Das Modell der strukturalen Textanalyse nach Roland Barthes


Hausarbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einf ü hrung in die strukturale Analyse von Erz ä hlungen

3. Die Weiterentwicklung und Verschiebung des Konzepts der strukturalen Erzählanalyse
3.1. S/Z
3.2. Die strukturale Erz ä hlanalyse. Zur Apostelgeschichte
3.3. Der Kampf mit dem Engel. Textanalyse der Genesis
3.4. Textanalyse einer Erz ä hlung von Edgar Allan Poe
3.5. Verschiebung

4. Fazit

I. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Roland Barthes nutzt den Strukturalismus in seiner ersten Publikation, den Mythen des Alltags (1957), zunächst als ideologiekritisches Mittel und wendet ihn erst später auf literarische Werke an.

Das Modell der strukturalen Analyse von Erzähltexten, dem sich Barthes zuwendet, soll ein rationales, intersubjektives, wissenschaftstheoretischen Normen folgendes Verfahren sein, dass Textinterpretationen hervorbringt, die die bisher eher subjektiv geprägten hermeneutischen Interpretationen ablösen.1 "Roland Barthes veranschaulicht den Unterschied zwischen hermeneutischer Interpretation und strukturalistisch-semiologischer Analyse metaphorisch durch die Opposition "malen" vs. "graben" [...]. Analyse bedeutet demnach in Abgrenzung von der quasi archäologischen Ausgrabung eines Sinns ein deskriptives Verfahren, das die Vernetzung der sprachlichen Zeichen als das Eigentliche der Aussage nachzeichnet, das Sprache nicht nur als Medium einer inhatlichen Aussage versteht."2 Grundlage der strukturalen Textanalyse ist die Kenntniss semiotischer Theorien und die Kompetenz für die Sprache des Textes, ihr Ziel ist die Rekonstruktion der logisch-semantischen Ordnung der Terme eines Textes.

"Barthes wants to etablish a 'trans-linguistics' [...], an interdisciplinary analysis of all signifying phenomena using the same unifying model."3 Bereits aber mit S/Z (1970), seiner zweiten Publikation zur strukturalen Textanalyse, wendet er sich von diesem Anspruch wieder ab und stellt der Vorgehensweise der Analyse die assoziative Lektüre gegenüber. Damit einhergehend entwickelt er eine neue Auffassung von Narration. So fordert er in der Einf ü hrung in die strukturale Analyse von Erz ä hlungen, dass alle Narrationen auf eine Struktur zurückgeführt werden sollen, während er in S/Z die Einmaligkeit und den Pluralismus des Sinns hervorhebt und das Konzept der strukturalen Analyse, wie er es selbst entworfen hat, somit verwirft. Durch diesen Wandel und die Radikalisierung des Strukturalismus gilt Roland Barthes als Begründer des Poststrukturalismus.

Die folgende Arbeit stellt die Arbeiten von Roland Barthes zur strukturalen Erzählanalyse vor, um die Verschiebung innerhalb dieser Arbeiten zu verdeutlichen. Während die ersten Texte und ihre Konzepte zur strukturalen Analyse einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, geht dieser zunehmend verloren. Diese Entwicklung von der Wissenschaft zur eher literarisch-assoziativen Auseinandersetzung mit diesem Konzept soll hier gezeigt werden. Die Arbeiten zur strukturalen Analyse sind dabei nur eine Auswahl und beschränken sich auf die zentralen Schriften Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen (1966), S/Z (1970) und die drei Analysen: Die struktuale Erzählanalyse. Zur Apostelgeschichte 10-11 (1971), Der Kampf mit dem Engel. Textanalyse der Genesis 32,23-33 (1972) und Textanalyse einer Erzählung von Edgar Allan Poe (1973). Dabei wird die Auseinandersetzung mit der Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen einen deutlich größeren Teil einnehmen, da Barthes sich hier zum Einen sehr deutlich und sehr ausführlich zum Modell äußert, zum Anderen bildet diese Schrift den Ausgangspunkt der strukturalen Analyse im Werk Roland Barthes' und ist somit auch Ausgangspunkt meines Vergleiches. Dabei kann jedoch keine der Schriften im Ganzen vorgestellt werden, vielmehr erfolgt eine Konzentration auf die zentralen Stellen der Theorie der strukturalen Analyse.

2.Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen

Roland Barthes Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen wurde im französischen Orginal 1966 in der Zeitschrift Communication veröffentlicht und kann als seine umfangreichste Äußerung zur strukturalen Erzählanalyse gelten.4 Barthes nutzt hier einen universalistischen Begriff von 'Erzählung', der alle Narrationen einschließt. Damit kann das Modell der strukturalen Erzählanalyse nach Barthes auf alle narrativen Texte, aber auch auf Narrationen in außerliterarischen Medien wie Film, Comic oder Malerei angewendet werden. Barthes strukturalistischer Ansatz ist zudem um eine neue Wissenschaftlichkeit im Bereich der Narratologie bemüht. So steht sein Modell der strukturalen Analyse den bis dato subjektiv geprägten Interpretationsansätzen oder jenen, die auf Kategorien, wie die des Autors zurückgreifen müssen, entgegen. Die Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen orientiert sich methodisch wie auch terminologisch an der Linguistik: Ausgangspunkt sind Überlegungen zu Satz, Diskurs, sowie zur Diskurslinguistik - insbesondere zur Theorie der Homologiebeziehung und dem strukturalistischen Modell der Aktantentypologie.

Die Grundlage des Analysekonzepts von Barthes ist die Einführung der Sinn- und Beschreibungsebenen, welche sich an der Theorie der Ebenen von Benveniste5 orientieren und auf folgende Idee zurückgreifen: "Jede Einheit, die einer bestimmten Ebene angehört, wird erst dann sinnvoll, wenn sie in die nächsthöhere Ebene integriert werden kann [...]." (107) In der Folge müssen zwischen den Ebenen Relationen erzeugt werden. Barthes unterscheidet dabei zwei Arten von Relationen: Die distributionelle Relation, die innerhalb einer Ebene fungiert und die integrative Relation als Verknüpfung zwischen den Ebenen, sodass in der strukturalen Analyse mehrere Beschreibungsinstanzen unterschieden und hierarchisch (und integratorisch) angeordnet werden müssen. Die Erzählung zu verstehen, bedeutet dann, ihre Hierarchieebenen zu erkennen. Barthes schlägt ein dreigliedriges Modell der Ebenen vor: die Ebene der Funktion als unterste Ebene, darüber die Ebene der Handlung und als oberste Ebene die Ebene der Narration.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Voraussetzung zur Bestimmung von Einheiten ist das strukturalistische Verständis der Narration als System und dieses wiederum als Kombination von Einheiten. Die Einheiten definieren sich dann als Segmente, die als Glied einer Korrelation auftreten. Das System - in diesem Fall die Erzählung- muss zerlegt und die entstandenen Segmente klassifiziert werden. Die Frage hierbei ist, ob jedes Element einer Erzählung funktionell ist und in der Folge die Erzählung vollständig zerlegbar ist. Barthes erläutert hierzu, dass Alles bedeutend sei, wenn auch in unterschiedlichen Graden. Auch das Sinnlose erhält als Sinnloses eine Funktion: "Das ist nicht eine Frage der Kunst (des Erzählers), sondern eine Frage der Struktur: In der Ordnung des Diskurses ist alles Erwähnte per definitionem erwähnenswert [...]." (109) Nähere Ausführungen hierzu macht er in seinem Essay Der Wirklichkeitseffekt (1968).6

Zur Ebene der Funktion zählt Barthes alles in der Narration, da "es in der Kunst kein Rauschen (im informationstheoretischen Sinn) gibt [...]."7 Diese erste Ebene erhält ihren Sinn jedoch erst, wenn sie eine Relation zur zweiten Ebene, der Ebene der Handlung aufbaut. Die Ebene der Funktion ist gleichzusetzten mit Klassen von Relationen. Barthes unterteilt die Ebene der Funktion desweiteren in zwei Klassen, in die distributionellen Einheiten, die Funktionen und die integrativen Einheiten, die Indizien. Während Funktionen systematisch operieren (Herstellung von Bezügen auf einer Ebene), operieren die Indizien paradigmatisch (Herstellung von Bezügen zwischen der Ereignisebene und einer weiteren Sinnebene). Die Funktionen sind wiederum in Kardinalfunktionen (Kerne) und Katalysen untereilt, während die Indizien in (echte) Indizien und

Informanten geteilt werden.

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Die Funktion als Klasse verweist als distributionelle Einheit auf einen ergänzenden oder folgegerichteten Akt. Kardinalfunktionen bilden das Grundgerüst der Erzählung, in dem sie Handlungsalternativen entscheiden, und werden durch Katalysen, Indizien und Informanten erweitert.8 Eine logische Folge von Kardinalfunktionen definiert sich als Sequenz, die eröffnet wird, wenn eines ihrer Glieder in Relation zu einem weiteren tritt und die abgeschlossen wird, wenn eines ihrer Glieder keine weitere Relation zu einem folgenden Glied besitzt. Die Katalysen als zweite Unterklasse der Funktionen beschreibt Barthes als 'Zusatzinformationen' (Vgl. 113). Sie füllen den Raum zwischen den 'wichtigen' Informationen der Erzählung aus.

Die Indizien als integrative Klasse der Einheiten verweisen auf einen Begriff, der für den Sinn der Narration notwendig ist. Dabei können auch mehrere Indizien auf dasselbe Signifikant verweisen. Als integrative Klasse können sie nur Sinn erhalten, wenn sie auf einer höheren Ebene - der Ebene der Protagonisten oder auf der Ebene der Narration - vervollständigt werden. Die (echten) Indizien als Unterklasse können auf Charakter, Gefühl, Atmosphäre, Philosophie verweisen. Sie besitzen immer implizite Signifikate. Die Informanten dagegen bieten "reine, unmittelbar signifikante Angaben" (114) und dienen innerhalb der Erzählung dem Zurechtfinden in Zeit und Raum.

Die Frage des Protagonisten ist innerhalb der Forschung zur strukturalen Textanalyse unbefriedigend beantwortet worden. Protagonisten werden meist über die Partizipation an den Sphären der Handlung oder weiterhin psychologisch definiert, teilweise blieben sie in der Analyse unberücksicht. Aber selbst das umfangreichere Matrixmodell nach Greimas kann der Vielfältigkeit der Narration - insbesondere der Darstellung von Perspektiven - nicht gerecht werden.9 Barthes plädiert als Konsequenz für einen strukturalen Status der Protagonisten. Der Protagonist sei für die Erzählung notwendig und damit auch unverzichtbare Beschreibungsebene in der strukturalen Analyse.10 Seine Ausführungen bleiben hier jedoch allgemeiner und skizzenhaft. "Eine Typologie verschiedener Aktanten oder eine Matrix bestimmter Aktantenkonstellationen entwickelt er [...] nicht und verweist lediglich auf dieses Forschungsdesiderat und auf die diesbezüglich entwickelten - in seinen Augen aber noch nicht gänzlich ausgereiften - Modelle [...]."11

Roland Barthes fasst die Erzählung als spezialisierte Form des Kommunikationsmodells nach Shannon und Weaver auf. Zwar wirkt der Erzähler in der literarischen Narration scheinbar dominanter, aber "[...] wenn der Erzähler in der »Darstellung« aussetzt und Tatsachen berichtet, die ihm vollständig bekannt sind, aber dem Leser unbekannt sind, entsteht durch eine signifikante Leerstelle ein Zeichen der Lektüre [...]" (126) und der Leser tritt hervor. Zur Frage des Adressaten revidiert Barthes bisher geläufige Modelle und führt die klare Trennung zwischen Erzähler und Autor ein, die er ein Jahr später in seiner Publikation La mort de l'auteur (1967) konkretisiert.12 Denn "[...] die Zeichen des Erzählers sind der Erzählung immanent und infolgedessen einer semiologischen Analyse vollständig zugänglich [...]" (127), ein Bezug auf den Autor ist somit gänzlich unnötig. Weitere Ausführungen zur Ebene der Narration widmen sich der Erzählsituation, den Zeichensystemen der Erzählung und dem narrativen Code. "Deutlich wird, weshalb er die Ebene der Funktionen und der Handlungen in die dritte einmünden lässt: Denn erst unter Rückbezug auf diesen narrativen Code [...] erhalten sie ihre Bedeutung. [...] Die unteren Ebenen

[...]


1 Titzmann, Michael: Aspekte der sturkturalen Textanalyse. In: Methoden der Textanalyse, hg.v. Wolfgang Klein, Heidelberg 1977, S. 36.

2 Kafitz, Dieter: Literaturtheorien in der textanalystischen Praxis, Würzburg 2007, S. 49 f.

3 Rylance, Rick: Roland Barthes, London u.a. 1994, S. 37.

4 Barthes, Roland: Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen. In: Das semiologische Abenteuer,Frankfurt am Main 1988, S. 102-143.

5 Benveniste, Èmile: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, Frankfurt am Main 1977.

6 Barthes, Roland: Der Wirklichkeitseffekt. In: Das Rauschen der Sprache, Frankfurt am Main 2005, S. 164-172.

7 Barthes, Roland: Einführung in die strukturale Analyse von Erzählungen, S. 110.

8 Die Kerne sind hochgradig funktionell. Die Funktionalität der weiteren Unterklassen ist gering und dennoch größer als Null, bei der Klasse der Informanten beispielsweise, um die Fiktion der Narration im Wirklichen einzubetten und so als Gewähr für die 'berichtete Realität' zu dienen. (Vgl. 115)

9 Tomaschewski spricht dem Protagonsiten die narrative Bedeutung ab und auch Propp nimmt den Protagonisten zwar in seine Märchenanalyse auf, reduziert ihn aber auf eine einfache Typologie. In Todorovs Analyse des psychologischen Romans Die gef ä hrliche Liebschaft werden die Protagonisten über Beziehungen analysiert. Greimas teilt den Status der Protagonisten dann nach ihren Handlungen ein und entwirft somit das Matrixmodell der Aktanten. Eine weitere Problemstellung, die nach Barthes Ansicht jedoch weiter unbearbeitet bleibt, ist die Frage nach dem Stellenwert des Subjekts. Der Satz, auf den die strukturale Analyse aufbaut, benötigt ein grammatisches Subjekt. Würde man diese Notwendigkeit in die Erzählanalyse übernehmen, wäre allerdings eine Ungleichheit der Akteure die Folge.

10 Eine mögliche Klassifizierung der Protagonisten nimmt allerdings auch Barthes nicht vor. Sie sei problematisch, da Personen historisch auf Gattungen beschränkt bleiben und weil sie oftmals nur kritische Rationalisierungen einer Epoche sind.

11 Brune, Carlo: Roland Barthes. Literatursemiologie und literarisches Schreiben, Würzburg 2003, S. 130.

12 Barthes, Roland: Der Tode des Autors. In: Texte zur Theorie der Autorschaft, hg. v. Fotis Jannidis u.a., Stuttgart 2000, S. 181-193.

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Details

Titel
Das Modell der strukturalen Textanalyse nach Roland Barthes
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Germanistik)
Veranstaltung
Roland Barthes
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V455581
ISBN (eBook)
9783668866294
ISBN (Buch)
9783668866300
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roland Barthes, Strukturalismus, Textanalyse, strukturale Erzählanalyse
Arbeit zitieren
Tina Grahl (Autor), 2010, Das Modell der strukturalen Textanalyse nach Roland Barthes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455581

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