In dieser Arbeit wird zunächst ein philosophisches Verständnis von Ästhetik dargelegt. In Bezug auf die Kommunikationswissenschaft stellen sich hier Fragen wie „Welche Erkenntnis ist schön?“ oder „Wann ist das Gewinnen von Erkenntnissen ‚schön‘?“. Im Anschluss daran soll ein Einblick in Nelson Goodmans semiotisch-analytische Betrachtungen von Ästhetik gegeben werden. Das philosophische Kapitel wird eine integrative Auseinandersetzung von Gabór Paál abschließen, der philosophische Überlegungen mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet.
Auf die Frage warum Menschen mediale Gewalt konsumieren, liefert die einschlägige Literatur unterschiedliche Antworten. Eine dieser Antworten befasst sich mit der ästhetischen Motivation zum Konsum von Gewalt in den Medien. Möchte man wissen, was Ästhetik in diesem Zusammenhang bedeutet, trifft man auf eine Fülle von Autoren und Disziplinen, die jeweils ein anderes Verständnis dieses Begriffes an den Tag legen.
Je nach Autor werden dem Begriff der Ästhetik unterschiedliche griechische Ausdrücke zugrunde gelegt und gedeutet. So stammt das Wort „Ästhetik“ laut Schmidt aus dem griechischen „Aistánesthai“, was so viel wie „wahrnehmen“ meint. Die Evolutionsbiologen Heerwagen und Orians leiten dieses „wahrnehmen“ vom griechischen Verb „aisthanomai“ ab. Scheer hingegen entlehnt „Ästhetik“ der „aisthesis“, wessen Bedeutung „Wahrnehmung“, „Gefühl“ oder „Verständnis“ sein kann.
Dieser kurze Abriss der semantischen Bedeutung von Ästhetik lässt erahnen, wie facettenreich dieser Begriff betrachtet werden kann. Grundsätzlich spielt in allen Definitionen der Ausdruck der Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Es wäre aber falsch zu behaupten, dass „Wahrnehmen“ von allen gleich verstanden wird. Es wird in den folgenden Abschnitten nicht die Hauptaufgabe sein, Ästhetik zu definieren. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche wissenschaftliche Ansichten über das Thema aufzuzeigen. Aufgrund der vielfältigen Literatur, die es zu diesem Thema gibt, bietet es sich an, lediglich einen ausgewählten Überblick aus verschiedenen Wissenschaften zu geben
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ästhetik in den unterschiedlichen Disziplinen
2.1. Ästhetik in den Kunst- und Geisteswissenschaften
2.1.1. Die Ästhetik Baumgartens
2.1.2. Die Semiotische Perspektive Nelson Goodmans
2.1.3. Gabór Paáls integrativer Ansatz
2.1.4. Kunstphilosophie oder Kunsttheorie
2.1.5. Rasa als indische Ästhetik
2.2. Ästhetik in den Naturwissenschaften
2.2.1. Evolutionsästhetik
2.2.2. Experimentelle Ästhetik
2.2.3. Neuroästhetik
2.3. Zusammenfassung
3. Gewalt
3.1. Mediale Gewalt
3.2. Ästhetik des Hässlichen
3.3. Zusammenfassung
4. Ästhetik und mediale Gewalt
4.1. Ästhetik der Gewalt
4.2. Ästhetik des Horrors
4.3. Ästhetik der Zerstörung
4.4. Ästhetisierung von Gewalt
5. Zusammenfassung und Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ästhetische Motivation hinter dem Konsum medialer Gewalt. Ziel ist es, durch die Analyse philosophischer, naturwissenschaftlicher und medienwissenschaftlicher Ansätze zu verstehen, wie Gewalt als ästhetisches Objekt wahrgenommen werden kann und welche Rolle die mediale Inszenierung dabei spielt.
- Semantische und philosophische Definitionen von Ästhetik
- Evolutionsbiologische und neuropsychologische Erklärungsmodelle
- Differenzierung zwischen Gewalt, Horror und Zerstörung im medialen Kontext
- Mechanismen der Ästhetisierung von Gewalt in Film und Medien
- Die Rolle der Medienkompetenz und Zuschauerpsychologie
Auszug aus dem Buch
2.1.2. Die Semiotische Perspektive Nelson Goodmans
Die semiotische Ästhetik beschäftigt sich mit der Untersuchung von Zeichen. Sie bedient sich dabei verschiedener sprachwissenschaftlicher Gegenstände wie, Konnotation, Denotation, Metaphern oder auch Smileys, die sich aus den sprachlichen Zeichen zusammensetzen und diesen eine ganz neue Bedeutung geben können (vgl. Metallinos 1998: 225). Nelson Goodman ist mit seinen symboltheoretischen Ansätzen zur Betrachtung von Ästhetik einer der Hauptvertreter der strukturalistischen semiotischen Ästhetik (vgl. Schmidt 2009: 60). In seinem Werk „Sprachen der Kunst“ (1995) versucht dieser eine Symbol- und Erkenntnisfunktion in den Künsten auszumachen (vgl. Spree 2003). Unter „Symbole“ versteht Goodman sowohl Wörter, Texte, Modelle und Karten, als auch Portraits und vieles mehr (vgl. Goodman 1995: 9). Zudem unterscheidet er in zwei Arten der Symbolisierung oder Bezugnahme. Die erste Form der Symbolisierung ist die Denotation. Denotation ist hier nicht als Bedeutungszuweisung eines Wortes oder sprachlichen Ausdrucks zu verstehen. Eine Form der Denotation ist die Repräsentation. Um zum Beispiel mittels eines Bildes einen Gegenstand repräsentieren zu können, muss keine Ähnlichkeit mit diesem bestehen. Ähnlichkeit ist für Goodman weder hinreichend noch notwendig für die Bezugnahme zum Gegenstand (vgl. ebd. 1995: 17). Goodman stellt fest, dass Künstler in ihren Kunstwerken einen Gegenstand nicht einfach nur kopieren, sondern dass eben jene Abbildung auch immer vom jeweiligen Blickwinkel, dem Symbolschatz, den jeder besitzt, beeinflusst wird: „Wenn wir einen Gegenstand repräsentieren, dann kopieren wir nicht solch ein Konstrukt oder eine Interpretation – wir stellen sie her“ (Goodman 1995: 20). Damit lässt sich die konstruktivistische Einstellung Goodmans erkennen. Die Welt wird für ihn anhand von Symbolen konstruiert. Dabei haben unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen auch einen unterschiedlichen Symbolfundus, anhand dessen sie ihre Welt rekonstruieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Motivation zum Konsum medialer Gewalt und führt in die facettenreiche, wissenschaftliche Begriffswelt der Ästhetik ein.
2. Ästhetik in den unterschiedlichen Disziplinen: Dieses Kapitel vergleicht philosophische, naturwissenschaftliche und indische Perspektiven, um ein breites Verständnis ästhetischer Erkenntnisleistungen zu etablieren.
3. Gewalt: Hier wird der Gewaltbegriff lexikalisch und wissenschaftlich definiert und von Aggression sowie struktureller Gewalt abgegrenzt.
4. Ästhetik und mediale Gewalt: Dieses Kapitel verbindet die ästhetischen Theorien mit der medialen Aufbereitung von Gewalt und untersucht Inszenierungsformen wie Horror und Zerstörung.
5. Zusammenfassung und Perspektiven: Die Arbeit resümiert die theoretischen Erkenntnisse und diskutiert kritisch die Notwendigkeit weiterführender empirischer Forschung zur ästhetischen Gewaltmotivation.
Schlüsselwörter
Ästhetik, Mediale Gewalt, Erkenntnistheorie, Evolutionsästhetik, Neuroästhetik, Semiotik, Nelson Goodman, Gabór Paál, Rasa-Theorie, Ästhetisierung, Filmrezeption, Medienkompetenz, Horror, Zerstörung, Rezeptionsästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ästhetische Motivation, die Menschen dazu bewegt, gewalthaltige Medieninhalte zu konsumieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit spannt einen Bogen von philosophischen Grundlagentheorien über naturwissenschaftliche und kognitive Aspekte der Ästhetik bis hin zur spezifischen Ästhetisierung von Gewalt in modernen Medien.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis darüber zu gewinnen, wie mediale Gewalt trotz ihres potenziell abstoßenden Charakters als "schön" oder "ästhetisch" rezipiert werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die interdisziplinäre Literatur aus Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaften und Kommunikationswissenschaft zusammenführt und kritisch reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Ästhetikbegriffs, eine Definition von Gewalt und die anschließende Synthese beider Felder in der medienwissenschaftlichen Analyse der Ästhetisierung von Gewalt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die "Ästhetik von unten", die "Rasa-Theorie", "Funktionslust", "Paradox der Hässlichkeit" sowie die "Ästhetisierung von Gewalt".
Welche Bedeutung hat die Rasa-Theorie in diesem Kontext?
Die Rasa-Theorie dient als indisches ästhetisches Konzept, das hilft, die Verbindung zwischen künstlerischer Produktion und rezipientenseitigem Genuss ganzheitlich zu erklären.
Was besagt das Paradox der Hässlichkeit?
Es beschreibt den Widerspruch, dass ästhetisch ansprechende Kunstwerke oft hässliche Inhalte thematisieren, was die Frage aufwirft, ob Schönheit ein notwendiger Maßstab für ästhetischen Wert ist.
- Citation du texte
- Mirco Gerstmann (Auteur), 2013, Theorien der Ästhetik und mediale Gewalt. Wie hängen sie zusammen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455382