Während Merkel sich 2015 mit dem Ausruf „Wir schaffen das!“ gegenüber einer offenen Zuwanderungspolitik optimistisch zeigte, wurden aufgrund des politischen Rechtsdrucks im Laufe ihrer Wahlperiode die Migrationsbewegungen nach Europa partiell eingedämmt. Den Höhepunkt bildete 2016 die Ausweitung des Prinzips des „sicheren Herkunftstaates“, worunter alle Länder eingestuft werden, in denen die Menschenrechtssituation so sicher ist, „nicht nach Leben oder Freiheit getrachtet“ wird, dass Personen aus solchen Herkunftsländern keinen Schutz in Deutschland benötigen. Derartige Rückschritte auf globaler Ebene deuten auf eine voranschreitende Auseinanderentwicklung von Ethik und Wirtschaft
Zunächst setzen die ersten beiden Kapitel als kritische Grundlagenreflexion der normativen Voraussetzungen der ökonomischen Vernunft an. Aufbauend auf der Kritik der vermeintlich „wertfreien“ ökonomischen Sachlogik und ihrer normativen Überhöhung zum Ökonomismus, wird im Anschluss eine ethisch fundierte regulative Idee ökonomischer Vernunft dargelegt. Unter den Kriterien teleologischer Lebensdienlichkeit und deontologischer Legitimität soll Wirtschaft und sein Verständnis von ökonomischer Effizienz im Rahmen des größeren Ganzen des guten Lebens und gerechten Zusammenlebens einer voll entfalteten Bürgergesellschaft eingebettet werden. Entlang der Trennlinie zwischen dem Ethos als subjektives Moralbewusstsein und der Ethik als deren normativ-kritischer Reflexion wird gemäß prägnanter philosophischer
Ansätze ein universelles Moralkonzept konzipiert, an dem der persönliche Lebensentwurf auszurichten ist. Herausgearbeitet wird ein Menschenbild fernab des egozentrischen „Homo oeconomicus“.
Im letzten Kapitel der Arbeit werden die praxisnahen „Orte“ wirtschaftsethischer Verantwortung bestimmt. Entsprechend des Titels „Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen“ werden im Hinblick auf die dialektische Verschränkung der Individualethik- und der Institutionenethik einerseits der Wirtschaftsbürger in seinem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Handeln und andererseits die rechtsstaatlich gesetzte Rahmenordnung des Marktes in nationaler sowie umrisshaft in transnationaler Hinsicht diskutiert. Den praktischen Bezugspunkt bildet der Wirtschaftsbürger als kritisch-reflektierender Konsument, in dessen Rolle exemplarisch dargelegt wird, wie wirtschaftliche Selbstbegrenzung umzusetzen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft
1.1 Sachzwangdenken: Die Entfesselung des Marktes
1.2 Gemeinwohlfiktion: Die Moral des Marktes
2. Die Klärung einer ethisch-gehaltvollen, lebensdienlichen Ökonomie
2.1 Sinnfrage: Die Wirtschaft und das gute Leben
2.2 Legitimationsfrage: Die Wirtschaft und das gerechte Zusammenleben
3. Die Bestimmung der „Orte“ der Moral des Wirtschaftens
3.1 Wirtschaftsbürgerethik: Der deliberative, integre Wirtschaftsbürger
3.2 Ordnungsethik: Die deliberative, vitalpolitische Ordnungspolitik
3.3 Der Konsument in seiner Verantwortung zur ökonomischen Selbstbegrenzung
4. Kritische Würdigung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der integrativen Wirtschaftsethik nach Peter Ulrich, um die dialektische Verschränkung von Individualethik und Institutionenethik im Hinblick auf den Wirtschaftsbürger in einer gerechten Bürgergesellschaft zu diskutieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Aushandlung des Spannungsfeldes zwischen tugendethischen Ansprüchen an Wirtschaftssubjekte und ihrer Zumutbarkeit im Rahmen einer rechtsstaatlich gesetzten institutionellen Ordnung.
- Kritische Analyse des ökonomischen Determinismus und der „reinen“ ökonomischen Vernunft.
- Bestimmung der normativen Grundlagen einer lebensdienlichen und legitimierten Ökonomie.
- Die Rolle des Wirtschaftsbürgers als deliberativer Akteur und verantwortungsvoller Konsument.
- Bedeutung der deliberativen Ordnungspolitik und institutioneller „Rückenstützen“ für moralisches Handeln.
Auszug aus dem Buch
3.1 Wirtschaftsbürgerethik: Der deliberative, integre Wirtschaftsbürger
Als oberste Instanz der republikanischen Politik und folglich einer lebensdienlichen Wirtschaftsordnung verkörpert, rückführend auf die Überlegungen nach Kant (1982a: 53, 55) und Habermas (1983: 103), die „kritische Öffentlichkeit aller mündigen Personen“ den ideellen „Ort“ der Moral, deren Teilnehmer das „räsonnierende Publikum“ mit ihrem Willen zum „öffentlichen Vernunftgebrauch“ darstellen: „Saperere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Der Mut zum eigenständigen Denken dient dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ und folglich dem Aufbruch der „Ohnmacht der Vernunft“ (Kant 1982a: 53; Ulrich 2010: 41, 2016: 97).
In der Rolle der kritischen Öffentlichkeit als ideale Kommunikationsgemeinschaft verankert ist das Selbstverständnis des Staatsbürgers mit seiner in dem Leitspruch „Ich partizipiere an der Res publica, also bin ich“ ausgedrückten Bereitschaft zur staatsbürgerlichen Mitverantwortung (Habermas 1983: 99; Ulrich 2016: 321, 324). Er erkennt den „öffentlichen Diskurs“ als „Ort“ der Moral zur „Vermittlung zwischen vernunftethischem Moralprinzip und rechtsstaatlicher Politik“ und somit zur Bestimmung wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Bedingungen unter denen moralische Ansprüche zuzumuten sind (Habermas 1991: 21; Ulrich 2016: 330). Aktiv beteiligt der Bürger sich an öffentlichen Debatten über gesellschaftlich anerkennenswerte Bedürfnisse und Präferenzen sowie deren Bedeutung für das Gemeinwohl. Die Quelle der Legitimität demokratischer Entscheidungen bilden dabei deliberative Prozesse, in der nicht quantitative Mehrheiten, sondern qualitativ aussagekräftige Argumentationsketten ausschlaggebend sind, um politische Uneinigkeiten zu einem kompromissfähigen Konsens zu führen und somit Interessenskonflikte zu lösen. Das regulative Prinzip und somit das oberste Gebot des öffentlichen Vernunftgebrauchs stellt dabei ein hinreichendes Maß an öffentlicher Transparenz privater Interessensverfolgung dar (Ulrich 2016: 339–341). Dahinter verbirgt sich das von Kant (1982d: 244–245) formulierte „transzendentale Prinzip der Publizität“, wonach jeder Anspruch nur öffentlich kundbar gemacht werden kann, wenn dieser gegenüber allen Betroffenen eine ethisch-vernünftige Rechtfertigungsfähigkeit besitzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Kritik der „reinen“ ökonomischen Vernunft: Das Kapitel hinterfragt die vermeintliche Wertfreiheit des Ökonomismus und zeigt auf, wie durch die einseitige Fixierung auf Effizienz ethische Dimensionen in der Wirtschaft ausgeblendet werden.
2. Die Klärung einer ethisch-gehaltvollen, lebensdienlichen Ökonomie: Hier wird ein normatives Fundament entworfen, das Wirtschaft als Mittel im Dienste menschlicher Lebensqualität definiert und durch die Konzepte von Sinn- und Legitimationsfragen einbettet.
3. Die Bestimmung der „Orte“ der Moral des Wirtschaftens: Dieses Kapitel analysiert die konkreten Institutionen und Akteure, insbesondere den Wirtschaftsbürger und die Rahmenordnung, durch die ethische Ansprüche in das ökonomische System integriert werden.
4. Kritische Würdigung und Ausblick: Die abschließende Betrachtung diskutiert die praktische Anwendbarkeit der integrativen Wirtschaftsethik und geht auf aktuelle Herausforderungen wie die Globalisierung und Digitalisierung ein.
Schlüsselwörter
Integrative Wirtschaftsethik, Peter Ulrich, Wirtschaftsbürger, ökonomische Vernunft, Bürgergesellschaft, Legitimität, deliberative Politik, Ordnungsethik, Marktmoral, Konsumentenverantwortung, Gemeinwohl, soziale Lebensqualität, Institutionenethik, Menschenbild, Vernunftethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die „Integrative Wirtschaftsethik“ nach Peter Ulrich und untersucht, wie wirtschaftliches Handeln wieder stärker an ethischen Maßstäben ausgerichtet werden kann, anstatt einer reinen Logik der Gewinnmaximierung zu folgen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Kritik am Ökonomismus, die philosophische Begründung einer lebensdienlichen Ökonomie, das Leitbild des mündigen Wirtschaftsbürgers sowie die Rolle einer deliberativen Ordnungspolitik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist die Untersuchung des Zusammenspiels zwischen individueller Ethik (Wirtschaftsbürger) und institutioneller Rahmenordnung, um eine stimmige Balance für eine gerechte Bürgergesellschaft zu finden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf der kritischen Reflexion wirtschaftsethischer Ansätze und der Interpretation philosophischer Grundlagen, insbesondere im Rahmen der Vernunftethik, basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik ökonomischer Sachzwanglogik, die Entwicklung eines ethisch fundierten Wirtschaftsverständnisses und die Bestimmung praktischer Orte der wirtschaftsethischen Verantwortung, wie etwa beim Konsumentenverhalten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Integrative Wirtschaftsethik, Wirtschaftsbürger, Legitimität, deliberative Ordnungspolitik, Lebensdienlichkeit und die Überwindung des Homo oeconomicus.
Wie unterscheidet sich der Ansatz des „reflektierenden Konsumenten“ vom Homo oeconomicus?
Während der Homo oeconomicus primär eigennutzorientiert agiert, hinterfragt der reflektierende Konsument sein Kaufverhalten kritisch auf soziale und ökologische Auswirkungen und ordnet sein Konsumhandeln dem Gemeinwohl unter.
Welche Rolle spielen „institutionelle Rückenstützen“?
Institutionelle Rückenstützen sind notwendig, um moralische Anforderungen an Wirtschaftsakteure umsetzbar zu machen, da sie den Rahmen bilden, der den Wettbewerbsdruck begrenzt und ethisches Verhalten erst ermöglicht.
Warum betont die Arbeit das „Ideal der Bürgergesellschaft“?
Das Ideal dient als normativer Ankerpunkt, um Wirtschaft als ein Subsystem zu begreifen, das den Bedürfnissen freier und gleicher Bürger unterworfen ist und nicht als autonomes System über der Gesellschaft steht.
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- Nina Langer (Autor), 2017, "Integrative Wirtschaftsethik" nach Peter Ulrich. Der Wirtschaftsbürger und seine institutionellen Rückenstützen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455370