Sozialraumorientierte Arbeit im Jugendamt. Angebotsentwicklung und Etablierung

Am Beispiel eines Projektes des Sozialraumteams im Bezirksjugendamt Köln-Nippes


Bachelorarbeit, 2018
75 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

Begriffe - Definitionen

2 Das Jugendamt
2.1 Bezirksjugendamt Köln-Nippes
2.2 Gesetzliche Grundlagen
2.3 Abteilungen und Zuständigkeiten
2.3.1 Allgemeiner-Sozialer-Dienst
2.3.2 Interkultureller-Dienst
2.3.3 Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst
2.3.4 Wirtschaftliche-Jugendhilfe
2.3.5 Sozialraumorientierte Jugendhilfe der Stadt Köln – Sozialraumteam
2.4 Zwischenfazit

3 Gemeinwesenarbeit / Sozialraumorientierung
3.1 Geschichtlicher Hintergrund
3.2 Micro-, Meso-, Makroebene in Bezug auf Sozialraumorientierung
3.3 Betrachtung des physischen Raum
3.4 Gemeinwesenarbeit
3.5 Sozialraumorientierte Arbeit
3.6 Die fünf zentralen Handlungsprinzipien nach Hinte
3.6.1 Orientierung an Interesse und Wille, in Abgrenzung zum Wunsch
3.6.2 Unterstützung von Eigeninitiative und Selbsthilfe
3.6.3 Orientierung an den Ressourcen der Menschen und des Sozialraums
3.6.4 Zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegte Aktivitäten
3.6.5 Kooperation und Koordination
3.7 Fallspezifische-, fallübergreifende- und fallunspezifische Arbeit
3.8 Zwischenfazit

4 Sozialraumorientierte Angebotsentwicklung der Stadt Köln
4.1 Prinzipien des Instituts für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit (ISSAB)
4.2 Rahmenkonzept der Stadt Köln
4.2.1 Hintergrund
4.2.2 Die Grundidee des Rahmenkonzepts
4.2.3 „Lebenswerte Veedel - Bürger- und Sozialraumorientierung in Köln“
4.3 Korrelation des Rahmenkonzepts mit den Handlungsprinzipien Hintes
4.3.1 Wunsch und Wille
4.3.2 Eigeninitiative und Selbsthilfe
4.3.3 Orientierung an den Ressourcen der Menschen und des Sozialraums
4.3.4 Zielgruppen- und bereichsübergreifend angelegte Aktivitäten
4.3.5 Kooperation und Koordination
4.4 Zwischenfazit

5 Praxisbeispiel - Angebotsentwicklungen Köln-Nippes
5.1 Angebotsentwicklung – Vorgaben der Stadt Köln
5.2 Das Angebot „Müttertreff“
5.2.1 Zielgruppe erreichen
5.2.2 Handlungsziele des Angebots
5.2.3 Angebotsinhalt
5.2.4 Zeitrahmen des Angebots
5.3 Korrelation und Etablierung des Projekts
5.4 Methoden und Schlüsselkompetenzen
5.5 Das Angebot / Projekt heute
5.6 Zwischenfazit

6 Kritische Betrachtung

7 Fazit / Beantwortung der Fragestellung

8 Literatur- / Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Schematische Darstellung, Projekt – Angebot . 9

Abb. 2: Organigramm Bezirksjugendämter der Stadt Köln, Quelle: (Bähr, 2017)

Abb. 3: Sozialrechtliches Leistungsdreieck, Quelle: (Bähr, 2017)

Abb. 4: Eigene Darstellung Sozialraumteam

Abb. 5: Eigene Darstellung der sozialraumorientierten Ebenen

Abb. 6: Eigene schematische Darstellung, schwache und starke Beziehungen

Abb. 7: Eigene Schematische Darstellung Sozialraumorientierter Arbeit

Abb. 8: Eigene Schematische Darstellung; Fallarbeit im sozialen Raum

Abb. 9: Eigene schematische Darstellung; Bezug Hinte - ISSAB - Stadt Köln

Abb. 10: Schematische Darstellung; Check zu Standards und Verfahrensschritten

Abb. 11: Sozialraumorientierte Koordination

Abb. 12: Kommunikationsmodell Rahmenkonzept

Abb. 13: Darstellung „Ressourcenorientierung“ ASD, Quelle: (Stadt Köln, 2014)

Abb. 14: Aufbauplan sozialraumorientierter Projekte (Angebote)

Abb. 15: Von der Technik über Methode, Konzept und Angebot bis zum Projekt

Hinweis zum geschlechterspezifischen Sprachgebrauch

Die zu Recht gestiegene Sensibilität für die geschlechtsspezifischen Feinheiten der deutschen Sprache stellt jeden Schreibenden vor die Frage wie es gelingen kann eine gendergerechte Sprache zu benutzen ohne den Lesefluss durch die amtlich korrekte Schreibweise der Doppel Denomination (z.B. die Sozialpädagoginnen / den Sozialpädagogen o.Ä.) zu beeinträchtigen. Diese blähen einen Text nicht nur ohne Zugewinn an Substanz auf, sondern „diskriminieren“ Menschen mit eingeschränkter Sehkraft, worauf mich ein Kommilitone mit eben dieser Behinderung aufmerksam machte oder auch die Gruppe der geschlechtlich nicht definierten Personen. Da es z.Zt. noch keinen Königsweg gibt habe ich mich entschieden, teils die weibliche, teils die männliche Form in unsystematischem Wechsel zu verwenden. In beiden Fällen sind alle anderen Geschlechter selbstverständlich immer mitgemeint.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung und Fragestellung

Ist Sozialraumorientierte Arbeit der Königsweg für die Kinder- und Jugendhilfe?!

Seit Jahren bestimmt der Diskurs über die Sozialraumorientierung die Diskussion der Sozialen Arbeit. Unter dem Begriff „Sozialraumorientierung“ wird inzwischen eine Kombination aus vielfältigen sowohl tradierten als auch innovativen Methoden, Handlungsprinzipien und Konzepten zusammengefasst, die eine Neuausrichtung der Sozialen Arbeit hinsichtlich Struktur, Organisation und fachlich-theoretischem Background impliziert.

Unzählige Artikel und Vorträge haben sich der Frage gewidmet, was Sozialraumorientierung ist, was sie bewirkt und wie sie bestmöglich praktisch umgesetzt wird. Diese Fragen habe ich mir während meines sechsmonatigen berufsorientierten Praktikums im Bezirksjugendamt Köln-Nippes ebenfalls wiederholt gestellt, besonders wenn ich an den Sitzungen des Sozialraumteams teilnahm. Aus dieser Intention heraus habe ich mich bei der Auswahl des Themas meiner Bachelorarbeit für die nähere Untersuchung eines Aspektes der Sozialraumorientierte Arbeit im Jugendamt entschieden.

Im Bereich der „Hilfen zur Erziehung“, basierend auf dem Sozialgesetzbuch (SGB) VIII (§§ 27 ff. SGB VIII), werden effektive und effiziente Arbeits- und Organisationsstrukturen immer notwendiger, um den sich ständig erweiternden rechtlichen und fachlichen Vorgaben und Zielen gerade in einer Großstadt mit entsprechenden Bedarfen wie der Stadt Köln entsprechen zu können. Der dadurch ausgelöste steigende Reformdruck bewog die Verantwortlichen eine Lösungsstrategie mit einem zweckdienlichen konzeptionellen Ansatz für die Jugendhilfe der Stadt Köln zu eruieren. Hier kristallisierte sich als „Lösungsstrategie“ für die Jugendhilfe der Stadt Köln der „Sozialraumorientierte Ansatz“ als Favorit heraus und letztendlich entschied sich die Stadt Köln im Jahr 2005 das Fachkonzept Sozialraumorientierung im Rahmen eines multifunktional, vernetzten Personalentwicklungs- und Organisationsumbaus umzusetzen. Daraus wurde in verschiedenen Iterationen ein Rahmenkonzept als Leitfaden für die konkrete Umsetzung entwickelt.

Die Einführung der „Sozialraumorientierten Vernetzung der Jugendhilfe“ im Amt für Kinder, Jugend und Familie eröffnete den Mitarbeiterinnen des Allgemeinen Sozialen Dienst und der kooperierenden Jugendhilfeträger1 neben der standardisierten und verbindlichen kollegialen Beratung im Rahmen der Einzelfallhilfe auch die Möglichkeit, fallübergreifende und fallunspezifische Unterstützungsbedarfe im Sozialraum bzw. im Sozialraumgebiet2 (näher beschrieben unter Kapitel 4.2.34.2) durch spezifische Projekte abzudecken.

Mit der vorliegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt anhand einer beispielhaften Angebotsentwicklung und -etablierung zu untersuchen, ob und wie es dem Jugendamt Köln unter Verwendung Sozialraumorientierter Handlungsprinzipien gelingt eine reflektierbare, fachlich nachvollziehbare Implementierung im Rahmen der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit erfolgreich umzusetzen. Dabei geht es nicht darum, die Realisierbarkeit der konzeptionellen Umsetzung und/oder deren Ansätze in Frage zu stellen, sondern um resümierte Erkenntnisse aus der Angebotsentwicklung und darin inkludiert, perspektivisch Empfehlungen für eine erfolgversprechende Umsetzung geben zu können.

Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich mich in dieser Arbeit der folgenden Frage gewidmet:

„Wie werden theoretische Ansätze der Sozialraumorientierung, konkret bezogen auf die Handlungsprinzipien nach Hinte, in praktische Angebotsentwicklung und -etablierung umgesetzt?“

Dargestellt und untersucht am Beispiel des Projekts „Müttertreff“ des Jugendamtes der Stadt Köln.

Der Einstieg in diese Thematik beschreibt den Aufbau des Jugendamtes Köln auf institutioneller Ebene sowie den gesetzlichen Grundlagen, die Abteilungen des Jugendamtes und deren Zuständigkeiten runden dieses Kapitel ab.

Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit beschreibt die Grundlagen der „Sozialraumorientierten Arbeit“. Das Ziel dieses Kapitels ist es, die im theoretischen Diskurs „historisch gewachsene“ Sozialraumorientierung vor einem konzeptionellen Hintergrund zu erläutern.

Im Weiteren wird der Begriff „Sozialraum“ bezüglich seiner Repräsentation in verschiedenen Handlungsebenen sowie dem physischen Raum beschrieben um im Folgenden die Dimensionen der Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit im Kontext Sozialraumorientierter Arbeit einordnen zu können. Sodann wird ein Überblick über die theoretischen und konzeptionellen Wurzeln von der Gemeinwesenarbeit bis zur Sozialraumorientierung dargestellt. Besonderes Augenmerk gilt hier dem Kapitel 3.6, das sich mit den fünf zentralen Handlungsprinzipien der Sozialraumorientierung nach Hinte beschäftigt, da diese als essentielle Grundlage für die Entwicklung des sozialraumorientierten Rahmenkonzepts der Stadt Köln und somit implizit auch der Angebotsentwicklung genutzt wurden.

Abgerundet wird diese Thematik durch die differenzierte Beschreibung der fallspezifischen-, fallübergreifenden- und fallunspezifischen Arbeit in Bezug auf die Kinder- und Jugendhilfe. Dieses bildet sodann eine fundierte Wissensgrundlage für die weiterführende Sozialraumorientierte Angebots- und/oder Projektentwicklung. Diese Wissensgrundlage bildet gemeinsam mit dem in den vorangegangenen Kapiteln entwickelten Verständnis der komplexen Zusammenhänge die Basis für das Schwerpunktthema dieser Bachelorarbeit in Kapitel 4.

Im Kapitel 4 wird der institutionelle, konzeptionelle, instrumentelle und methodische Weg in Richtung Sozialraumorientierte Angebotsentwicklung dargestellt. Hier liegt der Schwerpunkt auf der detaillierten Korrelation des Rahmenkonzepts der Stadt Köln mit den fünf Handlungsprinzipien nach Hinte (s. hierzu Abb. 10, Seite 39).

Um die theoretischen Grundlagen ebenso wie die Konzeptgestaltung am praktischen Erfahrungshintergrund der Angebotsentwicklung und -etablierung spiegeln zu können werden die konkreten Vorgaben der Stadt Köln und ein auf dieser Basis etabliertes Angebot als Praxisbeispiel im folgenden Kapitel dargestellt.

Ein besonderer Kernpunkt liegt hier auf dem Kapitel 5.3 das sich mit der Korrelation des Projekts „Müttertreff“ zu den theoretischen Handlungsprinzipien nach Hinte beschäftigt. Es wird aufgezeigt, wie sich das Angebot durch die erfolgreiche Angebotsentwicklung letztendlich als Projekt im Sprachgebrauch dieser Arbeit etablierte und den organisatorischen Rahmen weiterer Angebote bildete. Durch die Aufführung der im Rahmen der Angebotsentwicklung und -etablierung verwendeten Schlüssel- und Handlungskompetenzen sowie Methoden wird abschließend der sozialräumliche Kontext etabliert. Hieraus wurde Zielentsprechend ausführlich der Aufbau einer Sozialraumorientierten Angebotsentwicklung der Stadt Köln mitsamt konzeptionellen Inhalten, u.a. anschaulich dargestellt anhand eines Schalenmodells, entwickelt. Dieses umfasst die theoretisch akzentuierten Implementierungsvoraussetzungen sozialraumorientierter Arbeit wie sie im Jugendamt Köln umgesetzt werden und greift das Thema dieser Bachelorarbeit in seinem komplexen Aufbau auf, stellt die relevanten Instrument in einen Zusammenhang, beantwortet die eingangs gestellte Frage und unternimmt den Versuch einer Beantwortung der aufgestellten These der Sozialraumorientierung als Königsweg der Kinder- und Jugendhilfe. Final wird mit einer kritischen Betrachtung und dem Fazit dieser Bachelorarbeit abgeschlossen.

Begriffe - Definitionen

Konzept - Projekt - Angebot - Methode

Da es sich in dieser Arbeit bei den verwendeten Begriffen wie Konzept, Angebot, Projekt und Methode um Termini handelt, die auch in der Alltagssprache durchaus geläufig sind kann davon ausgegangen werden das der Leser dieser Arbeit eine individuelle Interpretation dieser Begriffe besitzt. Daher werden diese Begriffe, um ein gemeinsames Verständnis zu etablieren für den Kontext dieser Arbeit im Folgenden kurz definiert:

Konzept

Die von sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Institutionen genutzten Konzepte bilden die Grundlage derer Angebote. (vgl. Schilling & Zeller, 2007, S. 48-53) Unter Konzept versteht man demnach ein Handlungsmodell, in dem Ziele, Inhalte, Methoden und Verfahren (Techniken) in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht werden. (vgl. Geißler & Hege, 1995, S. 23)

Projekt

Ein Projekt wird definiert als ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Vorgaben bezüglich Zeit, Ressourcen und Qualität ein Projektziel zu erreichen.

Das Projektziel bestimmt demnach das strategische Vorgehen. Darauf basieren die notwendigen Prozesse / Tätigkeiten und die hilfreiche Grundstruktur, welche den Umgang mit den Ressourcen festlegen. (vgl. Voigt, 2018)

Die im Rahmen der sozialen Arbeit und auch im Rahmen dieser Bachelorarbeit verwendete Definition eines Projekts geht im Sinne der zeitlichen Begrenzung und der Einmaligkeit nicht konform mit der allgemeinen Definition. Hier wird sich des Begriffs im Sinne der thematisch / organisatorischen Abgrenzung vom „Normalfall“, also mit der Bedeutung, dass es „etwas Besonderes“ sei, bedient. Die Bezeichnung Projekt wird außerhalb dieser Arbeit im sozialen Kontext weiterhin verwendet, um „alternative Lebensweisen, karitative Einrichtungen oder gemeinnützige Organisationen usw.“ zu beschreiben wie z. B. „Wohnprojekt“, „Arbeitslosenprojekt“ oder „Integrationsprojekt". Die in diesen Bereichen häufig vorzufindende sogenannte Projektfinanzierung der öffentlichen Hand für begrenzte, allerdings immer wieder neu zu beantragenden Vorhaben, hat diese Namenskonvention wohl begünstigt wie z. B. für sogenannte ständige Projekte sozialer Einrichtungen. (vgl. Geißler & Hege, 2007)

Angebot

So definiert das Gabler Wirtschaftslexikon ein Angebot als „Menge an Gütern i.w.S., die zum Verkauf oder Tausch angeboten wird. Als wichtigste Determinante des Angebots wird der Preis angesehen.“ (Wohltmann, 2018) Im Rahmen der sozialen Arbeit wird unter einem Angebot zumeist eine für den Klienten kostenfreie Bereitstellung einer Dienstleistung im Sinne eines kostenfinanzierten Beratungs-, Hilfs-, Betreuungs-, Bildungs- oder Gesprächsangebot verstanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Darstellung, Projekt – Angebot

In dieser Arbeit wird demnach der Begriff Angebot im Sinne eines „Vorschlags für Klienten“ innerhalb eines Projektes genutzt.

Methoden / (Handlungs-) Kompetenzen

Methoden

In der Sozialarbeit wird bislang der Methodenbegriff eher unklar und vieldeutig benutzt. Bis in die 60er Jahre hinein wurden als klassische Methoden der Sozialarbeit die Einzelfallhilfe, die Gruppenarbeit und die Gemeinwesenarbeit definiert. Zusätzlich wird der Methodenbegriff heutzutage auf drei Ebenen (Micro-, Meso-, und Makroebene) differenziert, (vgl. Schilling, 1995, S. 75) auf die im Kapitel 3.2 näher eingegangen wird.

Methoden der Sozialen Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen sozialpädagogischer / sozialarbeiterischer Konzepte, die auf eine planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen und die dahingehen zu reflektieren und zu überprüfen sind, inwieweit sie dem Gegenstand, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Interventionszielen, den Erfordernissen des Arbeitsfeldes, der Institutionen, der Situation sowie den beteiligten Personen gerecht werden. (Galuske, 2011, S. 33)

Nicht zu verwechseln ist dieser Begriff mit der Didaktik, wo es um das Was und Warum geht, beschäftigt sich die Methodik mit der Fragestellung Wie und Womit. Methoden haben die Aufgabe, die Kommunikationsbedingungen und Lernchancen wie Lernschritte zu untersuchen und darzustellen. (vgl. Giesecke, 1973, S. 8) Es geht darum herauszufinden wie der Mensch lernt und welche methodischen Schritte der Lern-Helfer zur Umsetzung der zu erreichenden Ziele einsetzen sollte. (vgl. Schilling, 2004, S. 104f) Methoden sind - formal betrachtet – konstitutive Teilaspekte von Konzepten. Die Methode ist ein vorausgedachter Plan der Vorgehensweise (Geißler & Hege, 1995, S. 24) und zielt auf Handlungswissen und weniger auf Erklärungswissen ab. (vgl. Brack, 1993) Demnach, und diese Definition wird auch in dieser Arbeit verwendet, geht es bei einer Methode um die begründete Planung des Vorgehens und der Intervention im Kontext eines Konzepts und modifiziert sozialpädagogische Tätigkeit von einem primär intuitiven Handeln hin zu einem kalkulierbaren Prozess der Hilfe. (vgl. Galuske, 2011, S. 26-29)

(Handlungs-, Schlüssel-) Kompetenzen

Kompetenzen sind (1.) grundlegende bzw. angeborene und trainierbare (persönliche) Fähigkeiten oder (2.) im Laufe des Lebens (oder der beruflichen Tätigkeit) erworbene bzw. erlernte und erweiterbare Fertigkeiten, Fähigkeiten, Wissensbestände, Denkmethoden und Werte eines Menschen, die ihn zum Handeln und Reagieren in ihm bekannten und alltäglichen sowie in für ihn fremden und neuen Situationen befähigen. (Hülsermann, 2014)

Bezüglich der Fragestellung der Angebotsentwicklung werden Methoden und Schlüsselkompetenzen in Kapitel 5.4 tiefer analysiert.

Klient, Adressat, Kunde oder Hilfe- bzw. Ratsuchende

Die o.g. Bezeichnungen werden sowohl in der täglichen Routine der Sozialen Arbeit als auch in der Literatur häufig synonym verwendet. Da eine kontextgerechte Definition dieser Begriffe unter Berücksichtigung von Handlungsfeld und Fachrichtung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werden in dieser Arbeit diese Bezeichnungen ebenfalls synonym, jedoch die im jeweiligen Zusammenhang geläufigste Form verwendet.

2 Das Jugendamt

Die frühen Fürsorgesysteme, die in die Geschichte der Sozialen Arbeit als „Elberfelder System“ (1853) und „Straßburger System“ (1905) eingegangen sind, waren erste Versuche die Armenverwaltung und Armenpflege an die radikal veränderten Anforderungen durch die „Industrielle Revolution“ bzw. fortschreitende Industrialisierung anzupassen. In diesen Systemen zeigen sich bereits erste Struktur- und Handlungsprinzipien des heutigen Jugendamtes bzw. des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). (vgl. Bähr, 2017, S. 6)

2.1 Bezirksjugendamt Köln-Nippes

Das Bezirksjugendamt Köln-Nippes ist eines von 9 Bezirksjugendämtern des Amtes für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln. Die Zentrale Dienststelle befindet sich in Köln Kalk, Ottmar-Pohl-Platz 1 (Abb.2: Strukturaufbau Jugendämter der Stadt Köln).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Organigramm Bezirksjugendämter der Stadt Köln, Quelle: (Bähr, 2017)

2.2 Gesetzliche Grundlagen

Der Arbeitsalltag der Fachkräfte im Jugendamt ist durch regelmäßigen Kontakt zur Klientel und intensive Beziehungsarbeit geprägt. Hierbei gilt es empathisch mit den oft stark belasteten Hilfesuchenden individuelle Hilfen und passgenaue Lösungen zu finden, zu vermitteln und diese zu steuern. Daneben sind, wie oben bereits erwähnt, Eingriffe im Sinne des staatlichen Wächteramtes zum Kindesschutz (§ 42 i.V.m. § 8a SGB VIII) Aufgabe des ASD. Finanziert werden die Jugendämter sowie ein großer Teil der von ihm eingeleiteten Maßnahmen über Steuergelder aus den kommunalen Haushalten. Hier wird stets im Hinblick auf den Nutzen dieser sozialen Leistungen einerseits für die Klientel und andererseits für das Gemeinwohl diskutiert. Allerdings wird nur ein geringer Teil der öffentlichen Sozialleistungen durch den öffentlichen Sozialleistungsträger (ASD) selbst erbracht. Oftmals werden Leistungen von den Sozialleistungsträgern an frei- gemeinnützige oder gewerbliche Träger delegiert. (vgl. Gissel-Palkovich, 2011, S. 66- 74) Für das Team Köln-Nippes ist z. B. einer der primären Leistungserbringer das Deutsche Rote Kreuz. Aus dieser Konstellation zwischen Leistungsempfänger, Leistungserbringer und Leistungsträger entsteht ein sogenanntes sozialhilferechtliches Leistungsdreieck durch die Rechtsansprüche konkret umgesetzt werden. Der ASD als Leistungsträger plant die Hilfe, leitet sie ein und begleitet sie. Der Leistungserbringer, überwiegend freie Träger z. B. das Deutsche Rote Kreuz, setzt den Leistungsanspruch für den Leistungsberechtigten um. Das untenstehende Schaubild verdeutlicht diese Aufgabenteilung. (Bähr, 2017, S. 6f)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Sozialrechtliches Leistungsdreieck, Quelle: (Bähr, 2017)

Überdies müssen die Vereinbarungen zwischen dem Leistungsträger und den Leistungserbringern den Grundsätzen der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit entsprechen (§ 29 SGB XI). Der Träger dieser sozialen Hilfe kann die Wirtschaftlichkeit und Qualität der Leistung prüfen. Siehe eigene Darstellung des Sozialrechtlichen Dreiecks Abb.3: aus dem Seminar 12.1, Hilfeplanung der TH Köln 2017. (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter, 2015, S. 16f) (Bähr, 2017, S. 6f)

2.3 Abteilungen und Zuständigkeiten

In diesem Kapitel werden die für diese Arbeit relevanten Abteilungen und Zuständigkeiten der Bezirksjugendämter der Stadt Köln angeführt um Zusammenhänge und Netzwerk dieser Administration besser verstehen zu können. Darüber hinaus gibt es weitere Spezialdienste wie Pflegekinderdienst, Erziehungsbeistände und verschiedene Sonderdienste, auf die hier nicht näher eingegangen werden, ebenso wie die Beistandschaft. Die für diese Arbeit relevanten Spezialdienste werden in den folgenden Kapiteln beschrieben darunter fällt der Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst und der Interkulturelle-Dienst. Der ASD sowie die Wirtschaftliche-Jugendhilfe sind regulär Dienste und fallen nicht in die Kategorie Spezialdienste.

2.3.1 Allgemeiner-Sozialer-Dienst

Die Aufgabenbeschreibung des Allgemeinen Sozialen Dienstes findet sich im Sozialgesetzbuch VIII und beinhaltet neben der Beratung (§§ 16, 17 SGB VIII) von hilfesuchenden Eltern, Kindern und Familien (Trennungs- und Scheidungsberatung / Familiengerichtshilfe) die Gewährung von Jugend- und Eingliederungshilfen (§§ 27 ff SGB VIII) und die Mitwirkung in familiengerichtlichen Verfahren (§§ 50 ff SGB VIII) entsprechend der Jugendhilfe im Jugendgerichtshilfeverfahren (Jugendgerichtshilfe).

Der ASD hat darüber hinaus den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII. Besteht eine akute Gefährdung für ein Kind und/oder bittet ein Kind um Inobhutnahme, kann das Jugendamt durch Intervention eine vorübergehende Trennung des Kindes oder Jugendlichen von den Eltern durch eine Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII herbeiführen. Stimmen die Eltern dem nicht zu, ist das Familiengericht (§ 1666 BGB) umgehend zu informieren. Die Jugendämter als Institutionen des Staates üben somit das staatliche Wächteramt aus. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 177) (Bähr 2017, S. 6)

2.3.2 Interkultureller-Dienst

Mehr als ein Drittel (38%) der Kölner Bevölkerung hat ausländische Wurzeln, dazu zählen auch Personen mit doppelter Staatsbürgerschaft. Die Gruppe der Einwohner mit türkischem Migrationshintergrund bilden die größte Gruppe der ausländischen Mitbürger in Köln. (vgl. Amt für Stadtentwicklung und Statistik, 2017)

Der Interkulturelle-Dienst wurde mit dem Ziel installiert, Angebote in den jeweiligen Stadtbezirken zu entwickeln und einzurichten. Diese sollen der Integration dienen und ein friedliches Zusammenleben der Kulturen im Sozialraum ermöglichen. Der Interkulturelle-Dienst greift aktuelle Bedarfe auf, entwickelt Angebote und Projekte für Migranten3 in Kooperation mit den bezirklichen Netzwerken. Ebenso berät der Interkulturelle-Dienst den ASD sowie den Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst in Einzelfällen und wirkt als Multiplikator bezüglich aller Fragen der Integration im Stadtteil bzw. Sozialraumgebiet. (vgl. Geschäftsbericht Stadt Köln, 2014, S. 44)

2.3.3 Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst

Der Rat der Stadt Köln hat die Neuschaffung des Gefährdungsmeldungs-Sofort- Dienstes im März 2008 beschlossen, nachdem der Gesetzgeber -als Reaktion auf Vernachlässigungsfälle mit Todesfolge- den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz präzisiert und verstärkt hatte. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 40)

Die Mitarbeiter des Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienstes entlasten den ASD des Amtes für Kinder, Jugend und Familie, die an den weiterhin steigenden Anforderungen in allen Stadtbezirken gestellt werden. Durch ständige telefonische sowie elektronische Erreichbarkeit des hier angesiedelten Tagesdienstes und der engen Vernetzung mit Kooperationspartnern im Stadtteil, wie Einrichtungen (öffentliche Träger etc.) und Institutionen (z.B. Schulen, Polizei, Krankenhäuser), kann ein schnelles Eingreifen und eine Inobhutnahme4, wie bei Kindeswohlgefährdung oder das nächtliche „aufsammeln“ von Minderjährigen durch die Polizei die nicht zu ihren Eltern gebracht werden können, erfolgen. Der Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst ist zudem Ansprechpartner und reagiert in allen Situationen, so können sich z. B. auch Nachbarn oder Verwandte bei Verdacht einer Kindeswohlgefährdung durch „Häusliche Gewalt“, melden. „Flüchtlingsproblematik“ (sekundär auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) bildet einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit des Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst und umfasst alle Formen der physischen, sexuellen, psychischen, sozialen und emotionalen Gewalt an Kindern und Minderjährigen bei sofortigem Handlungsbedarf. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 40ff)

2.3.4 Wirtschaftliche-Jugendhilfe

Alle laufenden und einmaligen finanziellen Leistungen durch das Jugendamt für die Klienten werden von der Wirtschaftlichen-Jugendhilfe nach den gesetzlichen Maßgaben der Jugendhilfe (§45, §74, §93, §86-97c SGB VIII) gewährt. Es werden die Rechtmäßigkeit von Hilfen, die Abwicklung der Verwaltungs- und Auszahlungsverfahren sowie die Prüfung der Erstattungsansprüche und Ersatzansprüche gegenüber dritten oder weiteren Sozialleistungsträgern überprüft. (vgl. Fieseler & Herborth, 2010, S. 449- 457) (Bähr, 2017, S. 10)

2.3.5 Sozialraumorientierte Jugendhilfe der Stadt Köln – Sozialraumteam

Bezugnehmend auf das Kapitel 2.3 und der darin beschriebenen Zuständigkeiten bildet das Sozialraumteam eine Schlüsselposition innerhalb des Jugendamtes und der Sozialraumorientierte Jugendhilfe.

Die Sozialraumorientierte Jugendhilfe ist eine Zentrale Steuerungsgruppe, welcher die Abteilungsleitenden der Abteilungen Pädagogische und Soziale Dienste des Amtes für Kinder, Jugend und Familie und der Bezirksjugendämter, sowie die Sachgebietsleitenden für Grundsatzangelegenheiten des ASD / Wirtschaftliche Jugendhilfe und die Träger von erzieherischen Hilfen in Pädagogischen / Wirtschaftlichen Grundsatzangelegenheiten angehören. Diese Steuerungsgruppe ist verantwortlich für Projekt- und Angebotsentwicklung, -etablierung, die Konzeptionsfortschreibung, Entwicklung und Überprüfung von Beteiligungsstrukturen, die Auswertung sowie die Beteiligung von prozessrelevanten Fragestellungen. Sie bereiten Entscheidungen für prozessrelevante Entwicklungen vor und initiieren Arbeitsgruppen sowie Projekte und Angebote. Die Geschäftsordnung der Sozialraumteams begründet sich im Kontext des § 36 Abs.2 SGB VIII. In der Geschäftsordnung ist der Geltungsbereich für die Sozialraumteams benannt und geregelt. Die Arbeitsgrundlagen beziehen sich auf Hilfen zur Erziehung, die sich aus dem SGB VIII ableiten. Darin wird zwischen den familienunterstützenden Hilfen, den familienergänzende Hilfen und familienersetzende Hilfen differenziert. Die Bezirksjugendämter der Stadt Köln arbeiten nach der Methode der Sozialraumorientierung in Teams auf der Makroebene zusammen. Grundlegend für die Sozialraumorientierte Arbeit sind die Veröffentlichungen des Institutes für Stadtentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB, Kapitel 4.1) nachzulesen: ISSAB, 1989 (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 2) (Bähr, 2017)

2.3.5.1 Das Sozialraumteam

Die Sozialraumteams als Herzstück Sozialrauorientierter Arbeit bilden gemeinsame Gremien zwischen öffentlichen und freien Trägern zur Abstimmung der Arbeit im Bereich der Hilfen zur Erziehung nach § 27 SGB VIII. Individuell vorhandenes Wissen wird so unter den Austauschpartnern in Form von Fallberatung, Ideenbörsen für kreative Lösungen, Abstimmungsforum für Sozialraumaktivitäten sowie Austauschforen, für alle Beteiligte nutzbar gemacht. In dieser Zusammenführung von Leistungserbringern (überwiegend freie Träger) und Leistungsträgern (ASD) die ansonsten getrennt agieren (s. auch Abb. 2) kann eine effektive und effiziente Zusammenarbeit, durch die gegenseitige konstruktive Anregung, Bestätigung oder auch Kritik, gelingen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Eigene Darstellung Sozialraumteam (IKD-Interkultureller-Dienst; GL-Gruppenleitung)

2.3.5.2 Zusammensetzung und Aufgaben des Sozialraumteams Köln-Nippes

Das Sozialraumteam tagt wöchentlich und besteht aus Mitgliedern des Bezirksjugend- amts (ASD), der Schwerpunktträger und der Wirtschaftlichen-Jugendhilfe, die verpflichtend teilnehmen und stimmberechtig über fallspezifische, fallübergreifende und fallunspezifische Vorhaben entscheiden. Ferner gehören diesem Team je nach Bedarf, jedoch mindestens einmal im Jahr, die jeweilige Gruppenleitung des ASD und die Leitung / Koordination dem Sozialraumteam an. Auch die Gruppenleitung der Wirtschaftlichen-Jugendhilfe und des Bezirksjugendamtes können bei Bedarf teilnehmen, haben jedoch kein Stimmrecht, wobei die Bezirksjugendamtsleitung letztendlich die Entscheidungen fällt. Zu einzelnen Tagesordnungspunkten können aus anderen pädagogischen Bereichen, wie dem Interkulturellen-Dienst, Erziehungsbeistand und dem Pflegekinderdienst oder den nicht pädagogischen Institutionen (nicht Stimmberechtigt) teilnehmen. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 6) (Bähr, 2017, S.8)

Diese gemeinsamen Aufgaben des Sozialraumteams stehen im Kontext des § 36 Abs. 2 SGB VIII, der eine Zusammenarbeit von öffentlicher Jugendhilfe und den Trägern der freien Jugendhilfe regelt. Dadurch wird der rechtliche Rahmen definiert, um den vielfältigen Problemlagen in einem Sozialraum frühzeitig, adäquat und bedarfsgerecht zu begegnen. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 7)

Diese komplexen Aufgaben werden im Sozialraumteam im regelmäßigem Austausch mit kollegialer Beratung, die Falleingabe im Sozialraumteam, Supervision oder ähnliches in einer fachlichen Reflexion er- und bearbeitet, um bei Lösungsfindungen neutrale Meinungen mit erheben und berücksichtigen zu können.

2.3.5.3 Schwerpunktträger

Der ASD arbeitet auf Ebene der Sozialraumorientierten Arbeit unter Anderem eng mit einem Schwerpunktträger zusammen, der nicht Teil der Abteilung Jugendamt ist. In der Regel werden einem Schwerpunktträger durch Entscheidung des Bezirksjugendamtes „Neu Fälle“ sowie laufenden Fälle, entsprechend ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich zugewiesen. Im Kontext des Hilfeplanverfahrens obliegt dem Schwerpunktträger die Verantwortung für die Durchführung der Hilfen zur Erziehung. Ferner werden von den Mitarbeitenden der Schwerpunktträger Ressourcen des Sozialraums für die fallspezifischen und fallunspezifischen Arbeiten erschlossen. Sie gestalten die Entwicklung im Sozialraum mit, beschaffen ergänzende Mittel und nehmen an sozialraumbezogenen Arbeitskreisen teil. (vgl. Stadt Köln, 2014, S. 7) Wie bereits erwähnt ist für das Team Köln Nippes/Riehl das Deutsche Rote Kreuz als Schwerpunktträger zuständig, zudem in Abb.: 2 innerhalb des Sozialrechtlichen Leistungsdreieck zu ersehen. (vgl. Bähr, 2017, S. 9)

2.4 Zwischenfazit

Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln Definitionen der verwendeten Begrifflichkeiten und der Aufbau sowie die Organisation des Jugendamtes Köln beschrieben wurden wobei aus Gründen des Weiteren Verständnisses und der Zusammenhänge das Sozialraumteams etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Werden im Folgenden Kapitel das Instrumentarium der Sozialraumorientierten Arbeit des Jugendamtes Köln inklusive der fünf zentralen Handlungsprinzipien nach Hinte dargestellt.5

3 Gemeinwesenarbeit / Sozialraumorientierung

3.1 Geschichtlicher Hintergrund

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der Gemeinwesenarbeit als Konzept der sozialen Arbeit wie zum Beispiel Stadteilarbeit, Sozialraumorientierung und Quartiersmanagement, die eigentlich nur Varianten dieses Konzeptes mit unterschiedlichen Schwerpunkten darstellen. Historisch begann diese Art der sozialen Arbeit als Reaktion auf die Verelendung der Arbeiterschaft im Rahmen der industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts in England indem junge Akademiker aus religiösen und humanitären Gründen entschieden mit den Menschen in den Arbeitervierteln zusammen zu leben und zu arbeiten um in den Settlements durch nachbarschaftliche Hilfe unter Fokussierung auf Hilfe zur Selbsthilfe und Eigentätigkeit der Menschen letztendlich soziokulturelle Einheiten und Zentren aufzubauen. Diese soziokulturellen Zentren entwickelten zunehmend große Strahlkraft wie das 1884 von Samuel Barnett6 gegründete Settlement Toynbee Hall in London. Diese Strahlkraft reichte auch „over the pond“, so dass Jane Addams7 und einige Mitstreiterinnen 1889 in Chicago das Full House als Nachbarschaftszentrum gründeten. (vgl. Kuhlmann, 2014, S. 44ff)

Als Ursprünge der Gemeinwesenarbeit in Deutschland werden im Allgemeinen die Gründung des Volksheims Hamburg (erste Settlement Deutschland) durch Walter Claasen (1874-1954 evangelischer Theologe und Pädagoge) im Jahre 1901 sowie die Etablierung der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost im Jahre 1911. (vgl. Müller, 1997) Aus diesen Ursprüngen heraus wurden durch reformorientierte Sozialpädagoginnen wie Alice Salomon8 und Marie Baum9 bereits einige konzeptionelle Grundlagen der stadtteilbezogenen sozialen Arbeit entwickelt und bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auch praktisch umgesetzt. (vgl. Buck, 1982, S. 128) Der gemeinsame Grundgedanke dieser Bestrebungen war es, die Ursachen von Armut und sozialer Ungerechtigkeit nur gemeinsam mit den Betroffenen bekämpfen zu können. Das Fundament sozialraumorientierten Arbeit und Konzepte liegen in Deutschland in der Tradition der Gemeinwesenarbeit und der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit (s. hierzu u.a. Hinte & Karas, 1989), hinzu kommen auch ökosoziale Handlungstheorien (Wendt, 1990), sowie sozialökologische Ansätze. (Baacke, 1988) Jegliches professionelle Handeln war in den 60er und 70er Jahren in der Gemeinwesenarbeit begründet (etwa Hauser, 1971) die sich mit den konkreten Lebenslagen betroffener Menschen in den jeweiligen Wohnquartieren befasste. Diese Wohnquartiere wurden aus subjektiver Sichtweise der Wohnbevölkerung auf Grund der Analyse ihrer Schichtzugehörigkeit und der Qualität ihres Sozialraums definiert. (vgl. Hinte, 2006, S. 21)

Das sozialraumorientierte Handlungskonzept orientiert sich an der von Hans Thiersch10 geprägte Lebensweltorientierung, welche auf klassische Einzelfallhilfe (Anamnese - Diagnose - Therapie) verzichtet. Zudem wird auf Sozialkapitalkonzepte von Pierre Bourdieu11, James S. Coleman12 und Robert D. Putnam13 sowie auf die Bourdieu'sche Vorstellung des Sozialen Raumes und sozialökologische Erkenntnisse der frühen Chicagoer Schule zurückgegriffen. Sozialraumorientierung ist somit auch als Ent-Pädagogisierung und Ent-Therapeutisierung Sozialer Arbeit zu verstehen. (s. auch Hinte, Lüttringhaus, & Oelschlägel, 2011, S. 50-56, non-direktive Pädagogik)

3.2 Micro-, Meso-, Makroebene in Bezug auf Sozialraumorientierung

Die Klassifizierung eines Raums und seiner Bewohner als „Benachteiligte“ wird bei der Sozialraumorientierung nicht berücksichtigt. Die Makroebene bezeichnet im Sinne der sozialraumorientierten Arbeit die Gesamtheit der Bewohner eines Stadtteils/Sozialraums und deren Interaktionen auf gesellschaftlicher Ebene sowie die Interaktion zwischen den im sozialraumorientierten beteiligten Institutionen wie z. B. die koordinierte Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern. Ausgehend vom Individuum und seiner spezifischen Lebenswelt entwickelt Sozialraumorientierung maßgeschneiderte Lösungen für individuelle Bedarfe. Soziale Arbeit findet hier auf der Mikroebene (Fall) in einem operativen Konzept statt. (vgl. Fehren, 2017) Darüber hinaus findet im Sinne der fünf zentralen Handlungsprinzipien (nach Hinte, Kapitel 3.6) des Fachkonzepts Sozialraumorientierung, die von einer methodisch-fachliche Implikation abgestützt werden, im Sozialraum eine Veränderung der Mesoebene durch einen Wandel von Organisation, Management und Finanzierung von Hilfesystemen durch eine „Konzeption aus einem Guss“ statt (s. dazu Abb. 4: schematische Darstellung der drei Ebenen). (vgl. Hinte & Treeß, 2011, S. 45ff)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Eigene Darstellung der sozialraumorientierten Ebenen

3.3 Betrachtung des physischen Raum

Im Rahmen der Sozialraumorientierung wird der Begriff „Raum“ in unterschiedlicher Weise als physischer Raum aber auch als sozialer Raum interpretiert und genutzt.

In der Sozialen Arbeit führte die (Wieder-) Entdeckung des Raums (vgl. u.a. Kessl, Reutlinger, Maurer, & Frey, 2005); (Kessl & Reutlinger, 2007) u.a. zu einer Zuwendung zum physischen Raum. Unter einem physischen Raum wird hier der materielle, territoriale bzw. geographische Raum verstanden (vgl. Kessl & Reutlinger, Sozialraum, Eine Einführung, 2007), (Löw, 2001), wie Stadt, Stadtteil, ländliche Region.

Dabei wird der Konflikt zwischen Problementstehung durch politische Entscheidungen auf der Makroebene und Anforderung an Problemlösungen innerhalb des physischen Raums durch Sozialraumorientierung auf der Mesoebene von verschiedenen Autoren kritisiert. (vgl. Kessl, Otto, & Ziegler, 2012, S. 152ff) So würden z.B. nationalstaatliche Verantwortungen auf sozialarbeiterische Aufgaben in den betroffenen Stadtteilen (physischer Raum) projiziert.

Andererseits ist ein Sozialer Raum mehr als der Stadtteil und mehr als ein Beziehungsraum.

Räume dürfen nicht nur als territoriale Vorbedingung menschlichen Handels in sozialen oder gesellschaftlichen Dimensionen betrachtet werden, denn diese stehen in sozialen Zusammenhängen und Wechselwirkungen und müssen berücksichtigt werden. (vgl. Kessl & Reutlinger, 2007, S. 8ff) So bildeten sich in unterschiedlichen Disziplinen und sozialwissenschaftlichen Feldern verschiedene Ansätze einer „neuen Raum-Epoche“. In der Soziologie vor allem als Raum- und Stadtsoziologie, in der Geografie als Sozialgeografie, in der Sozialplanung im Rahmen der Diskussionen um Netzwerke und in den Erziehungswissenschaften, vor allem aber im Bereich der Sozialen Arbeit als Förderung für eine sozialraumorientierte Neujustierung Sozialer Arbeit. (vgl. ebd.)

3.4 Gemeinwesenarbeit

Im geschichtlichen Hintergrund wurde die Gemeinwesenarbeit erwähnt. Die Gemeinwesenarbeit ist ein prozessorientiertes, partizipatives und interdisziplinäres Arbeitsprinzip der Sozialen Arbeit, das darauf abzielt, gemeinsam mit den Menschen in Stadtteilen, Gemeinden und/oder Kommunen nachhaltige Verbesserungen ihrer Lebenssituation zu erreichen. Das Arbeitsprinzip der Gemeinwesenarbeit wird nur scheinbar von der Sozialraumorientierten Arbeit in Praxis und Theorie ersetzt. (vgl. u.a. Hinte & Treeß, 2011) Vielmehr ist die Gemeinwesenarbeit heute ein Arbeitsfeld, in der das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“ genauso von Bedeutung ist wie andere Fachkonzepte wie z.B. das Quartiersmanagement. (vgl. Hinte, 2009, S. 25)

3.5 Sozialraumorientierte Arbeit

Sozialraumorientierung ist die Bezeichnung einer konzeptionellen Ausrichtung Sozialer Arbeit, die unter Verbindung von verschiedenen sozialarbeiterischen Handlungskonzepten (vgl. Budde & Früchtel, 2005b) sich über herkömmliche Einzelfallhilfen hinausgehend auf fallübergreifende- und fallunspezifische Nutzung von innerhalb eines Sozialraums vorhandenen Ressourcen (s. Kapitel 3.6.3 u. 3.7), des sozialen Kapitals (Budde & Früchtel, 2005) und der Netzwerke unter Fokussierung auf Prävention (8.Jugendbericht, 1990, S. 85f) und Empowerment (Herring, 2006) der Bewohner des Sozialen Raumes gründet.

Das seit 1990/91 geltende SGB VIII weist ausdrücklich auf die Prävention, die Ganzheitlichkeit und die Integration des Aufgabenfeldes Kinder- und Jugendhilfe in weitere Politikfelder, die die Lebenslage von jungen Menschen betreffen hin und bildet unter anderem die Grundlage der Sozialraumorientierten Arbeit des Jugendamt Köln.

Die Betrachtungen der Sozialraumorientierten Arbeit basieren in dieser Arbeit auf den methodischen Prinzipien nach Hinte.

[...]


1 „Träger“ im Sinne dieser Bachelorarbeit definiert eine Behörde oder juristische Person des öffentlichen Rechts, die Sozialleistungen erbringt. Körperschaft, Einrichtung, die [offiziell] für etwas verantwortlich ist und dafür aufkommen muss. (vgl. Duden)

2 Als Sozialraumgebiete wurden mit Rücksicht auf die Haushaltslage der Stadt Köln vorrangig einzelne Stadtgebiete nach Kriterien der sozialen Benachteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner ausgewählt. Inzwischen sind es 11 Sozialraumgebiete. (Stadt Köln, 2015)

3 Migranten (das lateinische Verb migrare bedeutet auswandern, wandern, reisen) ist ein unpräziser Sammelbegriff für Personen, die zu einer Migrationsbewegung gehören

4 Inobhutnahme ist ein Begriff aus dem deutschen Rechtssystem und bezeichnet die vorläufige Aufnahme und Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen in Notsituation durch das Jugendamt (§ 42 SGB VIII).

5 Der Begriff „Gemeinwesenarbeit“ beispielsweise wurde von einigen Akteurinnen mehrmals den Moden der jeweiligen Zeit angepasst abgeschafft bzw. verändert (zu Stadtteilarbeit über Quartiersmanagement bis zu Sozialraumorientierung).

6 Samuel Augustus Barnett (1844-1913) war ein britischer Sozialreformer und anglikanischer Geistlicher. Er gilt als Pionier der Gemeinwesenarbeit.

7 Jane Laura Addams (1860-1935) war eine US-amerikanische Feministin, Soziologin und engagierte Journalistin der Friedensbewegung und Wegbereiterin der Sozialen Arbeit.

8 Alice Salomon (1872-1948) war eine deutsche liberale Sozialreformerin in der deutschen Frauenbewegung und eine Wegbereiterin der Sozialen Arbeit als Wissenschaft. In diesem Zusammenhang wurde von ihr der Begriff Soziale Diagnostik eingeführt.

9 Marie Baum (1874-1964) war eine deutsche Sozialwissenschaftlerin sowie Sozialpolitikerin in der Zeit der Weimarer Republik und gilt heute als Wegbereiterin der sozialen Arbeit.

10 Hans Thiersch (*16. Mai 1935) ist ein seit 2002 emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen. Thiersch hat Ende der 1970er Jahre den Begriff der Lebensweltorientierung in der sozialen Arbeit geprägt.

11 Pierre Bourdieu (1930-2002) französischer Soziologe und Sozialphilosoph

12 James Samuel Coleman (1926-1995) US-amerikanischer Soziologe mit großem Einfluss auf die Theorie der Soziologie.

13 Robert D. Putnam (*9. Januar 1941) Soziologe und Politikwissenschaftler

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Sozialraumorientierte Arbeit im Jugendamt. Angebotsentwicklung und Etablierung
Untertitel
Am Beispiel eines Projektes des Sozialraumteams im Bezirksjugendamt Köln-Nippes
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
75
Katalognummer
V455595
ISBN (eBook)
9783668906174
ISBN (Buch)
9783668906181
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bachelor, Bachelorarbeit, Sozialraumorientierte Arbeit, Sozialraum, Jugendamt, ASD, Hinte, Angebotsentwicklung, Angebotsentwicklung und Etablierung, Projektentwicklung Etablierung, Sozialraumorientierte Arbeit im Jugendamt, Die fünf zentralen Handlungsprinzipien nach Hinte, Handlungsprinzipien, Prinzipien des Instituts für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit (ISSAB), ISSAB, Institut für Stadtteil bezogene Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Barbara Bähr (Autor), 2018, Sozialraumorientierte Arbeit im Jugendamt. Angebotsentwicklung und Etablierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455595

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