"Integrative Wirtschaftsethik" nach Peter Ulrich. Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen


Hausarbeit, 2017
36 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis II

Einführung

1. Die Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft
1.1 Sachzwangdenken: Die Entfesselung des Marktes
1.2 Gemeinwohlfiktion: Die Moral des Marktes

2. Die Klärung einer ethisch-gehaltvollen, lebensdienlichen Ökonomie
2.1 Sinnfrage: Die Wirtschaft und das gute Leben
2.2 Legitimationsfrage: Die Wirtschaft und das gerechte Zusammenleben

3. Die Bestimmung der „Orte“ der Moral des Wirtschaftens
3.1 Wirtschaftsbürgerethik: Der deliberative, integre Wirtschaftsbürger
3.2 Ordnungsethik: Die deliberative, vitalpolitische Ordnungspolitik
3.3 Der Konsument in seiner Verantwortung zur ökonomischen Selbstbegrenzung

4. Kritische Würdigung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einführung

Beginnend mit der Enron-Krise im Jahr 2000, der Finanzkrise 2007, sowie der seit 2010 andauernden Griechenlandkrise, wird Wirtschaft zunehmend mit der Forderung nach stärkerer gesellschaftlicher Verantwortung konfrontiert (Conrad 2016: 2). Waren es im Bundestagswahlkampf 2013 noch Fragen nach der Staatsfinanzierung, Finanztransaktionssteuer und Erbschaftsteuerreform, die die Parteiprogramme beschäftigten, ist dieses Jahr die Moral zum Top-Wahlkampfthema avanciert (Kummert 2017). Die Wahlplakate zierten Slogans wie „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ (CDU), „Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit“ (SPD), sowie „Zwischen Umwelt und Wirtschaft gehört kein Oder“ (Die Grünen) (Rentz 2017). Unabhängig von ihrer parteilichen Heimat wird die Rückbesinnung auf eine von humanen Werten geprägte Kultur des Marktes gefordert (Kummert 2017). Hauptthema war und ist im Rahmen der aktuellen Sondierungsgespräche die Asyl- und Flüchtlingspolitik als wesentliches Symptom einer ungerechten Weltgesellschaft, welche insbesondere durch die Ausbeutung des globalen Südens durch den globalen Norden vorangetrieben wird (Reimers 2017; Stumm 2017). Schon vor Jahren sprach Gysi die Warnung aus: „Entweder, wir beginnen die Probleme der Welt zu lösen, oder die Probleme kommen zu uns“ (Pawlak 2015).

Während Merkel sich 2015 mit dem Ausruf „Wir schaffen das!“ gegenüber einer offenen Zuwanderungspolitik optimistisch zeigte, wurden aufgrund des politischen Rechtsdrucks im Laufe ihrer Wahlperiode die Migrationsbewegungen nach Europa partiell eingedämmt (Heißler 2016). Den Höhepunkt bildete 2016 die Ausweitung des Prinzips des „sicheren Herkunftstaates“, worunter alle Länder eingestuft werden, in denen die Menschenrechtssituation so sicher ist, „nicht nach Leben oder Freiheit getrachtet“ wird (Art. 36, 37 der EU-Asylverfahrensrichtlinie), dass Personen aus solchen Herkunftsländern keinen Schutz in Deutschland benötigen (Art. 16 Abs. 3 des GG der BRD). Mit diesem Grundsatz geht eine Einschränkung des Menschenrechts, Asyl zu suchen, einher, indem z.B. der Asylantrag in beschleunigten Verfahren geprüft wird, die Betroffenen nur begrenzt gegen den Ablehnungsbescheid Einspruch erheben können oder ihnen das Recht auf Erwerbsstätigkeit verwehrt bleibt (Thym 2016). Mit diesen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen wird eine schnellere „Rückführung“ der „Wirtschaftsflüchtlinge“ nicht nur aktuell angestrebt, sondern auch rechtsstaatlich legitimiert (Reible 2017).

Derartige Rückschritte auf globaler Ebene deuten auf eine voranschreitende Auseinanderentwicklung von Ethik und Wirtschaft (Göbel 2010: 74–75; Heidenreich 2012: 61; Wühle 2017: 33). So spricht Göbel (2010: 74) von einer „entfesselten Dynamik ökonomischer Rationalisierung“, wodurch sich die Wirtschaft als Subsystem verselbstständigt und von unmittelbar moralischen Ansprüchen gelöst hat. Der Ruf nach einer angemessenen Wirtschaftsethik, welche die beiden Disziplinen wieder zu vereinen vermag, um „moralische Normen und Ideale unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft geltend zu machen“, könnte aktueller kaum sein (Friske et al. 2005: 151).

Dieser Aufgabe haben sich in den letzten Jahrzehnten drei wirtschaftsethische Grundmodelle angenommen (Conrad 2016: 18–19). Neben der korrektiven Wirtschaftsethik nach Steinmann und Löhr (1991: 107), wonach nur in Einzel- und Konfliktfällen die ökonomischen Wirkungen durch die Wirtschaftsethik korrigiert werden, dient Ethik im Rahmen der funktionalistischen Wirtschaftsethik nach Homann (1993: 32) als Mittel ökonomischer Produktivitätssteigerung. Eine „Zwei-Welten-Konzeption von Ethik und Ökonomik“ kann allerdings nur „an der Wurzel“ überwunden werden, wenn die ethischen Leitprinzipien jederzeit und bedingungslos die Grundlage wirtschaftlichen Handelns darstellen. Dahinter verbirgt sich der dritte Ansatz der Integrativen Wirtschaftsethik: Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie nach Ulrich (2016) Inwiefern die Ökonomie stärker an den Lebenserfordernissen des Menschen auszurichten ist, zeigt sich in der vorliegenden Arbeit anhand drei argumentativen Schrittfolgen, die als Grundaufgaben der Integrativen Wirtschaftsethik zu verstehen sind (Ebd.: 125–134).

Zunächst setzen die ersten beiden Kapitel als kritische Grundlagenreflexion der normativen Voraussetzungen der ökonomischen Vernunft an. Aufbauend auf der Kritik der vermeintlich „wertfreien“ ökonomischen Sachlogik und ihrer normativen Überhöhung zum Ökonomismus, wird im Anschluss eine ethisch fundierte regulative Idee ökonomischer Vernunft dargelegt. Unter den Kriterien teleologischer Lebensdienlichkeit und deontologischer Legitimität soll Wirtschaft und sein Verständnis von ökonomischer Effizienz im Rahmen des größeren Ganzen des guten Lebens und gerechten Zusammenlebens einer voll entfalteten Bürgergesellschaft eingebettet werden. Entlang der Trennlinie zwischen dem Ethos als subjektives Moralbewusstsein und der Ethik als deren normativ-kritischer Reflexion wird gemäß prägnanter philosophischer Ansätze ein universelles Moralkonzept konzipiert, an dem der persönliche Lebensentwurf auszurichten ist. Herausgearbeitet wird ein Menschenbild fernab des egozentrischen „Homo oeconomicus“.

Im letzten Kapitel der Arbeit werden die praxisnahen „Orte“ wirtschaftsethischer Verantwortung bestimmt. Zwar geht Ulrich (2010: 91) entsprechend den Ausführungen zur aktuellen Flüchtlingspolitik davon aus, dass in Deutschland „eine ausgeprägte Neigung zur legalistischen Lösung wirtschaftsethischer Probleme [besteht], das heißt: man setzt weniger auf die Bürgertugend der Wirtschaftssubjekte […] als vielmehr auf die rechtsstaatliche Rahmenordnung des Marktes“, allerdings ist er der Ansicht, dass ein solcher Gegensatz, gleichgültig in welcher Richtung, unbrauchbar ist. Entsprechend des Titels „Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen“ soll im Hinblick auf die dialektische Verschränkung der Individualethik- und der Institutionenethik einerseits der Wirtschaftsbürger in seinem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Handeln und andererseits die rechtsstaatlich gesetzte Rahmenordnung des Marktes in nationaler sowie umrisshaft in transnationaler Hinsicht diskutiert werden. In der Aushandlung des Spannungsfeldes zwischen den tugendethischen Ansprüchen an die Wirtschaftssubjekte und ihrer Zumutbarkeit im Rahmen einer institutionellen Ordnung liegt das Ziel der Forschungsarbeit. Den praktischen Bezugspunkt bildet der Wirtschaftsbürger als kritisch-reflektierender Konsument, in dessen Rolle exemplarisch dargelegt wird, wie wirtschaftliche Selbstbegrenzung umzusetzen ist. So sieht Göbel (2010: 75) den zentralen Grund für die Auseinanderentwicklung der Ethik und Ökonomik in einer „nie gekannten Menge an Waren und Wohlstand“, dessen oberstes Gebot die Gewinnmaximierung ist.

1. Die Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft

Ausgangspunkt der Integrativen Wirtschaftsethik bildet die Kritik an der Weltanschauung des Ökonomismus, welche Ulrich (2016: 136) als „der Glaube der ökonomischen Rationalität an nichts als an sich selbst“ definiert. Die „reine“ ökonomische Vernunft deklariert den instrumentellen Rationalitätsaspekt der Effizienz zum obersten Wertgesichtspunkt und blendet damit die ethische Vernunftdimension aus (Ulrich 2010: 34, 2016: 113). Es kommt zu einem „Reflexionsstopp vor dem normativen Gehalt ökonomischer Argumente“ (Ulrich 2010, S. 35). Die normative Selbstgenügsamkeit der „reinen“ Ökonomik mündet dabei in drei Erscheinungsformen des Ökonomismus: Die „Verselbstständigung der ökonomischen Rationalität“, die „Verabsolutierung des Kosten/Nutzen-Denkens“ und die „normative Überhöhung der Logik des Marktes“, was zu einer grenzenlosen Ökonomisierung der Lebensformen, der Gesellschaft und der Politik führt (Ulrich 2010: 34–35, 2016: 137–139).

Vor diesem Hintergrund resultiert die erste Aufgabe der Integrativen Wirtschaftsethik, den „Schein der Wertfreiheit oder ethischen Neutralität der ökonomischen Sachlogik im Sinne der reinen Ökonomik zu durchschauen, indem ihr ethisch-kritisch auf den normativen Grund geleuchtet wird“ (Ulrich 2016: 125). Bereits Smith (1985: 1) legt in seiner Theorie der ethischen Gefühle dar, dass die Ökonomie als Teil der Moralphilosophie normative Grundlagen beinhaltet und somit keine wertfreie Wissenschaft ist: „Mag man den Menschen noch für so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen“. Die Ökonomismuskritik von Ulrich (2010: 34, 2016: 139) dient der nachholenden Aufklärung ökonomischer Aussagen, wobei konkret auf zwei Grundthesen Bezug genommen wird: die Sachzwang- und Gemeinwohlthese, welche die Möglichkeit und Notwendigkeit von Wirtschaftsethik unter den Bedingungen des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs in Frage stellen. So führe nach Homann (1993: 33, 47) eine „Re-Moralisierung“ der Wirtschaft zu einer Erosion der Moral, sodass moralische Wertmaßstäbe stattdessen direkt in eine ökonomische Sprache übersetzt werden sollen.

1.1 Sachzwangdenken: Die Entfesselung des Marktes

Der sog. Sachzwangthese zufolge gehen Ökonomen davon aus, dass Wirtschaftsethik unmöglich sei. Gemäß der Aussage „der Markt zwingt uns …“ begünstige die Marktwirtschaft eine strenge ökonomische Rationalität (Ulrich 2016: 17, 139–140). Dahinter verbirgt sich das Wirtschaftlichkeitsprinzip der Kostenminimierung und Nutzenmaximierung des „Homo oeconomicus“, welches ein rationales Handeln mit knappen Ressourcen vorschreibt (Holzmann 2015: 18). Aus dem Effizienzkriterium ergeben sich strikte marktwirtschaftliche Wettbewerbsbedingungen, die bspw. aufgrund räumlicher und zeitlicher Marktexpansion die Wettbewerbsintensität und den Wettbewerbsdruck verstärken. Dieser Systemcharakter des „freien“ Marktes mündet in einen Zwangszusammenhang, wonach alle Wirtschaftssubjekte dem Zwang zur Wettbewerbsfähigkeit unterliegen (Ulrich 2016: 139, 147–157, 175). In Anlehnung an die Selektionsfunktion des Marktes nach Weber (1988b: 56) überleben nur die Wirtschaftsakteure, die am besten an die Marktkräfte angepasst sind: „Wer sich in seiner Lebensführung den Bedingungen kapitalistischen Erfolgs nicht anpasst, geht unter oder kommt nicht hoch“. Dadurch regt das wirtschaftliche Handeln nicht nur zur Rationalisierung an, sondern bringt auch einen Wachstumszwang hervor, unter dem sich die Erfolgslogik des Wettbewerbs durchsetzt. Diese Sachlogik, so das Theorem, beschränkt die Spielräume für ethisches Handeln im Markt, da moralische Selbstbegrenzung unvorteilhaft ist (Ulrich 2016: 139, 150).

Gemäß des Primats der Handlungsperspektive vor der Systemperspektive interpretiert Ulrich (2016: 159–173) den Zwangszusammenhang als wirtschaftsethisches Zumutbarkeitsproblem des Erfolgsverzichts. Selbst Luhmann (1988: 241) als radikalster Vertreter einer Systemtheorie der Gesellschaft geht davon aus, dass ein marktwirtschaftliches System schlussendlich ein soziales Handlungssystem darstellt, dessen Funktion von den personellen Handlungsträgern und ihren Intentionen abhängt: „Jeder kalkuliert seine Beziehung zum anderen [im Markt] nach Massgabe seiner (privaten) Beziehung zum Geld“. Kritisiert wird der hinter der Sachzwangsthese stehende ökonomische Determinismus hinsichtlich seines Sachzwangverständnisses, indem absolute Sachzwänge nur dann existieren, wenn objektive Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung beeinflusst werden, nämlich dort, wo Naturgesetze herrschen. Dagegen haben Subjekte einen freien Willen und handeln aufgrund bestimmter Gründe, die grundsätzlich „niemals zwingend“ sind, sondern als Entscheidungshilfen dienen (Ulrich 2016: 141, 162). Damit stellt er sich in die Tradition von Kant (1981: 426), der zwischen „Kausalität nach Gesetzen der Natur“ und „Kausalität nach Freiheit“ unterscheidet. Laut Ulrich (2010: 168) handelt es sich deshalb um Denk- und nicht um Sachzwänge: „Nicht der Markt allein oder die Sachlage nötigen uns zu etwas, sondern erst unsere Intentionen und Interessen, die auf diese Sachlage treffen, lassen den Sachzwang als solchen erscheinen“. So herrscht weniger ein Zwang zur Erfolgsmaximierung als vielmehr der wechselseitige Zwang durch die systemisch vernetzte Gewinnorientierung der Wirtschaftsakteure. Damit ist die Annahme der „Unmöglichkeit“ moralischen Handelns unter den Sachzwängen des Wettbewerbs tatsächlich ein normatives Problem des Konflikts verschiedener Geltungsansprüche, die von den strukturellen Interessensasymmetrien der Marktteilnehmer getragen werden (Ulrich 2016: 37, 168–169). Eine Sachzwangpolitik dient in erster Linie der Gewinnmaximierung der Shareholder, nicht-marktkonforme Interessen von Stakeholdern werden weitestgehend ausgeblendet (Ulrich 2010: 37, 2016: 160). Gerechtfertigt wird diese Parteilichkeit hinter der nachfolgenden ökonomistischen Grundthese, wonach eine strikte Erfolgsorientierung aus gemeinschaftlichen Gründen angestrebt werden soll (Ulrich 2010: 37).

1.2 Gemeinwohlfiktion: Die Moral des Marktes

Entsprechend der sog. Gemeinwohlthese nehmen Ökonomen an, dass Wirtschaftsethik nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich sei. Der Markt könne komplexe Zusammenhänge am effizientesten und effektivsten ohne Interventionen koordinieren, da er in sich selbst eine hinreichende Moral trage, die „letztlich dem Wohl aller“ diene. Der Markt wird als „Garant“ gerechter Ergebnisse verstanden, der zwischen den divergierenden Interessen der Wirtschaftssubjekte wie ein „Harmonisator“ fungiert, wodurch soziale Konflikte und Ungleichheiten automatisch vermieden werden. Daraus entsteht die Rechtfertigung des sich dahinter verbergenden ökonomischen Reduktionismus, dass moralische Fragen sich „restlos und unverkürzt“ auf ökonomische Kategorien reduzieren lassen (Ulrich 2016: 139–140, 175–176).

Allerdings verdeutlicht Ulrich (2016: 178–214) anhand von drei zeitlichen Entwicklungsstufen, dass die „Sachlogik“ bzw. Moral des Marktes keine integrierte Gemeinwohlorientierung beinhaltet, weder in der normativen Hintergrundüberzeugung der prästabilen Harmonie im ökonomischen Kosmos der Klassiker der Politischen Ökonomie, noch in der utilitaristischen Gemeinwohlfiktion der älteren Neoklassik, als auch in dem Vorteilstausch der individualistischen und kontraktualistischen reinen Ökonomik. Ausgangspunkt bildet die naturrechtliche Harmonieüberzeugung der Klassiker mit dem schöpfungstheologischen Hintergrund der Metaphysik des Marktes nach Weber (1988b: 172), wonach eine gerechte Ordnung unter den Menschen Aufgabe höherer Instanz ist. Darauf gründet das von Smith (1974: 582) postulierte Vertrauen in die „unsichtbare Hand“ des Marktes: „Gibt man alle Systeme der Begünstigung und Beschränkung auf, so stellt sich ganz von selbst das einsichtige und einfache System der natürlichen Freiheit her“. Diese ideologische Vorstellung entspricht laut Ulrich (2016: 186) keinesfalls der Realität, vielmehr attestiert er dem Wirtschaftsliberalismus eine „moralische Enthemmung des privaten Erwerbsstrebens“, sowie eine „soziale Härte gegenüber den Erfolgslosen und Hilfebedürftigen“. Die Ausblendung kritischer Gerechtigkeitsfragen findet sich seiner Meinung nach ebenfalls im utilitaristischen Prinzip. Hierbei wird die soziale Gesamtnutzenmaximierung im Hinblick auf das Wohl aller als ethisches Kriterium definiert (Ebd.: 191–192). Für Bentham (1789: 393) ist eine Handlung dann moralisch richtig, wenn sie „das grösste Glück der grössten Zahl“ fördert, was mit der Sichtweise von Mill (2010: 23) übereinstimmt. Ulrich (2016: 191–192) kritisiert an diesem Ansatz, dass „mit der interpersonellen Verrechnung des Vorteils […] des Einen mit dem Nachteil […] des Anderen möglicherweise die unantastbare Würde oder unverletzliche Rechte einzelner Individuen missachtet und dem […] ‚Gemeinwohl‘ geopfert werden“. Am utilitaristischen Fundament anknüpfend, verweist die Logik des Vorteilstausches mit Bezug zur Vertragstheorie auf das ethische Gegenseitigkeitsprinzip (Ebd.: 196–198). Rawls (1979: 139–140) postuliert in seiner Theorie der Gerechtigkeit, dass „niemand […] in der Lage [ist], Prinzipien zum eigenen Vorteil zu schneidern“, da alle Entscheidungen hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ über die zu erwartende persönliche Lage getroffen werden. Somit bildet die Konzeption von Gerechtigkeit als Fairness die Grundlage der unbedingten wechselseitigen Anerkennung der Interessen zwischen Individuen (Ebd.: 134, 142). Genau darin sieht Ulrich (2016: 207) allerdings den konzeptionellen Fehler, denn ein Geschäft ist immer ein freiwillig eingegangener Tausch, der nur bei einem „Vorteilstausch zweier wechselseitig desinteressierter, je nur ihren eigenen Vorteil maximierender, freier Wirtschaftssubjekte“ zum Abschluss kommt. Nach ihm stellen die drei wirtschaftlichen Strömungen mit ihrer Annahme zur „Überflüssigkeit“ ethischen Handelns in Wahrheit nicht nur eine „Fiktion einer allgemeinen Effizienz“ dar, durch die Ausblendung von Interessenasymmetrien tragen sie auch maßgeblich zur Konfliktentstehung bei und beeinträchtigen das Gemeinwohl (Ulrich 2010: 38). Die Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte ist somit eine unabdingbare Voraussetzung wirtschaftlichen Handelns (Ulrich 2016: 177).

2. Die Klärung einer ethisch-gehaltvollen, lebensdienlichen Ökonomie

Als Folge davon, dass der Ökonomismus empirisch betrachtet das Wirtschaften auf eine Erwerbs- und Nutzenmaximierungsfunktion reduziert und auf Basis normativer Unterstellungen eine soziale Konfliktträchtigkeit der Ansprüche der Wirtschaftssubjekte ausblendet, ist diese Weltanschauung für Ulrich (2016: 215) von Grund auf „lebensweltvergessen“. Dagegen versteht er Wirtschaften in seinem expliziten Wortsinn als „Wertschöpfung“, sprich das Schaffen von Werten „im menschliche[n] Lebenszusammenhang […] im Hinblick auf die Lebensqualität der Menschen“ (Ebd.: 217). Sowohl Weber (1988a: 165), nach dem „sinnvolle“ Ökonomie stets als Sozialökonomie zu begreifen ist, als auch Rich (1990: 17), der mit seiner Aussage „Wirtschaft gibt es, weil es den Menschen gibt“ auf den Funktionszusammenhang zwischen der Existenz der Wirtschaft und der des Menschen verweist, plädieren für eine am Leben ausgerichtete Ökonomie.

Daran anknüpfend verfolgt die Integrative Wirtschaftsethik mit ihrer zweiten Aufgabe das Ziel, das „normative Fundament des ökonomischen Rationalitätsverständnisses vernunftethisch zu rekonstruieren“, um sie in einer „anderen, erweiterten Idee ökonomischer Rationalität“ als „integrative regulative Idee vernünftigen Wirtschaftens“ zu überführen (Ulrich 2016: 129). Gemäß der Doppeldeutigkeit des Konzepts der ökonomischen Vernunft wird der Effizienzgesichtspunkt des Wirtschaftens im Sinne der ökonomischen Rationalität nicht einfach zugunsten moralischer Kriterien der ethischen Vernunft fallengelassen, sondern vielmehr unter dem Primat der Ethik als „normativer“ Unterbau verknüpft (Ulrich 2010: 40, 2016: 130–131). Hierbei nimmt Ulrich (2016: 218–220) konkret auf zwei Grundorientierungen lebensdienlichen Wirtschaftens Bezug: die Sinn- und Legitimationsfrage, die sich mit Verweis auf die Sozialethik, mit dem Zweck der Ökonomie für das gute Leben des Individuums und mit der Vertretbarkeit wirtschaftlicher Handlungen im Hinblick auf das gerechte Zusammenleben in der Gemeinschaft beschäftigen (Fenner 2010: 4). Da Gerechtigkeit das ethische Grundkriterium aller Handlungen darstellt, bildet die Diskussion um die Legitimitätsfrage das Hauptaugenmerk der theoretischen Abhandlung einer lebensdienlichen Ökonomie. In ihr verankert soll explizit der „Moral Point of View“ als interne Begründung legitim motivierten Handelns dargelegt werden, womit Ulrich (2010: 34, 2016: 59–60) eine Gegenposition entwirft – einerseits zu der ausgeblendeten ethischen Vernunftdimension des Ökonomismus und andererseits zu der von Homann (1993: 32–53) vertretenden Moralökonomik, nach der ethisches Handeln unter der Kosten/Nutzen-Perspektive analysiert wird und somit externen Wirkungen unterliegt.

2.1 Sinnfrage: Die Wirtschaft und das gute Leben

Für Ulrich (2016: 221) steht das gute Leben in direktem Zusammenhang mit dem Sinn des Lebens als fundamentale Kategorie des Menschseins. Sinn ist, „was das menschliche Dasein mit Bedeutsamkeit erfüllt, indem es dieses auf das für unser Leben Wesentliche ausrichtet, nämlich auf das, was wir im Leben als Ganzes wollen“ (ebd.). Demnach ist das menschliche Streben nach einem erfüllten Leben stets um seiner selbst willen ausgerichtet, worauf bereits Aristoteles (1980: 11) in der Nikomachischen Ethik und Mill (2010: 10) in dem Nützlichkeitsprinzip im Rahmen ihrer Philosophie von Glück verweisen. Ausgehend von den anthropologischen Annahmen ist auch der Sinn der Wirtschaft zu verstehen. Nach Ulrich (2016: 219–222) hat die Wirtschaft mit ihren Instrumenten, entgegen den verkürzten Annahmen des ökonomischen Determinismus auf die Erwerbs- und Nutzenmaximierungsfunktion, keine Bedeutung an sich, sondern ist „stets nur Mittel im Dienste höherer, buchstäblich vitaler Zwecke“ zur Verbesserung der individuellen Lebensqualität. In Anlehnung an Rich (1990: 23) definiert Ulrich (2010: 29, 2016: 223) zwei Ebenen lebenspraktisch sinnvollen Wirtschaftens, die in Verbindung mit seiner Lehre vom individuell Erstrebenswerten und der Authentizität der Bedürfnisse Aufschluss darüber geben, welche Werte für den Einzelnen zu schaffen sind.

Auf der ersten Ebene soll Wirtschaft im elementaren Sinn der „Conditio humana“, also der Sicherung der universal-humanen Lebensgrundlagen dienen, wozu bspw. Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung und Unterkunft gehören (Plessner 1964: 38; Ulrich 2016: 224–228). Wirtschaften versteht sich als grundlegende Kulturleistung, in deren Rahmen eine menschenwürdige Existenz nicht nur gesichert, sondern auch kulturell und normativ definiert wird. Ulrich (2016: 225) räumt „jedem Individuum ein universales moralisches Recht auf die Gewährung des Lebensnotwendigen“ ein, wenngleich das existenziell „Notwendige“ entsprechend des Existenzminimums in der jeweiligen Gesellschaft spezifisch betrachtet und konkretisiert werden muss. Sobald auf der ersten Stufe die Sorge des Menschen um die Verfügbarkeit der erforderlichen Lebensgrundlagen in den Hintergrund rückt, kann auf der zweiten Stufe die Befriedigung lebenssinngebender Bedürfnisse angestrebt werden.

Auf der zweiten Ebene soll Wirtschaft im fortgeschrittenen Sinn der Erweiterung der menschlichen Lebensfülle nutzen, was die persönliche Fülle freier kultureller Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen betrifft (Ebd.: 228–240). Hierbei geht es um die Entwicklung der „humanen Subjektqualität“ entsprechend des persönlichen Lebensentwurfs, die sich in der „Vielfalt unserer singulären menschlichen Anlagen und Erlebnispotenziale, in der Selbstverwirklichung durch Individualisierung und soziale Bindungen“ finden lässt (Ebd.: 232). Dahinter verbirgt sich die regulative Idee der „dualen Lebensform“ des Bürgers, die sein Vorhaben zur selbstbestimmten Lebensführung und zur gleichberechtigten Teilnahme und Teilhabe am gesellschaftlichem Prozess verbindet, um in ihrer Balance die Lebensqualität zu steigern (Ulrich 2010: 84, 2016: 290). Die „Ökonomie der Lebensfülle“ ist getragen von der Idee „nicht den Markt, sondern die Menschen frei zu machen – frei für die menschlich wesentlichen Dinge des Lebens“ (Ulrich 2016: 229). So führt eine Güterfülle nicht notwendigerweise zu einem als reich empfundenen Leben, sondern bspw. der mit der Reduktion von Arbeit einhergehende Zeitwohlstand auf der einen Seite und die Teilnahme am sozialen Prozess der Arbeit auf der anderen Seite (Ebd.: 33, 232, 247).

Der Grundsatz der „Ökonomie der Lebensfülle“ beruht auf der asketischen Lebenskunst des „Genug-haben-Könnens“, einer Einsicht, „dass mehr zu haben sinnlos wäre, dass dieses Mehr nicht besser wäre“ (Gorz 2010: 178). Nach Reiter (1989: 122) äußert sich eine solche Lebenshaltung konkret durch „Bescheidenheit der Zielsetzungen, der Erwartungen und der Lebensführung […], eine Zügelung des Könnens und Leistens, Selbsteinschränkung, Verzicht, Abkehr von der Haben-Mentalität und Genügsamkeit“. Das Ausmaß dieser Lebensform ist letztendlich aber abhängig von dem Ethos als individuelles Moralbewusstsein, welches Ulrich (2016: 33) als „das subjektive Selbstverständnis und die (charakterprägende) Gesinnung und Grundhaltung von Personen“ im Sinne der personalen und sozialen Identität definiert.

Diese Überlegungen entstammen aus den beiden teleologischen Dimensionen „Glückseligkeit“ (lat. „eudaimonia“) und „Tugend“ (lat. „aretê“) der Nikomachischen Ethik von Aristoteles (1980: 11, 17). Nach ihm wird dabei, wie eingangs angedeutet, die Glückseligkeit des Menschen gemäß eines (subjektiv) glücklichen Lebens als das „Endziel allen Handelns“ beschrieben, da sie ein „vollendetes und sich selbst genügendes“ Gut darstellt. Den Ursprung für das gute Leben sieht er in dem guten Menschen und in seiner „Aktivität der Seele gemäß der Vortrefflichkeit, bzw. wenn es mehrere Arten der Vortrefflichkeit gibt, gemäß der besten und vollkommenen und dies während eines kompletten Lebens“ (Ebd.: 11–12). Demnach erwächst nicht aus einem äußeren, materiellen Gut, sondern aus einem inneren Gut selbst das glückliche Leben, auf welche Annahme bereits Ulrich (2016: 232) mit seinen Überlegungen zur Teilhabe an der kollektiven Wertschöpfung verweist. Wichtige Tugenden zur Erreichung eines guten Lebens sind laut Aristoteles z.B. Tapferkeit, Weisheit, Vernunft und Gerechtigkeit (Aristoteles 1980: 61, 92, 133).

2.2 Legitimationsfrage: Die Wirtschaft und das gerechte Zusammenleben

Äquivalent zu Smith (1985: 129) verweist Aristoteles (1980: 90–113) in seiner Gerechtigkeitskonzeption auf den unverzichtbaren Wert von Gerechtigkeit als Hauptpfeiler der Gesellschaft. Gerechtigkeit stellt nicht nur selbst eine Tugend dar, sondern fließt auch bei der Anwendung jeder anderen Tugend mit ein: „In der Gerechtigkeit ist jegliche Tugend enthalten“ (Ebd.: 92). Damit ist das geglückte bzw. gute Leben maßgeblich von der Gerechtigkeit abhängig (Ebd.: 90). Ihre Vollkommenheit kann dadurch verstärkt werden, wenn die Tugenden in ihrer Gesamtheit dem Lebensglück der ganzen Gemeinschaft und nicht nur dem Lebensglück des Einzelnen dienen (Rapp 2006: 75). Mit Bezug zur philosophischen Anthropologie entwickelt Ulrich (2016: 280–288) das an der voll ausgebildeten „Civil Society“ von Lock (1967: 248) und der „wohlgeordneten Gesellschaft“ von Rawls (1992: 88–89) angelehnte Ideal einer vitalen „Bürgergesellschaft“, unter dessen Dach seine Leitideen zum gerechten Zusammenleben zur Verbesserung der sozialen Lebensqualität verankert sind (Ulrich 2010: 77–78). Den Ausgangspunkt seiner Lehre zwischenmenschlicher Verbindlichkeiten in Form von moralischen Pflichten und Rechten sieht Ulrich (2016: 252) in zwei konstitutiven Bedingungen, die das vom ökonomischen Reduktionismus ausgeblendete Gerechtigkeitsproblem zu lösen vermag: „Zum Ersten setzt sie selbstverständlich moralische Personen voraus […] Zum Zweiten eine Gesellschaft deren Institutionen gerecht sind und in der dies öffentlich anerkannt ist“. Ziel ist es auf der Grundlage der Klärung des ethisch-gesinnten, guten (Wirtschafts-)Bürgers, eine gesellschaftlich legitime Wirtschaft als Subsystem in den Gesamtzusammenhang des politisch-ethischen Leitbilds einer Bürgergesellschaft einzubetten (Ulrich 2010: 29).

In Anlehnung an die Definitionen von Aristoteles (1980: 38) und Rawls (1979: 66) weisen moralische Personen einen ausgeprägten „Gerechtigkeitssinn“ auf, der sich auf die „Haltung“ und den „Willen“ moralisches Handeln zur persönlichkeitsprägenden Neigung zu verinnerlichen bezieht. Nach Ulrich (2016: 251) drückt sich moralisches Handeln in dem Begriff der Legitimität aus, wonach ein erhobener Anspruch, eine beabsichtige Handlung oder eine Handlungsregelung als legitim bezeichnet wird, „wenn sie unter Berücksichtigung ihrer gesamten erkennbaren Folgen die moralischen Rechte aller Handlungsbetroffenen (auch die des oder der Handelnden selbst) wahrt“. Erst wenn die private Verfolgung von Interessen unter der selbst auferlegten normativen Bedingung der Legitimität gestellt wird, ist sie „verantwortbar bzw. zumutbar gerechtfertigt“ (Ebd.: 76, 90). Aufgrund ihrer enthaltenen Folgenorientierung erwächst aus dem Gebot der Selbstverantwortung die Pflicht zur „Mitverantwortung für die gute Ordnung der Res publica“, indem sich der republikanisch-gesinnte Bürger für die öffentliche Sache des solidarischen Zusammenlebens einsetzt (Dahrendorf 1994: 70; Ulrich 2010: 76, 2016: 92). Somit gilt mit Verweis auf die eingangs dargelegte Annahme Aristoteles (1980: 90) das Primat der Legitimität des gerechten Zusammenlebens vor dem Sinn des guten Lebens (Ulrich 2016: 36).

Äquivalent zu den Überlegungen des Lebenssinns besteht die motivationale Grundlage legitimen Handelns in ihrer selbst willen (Aristoteles 1980: 11; Ebd.: 73). Dahinter verbirgt sich die vom Ökonomismus zugunsten der Logik des Marktes vernachlässigte „normative Logik der Zwischenmenschlichkeit“ als Ausdruck des Vernunftstandpunkts der Moral („Moral Point of View“), deren reflexive Explikation in die Vernunftethik des Wirtschaftens mündet (Ulrich 2016: 59–99). Den moralphilosophischen Ausgangspunkt bildet das in der Theorie der ethischen Gefühle dargelegte Konzept des unbeteiligten und unparteiischen Zuschauers nach Smith (1985: 166), in dem die Reziprozität moralischer Ansprüche in einem inneren Dialog zwischen der Kraft der „Sympathie“ in Form von Einfühlungsvermögen und der Kraft der Vernunft zur kritischen Selbstreflexion verankert ist: „In gleicher Weise billigen oder missbilligen wir unser eigenes Betragen, indem wir uns in die Lage eines anderen Menschen versetzen […] und nun zusehen, ob wir von da aus an den Empfindungen und Beweggründen, die auf unser Betragen einwirken Anteil nehmen“. Smith (1985: 195) sieht die Motivation, das eigene Verhalten dem Urteil eines objektiven Beobachters zu unterwerfen und demnach die Tugend zur „Selbstbeherrschung“ zu verinnerlichen, in den aus der menschlichen Natur abgeleiteten Bedürfnissen zur Selbst- und Fremdachtung.

Anknüpfend an die Tugendlehre von Aristoteles (1980: 28–33), wonach Tugenden nicht von Natur aus bestehen, sondern im Laufe des Lebens durch Erziehung und Gewöhnung erworben werden, wird die legitime Grundhaltung des Einzelnen erst durch eine vital ausgerichtete institutionelle Grundstruktur gefördert und gefestigt (Kunzmann et al. 2011: 51; Rapp 2002: 73; Ulrich 2016: 252). Daraus ableitend entwirft Ulrich (2010: 80–81, 2016: 286) eine am republikanischen Liberalismus ausgerichtete „Politik des Empowerments, die „als ethisch gehaltvoller Rechts- und Solidaritätszusammenhang, nicht als ein Marktzusammenhang“ gedacht wird. Als dritten Weg jenseits der in der Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft dargelegten Systemalternativen des Wirtschaftsliberalismus und des Sozialetatismus wird durch die komplementäre Verstärkung formaler Berechtigung und soziokultureller Befähigung ein „Brückenschlag zwischen individueller Selbstbestimmung und konstitutiver Gemeinschaft“ geschaffen, der die Ermächtigung des Wirtschaftsbürgers zum eigenständigen und mitverantwortlichen Handeln zum Ziel hat (Dahrendorf 1992: 557–568; Maak 1999: 33). Dahinter verbirgt sich der von Ulrich (2010: 75–77) in der ersten Leitidee einer vitalen Gesellschaft definierte Bürgersinn. Gemäß der in der „Ökonomie der Lebensfülle“ aufgegriffenen regulativen Idee der „dualen Lebensform“ des Bürgers, ist der Wirtschaftsakteur im Rahmen seiner Beteiligung am Wertschöpfungsprozess der Volkswirtschaft „weder bloß Staatsbürger (citoyen) noch bloß Besitzbürger (bourgeois)“, sondern „autonome[r] und zugleich sozial integrierte[r] Gesellschaftsbürger“, woraus sein Verantwortungsbewusstsein erwächst (Ulrich 2010: 92, 2016: 216, 290).

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
"Integrative Wirtschaftsethik" nach Peter Ulrich. Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Wissenschaftsdiskurse. Paradigmen der Wirtschafts-, Sozial- und Medienethik
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
36
Katalognummer
V455370
ISBN (eBook)
9783668860070
ISBN (Buch)
9783668860087
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Ökonomismus, „Reine“ ökonomische Vernunft, Sachzwangdenken, Gemeinwohlfiktion, lebensdienliche Ökonomie, Sinnfrage, Legitimationsfrage, „Orte“ der Moral des Wirtschaftens, Wirtschaftsbürgerethik, Unternehmensethik, Ordnungsethik, Philosophie, ökonomische Selbstbegrenzung, Konsument, Corporate Citizen, Wirtschaftsbürger, Individualethik, Institutionenethik
Arbeit zitieren
Nina Langer (Autor), 2017, "Integrative Wirtschaftsethik" nach Peter Ulrich. Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455370

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