Dirk von Petersdorff thematisiert in seinem Aufsatz „Ich soll nicht zu mir selbst kommen“. Werther, Goethe und die Formung moderner Subjektivität, der im Goethe-Jahrbuch 2006 erschienen ist, die gesellschaftlichen Veränderungen des 18. Jahrhunderts und führt diese mit dem Beispiel des Werthers und mit der Biographie des Autors Johann Wolfgang Goethes eng. Konkret benennt er dabei das 18. Jahrhundert als Beginn der Moderne, greift damit also auf den weit gefassten Moderne-Begriff zurück.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dirk von Petersdorff: „Ich soll nicht zu mir selbst kommen“
2.1.1. Natur
2.1.2. Liebe
2.1.3. Gesellschaft
2.2. Fazit des Aufsatzes
3. Kritische Diskussion
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert den Aufsatz von Dirk von Petersdorff über die Identitätsproblematik in Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“. Ziel ist es, von Petersdorffs systemtheoretische Untersuchung zu rekonstruieren, kritisch zu hinterfragen und in den Kontext der Identitätsforschung einzuordnen.
- Systemtheoretische Betrachtung der Identitätsfindung
- Analyse der drei Systeme: Natur, Liebe und Gesellschaft
- Identitätsexperiment Werther versus Lebensführung Goethes
- Methodische Kritik an der biographischen Perspektive
- Reflexion über Selbstreflexion und gesellschaftlichen Wandel
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Natur
Das System der Natur kann für Werther Gott und Metaphysik ersetzten, also als Ersatz der höheren Ordnung fungieren, in der sich „eine Analogie von Mensch und Umwelt“ entfalten kann und der Mensch sich als Teil der Natur, das heißt als Teil des Ganzen erfahren kann. So sieht sich Werther bei seinen Aufenthaltes in Wahlheim bewusst als Gegensatz zum modernen Menschen, der durch seine Eingebundenheit in die gesellschaftliche Teilung kaum noch eine Möglichkeit zu dieser ganzheitlichen Erfahrung hat, wie sie Werther macht. Das System der Natur ist für Werther prinzipiell zur Selbstdeutung geeignet.
Das voranginge Problem Werthers, das zum Scheitern einer dauerhaften Identitätsbildung im System Natur führt ist seine Subjektivierung der Natur. „Da sie das Individuum integrieren und sichern, ein ihm Äußeres sein soll, wirken subjektive Anteile an ihrer Beschreibung und Deutung kontraproduktiv.“, denn „[w]as zunächst für die besondere Enge der Beziehung zwischen Ich und Außenwelt spricht, unterläuft gerade die Funktion der Stabilisierung.“ Die Natur erscheint somit nicht länger als Ordnung oder als für sich bestehendes System, sondern in der individuellen Betrachtung Werthers vielmehr als Stimmung. Es kommt ferner auch zu unterschiedlichen Wahrnehmungen, beziehungsweise Bewertungen der Natur durch Werther. Die Naturerfahrung kann sich für Werther aus diesem Grund nicht als stabil erweisen und folglich keine Möglichkeit zur Identitätsbestimmung bieten.
Goethes Bezug zum System Natur gestaltet sich dagegen über die Objektivierung der Natur. Die Objektivität benötigt eine empirische Basis, die bei Goethe in der Rezeption naturwissenschaftlicher Schriften und Naturstudien zu finden ist. Durch sie kann sich das Bild der Natur festigen und die Natur kann sich vom Subjekt lösen und diesem als Externum Sicherheit geben. So versteht Goethe das Gewalt- und Zerstörungspotential der Natur, das Werther als Konkurrenz und Kampf deutet und negativ bewertet, als Antwort auf die Zeitlichkeit und den Tod.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problemstellung von Dirk von Petersdorff hinsichtlich der Identitätsfindung Werthers in der Moderne und Einführung in die methodische Herangehensweise.
2. Dirk von Petersdorff: „Ich soll nicht zu mir selbst kommen“: Darstellung der Identitätsversuche Werthers in den Systemen Natur, Liebe und Gesellschaft sowie die Gegenüberstellung mit Goethes eigener Lebensführung.
2.1.1. Natur: Untersuchung, warum Werther durch die Subjektivierung der Natur an einer stabilen Identitätsbildung scheitert, während Goethe eine objektivierende Perspektive einnimmt.
2.1.2. Liebe: Analyse der Unfähigkeit Werthers, im System der Liebe eine dauerhafte emotionale Kompensation für die Modernitätsfolgen zu finden, im Gegensatz zu Goethes mehrdimensionaler Liebeskonzeption.
2.1.3. Gesellschaft: Betrachtung des Scheiterns Werthers bei der Integration in die gesellschaftliche Ordnung, während Goethe seine Rolle durch eine bewusste Fächerung seines Ichs am Hof stabilisiert.
2.2. Fazit des Aufsatzes: Zusammenfassung der Thesen von Petersdorffs, wonach Werther die Moderne primär als Sinn- und Einheitsverlust erfährt und an der Kohärenzbildung scheitert.
3. Kritische Diskussion: Methodische und inhaltliche Auseinandersetzung mit von Petersdorff, insbesondere hinsichtlich der problematischen biographischen Argumentation und der Vernachlässigung der Selbstreflexion.
4. Resümee: Abschließende Einordnung des Aufsatzes als innovativen, wenngleich kritisch zu betrachtenden Beitrag zur Identitätsforschung im Werther.
Schlüsselwörter
Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Dirk von Petersdorff, Identität, Identitätsexperiment, Systemtheorie, Moderne, Subjektivität, Pluralisierung, Natur, Liebe, Gesellschaft, Selbstreflexion, Literaturwissenschaft, Identitätsfindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und kritisiert einen literaturwissenschaftlichen Aufsatz von Dirk von Petersdorff, der sich mit der Identitätskrise der Hauptfigur in Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ auseinandersetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Mittelpunkt stehen die Identitätskonstruktion in der Moderne, die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse des 18. Jahrhunderts und die systemtheoretische Deutung literarischer Identitätsentwürfe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Rekonstruktion der Thesen von Petersdorffs sowie eine kritische Prüfung seiner methodischen Vorgehensweise und Argumentationslogik.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor des Aufsatzes nutzt die systemtheoretische Literaturwissenschaft, während die vorliegende Arbeit eine textimmanente Analyse sowie eine methodenkritische Diskussion vornimmt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der drei Identitätssysteme (Natur, Liebe, Gesellschaft) bei Werther und Goethe sowie eine anschließende kritische Diskussion der Argumente von Petersdorffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identität, Systemtheorie, Werther, Moderne, Subjektivität, Gesellschaftswandel und Literaturwissenschaft.
Warum scheitert Werther laut der Analyse bei der Identitätsfindung?
Werther scheitert an der Subjektivierung seiner Umwelt und an seiner Unfähigkeit, eine stabile, von seinem Inneren distanzierte Identität aufzubauen, da er an einem idealisierten, absoluten Ich-Begriff festhält.
Wie bewertet die Arbeit die biographische Perspektive von Petersdorffs?
Die Arbeit kritisiert diesen Ansatz als unnötig und methodisch zweifelhaft, da er den systemtheoretischen Ansatz schwächt und die literarische Figur Werther auf ein reines Spiegelbild Goethes reduziert.
- Citation du texte
- Tina Grahl (Auteur), 2010, Eine Analyse des Aufsatzes "Ich soll nicht zu mir selbst kommen". "Werther, Goethe und die Formung moderner Subjektivität" von Dirk von Petersdorff, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455583