In der vorliegenden Studie wird überprüft, ob sich die Öffentlichkeit fragmentiert, d.h. in Teilöffentlichkeiten zerfällt, die sich dahingehend unterscheiden, welche politischen Themen ihre Mitglieder für relevant halten und welche Positionen sie vertreten. Darüber hinaus wird untersucht, ob es sich bei diesen Themen und Themendeutungen um die jeweils einzig bekannten handelt. Eine Clusteranalyse von per Online-Befragung erhobenen Daten zeigt, dass sich zwar verschiedene Teilöffentlichkeiten mit unterschiedlichen Themen- und Themendeutungsrelevanzen identifizieren lassen, die Mitglieder der Gruppen aber dennoch ausreichend über die Themen und Argumente anderer Teilöffentlichkeiten informiert sind. Letzteres wird anhand eines selbst entwickelten Fragmentierungsindexes ermittelt. Die Befürchtung, dass sich die Öffentlichkeit in Zeiten des gesellschaftlichen und medialen Wandels fragmentieren würde, kann durch die Befunde der vorliegenden Studie nicht bestätigt werden. Als förderlich für eine Fragmentierung der Gesellschaft erweisen sich allerdings die Merkmalsausprägungen „niedriges politisches Interesse“, „niedrige Bildung“, „hohe Politikverdrossenheit“, „geringe Nutzung öffentlich-rechtlicher Nachrichten“ und „schlechte Ressourcenausstattung“. Zentrales Anliegen der Studie ist die erstmalige Untersuchung des Vorhandenseins einer fragmentierten Öffentlichkeit, verstanden als themenbasierte Desintegration der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
3. Fragestellung und Hypothesen
4. Methodisches Vorgehen
4.1 Konzeptionalisierung
4.1.1 Operationalisierung von Fragmentierung
4.1.2 Entwicklung des Fragebogens
4.1.3 Pretest
4.2 Datengrundlage
4.3 Analyseverfahren
5. Ergebnisse
5.1 Beschreibung der Stichprobe
5.2 Clusterlösungen: Sieben Teilöffentlichkeiten
5.3 Fragmentierungsgrad der Teilöffentlichkeiten
5.4 Einflussfaktoren für Fragmentierung
5.5 Fragmentierung und Partizipation
6. Zusammenfassung
7. Diskussion und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht empirisch, ob die deutsche Öffentlichkeit in Zeiten des gesellschaftlichen und medialen Wandels in voneinander abgeschottete Teilöffentlichkeiten zerfällt. Ziel der Arbeit ist es zu prüfen, ob sich die Gesellschaft in Gruppen mit unterschiedlichen politischen Themen- und Themendeutungsrelevanzen aufteilt und ob diese Gruppen über eine gemeinsame Kommunikationsbasis verfügen oder durch mangelndes Wissen über andere Standpunkte fragmentiert sind.
- Empirische Identifikation von Teilöffentlichkeiten mittels Clusteranalyse.
- Entwicklung und Anwendung eines Fragmentierungsindexes zur Messung gesellschaftlicher Desintegration.
- Analyse der Zusammenhänge zwischen Mediennutzung, sozioökonomischen Faktoren und Fragmentierungsgrad.
- Untersuchung der Auswirkungen von Fragmentierung auf die politische Partizipation.
- Überprüfung der Relevanz aktueller politischer Themen und Deutungsmuster in verschiedenen gesellschaftlichen Segmenten.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Bürgerbeteiligung ist wieder in. Vor allem seit der Debatte um das Stuttgarter Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ wird der Ruf nach mehr direktdemokratischen Beteiligungsmöglichkeiten auch bundesweit immer lauter. Im Juli 2010 forderten 76 Prozent der Deutschen laut einer Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD mehr bundesweite Volksentscheide (ARD-DeutschlandTrend 2010). In einer neueren Studie kommt das Meinungsforschungsinstituts TNS-Emnid zu einem ähnlichen Ergebnis: 81 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für mehr politische Beteiligungsmöglichkeiten aus (Bertelsmann-Stiftung 2011).
Jüngstes Beispiel dafür, wie sehr sich die Menschen eine andere Art von Politik wünschen, ist der Einzug der Piratenpartei in den Berliner Landtag, die mit ebendieser Forderung nach mehr Transparenz und Beteiligung angetreten waren. Der Feuilleton kennt mittlerweile sogar einen Begriff für den von der Politik empörten Bürger. Als „Wutbürger“ will er es sich nicht mehr gefallen lassen, dass politische Entscheidungen angeblich über seinen Kopf hinweg getroffen werden. Er will eigentlich nichts anderes als das, was den Kern einer jeden Demokratie ausmacht: Politik soll offen sein, an den Willensbildungsprozess der Bürger gebunden (vgl. Gerhards 1998: 25). Denn in einer Demokratie sind politische Entscheidungen „zustimmungsabhängig und deshalb auch öffentlich begründungs- und rechenschaftspflichtig“ (Sarcinelli 2009: 57).
Ohne Öffentlichkeit der Meinungs- und Willensbildung ist Politik nicht wahrnehmbar. Ist sie nicht wahrnehmbar, kann man Entscheidungen nicht nachvollziehen oder beurteilen. Damit wären politische Entscheidungen im demokratischen Sinne nicht legitim. Oder kurz gesagt: Ohne Öffentlichkeit keine Demokratie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den aktuellen gesellschaftlichen Wunsch nach stärkerer Bürgerbeteiligung und führt in die theoretische Problematik der Öffentlichkeit als Voraussetzung für demokratische Legitimität und gesellschaftliche Integration ein.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Öffentlichkeit, beschreibt deren normative Funktionen und diskutiert die soziologische Debatte um den sozialen Wandel sowie die medienwissenschaftliche Befürchtung einer fragmentierenden Öffentlichkeit.
3. Fragestellung und Hypothesen: Hier werden auf Basis der theoretischen Vorüberlegungen die zentrale Forschungsfrage nach der Existenz von Teilöffentlichkeiten sowie verschiedene Hypothesen zum Fragmentierungsgrad und dessen Einflussfaktoren formuliert.
4. Methodisches Vorgehen: Das Kapitel erläutert das Design der Online-Befragung, die Operationalisierung der Schlüsselkonzepte – insbesondere des Fragmentierungsindexes – sowie die angewandten statistischen Analyseverfahren wie die Clusteranalyse.
5. Ergebnisse: Der Hauptteil präsentiert die empirischen Befunde, inklusive der Beschreibung der Stichprobe, der Identifikation von sieben Teilöffentlichkeiten und der statistischen Auswertung der Fragmentierungsgrade sowie deren Einflussfaktoren.
6. Zusammenfassung: Dieses Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse der Studie zusammen und bietet eine tabellarische Übersicht der identifizierten Teilöffentlichkeiten und deren spezifische Merkmale.
7. Diskussion und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion der Ergebnisse, bewertet die Pluralität der Gesellschaft gegenüber der Fragmentierungsthese und diskutiert die methodischen Limitationen sowie Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschung.
Schlüsselwörter
Fragmentierung, Öffentlichkeit, Integration, Desintegration, Themenrelevanz, Themendeutung, politische Partizipation, Online-Befragung, Clusteranalyse, Demokratie, Mediennutzung, politische Einstellung, politisches Interesse, Wertorientierung, soziale Desintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die deutsche Gesellschaft in voneinander isolierte Teilöffentlichkeiten zerfällt und ob dies zu einer Desintegration führt, die demokratische Entscheidungsprozesse gefährden könnte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Zentrum stehen die Wahrnehmung und Bewertung politischer Sachthemen (wie Steuersenkungen, Energiewende, Vorratsdatenspeicherung, Frauenquote und Arbeitnehmerfreizügigkeit) sowie das Ausmaß des Informationswissens der Bürger über konkurrierende Standpunkte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die Gesellschaft aus Teilöffentlichkeiten besteht, die sich in ihren Themenrelevanzen unterscheiden, und ob diese Gruppen über eine gemeinsame Kommunikationsbasis verfügen oder gegenseitig "blind" für die Argumente der anderen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Studie nutzt einen selbst entwickelten, standardisierten Online-Fragebogen und wertet die erhobenen Daten mittels einer hierarchischen Clusteranalyse aus, um verschiedene Teilgruppen zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die detaillierte Beschreibung der Stichprobe, die Identifikation von sieben Clustern (Teilöffentlichkeiten), die Berechnung und Analyse des Fragmentierungsgrades und die Untersuchung von Faktoren, die diesen Grad beeinflussen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Fragmentierung, Öffentlichkeit, Themenrelevanz, Integration, Clusteranalyse und politische Partizipation charakterisiert.
Können Teilöffentlichkeiten empirisch nachgewiesen werden?
Ja, die statistische Analyse zeigt, dass sich die Befragten in sieben distinkte Gruppen mit jeweils spezifischen Themenpräferenzen und Positionsmustern einteilen lassen.
Bestätigt die Studie die Befürchtung einer fragmentierten Öffentlichkeit?
Nein, die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Gesellschaft nicht fragmentiert ist, da die Mitglieder der verschiedenen Gruppen über eine hinreichende Kenntnis der Argumente anderer Teilöffentlichkeiten verfügen.
- Citar trabajo
- Master of Arts Christine Holthoff (Autor), 2011, Fragmentierung der Öffentlichkeit? Wahrnehmung und Bewertung politischer Themen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455671