In dieser Arbeit sollen zwei recht konträr anmutende Behandlungskonzepte untersucht werden: Das psychomotorische Konzept sowie die Methode des Instituts für neurophysiologische Psychologie (INPP). Diese Arbeit soll von der Frage geleitet werden, wie sich die beiden Behandlungsansätze im Hinblick auf die Förderung individueller Lernprozesse positionieren.
Um den Ablauf sensomotorischer Prozesse nachvollziehbar zu machen, erfolgt zunächst die Darstellung relevanter neurophysiologischer Grundlagen, indem der Aufbau des Nervensystems, die Funktion der Sinnesorgane sowie abschließend das sensomotorische Zusammenwirken erörtert wird. Im nächsten Kapitel werden neurophysiologische Grundlagen des Lernvorgangs dargestellt und es wird der Begriff „Lernen“ aus kognitiv-konstruktivistischer Perspektive erläutert. Darauf aufbauend wird ein Lernmodell vorgestellt, das individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens aufzeigt, um den schulischen Lernprozess als Teil der Bezugsgrundlage für die Analyse der Förderkonzepte darzulegen. In einem kurzen Exkurs wird die Schwierigkeit einer prägnanten Definition und Klassifikation des vielschichtigen Phänomens „Lernstörung“ aufgezeigt, da die Zuweisung der „Ressource Förderung“ zumeist auf der Basis einer festgeschriebenen Symptomatik beruht. In einem nächsten Schritt werden das Förderkonzept nach der INPP-Methode sowie das Psychomotorik-Konzept vorgestellt, wobei zunächst auf theoretische Grundlagen eingegangen wird, um in einem nächsten Schritt das Behandlungskonzept zu erörtern. In einer vergleichenden Analyse erfolgt daraufhin die differenzierte Betrachtung der Konzepte mit dem Ziel, den jeweiligen Einfluss auf den individuellen Lernprozess herauszustellen. In der abschließenden Diskussion werden die erarbeiteten Ergebnisse kritisch betrachtet und es wird ein Bezug zur sonderpädagogischen Förderpraxis hergestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stand der Forschung
3. Methodisches Vorgehen
4. Neurophysiologische Grundlagen
4.1. Aufbau des Nervensystems
4.1.1. Neuron
4.1.2. Gliazellen
4.1.3. Peripheres Nervensystem
4.1.4. Zentrales Nervensystem
4.1.5. Vegetatives Nervensystem
4.2. Sinneswahrnehmungen
4.2.1. Sehen
4.2.2. Hören
4.2.3. Berührung, Tastempfinden
4.2.4. Gleichgewicht
4.2.5. Propriozeption
4.3. Sensomotorisches Zusammenwirken
5. Lernen
5.1. Neurophysiologische Prozesse
5.1.1. Synaptogenese
5.1.2. Neuronale Plastizität
5.2. Der Lernvorgang aus kognitiv-konstruktivistischer Perspektive
5.3. Schlussfolgerung: Definition von Lernen
5.4. Komponenten des individuellen Lernprozesses: Das INVO-Modell
5.4.1. Selektive Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis
5.4.2. Vorwissen
5.4.3. Lernstrategien und ihre metakognitive Regulation
5.4.4. Motivation und Selbstkonzept
5.4.5. Volition und lernbegleitende Emotionen
6. Exkurs: Lernstörungen
6.1. Definition
6.2. Klassifikation
6.3. Ursachen
6.4. Bedeutung für die Praxis
7. Darstellung der Förderkonzepte
7.1. Institut für neurophysiologische Psychologie (INPP)
7.1.1. Theoretische Grundlagen
7.1.1.1. Reflexe und Reaktionen
7.1.1.2. Neuromotorische Unreife
7.1.1.3. Frühkindliche Reflexe
7.1.2. Behandlungskonzept
7.1.2.1. Ausbildung der Therapeuten
7.1.2.2. Diagnostischer Prozess
7.1.2.3. Interventionen
7.2. Psychomotorik
7.2.1. Theoretische Grundlagen
7.2.1.1. „Theoriebrillen“
7.2.1.2. Konzeptionelle Ansätze
7.2.2. Behandlungskonzept
7.2.2.1. Ausbildung der Therapeuten
7.2.2.2. Diagnostischer Prozess
7.2.2.3. Interventionen
8. Vergleich der Konzepte
8.1. Welcher theoretische Ansatz zur Erklärung von Lernstörungen liegt zugrunde?
8.1.1. INPP
8.1.2. Psychomotorik
8.2. Wie wird die sensomotorische Entwicklung mit Lernprozessen in Verbindung gebracht?
8.2.1. INPP
8.2.2. Psychomotorik
8.3. Welche Komponenten des individuellen Lernprozesses werden beeinflusst?
8.3.1. INPP
8.3.2. Psychomotorik
9. Diskussion
9.1. Welcher theoretische Ansatz zur Erklärung von Lernstörungen liegt zugrunde?
9.2. Wie wird die sensomotorische Entwicklung mit Lernprozessen in Verbindung gebracht?
9.3. Welche Komponenten des individuellen Lernprozesses werden beeinflusst?
10. Schlussfolgerungen und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit sensomotorische Förderkonzepte – am Beispiel der INPP-Methode und des psychomotorischen Konzeptes – den individuellen Lernprozess bei Kindern unterstützen können. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, wie sich diese beiden konträren Behandlungsansätze im Hinblick auf die Förderung schulischer Lernprozesse positionieren und welche theoretischen sowie praktischen Grundlagen sie verfolgen.
- Vergleich der theoretischen Ansätze zur Erklärung von Lernstörungen
- Analyse der neurophysiologischen Grundlagen sensomotorischer Entwicklung
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen sensomotorischer Entwicklung und kognitiven Lernprozessen
- Betrachtung der Einflussfaktoren auf den individuellen Lernprozess anhand des INVO-Modells
- Kritische Diskussion der Behandlungskonzepte für die sonderpädagogische Förderpraxis
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Neuron
Die Nervenzelle ist die funktionelle Grundeinheit des Nervensystems. Sie besteht aus einem Zellkörper, der den Zellkern beinhaltet, und aus einem oder mehreren Fortsätzen, die Erregung weitergeben oder empfangen können. Über diese Dendriten (Erregungsempfang) und Axone (Erregungsweitergabe) steht jedes Neuron mit anderen Nerven-, Muskel- oder Drüsenzellen in Verbindung. Während das PNS vorwiegend aus Fortsätzen der Nervenzellen besteht, finden sich im ZNS vollständige Neuronen, die auf vielfache Weise miteinander verknüpft sind und auf diese Weise Informationen über elektrische Signale austauschen.
An der Verbindungsstelle von zwei Neuronen, der Synapse, erfolgt die Reizweiterleitung über bestimmte chemische Botenstoffe, die Transmitter, die erregend oder hemmend auf die nachfolgende Zelle (Erfolgszelle) wirken. Die Erfolgszelle registriert die Anzahl ankommender erregender und hemmender Impulse und leitet nach dem „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ eine Erregung weiter oder hemmt sie (vgl. Trepel 2003, 2ff.).
Die Anzahl der Neuronen erreicht vor der Geburt ihr Maximum und nimmt postpartal nur noch ab, während die Anzahl und Ausbildung der Synapsen ab dem Zeitpunkt der Geburt rapide zunimmt. Diese flexiblen Verknüpfungen des sich entwickelnden Gehirns, die in der individuellen Interaktion mit den jeweiligen Gegebenheiten der Umwelt erfolgen, werden als neuronale Plastizität bezeichnet. Diese Plastizität (die Eigenschaft, formbar zu sein) besteht zwar lebenslänglich, in der Kindheit ist sie allerdings besonders ausgeprägt, so dass Lernprozesse in dieser Lebensphase häufig schneller und „einfacher“ erfolgen (vgl. Petermann et al. 2003, 93f.). Des Weiteren lässt sich die Verknüpfung der Synapsen unterscheiden in erfahrungserwartende und erfahrungsabhängige Prozesse: Die erfahrungserwartenden Prozesse (z.B. der menschliche Spracherwerb) sind durch eine Synapsenüberproduktion hinsichtlich arttypischer Erfahrungen zu bestimmten, kritischen Lernphasen gekennzeichnet, während erfahrungsabhängige Prozesse lebenslänglich erfolgen und durch eine Veränderung der Synapsen aufgrund individueller Umwelterfahrungen gekennzeichnet sind (vgl. Petermann et al., 105f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Zusammenhang zwischen sensomotorischen Kompetenzen und schulischem Lernverhalten und führt in die zwei untersuchten Konzepte ein.
2. Stand der Forschung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über empirische Studien, die den Zusammenhang zwischen sensomotorischer und kognitiver Entwicklung beleuchten.
3. Methodisches Vorgehen: Das Kapitel erläutert den Aufbau der Arbeit und die methodische Herangehensweise bei der Untersuchung der beiden Förderkonzepte.
4. Neurophysiologische Grundlagen: Hier werden anatomische und funktionale Aspekte des Nervensystems sowie die Bedeutung der Sinneswahrnehmungen für motorische Prozesse dargelegt.
5. Lernen: Dieses Kapitel definiert Lernen aus kognitiv-konstruktivistischer Sicht und stellt das INVO-Modell als Analyserahmen für den individuellen Lernprozess vor.
6. Exkurs: Lernstörungen: Der Exkurs bietet einen Überblick über die Definition, Klassifikation und Ursachen von Lernstörungen in der Fachliteratur.
7. Darstellung der Förderkonzepte: Dieses zentrale Kapitel beschreibt detailliert die theoretischen Grundlagen und Behandlungskonzepte der INPP-Methode sowie der Psychomotorik.
8. Vergleich der Konzepte: Hier werden INPP und Psychomotorik in Bezug auf ihr theoretisches Verständnis von Lernstörungen und die Beeinflussung von Lernprozessen gegenübergestellt.
9. Diskussion: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse der vergleichenden Analyse kritisch vor dem Hintergrund der sonderpädagogischen Förderpraxis.
10. Schlussfolgerungen und Ausblick: Diese abschließenden Überlegungen bewerten die Eignung der Konzepte für die schulische Praxis und betonen die Notwendigkeit einer kompetenzorientierten Förderdiagnostik.
Schlüsselwörter
Sensomotorik, INPP-Methode, Psychomotorik, Lernstörungen, kognitive Entwicklung, Neurophysiologie, frühkindliche Reflexe, Lernprozesse, Lernförderung, INVO-Modell, motorische Entwicklung, sonderpädagogische Förderung, Wahrnehmungsförderung, individuelle Lernvoraussetzungen, Entwicklungsdiagnostik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht das sensomotorische Förderkonzept des INPP mit der Psychomotorik, um deren Einfluss auf den individuellen Lernprozess von Kindern zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die neurophysiologischen Grundlagen, die kognitiv-konstruktivistische Lerntheorie, verschiedene Klassifikationen von Lernstörungen und die spezifische Ausrichtung beider Förderansätze.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, in einer vergleichenden Analyse zu klären, wie sich beide Ansätze hinsichtlich der Förderung schulischer Lernprozesse positionieren und ob sie tatsächlich geeignete Begleitmaßnahmen darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturbasierte Vergleichsanalyse, die unterschiedliche theoretische Paradigmen heranzieht, um die Ansätze kritisch zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung neurophysiologischer Grundlagen, des Lernmodells (INVO-Modell), eine Erläuterung der Behandlungskonzepte von INPP und Psychomotorik sowie einen detaillierten Vergleich der beiden Ansätze.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Sensomotorik, INPP, Psychomotorik, Lernstörungen, kognitive Entwicklung, Lernprozesse und Förderdiagnostik.
Worin unterscheiden sich die theoretischen Zugänge von INPP und Psychomotorik?
Während die INPP-Methode einem medizinischen Paradigma folgt und eine defektorientierte Korrektur neuromotorischer Unreife anstrebt, basiert die Psychomotorik auf einem interaktionistisch-systemischen Paradigma und zielt auf eine ganzheitliche Persönlichkeitsförderung ab.
Wie bewertet die Autorin die diagnostische Vorgehensweise der INPP-Methode?
Die Autorin kritisiert die INPP-Diagnostik als für die sonderpädagogische Praxis zu eindimensional, da sie den individuellen Lebenskontext des Kindes weitgehend ausblendet.
Warum wird die Psychomotorik als geeigneter für die Sonderpädagogik eingestuft?
Die Psychomotorik steht den modernen, inklusiven Grundannahmen der sonderpädagogischen Wissenschaft näher, da sie das Kind nicht als defizitär, sondern als aktiven Gestalter seiner Entwicklung betrachtet.
- Arbeit zitieren
- Claudia Spiess (Autor:in), 2013, Der Einfluss sensomotorischer Förderkonzepte auf den individuellen Lernprozess am Beispiel der INPP-Methode und des psychomotorischen Konzeptes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455332