnegans Wake (1939). Sowohl Carroll als auch Joyce gelten für Schmidt als literarische Vorbilder.71
- Die Zusammensetzungen aus Verbalstamm und Substantiv treten bei Schmidt gehäuft auf: „Dröhnton“ (Kaff, 11), „Murmelmädchen“ (Kaff, 217), „Schteltzbeine“ (Kaff, 176), „Streichelaugen“ (SmP, 421) oder „Wackelboot“ (SmP, 429). Da ihre Teile oft in einem metaphorischen oder vergleichenden Verhältnis zueinander stehen, das semantisch nicht eindeutig zu bestimmen ist, stellt sich auch bei dieser Art der Komposita das Problem der Auflösung. „Die Zusammensetzungen aus Verbalstamm und Substantiv haben einen starken Stilwert, da sie in der Normalsprache nur sehr selten vorkommen und durch die ungewöhnliche Mischung von dynamischer und statischer Sphäre überraschen.“72
- Die Komposita aus Substantiv und Adjektiv können präpositionale Konstruktionen ersetzten, so substituiert „erwartungsunzufrieden“ die Verbindung ‚unzufrieden vor Erwartung‘. Zumeist aber werden sie in Form einer Vergleichsbildung wie „bauerndoof“ (SmP, 412) oder „fingerschmal“ (SmP, 426) benutzt, die vor allem der näheren Beschreibung von Figuren oder Farben wie „suwaweiß“ (SmP, 393; hier als Verbindung mit einem Eigennamen) dienen.
- Besondere Formen der adjektivischen Zusammensetzung sind erstens jene aus Substantiv und adjektivisch gebrauchtem Partizip Präsenz wie „monderinnernd“ (Kaff, 49) und zweitens jene, die das Partizip Perfekt nutzen. „Inhaltlich handelt es sich um Beschreibungen eines Zustandes, der durch die Einwirkung eines Gegenstandes oder einer Naturerscheinung hervorgerufen wird. Diese ersetzten oft umständliche partizipale Konstruktionen.“73 Sie wirken daher stilistisch eleganter und tragen ebenfalls den Effekt der Verkürzung beziehungsweise der Komprimierung mit.
- Auffallend sind weiterhin die Kopulativkomposita aus zwei Adjektiven, die eigentlich durch eine Konjunktion verbunden werden, durch das Wegfallen dieser aber direkter verbunden wirken. Häufig werden dabei Beschreibungen von äußerer Erscheinung einer Figur mit der Beschreibung innerer Eigenschaften verbunden.
- Verbkomposita haben in der Prosa Schmidts im Vergleich mit den anderen Kompositaformen eine untergeordnete Rolle. Dennoch prägen sie durch ihre generelle Ungewöhnlichkeit den Stil erheblich mit. Dabei sind insbesondere Wortneuschöpfungen aus adverbialen Partikeln und Verben wie „anäugeln“ (Vgl. SmP, 398) auffällig. Häufig nutzt Schmidt die Verbkomposita auch zur Angabe von Richtung und Bewegung und erzeugt damit Präzision im sprachlichen Ausdruck: „herumlehnen“ (Vgl. SmP, 422).

Zusammenfassend dienen die Komposita dem Effekt der Intensivierung. Statt langer Beschreibungen werden die Eindrücke und Assoziationen in einem Wort komprimiert, die Sprache wird damit unmittelbarer und präziser. Damit einhergehend stellt sich für den Leser allerdings das Problem der Auflösung. Dieses Problem besteht insbesondere bei Komposita, die komplexe syntaktische Konstruktuionen ersetzten oder bei jenen, deren Teile sich durch ein metaphorisches oder vergleichendes Verhältnis charakterisieren.74

Diese Neologismen haben in der gehäuften Form bei Schmidt vor allem den Effekt der Polysemie, gerade weil Schmidt bevorzugt Wörter aus entfernten Begriffsfeldern kombiniert. Durch die Komprimierung werden syntaktische Einheiten verkürzt und damit auch der Rhythmus beeinflusst.

Semantischer Bindestrich

In Kaff findet sich mit Blick auf die Komposita die Besonderheit der Zusammensetzung mit Bindestrich (-) beziehungsweise mit Gleichheitszeichen (=), die zwar bereits in früheren Werken zu beobachten ist, in Kaff allerdings dominant wird und zudem ausdifferenzierte Funktionen übernimmt75:

- Bildung neuer Komposita
- Trennung bereits bestehender Komposita in ihre Bestandteile
- Verbindung umfangreicher syntaktischer Kombinationen

Insgesamt betonen die durch Bindestrich/ Gleichheitszeichen verbundenen Komposita wie „Alpha=Riesin“ (SmP, 417) oder „einheitlich=kristlich= abmdlenndisch“ (Kaff, 127) ihre einzelnen Bestandteile stärker. Gleichzeitig nutzt Schmidt diese Typografie auch, um Wörter miteinander zu verbinden, die bereits im alltäglichen Sprachgebrauch als Sprachformeln oder Floskeln eng miteinander verbunden sind. Beispiele hierfür sind die Verbindungen „erst=geßtern=wieder“ (Kaff, 224) und „ohne=weideres“ (Kaff, 103). „Sie sind ebenso wie viele der syntaktischen Formen Zeichen für das Bemühen Schmidts, aktuelle Sprachzustände dokumentarisch wiederzugeben, sie aber zugleich durch ästhetisch wirksame Organisation als solche kenntlich zu machen und ihnen Zitatcharakter zu geben.“76 In der Mathematik verbindet das Gleichheitszeichen zwei semantisch identische Ausdrücke, Schmidt nutzt es also im mathematischen Sinne.

3.5.2 Ableitungen

Wie bei den Komposita nehmen auch bei den Ableitungen die substantivistischen den größten Anteil von 41 Prozent ein, während Ableitungen aus Adjektiven und Adverben 39 Prozent und aus Verben etwa 20 Prozent stellen.77 Dabei betonen Substantivableitungen statt der Einzelteile vor allem die Gesamtvorstellung eines neuen Begriffs wie an den Beispielen „Augengebreite“ (Kaff, 139) und „Sonnengepralle“ (SmP, 412) deutlich wird. „Bei den herkömmlichen Substantivableitungen durch Suffixe handelt es sich meistens um Abstraktbildungen.“78 Beispiele hierfür sind „Nebligkeiten“ (SmP, 395) und „Knochenbrechereien“ (Kaff, 233). Ebenfalls häufig sind substantivierte Infinitive wie „Nachhausegehen“ (SmP, 424), die Barbara Malchow als weiteres Mittel zur Vermeidung hypotaktischer Unterordnungen benennt.79 Damit tragen auch sie zu den Effekten der Dehydrierung und der Verdichtung, sowie zur Gestaltung eines neuen Sprachrhythmus bei. Adjektivableitungen gestalten sich fast ausschließlich durch Suffixe, dabei ist vor allem das Suffix -ig in Beispielen wie „brillig“ (SmP, 409) und „pferdig“ (vgl. SmP, 434) nachzuweisen. „Eine besondere Gruppe bilden die Ableitungen von Adjektiven mit Hilfe von zweiten Konstituenten, die zwar ursprünglich aus vollständigen Worten entstanden sind, die auch noch isoliert auftreten können, aber durch den reihenbildenden Gebrauch bei der Bildung neuer Adjektive schon den Charakter von Suffixen angenommen haben.“80 „Gletschermäßich“ (Kaff, 62), „archenoahmäßich“ (Kaff, 176) und „ziegelfarbener“ (SmP, 401) sind Beispiele hierfür. Verbableitungen dagegen haben meist Substantive und Adjektive zur Vorlage, Suffixbildungen sind selten: „auskunften“ (Kaff, 91), „bürgerten“ (SmP, 398) und „zukunften“ (vgl. SmP, 424).

Abschließend kann man für die Formen der Ableitung ebenfalls die Funktion des Präzisierens und der Intensivierung der Sprache, aber auch den Effekt der syntaktischen Verkürzung bestimmen.

3.5.3 Exkurs Expressionistische Wortbildung

Im Expressionismus wird der Dichter zum Sprachschöpfer, eine Bezeichnung, die auch an Arno Schmidt immer wieder herangetragen wurde.81 Schmidt nutzt die Formen der Wortneuschöpfung aus dem Expressionismus und belegt diese zudem mit neuen oder erweiterten Funktionen.82 Insgesamt ist zu beobachten, dass die Neologismen immer in den Zusammenhang des Satzes integriert bleiben, während sie in der expressionistischen Dichtung häufig unverständlich bleiben und oftmals einzig die Funktion des Klanggebildes erfüllen. Sowohl im Expressionismus als auch bei Schmidt dienen die Wortneubildungen der Intensivierung der Sprache und der Erweiterung der Perspektive durch neue Assoziationsebenen. Die Auflösung syntaktischer Zusammenhänge und die Bildung von ungewöhnlichen Komposita können bei Schmidts zwar auch der Klangwirkung gelten, allerdings nicht so umfassend wie im Expressionismus. Sie sind in der Prosa Arno Schmidts immer an den Inhalt gebunden, Konstrukte mit reiner Klangwirkung ohne semantische Funktion findet man bei Schmidt nicht. Vielmehr sollen sie zur Unmittelbarkeit und Verdichtung der Aussage beitragen. Explizit nicht übernommen werden das Pathos, die dichterische Gefühlsekstase des Expressionismus und die Ausstellung der Künstlichkeit der Sprache. Stattdessen findet sich bei Schmidt eine neue Funktion der expressionisten Wortbildung, die der Abbildung des alltäglichen Sprechens.

Abschließend bleibt darauf verwiesen, dass ein Vergleich zwischen dem Sprachstil Schmidts und dem des Expressionismus natürlich nicht unproblematisch ist, da Schmidt in erster Linie Prosa verfasst, während die Literatur des Expressionismus überwiegend der Gattung der Lyrik zugehörig ist. Auch bei Ausklammerung dieser Differenz ist festzustellen, dass Schmidt zwar Formen der Wortbildung nutzt, die auch im Expresionismus stark vertreten sind, dennoch sind vor allem Funktionen, aber auch Häufigkeitsverteilungen verschieden.83 Beispielsweise ist der elliptische Satz sowohl für die Prosa Schmidts wie auch für die des Expressionismus in ähnlicher Häufigkeit nachzuweisen, dennoch finden sich unterschiedliche Verwendungen. Während die Expressionisten den elliptischen Satz zum Ausdruck von Überwältigung nutzen, setzt ihn Schmidt zur Darstellung der subjektiven Realitätswahrnehmung ein. Einzig die Darstellung des Bombenangriffs in Aus dem Leben eines Fauns kann als expressionistisch wirkend eingestuft werden. Hier erfüllen die expressionistischen Stilmittel auch expressionistische Funktionen.

3.5.4 Weitere Stilmittel

Neben der Großzahl an Neologismen, die grammatisch fast ausschließlich als Komposita oder Ableitungen bestimmbar sind, finden sich bei Schmidt eine Reihe weiterer Stilmittel, die seinen Sprachstil prägen:

- (polemische) Ausrufe
- archaische Vokabeln
- fremdsprachliche Vokabeln
- Metaphern
- Vergleiche
- Wortspiele
- Anagramme (insbesondere des eigenen Namens)
- Chiasmen
- Paronomasie84
- Aphorismen, Floskeln, Redewendungen, Sprichwörter
- lexikalische Einlassungen
- Witze, Anektoden
- reflexive Einlassungen
- Zitation

Insbesondere das Stilmittel der Zitation prägt Schmidts Werk durchgängig von den ersten Erzählungen bis zum Spätwerk. „Außergewöhnlich schon ist der Reichtum und die Breite der Anspielungen auf die literarische Tradition, [...] die kunstvolle Menge der Zitate, die das fremde Gut bis hin zur Unerkennbarkeit in den eigenen Text einwebt. [...] Es finden sich zwar [...] zuweilen auch typografische Indikatoren oder sprachliche Eigenheiten, die das fremde Literaturgut sichtbar aus dem fortlaufenden Text herausheben, doch überwiegt eine Zitattechnik, die auf fast vollständige Assimilierung des übernommenen Textes im neuen Kontext abzielt. Dazu tragen auch Schmidts Techniken zur Modulation der Zitate bei: von unbedeutenden Veränderungen der Syntax, der Verballhornung einzelner Wörter, bis hin zur völligen Verkehrung der Syntax [...].“85 Barbara Malchow präzisiert die Rolle des Zitates im Frühwerk Schmidts: „Schmidt verwendet Zitate nicht mehr im klassischen Sinn als Beleg da fast alle Zitate kryptisch sind, verlangt er vom Leser detektivischen Spürsinn bei der Lektüre seiner Texte oder als Rückgriff auf das dem Leser geläufige Bildungsgut, wie vor allem Thomas Mann es praktizierte, sondern gerade in den frühen Werken nehmen die Zitate Schmidts in den seltensten Fällen Bezug auf den Inhalt und die Bedeutung des Werkes, aus dem sie stammen. Sie haben hier meist eine rein punktuelle Wirkung, da sie allein wegen ihres Wortlautes gewählt werden, der auf konkrete Situationen angewandt wird und eigene Formulierungen ersetzt. Zitate und Anspielungen fungieren als subjektive Assoziationen des Erzählers, der mit ihrer Hilfe glossierende Anmerkungen zu den Eindrücken der Außenwelt macht.“86 Zitate aus dem literarischen Bereich spiegeln meist die individuellen Vorlieben Arno Schmidts. Ab und an werden sie auch als literarische Kritik genutzt, seltener sind sie notwendig, um den Kontext zu erfassen. Häufig entfalten die Zitate/ Anspielungen eine humoristische Wirkung wie in Kaff, als mit der Zitation des Kirchenliedes „Das Thor macht auf, die Thür macht weit“ (Kaff, 201) die Autotüren geöffnet werden. „Ganz ausführlich verwendet Schmidt das Prinzip des parodierenden Zitierens bei der Travestie des Nibelungenepos und des „El Cid“, die in „Kaff“ als auf dem Mond neu entstandene Dichtungen erklärt werden.“ (Malchow, 195.)

3.5.5 Sprachebenen

Eine Untersuchung der Sprachebenen unterstützt die bisherigen Betrachtungen und zeigt eine Akzentuierung der mündlichen Sprachebene. Diese manifestiert sich durch Stilmittel wie Elisionen, Assimilationen, Reduktionen und Verschleifungen aber auch durch das Einfügen von Phrasen, Sprichwörtern und Redensarten wie „morgen iss auch noch ’n Tag!“ (SmP, 411). Als Besonderheit der Simulation der gesprochenen Sprache findet sich in der Prosa Schmidts zudem dialektal gefärbte Erzählsprache (vor allem Plattdeutsch und Schlesisch), Ausdrücke der Vulgärsprache und der Umgangssprache. „Schnute“ (Kaff, 43), „Dinx“ (Kaff, 253) oder auch „das sindse“ (SmP, 402) sind Beispiele für die Sprachebene der gesprochenen Sprache. Ergebnis der Bevorzugung der mündlichen Sprachebene ist Unmittelbarkeit und die von Schmidt geforderte präzise Abbildung der Welt.

Als stilistischen Gegensatz zu den großen Anteilen der gesprochenen Sprache verwendet Schmidt die Sprachebene des Fachund Fremdwortschatzes. Sie sind aber ebenfalls als Zeichen des präzisen Abbildungswillen Schmidts zu lesen, nicht aber vermittlen sie mehr als einen flüchtigen Eindruck von Wissenschaftlichkeit und Exaktheit. Schmidt nutzt englisches Sprachmaterial der Zeit (Modewörter), Idiome und Sprichwörter, lateinische Redewendungen, aber auch verkürzende Vokabeln, für die im Deutschen keine entsprechende Ausdrücke vorhanden sind und die dadurch umständliche Beschreibungen notwendig machen. Fast immer aber dienen Fachund Fremdwortschatz der Bedeutungsnuancierung. „In ‚Kaff‘ findet sich noch eine besondere Form der Verwendung von Fremdwörtern. Da hier Teile der Handlung auf dem Mond, im englischen und russischen Lager, spielen, dienen die englischen und russischen Fremdwörter zur Vermittlung der Atmosphäre.“87 Zum Teil werden die Fremdwörter der deutschen Grammatik angepasst, um sie übergangslos in den Satz zu integrieren. In die Kategorie der Fachsprache zählen außerdem die vielen Zahlenangaben, die Daten und Maße präzisieren.

Als dritte Sprachebene ist die der Archaismen zu benennen, die zwar verhältnismäßig selten verwendet wird, aber beispielsweise zur Darstellung einer Zeitatmosphäre von Bedeutung ist. Des Weiteren erhöhen sie ebenfalls die Stilnuancen und lenken durch ihre Ungewöhnlichkeit Aufmerksamkeit auf Textstellen.

3.6 Interpunktion

Wie bereits im Bezug auf die Orthografie betrachtet Schmidt auch die Regeln der Interpunktion als „unzulässige Einmischung seitens der Germanisten“ (B0, 104). Autoren sollen sich vom normativen Umgang mit den Zeichen lösen und neue Zeichen finden, so seine Forderung. Denn die Interpunktion im normativen Gebrauch hat eine untergeordnete Rolle innerhalb der Schriftsprache, sie dient lediglich „zur Akzentuierung, Darstellung von Pausen verschiedenster Länge, Definition von Stimmlagen, Hebungen und Senkungen“ (B0, 103). Neben der neuen Verwendung der herkömmlichen Zeichen, fordert Schmidt ebenfalls die Schaffung neuer Zeichen (B0, 103). Die Umsetzung dieser Forderung nach neuen Zeichen ist allerdings auch bei Schmidt erst in Zettel’s Traum zu beobachten, hier nutzt Schmidt das Fragekomma: ,? (ZT, 1367). Im Frühwerk allerdings ist der neue Umgang mit den Zeichen (meist in Form von Kombinationen) zu beobachten, besonders interessant ist die

[...]


1 Jörg Drews: Arno Schmidt. Nobodaddy’s Kinder. In: Kindler Literatur Lexikon Online http://web14.cedion.de/nxt/gateway.dll/kll/s/k0619200.xml/k0619200_ 010.xml?f=templates$fn=index.htm$3.0 (Zugriff: 13.03.2012).

2 Frank, Dirk: Narrative Gedankenspiele. Der metafiktionale Roman zwischen Modernismus und Postmodernismus, Wiesbaden 2011, S. 30.

3 Huerkamp, Josef: „Gekettet an Daten & Namen“. Zum ‚authentischen‘ Erzählen in der Prosa Arno Schmidts, München 1981, S. 10.

4 Ausnahme bildet die Arbeit von Hartwig Suhrbier: Zur Prosatheorie von Arno Schmidt, München 1980. Diese muss allerdings ohne die erst postum veröffentlichten Berechnungen III auskommen.

5 Alle Texte Schmidt werden soweit nicht anders angegeben nach der Bargfelder Ausgabe (BA) zitiert. Arno Schmidt: Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts, hg. von der Arno Schmidt Stiftung Bargfeld. Zürich 1986-2010.

6 Arno Schmidt: Berechnungen. In: BA III/3, S. 101-106.

7 Die von Schmidt eingeführte Differenzierung von reiner und angewandter Literatur lehnt sich an die vergleichbare Unterscheidung in der Mathematik an. Die reine, das heißt die höhere Mathematik, hat keine Verbindung zum ‚Volk‘. Trotzdem ist ihre Forschung unerlässlich, da sie für die angewandten Mathematiker, die Ingenieure, die Grundlagen liefert. Schmidt selbst sieht sich als Vertreter der reinen Literatur, der mit seinen Berechnungen Grundlagen für die angewandten Schriftsteller schafft, welche wiederum für die Leser schreiben. Der Wert des reinen Schriftsteller liegt in der Innovation seiner Arbeit gegenüber der Breitenwirkung der angewandten Schriftsteller, so dass Arno Schmidt dementsprechend eine angemessene Bezahlung durch den Staat verlangt, die sich am Gehalt der Universitätsprofessoren orientiert.

8 Eine ausführliche Analyse dieser Problematik findet sich bei Maike Bartl: ProsaTheorie als Gedankenspiel. Arno Schmidts Berechnungen-Essays. In: ZK 22 (2003), S. 103.

9 Arno Schmidt: Berechnungen I. In: BA III/3, S. 163-168. Siehe auch: Arno Schmidt: Berechnungen I. In: Texte und Zeichen 1 (1955), H. 1, S. 112-117. Sowohl die Berechnungen I als auch die Berechnungen II werden in Texte und Zeichen veröffentlicht. Die Zeitschrift wird 1957 nach drei Jahren und sechzehn Heften eingestellt. Inhalte sind sowohl theoretische Reflexion zur modernen und zeitgenössischen Literatur als auch literarische Texte. Arno Schmidt ist in diesen sechzehn Heften mit sieben Beiträgen zwischen Vertretern der Klassischen Moderne wie Bertold Brecht, Georg Büchner, J.W. von Goethe und Friedrich Nietzsche und internationalen zeitgenössischen Autoren wie Max Frisch, Gertrude Stein, Nelly Sachs, Pablo Nerudo, Paul Celan, Roland Barthes und Heinrich Böll vertreten. Dass Schmidt mit dieser überproportionalen Menge an Beiträgen in Texte und Zeichen vertreten ist, ist sicherlich auch der Freundschaft zu Alfred Andersch geschuldet, verweist aber dennoch auch auf zeitgenössische Einordnung Schmidts.

10 Arno Schmidt: Berechnungen II. In: BA III/3, S. 275-284.

11 Arno Schmidt: Berechnungen II. In: Texte und Zeichen 2 (1956), H. 1, S. 95-102.

12 Arno Schmidt: Berechnungen II. In: Rosen & Porree, Karlsruhe 1959, S. 293-308.

13 Zitiert nach: Arno Schmidt: Berechnungen II, in Rosen & Porree, Karlsruhe 1959, S. 293. In der Bargfelder Ausgabe findet sich wiederum eine veränderte Interpunktion: And am I wrong, to worship where // faith cannot doubt, nor hope dispair, since my own soul can grant my prayer ? -// Speak, God of Visions, plead for me,// and tell, why I have chosen thee ! (BII, 275)

14 Arno Schmidt: Berechnungen III. In: BA Supplemente I, S. 261-270.

15 Arno Schmidt: Berechnungen III. In: Neue Rundschau 80 (1980), H. 1, S. 5-20.

16 Vgl. Bartl, 127 f.

17 Ebd., 128.

18 Friedrich Gottlieb Klopstock: Die deutsche Gelehrtenrepublik. In: Werke und Briefe VII/1. Historisch-kritische Ausgabe, hg. v. Horst Gronemeyer, Rose-Maria Hurlebusch u.a., Berlin und New York 1975, hier S. 222: „[. . . ] man konnte kühn mit dem griechischen Dichter sagen: Ich bin nicht da, ihr Athenienser, von euch, sondern ihr seyd da von mir zu lernen ...“.

19 Vgl. Bartl, 96. Gerade die Berechnungen III können nicht mehr an die vorausgegangenen Essays angeschlossen werden, da sie sich von den Ausführungen zu neuen Prosaformen abwenden, um sich den Problemen der Sprache des Schmidtschen Werkes zuzuwenden. Auffallend ist zudem, dass die Berechnungen III auf das mathematische Vokabular, die Tabellen und Kurvenvergleiche verzichten. Es wird deutlich, dass Schmidt mit den Berechnungen II nicht länger die Idee „einer das Werk begleitenden Prosatheorie“ verfolgt (Bartl, 127).

20 Bartl, 97.

21 Arno Schmidt: Sylvie & Bruno. In: BA III/4, S. 246-264.

22 Arno Schmidt: «Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?». In: BA III/4, S. 311321.

23 Arno Schmidt: Erläuternde Notizen zu KAFF auch MARE CRISIUM. In: BA I/3, S. 543-547.

24 Deutlich wird die Einflussnahme der Freud-Lektüre beispielsweise im Essay <Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?>, in welchem Schmidt erklärt: „Die Moderne Literatur benützt fundamental neue Erkenntnisse, was Worte & deren Folgen im Leser anbelangt; aufbauend auf Freud und dessen Vorgängern.“ Arno Schmidt: «Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?», S. 314.

25 Die etablierte Phaseneinteilung der Schmidt-Forschung teilt das Werk in drei Phasen: 1. Phase: Kriegsende bis ca. 1960 (Frühwerk); 2. Phase: 1960 1970 (bis Zettel’s Traum oder alternativ Zettel’s Traum als eigene Schaffensperiode) und 3. Phase: 1970 1979 (Spätwerk). Problematisch an dieser Einteilung ist, dass zum einen das Werk vor der Leviathan-Publikation ausgeschlossen wird, zum anderen dass eine Einteilung in Schaffensperioden Zäsuren zwischen diesen Phasen insinuiert. Dies aber ist bei Schmidt nicht derart umfassend zu beobachten: So steht beispielsweise Kaff auch Mare Crisium nach dieser Einteilung zwischen der ersten und zweiten Schaffensperiode und ist über die Zuordnung als Längeres Gedankenspiel den Berechnungen zuzuweisen, gleichzeitig enthält es aber bereits Einlagen der Freud-Lektüre und ist somit der zweiten Phase zuzuordnen. Zwar sind im Werk Arno Schmidts Schwerpunkte zu beobachten, Zäsuren aber wie zum Beispiel durch die Auseinandersetzung mit Freud sind nicht in diesem Umfang stark zu machen. Denn trotz neuer Einflüsse werden inhaltliche und formale Aspekte des ‚Frühwerkes‘ weitergeführt, sodass eine Phaseneinteilung, die sich zudem nur auf das Prosawerk bezieht, die Konstanten und Weiterentwicklungen der Schmidtschen Prosa missachtet.

26 Im Essay Sylvie & Bruno setzt Schmidt die Zäsur zwischen alter und neuer Literatur bereits mit Lewis Carroll (1832 1898) an, während er in den Berechnungen seine eigenen neu entwickelten Prosaformen als jene Zäsur markiert. Als weiteres Beispiel für die moderne bzw. neue Literatur nennt er jedoch nur James Joyce und seine Werke Finnegans Wake und Ulysses.

27 Hier zeigt sich bereits zu Beginn die ungenaue und falsche Verwendung von Begriffen durch Arno Schmidt. So bilden die Prosaformen keine ‚soziologischen‘ sondern ‚soziale‘ Begebenheiten ab. Im Essay Sylvie & Bruno korrigiert Schmidt den Begriff der ‚soziologischen‘ zu ‚gesellschaftlichen‘ Gepflogenheiten (S&B, 257). Siehe Abschnitt 7.1.2.

28 Das Tagebuch als Form nimmt dabei jedoch bereits einen Sonderstatus ein, da es als Versuch, die inneren und subjektiven Vorgänge zu bewältigen und damit die alte Literatur zu modernisieren und den „Circulus der gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu verlassen“ zwischen den alten und neuen Literaturformen steht (S&B, 257).

29 Einzige Voraussetzung ist, dass beide Gesprächspartner den gleichen Ort, dieselbe Stunde, das gleiche Thema miteinander teilen.

30 Die Idee der Literatur als Nachbildung sozialer Umstände ist keine neue, denn auch traditionelle Poetiken verweisen auf die Herausbildung literarischer Formen aus gesellschaftlichen Konventionen. Siehe Reinhard Baumgart: Aussichten des Romans oder Hat Literatur Zukunft? Frankfurter Vorlesungen, München 1970, S. 56.

31 Arno Schmidt: Literatur : Tradition oder Experiment. In: BA III/3, S. 338-341.

32 Dass Schmidt die alten Formen für nicht veraltet hält, zeigt sich am Dialog, der in seinem Werk neben der Prosa einen dominanten Platz einnimmt. Zwar werden hier auch Sprache und Themen aktualisiert, die formalen Eigenschaften des Dialogs aber bleiben erhalten.

33 Hierbei führt Arno Schmidt aber auch an, dass die Form des Briefromans beispielsweise für den Inhalt des Werthers nicht passend sei. Nur Wielands Aristipp legitimiere durch seinen Inhalt die Form des Briefromans, denn die Form des Briefromans sei dafür bestimmt mindestens zwei Personen darzustellen, die räumlich und zeitlich getrennt sind. Werther aber bildet eine einseitige Kommunikation und nur den Werther als Figur ab, sodass das Tagebuch die optimale Erledigungsform für diesen Stoff gewesen wäre. Vgl. Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1956, Bargfeld 2011, S. 52.

34 Schmidt, Arno: «Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker?», S. 314.

35 Näheres zur Kritik an der Prosatheorie in Kapitel 7.

36 Boy Hinrichs: Utopische Prosa als Längeres Gedankenspiel. Untersuchungen zu Arno Schmidts Theorie der Modernen Literatur und ihrer Konkretisierung in „Schwarze Spiegel“, „Die Gelehrtenrepublik“ und „Kaff auch Mare Crisium“, Tübingen 1986, S. 71.

37 H.-Georg Lützenkirchen: „Auch ein schönes Stück“. Arno Schmidts Erzählungen und Romane in der zweibändigen Sammlung „Geschichten aus Deutschland“, in: http://www. literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=11032 (Zugriff 28.10.2011).

38 Barbara Malchow: „Schärfste Wortkonzentrate“. Untersuchungen zum Sprachstil Arno Schmidts, München 1980. Alle statistischen Werte zu Satzlängen, syntaktischen Konstruktionen sind der Arbeit Malchows entnommen.

39 Alfred Andersch: Düsterhenns Dunkelstunde oder ein längeres Gedankenspiel. In: Merkur XXVI (1972), H. 286, S. 139.

40 Malchow, 19.

41 Ebd., 20.

42 Ebd., 20. 43 Ebd., 22.

44 Ebd., 22.

45 Vgl. ebd., 43.

46 Vgl. ebd., 45. Im Vergleich dazu liegt der durchschnittliche Anteil der Satzgefüge in der Schriftsprache deutlich höher bei 40 Prozent.

47 Ebd., 46.

48 Vgl. ebd., 68 ff. 49 Ebd., 71.

50 Vgl. ebd., 72.

51 Vgl. ebd., 72 f.

52 Vgl. ebd., 73 f. Einzelne Satzglieder oder -teile, die an das Ende eines Satzabschnittes oder Satzes gesetzt werden, werden als ausgeklammert bezeichnet.

53 Suhrbier, S. 35.

54 Zur Mündlichkeit bei Arno Schmidt am Beispiel von Kaff auch Mare Crisium: Carsten Scholz: Ich lese nichts Geschriebenes mehr. Literarisierte Mündlichkeit in Arno Schmidts Kaff auch Mare Crisium, Bielefeld 1997.

55 Malchow, 74 f.

56 In der Erzählung Die Insel findet sich eine inkonsistente Großund Kleinschreibung, die m.E. allerdings zur Fiktion des gefundenen Manuskriptes gehört. Arno Schmidt: Die Insel. In: BA I/4, S. 185-237.

57 Vgl. Arno Schmidt: Erläuternde Notizen zu KAFF auch MARE CRISIUM, S. 546.

58 Arno Schmidt: Erläuternde Notizen zu KAFF auch MARE CRISIUM, S. 546.

59 Die Etymtheorie schließt an die Ideen der Psychoanalyse und das Werk Sigmund Freuds an, als dass sie von einer Präsenz von Gedanken und Abläufen im Unbewussten ausgeht und überträgt diese Ideen auf die Literatur. Die Etymtheorie ist somit eine poetologische Umsetzung der freudschen Psychoanalyse. Die Basis der Etymtheorie ist die Annahme, dass in jedem Menschen zwei Sprachen angelegt sind. Die erste Sprache besteht aus Worten und die zweite aus Wortkeimen, den sogenannten Etyme. Die Etyme können als Vorwörter oder als Buchstabenfolgen mit Lautähnlichkeit bezeichnet werden, die sich dann in den Wörtern, das heißt in der gesprochen oder geschrieben Sprache, konkretisieren. Die Etyme sind im Unbewussten angelegt und immer Teil, der konkret verwirklichten Sprache. Sie transportieren damit das Unbewusste in die konkrete Sprache. Schmidt nutzt die Etymtheorie wie in Sitara und der Weg dorthin als Analysemodell, verwendet sie aber auch in Form der Etymmystik als Verfahren der Literaturproduktion. Zum Teil bereits in Kaff auch Mare Crisium und in Caliban über Sebetos (bzw. den Texten des Bandes Kühe in Halbtrauer ), deutlicher in Zettel’s Traum führt er die Etymtheorie als literarisches Verfahren aus. Dabei setzt er Techniken wie das bewusste Verschreiben zur Polyvalenzerzeugung ein, um die Etyme, die sogenannten Wortkeime sichtbar zu machen. Die Polyvalenz wird dabei in erster Linie durch klangliche Ähnlichkeiten der Wörter ausgelöst.

60 Hier wird die Ebene der Nibelungen-Parodie mit einer zweiten Ebene der Sexualität verknüpft.

61 Suhrbier, 33.

62 Siehe auch Abschnitt 3.5.1.

63 Malchow, 96.

64 Ebd., 96 f.

65 Vgl. ebd., 129.

66 Vgl. ebd., 130.

67 Vgl. ebd., 97.

68 Ebd.

69 Vgl. ebd., 98.

70 Weitere Beispiele für Komposita und Textbelege finden sich bei Malchow im Kapitel 4.1.1.1. Substantivkomposita.

71 Siehe auch Abschnitt 3.4.72 Malchow, 111.

73 Ebd., 113.

74 Vgl. Malchow, 98 und 110. Ebenso Shunichi Kubo: Arno Schmidt als Sprachavantgardist. In: Sprachproblematik und ästhetische Produktivität in der literarischen Moderne, hg. v. Japanische Gesellschaft für Germanistik, München 1994, S. 56.

75 Vgl. Malchow, 132 f.

76 Ebd., 139.

77 Ebd., 119.

78 Ebd., 120.

79 Ebd., 122. 80 Ebd., 126.

81 Zu den Wortneuschöpfungen des Expressionismus: Dürsteler, Heinz Peter: Sprachliche Neuschöpfungen im Expressionismus, phil. Diss., Bern 1953.

82 Neologismen aus Nomen der Natur, des Humanen und des Gegenständlichen finden sich im Expressionismus und bei Schmidt gleichermaßen häufig. Aber auch die AdjektivSubstantiv-Komposita wie „Küchenallein“ (Fauns, 307), „nachtwindleise“ (Leviathan, 41), „zarahleandern“ (Fauns, 320) oder „hindenburgig“ (Fauns, 305) als Verbidnung mit Namen oder Titeln oder Verbableitungen aus Adjektiven und Subjektiven wie „bürgerten“ (SmP, 398), zukunften (vgl. SmP, 424) und blauen in „vom Wind geblaut“ (SmP, 393) sind dem expressionistischen Stil entlehnt. Allerdings wird dem Adjektiv im Expressionismus die schmückende und ergänzende Funktion aberkannt. Die schmidtsche Prosa aber nutzt das Adjektiv in seiner beschreibenden Funktion, da es insbesondere zur Wiedergabe der sub jektiven und flüchtigen Eindrücke verwendet wird. Die im Expressionismus bevorzugten Verbkomposita (40 Prozent aller Zusammensetzungen) sind bei Schmidt dagegen geringer mit nur 12 Prozent vertreten (Malchow, 115). Bei Schmidt überwiegen Substantivkomposita mit 65 Prozent aller Zusammensetzung, im Unterschied zum Expressionismus, der Verbalableitungen stärker nutzte. Auch sind die im Expressionismus typischen Wortneubildungen durch Präfixe im Werk Schmidts kaum zu beobachten. Ebenfalls nutzt Schmidt im Gegensatz zur expressionistischen Dichtung explizite Ableitungen durch Suffixe und Präfixe. Zudem finden sich im Expressionismus hauptsächlich Adjektivableitungen aus Verben, während Malchow in ihrer Studie nur ein Beispiel dieser Art nennen kann: „die wankende Larve“ (SmP, 430) (vgl. Malchow, 126).

83 Vgl. Malchow, 142 ff.

84 In der Gelehrtenrepublik wird diese Form des Wortspiels durch die Verwendung der Fußnoten besonders herausgestellt. Hier werden sexuelle Anspielungen nicht erkannt oder falsch übersetzt. Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik. In: BA I/2, S. 221-349.

85 Stefan Jurczyk: Symbolwelten. Studien zu Caliban über Setebos von Arno Schmidt, Hamburg 2010, S. 80. Jurczyk bezieht sich in seinen Ausführungen zwar auf Caliban über Sebetos, die Beobachtungen sind jedoch auf das ganze Werk Schmidts übertragbar.

86 Malchow, 195.

87 Ebd., 169.

Ende der Leseprobe aus 121 Seiten

Details

Titel
Arno Schmidts Prosatheorie der "Berechnungen" und ihre literarische Umsetzung im Werk der 1950er Jahre
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
121
Katalognummer
V455281
ISBN (eBook)
9783668866232
ISBN (Buch)
9783668866249
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arno Schmidt, Prosatheorie, 1950, Nachkriegsliteratur
Arbeit zitieren
Tina Grahl (Autor), 2012, Arno Schmidts Prosatheorie der "Berechnungen" und ihre literarische Umsetzung im Werk der 1950er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455281

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